Mittwoch, 27. Mai 2026

Kassenpatient 3.0 aussortiert

Bekomme eine Nummer zur Wahl.
Die Ansage spricht mich geduldig leer.
Erkenntnisse formen Signale
zwischen Warten und Wartezimmern.

In der Kasse gibt man Patienten ab
wie nasse Mäntel.
Über goldenen Eiern brütet
die Schlange Zahlen aus
statt Mitgefühl.

Die Ansage verweigert.
Privatversicherte treten ein
wie bevorzugte Krankheiten.
Als wolle das Leiden
seine Klasse nicht verlieren,
sich lieber mästen
und in volle Taschen legen.

 

Auf das wir alle gesund bleiben!
M. Melonte

Fell der Sekunden

 

Verweilter Morgenduft kommt zu spät.
Im Schrank steht die verlassene Tasse.
Die Teebeutel daneben warten stumm.
Selbst die Uhrzeiger scheinen zu verschlafen.
Der Tag startet mit einem schnellen Fieber.
Aus der Luft keucht der Schweiß.
Im Garten schwirren Vögel um die Hitze,
und Insekten beißen sich ins Fell der Sekunden.

 

 

 

 

 

Liebe Grüße

M. Melonte 

Dienstag, 26. Mai 2026

Der Tango in der Sackgasse


Der Morgen zieht alle in Arbeitshaltung. Pendler schieben sich durch die Straßen, als würden sie für etwas zu spät kommen, das sie ohnehin hassen. Die Sonne liegt grell auf den Frontscheiben. Selbst die Luft wirkt überbelichtet.

Zwischen sauber gestutzten Hecken steht ein Wohnmobil. Zu groß für den Parkplatz. Zu fremd für die Gegend. Ela sitzt darin im rosafarbenen Schlafanzug und beobachtet das Wohngebiet durch die offene Tür. Seit fast zwanzig Minuten bewegt sie sich nicht. Neben ihr dampft Kaffee in einem Becher mit einem Rottweiler. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Handy.

Eine ältere Frau läuft vorbei und schaut hinein. Ihr Blick bleibt nicht lange hängen. Ein Gesichtsausdruck von gespiegelter Verwahrlosung oder gar Gefahr. Ela lächelt höflich. Die Frau erwidert nichts. Sie geht weiter, schneller jetzt, als hätte sie plötzlich etwas vergessen. Im Seitenspiegel rechts außen sieht Ela, wie sie bereits zum Handy greift. Natürlich. In Deutschland meldet man zuerst Falschparker und danach Tote.

Der Gehweg ist durch ihre offene Tür blockiert. Zwei Kinder drücken sich vorbei und starren ins Innere des Wohnmobils. Ein halb geöffnetes Handschuhfach. Darin liegt eine Pistole und Geldscheine. Der Blick darauf dauert nur einen Moment. Im nächsten zieht sie die Tür ruhig zu. Der Autoschlüssel steckt bereits. Fluchtbereit. Dann klingelt das Telefon.
„Ja?“ Die Stimme am anderen Ende schweigt kurz.

Sie sind zu alt.“ Ela antwortet nicht. Draußen kreischt irgendwo ein Vogel. Oder ein Kind. Schwer zu unterscheiden. „Das Arbeitsamt interessiert sich übrigens nicht für Sie“, sagt die Stimme weiter. „Die Polizei dagegen inzwischen schon.“ Die Leitung bricht ab. Ela klettert auf den Fahrersitz.
Der Motor startet leise.

Das Wohnmobil rollt langsam an. Vorbei an Vorgärten, Windspielen und sommerlichen Gerüchen nach Würze. Orte wie diese lieben Gewalt. Orte, an denen niemand hinsieht, solange die Mülltonnen pünktlich draußen stehen. Am Ende der Straße liegt eine Sackgasse. Zwischen dem Früher und dem Heute klaffen Welten. Jetzt rattert eine Band eine musikalische Nummer herunter. Mitten zwischen Garagen und Containern spielen vier Männer irgendetwas wie Tango. Oder ist das Jazz? Laut. Schräg. Ein Rhythmus hämmert gegen die Hauswände und direkt in ihren Kopf. Zu viele Menschen. Zu viele Zeugen. Ela verlangsamt ihre Fahrt. Raus hier, schreit ihr Inneres. Der Trommler hebt kurz den Blick. Und nickt als wolle er mit seiner Kopfbewegung die Zukunft diktierern. In einem zusammengezogenen Gesicht – abwertend. Nicht freundlich.

