Mittwoch, 12. August 2026

Die Einladung

Heute Morgen fällt mir ein Apfel auf den Kopf. Eine ordentliche Kopfnuss.

Ich bleibe stehen und sehe den Täter vor mir im Gras liegen. Rund, rot-gelb und vollkommen unschuldig. Ich hebe ihn auf. Er duftet süß, nur ein kleines Loch verrät einen Untermieter.

Sofort habe ich Apfelkuchen in der Nase. Mit Zimt, vielleicht Streuseln, außen knusprig, innen weich. Mein Kopf ist begeistert. Nur ohne Untermieter wäre mir die Sache entscheidend lieber.

Der Rest von mir kennt ohnehin die Wahrheit: Äpfel schälen, schneiden, Teig machen, Backform suchen, Küche verwüsten und schließlich den Backofen aufheizen. Bei diesen Temperaturen? Draußen brütet die Sonne. Schon der Gedanke an 180 Grad Ober- und Unterhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ein Hobby sollte Freude machen. Leicht und einfach soll es sein, sonst bleibt es auf der Strecke.

Ich drehe den Apfel in der Hand. Was will er mir sagen? Iss mich? Back mich? Nimm mich mit und mach Apfelringe aus mir?

Wilhelm Tell hätte vermutlich nicht so lange nachgedacht. Andererseits lag sein Apfel auch nicht auf seinem eigenen Kopf, sondern auf dem seines Sohnes. Auch keine angenehme Ausgangslage.

Ich werfe den Apfel ein Stück voraus. Lucky hat die Situation sofort erkannt. Auf ihn mit Gebrüll. Er schnappt sich den Apfel und trägt ihn als Trophäe davon. Nicht etwa ein paar Meter. Fünfzehn Minuten schleppt er ihn bis zum Auto, fest zwischen den Zähnen, Sabber inklusive. Bloß nicht loslassen.

Im Auto wird getauscht: Apfel gegen einen Streifen getrockneten Lachs. Lucky hält das offenbar für ein gutes Geschäft.

Ich betrachte den Apfel. Luckys Zähne haben ganze Arbeit geleistet. Der Untermieter dürfte inzwischen ebenfalls schlechte Laune haben. Schneewittchen hätte spätestens jetzt Verdacht geschöpft.

Ich werfe den Apfel im hohen Bogen in die Wiese. Rehe oder Vögel werden sich schon finden.

In Gedanken bin ich beim Mittagessen. Ausgebackene Apfelringe gehen schnell. Oder Apfelmus mit Crêpes? Lucky schaut mich erwartungsvoll an. Izzy wartet vor dem Auto darauf, ebenfalls in den Kofferraum eingeladen zu werden.

Bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Apfelbäumen zurück. Dieses Jahr sind die Früchte kleiner als sonst. Nur vereinzelt hängen große Exemplare zwischen den Blättern. Rot, gelb, manche noch grün. Viel Fallobst liegt unter den Bäumen. Dicht gedrängt im Gras, als warteten sie nur darauf, dass jemand etwas mit ihnen anfängt.

Vielleicht ist genau das die Botschaft.

Wer einen Garten hat, lädt jemanden zum Pflücken ein. Wer keinen hat, kennt bestimmt jemanden, der spätestens nach dem fünften Eimer froh ist, wenn Besuch kommt.

Ein Apfel am Tag soll schließlich den Arzt fernhalten.

Bei der Menge, die unter den Bäumen liegt, müssten wir kerngesund durch den Winter kommen.

Ich winke Izzy. Sie springt sofort in den Kofferraum.

Hinter mir fällt ein Apfel ins Gras.

Dann noch einer.

Die Einladung steht.

Liebe Grüße
Mike Melonte

Freitag, 7. August 2026

Absurde Ernährungsformeln

 Gurkensalat × Melonengetränk = weniger Gewicht

Treppensteigen × Schokoladenkuchen = unentschieden

Spiegel × Bauch einziehen = Idealgewicht

Hund × täglicher Spaziergang = Kalorien auf der Flucht

Ein Salatblatt × drei Burger = Alibi

Brot × Wurst = zwei neue Fettpölsterchen

Enkel × Schokolade = Omas Schweigepflicht oder

Oma x Schokolade = Enkels Schweigepflicht

Fernbedienung × Sofa = Fernbeziehung beendet

Light-Limo × Familienpizza = mathematisch wertlos


Hey Leute, wer kennt das Thema Abnehmen?

