„Er muss ein Gott sein.“
Unsere Anführerin richtet sich auf ihren sechs Beinen auf. Niemand widerspricht ihr. Sie ist die Älteste unter uns. Seit drei Sommern führt sie jede Expedition persönlich an.
„Seht ihn euch an! Kein Bauch. Kräftige Schultern. Schwarzes Haar. Dunkle Augen. Ein Mann im besten Alter. Wenn die Göttinnen Verstand haben, heiratet ihn bald eine.“
Ehrfürchtig blicken wir zu ihm hinauf. Götter erkennt man daran, dass sie niemals hetzen. Sie gehen mit langen Schritten, als gehöre ihnen die Erde. Dieser hier läuft jeden Mittag eine Stunde bis zu unserer Wiese. Nur um den Duft des frisch gemähten Grases einzuatmen, zwei Äpfel zu pflücken und für wenige Minuten unter unseren Bäumen zu schlafen. Wer würde so etwas tun, wenn er kein Gott wäre?
„Ruhe!“, zischt die Anführerin.
„Gesprungen wird erst, wenn er tief schläft. Wer zu früh saugt, wird entdeckt. Und wer entdeckt wird, gefährdet die ganze Sippe.“
Wir nicken. Eine gute Grasmilbe denkt zuerst an die Gemeinschaft. Erst trinken. Dann Eier legen. Möglichst viele. Nur so bleibt unser Volk erhalten. Der Gott liegt regungslos im Gras. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Vielleicht träumt er.
„Jetzt!“
Zwölf von uns springen gleichzeitig. Ich erwische den Hemdkragen. Zwei verschwinden hinter seinem Ohr. Unsere Kleinste hangelt sich an einem schwarzen Haar nach oben.
„Asien“, haucht die Anführerin ehrfürchtig. „Das Land der Sesamgötter. Seid vorsichtig. Wer dort täglich riesige Zuber voller Sesam rührt, besitzt Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können.“
Mir wird plötzlich mulmig.
Sie hat recht.
„Kein Wunder, dass er so stark ist“, flüstert eine der Jüngsten. „Er ernährt sich von Sesam.“
Wer den ganzen Tag Berge von Sesam röstet und dabei lächelt, kann kein gewöhnlicher Mensch sein.
Als der Gott erwacht, klopft er sich ein paar Grashalme von der Hose. Gemächlich macht er sich auf den Rückweg. In seiner Werkstatt schaufelt er wieder Sesam in die riesigen Zuber. Stunde um Stunde. Als hätte es unsere Wiese nie gegeben.
Wir dagegen zählen die Minuten.
Erst wenn sein Kopf das Kissen berührt, beginnt für uns das eigentliche Schlaraffenland. Die Nacht wird ein Fest. Unter den Haaren schmeckt das Blut würzig. Hinter den Ohren ist es angenehm warm. Manche von uns finden sogar den Weg bis zum Rücken. Dort legen wir unsere Eier ab. Schließlich muss auch für den Nachwuchs gesorgt sein.
Am nächsten Morgen erwacht unser Sesamgott mit roten Pusteln am ganzen Körper. Er betrachtet sich im Spiegel und kratzt sich nachdenklich am Arm.
„Ich hab's doch gewusst“, flüstert unsere Anführerin. „Jetzt zeigt er seine göttlichen Kräfte.“
Er streut ein feines weißes Pulver über das Bett. Danach spannt er ein Handtuch über einen Deckel, taucht es in eine dampfend heiße Flüssigkeit und reibt sorgfältig die gesamte Matratze ab. Geduldig wartet er, bis alles getrocknet ist. Am Abend saugt er jede Ritze gründlich aus.
„Rückzug!“, schreit unsere Anführerin.
Zu spät.
Herzliche Grüße
Mike Melonte
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