Ihr Magen zieht sich zusammen. Vielleicht war auch der Kaffee zu stark. Das linke Handgelenk des Mannes trägt eine schwarze Tätowierung von einem Vogel mit drei Strichen darüber.

Dasselbe Zeichen wie auf der Akte. Kann es einen Zusammenhang zwischen ihrer Mutter und diesem Mann geben. Unmöglich. Sie reißt das Steuer herum. Das Wohnmobil dreht überraschend leicht vorbei an der Band. Die Reifen quietschen über den Asphalt. Niemand aus der Band reagiert. Sie spielen weiter, als hätte man genau das erwartet. Erst als sie zurück auf die Straße fährt, beginnt ihr Herz zu rasen. Noch während der Fahrt zieht sie einen Pullover über den Schlafanzug. Die Finger zittern leicht. Der Mund ist trocken. Über die Kopfhaut zieht sich ein Kribbeln. Das Handy bleibt stumm.

Zwei Straßen weiter stellt sie das Wohnmobil hinter einem leerstehenden Getränkemarkt ab. Hastig klappt sie das Fahrrad vom Heckträger und zieht eine Hose an. Wirft die Schlafhose hinter den Sitz. Wer hat ihre Mutter getötet. War es der Musiker? Wiederholt sich nun alles wieder. Sie will von niemandem wahrgenommen werden. Unauffällig werden. Am liebsten würde sie sich im Kleiderschrank verstecken. Wie vor Jahren. Als die ausgewachsene Dogge zur Urlaubsbetreuung kam. Ihre Mutter hatte ein Herz für Tiere.

Canva

Gerade will sie sich auf ihr Rad schwingen, als jemand neben ihr lacht. Ein fremder Mann mit dunkler Haut. Großen braunen Augen. Keine agressiven. „Sie fahren zu hektisch“, sagt er. Immer noch mit einer hab Acht Mentalität. Er tritt näher. Nicht bedrohlich. Fast freundlich.

Entschuldigung?“

Wenn Menschen verfolgt werden, fahren sie gern mit quietschenden Reifen. “

Sein Lächeln zeigt makellos weiße Zähne. Ist er von der Polizei?

Ela greift fester an den Lenker. „Kennen wir uns?“

Der Mann betrachtet sie aufmerksam. Als würde er prüfen, ob sie dieselbe Person ist wie auf einem Foto. Dann streicht seine Hand vorsichtig durch ihr Haar. Eine intime Geste. Sie ist in ihren Gefühlen eingefroren. Kontrolllos. Das hatte sie nicht erwartet.

Seine Finger bleiben kurz hinter ihrem Ohr hängen und ziehen ein Zwei-Euro-Stück hervor.

Jetzt ja“, sagt er.

Ela spürt den inneren Druckabfall in den Haaren. „Ist das ein Ritual mit der Absicht viel Geld zu gewinnen...“

Adrenalin schießt ihr erneut durch den Körper. Sie stößt ihn weg, springt aufs Fahrrad und fährt los. Hinter ihr ruft niemand. Keine Schritte. Keine Verfolgung. Nur dieser schreckliche Musikgeschmack. Der schlecht gespielte Tango schwebt durch die Straßen wie eine Drohung. Ela tritt in die Pedale. Bergab. Der Fahrtwind schneidet ihr ins Gesicht. Autos ziehen vorbei. Menschen laufen ahnungslos über Ampeln. Irgendwo hupt jemand. Und plötzlich versteht sie. Das Vorstellungsgespräch existiert nicht. Hat es nie. Jemand hat sie aus dem Wohnmobil locken wollen. Vor ihr springt eine Ampel auf Rot. Ela fährt trotzdem weiter.

Wünsche allen einen guten Start in die Woche

Mike Melonte 


Mittwoch, 20. Mai 2026

Gezupfter Rosmarin findet heiße Liebe

KI erstellt

Jubelnde Freude schwingt sich ins Tal.
Oben auf dem Berg scheint sie zu wohnen.

Schattenhaft klönt der Augenblick durch den Magen, 
als hätte das Leben plötzlich beschlossen,
mir Rosmarin auf die Zunge zu legen. 

Ein Wunder schmeckt erstaunlich würzig. 
Wer sollte mich jetzt noch aufhalten?

Im Auto nimmt mich das Glück wortlos in den Arm.
Statt gebratener Leber giere ich nach heißer Liebe. 

Nach überdrehten Gedanken, 
flackernden Blicken und einem Herzen,
das endlich wieder Unsinn machen darf. 