Für alle, die nicht wissen, was ein Bauch ist: Herzlichen Glückwunsch. Ihr seid genetische Gewinner. Vermutlich esst ihr Croissants mit Marmelade und nehmt trotzdem ab. Mit euch rede ich heute nicht.

Ich gehöre nicht zu den Gazellen. Ihr wisst schon – diese Menschen mit langen Beinen, die durch den Wald schweben und aussehen, als würden sie Werbung für Mineralwasser drehen.

Nein. Ich bin eher ein Nashorn.

Elegant wie ein Möbelwagen. Dafür mit einer ausgeprägten Liebe zu allem, was brutzelt, knuspert und nach „nur noch einen Bissen“ schmeckt.

Früher dachte ich, im Alter wird alles entspannter. Von wegen.

Der erste Lack ist ab. Ob geschniegelt oder ungekämmt – das interessiert kaum jemanden. Aber wehe, ein halbes Kilo schleicht sich heimlich auf die Hüfte. Sofort ruft die Hose den Notstand aus.

Die Nachbarin lächelt: „Das steht dir gut.“

Ich lächle zurück: „Meine Hose hat dazu allerdings eine ganz eigene Meinung.“

Mein Kopf überlegt nur noch, wie der Hosenbund zwei Zentimeter breiter wird.

Der Knopf spannt. Sicherheitshalber bekommt er einen Haushaltsgummi als Leibwächter.

Der Reißverschluss zieht die Reißleine und beantragt Kurzarbeit.

Und ich? Ich überlege ernsthaft, den Hosenbund wegen Körperverletzung anzuzeigen.

Liebe Grüße 
Mike Melonte

Donnerstag, 6. August 2026

Sesamkörner

„Er muss ein Gott sein.“

Unsere Anführerin richtet sich auf ihren sechs Beinen auf. Niemand widerspricht ihr. Sie ist die Älteste unter uns. Seit drei Sommern führt sie jede Expedition persönlich an.

„Seht ihn euch an! Kein Bauch. Kräftige Schultern. Schwarzes Haar. Dunkle Augen. Ein Mann im besten Alter. Wenn die Göttinnen Verstand haben, heiratet ihn bald eine.“

Ehrfürchtig blicken wir zu ihm hinauf. Götter erkennt man daran, dass sie niemals hetzen. Sie gehen mit langen Schritten, als gehöre ihnen die Erde. Dieser hier läuft jeden Mittag eine Stunde bis zu unserer Wiese. Nur um den Duft des frisch gemähten Grases einzuatmen, zwei Äpfel zu pflücken und für wenige Minuten unter unseren Bäumen zu schlafen. Wer würde so etwas tun, wenn er kein Gott wäre?

„Ruhe!“, zischt die Anführerin.

„Gesprungen wird erst, wenn er tief schläft. Wer zu früh saugt, wird entdeckt. Und wer entdeckt wird, gefährdet die ganze Sippe.“

Wir nicken. Eine gute Grasmilbe denkt zuerst an die Gemeinschaft. Erst trinken. Dann Eier legen. Möglichst viele. Nur so bleibt unser Volk erhalten. Der Gott liegt regungslos im Gras. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Vielleicht träumt er.

„Jetzt!“

Zwölf von uns springen gleichzeitig. Ich erwische den Hemdkragen. Zwei verschwinden hinter seinem Ohr. Unsere Kleinste hangelt sich an einem schwarzen Haar nach oben.

„Asien“, haucht die Anführerin ehrfürchtig. „Das Land der Sesamgötter. Seid vorsichtig. Wer dort täglich riesige Zuber voller Sesam rührt, besitzt Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können.“

Mir wird plötzlich mulmig.

Sie hat recht.

„Kein Wunder, dass er so stark ist“, flüstert eine der Jüngsten. „Er ernährt sich von Sesam.“

Wer den ganzen Tag Berge von Sesam röstet und dabei lächelt, kann kein gewöhnlicher Mensch sein.