Meine Sorgen möchten bleiben.
Ich entsorge sie trotzdem als Sperrmüll der Seele.

Der Kamin kühlt langsam ab. 
Könnte ich doch die klaren Antworten aus den Flammen retten.

Liebe Grüße
Mike Melonte




Dienstag, 19. Mai 2026

Neugier, die auf der Strecke bleibt

Regen hängt tief über dem Weg, als hätte der Mai beschlossen, probeweise den November zu spielen. Nebel kriecht über die Felder. Hellgraue Schwaden ziehen über die Häuser. Es riecht nach feuchtem Moos, altem Laub und zwischendrin nach Wiesenblumen. Die Sonne hat sich hinter den Wolken versteckt. Ich laufe mit meinen Hunden den Feldweg entlang. Rechts und links liegen Blumenwiesen, die mir förmlich zujubeln. In weiter Ferne thront die Wurmlinger Kapelle auf dem Berg.

Einige Male atme ich tief durch. Inhaliere den frischen Duft, der mich in Bewegung bringt. Meine Hunde ziehen mich nach vorne. Vermutlich ist zuvor eine Rehgruppe oder ein anderer Hund hier entlang-gelaufen. Rehe, das fehlt mir noch. Ich sehe mich schon mit dem Leittier über die Überquerung der Wiese verhandeln. Dicht bei mir meine zwei Hunde. Sie würden mich beschützen wollen. Ich gehöre ja zum Rudel. Dabei denke ich ständig an die ärztliche Vorgabe: dreimal in der Woche Sport, tägliches Laufen. Trotzdem geigt mein Blutdruck irgendwo in den Wolken herum. Vielleicht sollte ich einen Baum umarmen und feststellen, dass er viel zu dick für meine kurzen Arme ist. Der Holzgeruch schwingt mir in die Nase. Unverrückbar steht er dort wie ein Fels in der Brandung. Außerdem ist der Baum sehr von sich eingenommen. Stolz und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, wirkt er zwischen den anderen Bäumen, als hätte er nie gezweifelt. 

Wurmlinger Kapelle
Im schnellen Schritt gebe ich, was auch immer dafür verantwortlich ist, den Druck an meine Füße weiter. Vermutlich aus Trotz. Mein Körper beschließt längst, dass Sport her muss. Schließlich habe ich noch Pläne mit diesem Leben. Während ich innerlich diskutiere, ob zweimal die Woche ein kleiner Ausflug wirklich zu viel verlangt ist, spannt sich plötzlich ein Regenbogen über die Kapelle . Genau dort. Als macht jemand aus einer anderen Welt kurz die Taschenlampe an. Für einen Moment ist alles still. Die Runde morgens um 6.30 Uhr ist angenehm leer. Kein Auto. Kein Mensch. Nur dieser Regenbogen, der aussieht wie eine himmlische Hotline mit der Aufforderung, endlich manches zu akzeptieren.

Ein paar Meter weiter kriecht ein dicker Regenwurm vor mir über den trockenen Weg. Langsam schlängelt er sich über den harten Boden. Sehr bemüht, über die nächste Hürde zu kommen. Aussichtslos. Er windet sich vorwärts wie ein schlecht bezahlter Angestellter kurz vor der Rente. Jeder Zentimeter ist ein Drama. Ich bleibe stehen und sehe ihm zu. Vielleicht, weil ich ihn verstehe. Vielleicht, weil wir beide denselben Gesichtsausdruck haben.

Der Wurm steckt fest auf trockenem Boden. Er will nur schnell auf die andere Seite, zurück ins Gras und ab in die Erde. Ich will zurück in meinen alten Rhythmus.

Jeder Tag beginnt mit einer viel zu kurzen Nacht. Danach kommt Müdigkeit. Diese bleierne Sorte, die sich morgens schon anfühlt wie Feierabend. Anschließend folgt Aktionismus. Menschen machen das gern, wenn sie innerlich auseinanderfallen. Sie räumen Keller auf, planen Projekte oder googeln plötzlich nach Yoga und basischer Ernährung. Ich laufe eben durch Regen und Nebel und tue so, als könnte man die Suche nach neuen Aufgaben einfach ausschwitzen. Nun meldet sich mein Körper wie ein schlecht gelaunter Betriebsrat. Oder eher wie ein Amt. Erst einmal online eine Nummer ziehen und warten. Glückauf für einen passenden Termin.

Sehr unerquicklich, denn mein Kopf sieht das völlig anders. Der will noch losziehen, Kaffee trinken, kleine Abenteuer erleben, vielleicht zweimal pro Woche unter Menschen gehen, bevor ich endgültig als Moorleiche im Häkelkorb ende.

Der Regenwurm kennt keine Opferrolle. Er erfüllt stoisch seinen Zweck im großen Kreislauf der Natur. Boden lockern, Vögel ernähren, sterben ohne Krankenkasse. Eigentlich beneidenswert effizient. Möglicherweise ist er mir deshalb so sympathisch.

Wir beide kriechen morgens durch feuchtes Gelände und hoffen, nicht versehentlich auf der Strecke zu bleiben.

Ich wünsche allen eine gesunde und erholsame Woche!

Liebe Grüße
Mike Melonte




Donnerstag, 7. Mai 2026

Versoffene Wolle

💀Warum trägt die Häkelnadel schwarz?
Sie war bei einer Maschenbeerdigung im Harz. 

☝Weshalb wird ein Schal niemals breit? 
Die Wolle hat Angst vor Gemütlichkeit. 

💤Wieso sind Maschen manchmal schief? 
Weil die Anleitung im Kaffee schlief.

💦 Was macht die Stricknadel im Regen?
Sie rostet still dem Schal entgegen.

👀Was beobachtet die Häkelnadel immer wieder?
Dass Anfänger die Maschen zählen wie Betrüger.

👿Wann ist die Wolle nackt?
Wenn die Motte sich durchs Muster kackt.

😉Mike Melonte 

 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Wenn der Gummi nachgibt

Rot ist an dieser Stelle kein Zufall. Auch Blau oder Gelb könnten von Bedeutung sein. In diesem Korb voller Wolle verirrt es sich. Einmal getragen, fast noch neu, liegt es nun schon seit einiger Zeit genau dort, wo es überhaupt nichts zu suchen hat.

Zwischen Mohair, Alpaka und Sockenwolle lässt es sich bereitwillig formen. Wäre da nicht ein weiterer Gast in jenem Wollekorb.

Besonders die Sockenwolle ist von dem Haarband angetan und schmiegt sich exzentrisch an, ganz nach dem Motto: Komm, wir wollen mal miteinander. Doch das rote Band ist nicht in Stimmung. Aus seiner Sicht ist die Wolle nett, aber kaum auf Augenhöhe. Mehr ein Mitläufer, ein Hansdampf in allen Gassen, immer darauf bedacht, über alles genauestens informiert zu sein.

Das geht dem Haarband auf die Nerven.
„Hey, du Wollknäuel, geht das auch ruhiger?“

Du Miesepeter, was bist du für ein Klugscheißer?“

Gekränkt von diesem Gefühlsausbruch überlässt es dem Mitbewohner die Unterhaltung. Ein dicker Falter, offenbar gut eingerichtet in der Wolle, übernimmt. Auf Schwäbisch kommentiert er die vorausgegangene Situation: „Du Grasdackel, glaubscht, bischt im Recht!“

Am anderen Ende des Wollekorbs beobachtet eine grüne Baumwolle das Gebaren.
„Ihr seid wie Kampfhähne. Fällt euch nichts anderes ein, als euch ständig zu vergleichen?“

Das Haarband hat davon wenig. „Ganz ehrlich, muss man sich so beleidigen?“ Erleichtert rutscht das Haarband näher an die Baumwolle heran und versucht, sich mit freundlichen Gedanken bei ihr zu bedanken. Doch statt eines Dankes passiert etwas anderes. Der Gummi im Haarband platzt.

Die ganze Wolle wird durcheinandergewirbelt. Fäden werden mitgezogen, Strukturen lösen sich auf, und aus der stillen Spannung wird eine Revolution. Die Baumwolle schweigt. Hätte sie geahnt, wie geladen das Haarband ist, würde sie nie im Leben… Das Haarband verliert völlig die Fassung. Zwischen Wollsträngen verheddert, bemerkt es nicht, was am Rand des Korbes geschieht.

Die Motte rutscht tiefer ins Geschehen, sucht sich einen neuen Platz und füllt sich gemächlich den Bauch. Unbeeindruckt von Gesprächen, Haltungen oder kleinen Dramen frisst sie sich durch alles, was an Fäden an ihr vorbeikommt. Dass sie dabei dick und kugelrund wird, ist nur eine Frage der Zeit.

Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied in dieser Ruhe, die sich ausbreitet wie ein Winter. Sich das persönlich zu gönnen – selbst als Haarband – wäre eine Möglichkeit. Auch wenn es hier gar nicht wirklich um Einsamkeit geht.

Oder doch.

Liebe Grüße
Mike Melonte