Als der Gott erwacht, klopft er sich ein paar Grashalme von der Hose. Gemächlich macht er sich auf den Rückweg. In seiner Werkstatt schaufelt er wieder Sesam in die riesigen Zuber. Stunde um Stunde. Als hätte es unsere Wiese nie gegeben.

Wir dagegen zählen die Minuten.

Erst wenn sein Kopf das Kissen berührt, beginnt für uns das eigentliche Schlaraffenland. Die Nacht wird ein Fest. Unter den Haaren schmeckt das Blut würzig. Hinter den Ohren ist es angenehm warm. Manche von uns finden sogar den Weg bis zum Rücken. Dort legen wir unsere Eier ab. Schließlich muss auch für den Nachwuchs gesorgt sein.

Am nächsten Morgen erwacht unser Sesamgott mit roten Pusteln am ganzen Körper. Er betrachtet sich im Spiegel und kratzt sich nachdenklich am Arm.

„Ich hab's doch gewusst“, flüstert unsere Anführerin. „Jetzt zeigt er seine göttlichen Kräfte.“

Er streut ein feines weißes Pulver über das Bett. Danach spannt er ein Handtuch über einen Deckel, taucht es in eine dampfend heiße Flüssigkeit und reibt sorgfältig die gesamte Matratze ab. Geduldig wartet er, bis alles getrocknet ist. Am Abend saugt er jede Ritze gründlich aus.

„Rückzug!“, schreit unsere Anführerin.

Zu spät.

Herzliche Grüße
Mike Melonte

Dienstag, 4. August 2026

Die letzte Einladung

Amanda Pfanner legt die letzte Margerite zwischen die Kaffeetassen. Zwölf Gedecke stehen auf der langen Tafel. Die weißen Tischdecken hängen glatt zu beiden Seiten hinab. Der Käsekuchen kühlt auf der Fensterbank aus. Der Kaffee wartet nur noch auf die Gäste.

Es klingelt.

Vor der Haustür steht eine Frau. Irgendetwas an ihrem Gesicht kommt Amanda seltsam vertraut vor. Sie ist etwas kleiner als Amanda, trägt rotblonde Locken, eine blau-weiße Jacke, eine rostrote Hose und abgetragene Wanderschuhe.

„Danke für den Kuchen“, sagt sie.

Amanda runzelt die Stirn.

„Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“

Die Frau lächelt.

„Ich bin Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“

Amanda nickt höflich.

„Welchen Kuchen meinen Sie?“

Die Frau antwortet nicht. Stattdessen streckt sie Amanda die Hand entgegen.

Der Händedruck ist erstaunlich fest. Warm. Vertraut.

Einen Augenblick lang blickt Amanda in freundliche Augen. Als sie blinzelt, ist Anna verschwunden.

Nicht zur Gartentür hinaus. Nicht die Straße hinunter. Einfach fort. Amanda tritt auf den Gehweg, blickt zum Dorfbrunnen und über die Wiesen. Kein Mensch ist zu sehen.

Nach und nach treffen ihre Gäste ein.

Wie immer stellt Amanda den Apfelkuchen erst zum Schluss auf den Tisch. Kaum steht er da, greift sie zum Messer.

„Moment!“, ruft Alfons grinsend. „Das Probierrecht gehört wie immer mir.“

„Du willst doch bloß das größte Stück“, erwidert Amanda.

„Dafür bin ich schließlich Dorfpolizist.“

Gelächter geht um den Tisch. Alfons nimmt den ersten Bissen, schließt genießerisch die Augen und nickt zufrieden.

„Wie jedes Mal. Unschlagbar.“

Die Gespräche kommen in Gang. Einer schimpft über die Benzinpreise, ein anderer über die Regierung. Jeder weiß genau, wie man die Welt retten könnte. Keiner räumt seine Tasse selbst in die Küche.

Mitten im Gelächter klingelt Alfons' Diensthandy. Sein Gesicht wird ernst.

„Sie haben wen gefunden?“

Am Tisch verstummt jedes Gespräch.

„Wo?“

Er hört schweigend zu.

„Ja ... ich bin unterwegs.“

Langsam steckt er das Telefon ein.

„Wen haben sie gefunden?“, fragt Amanda.

Alfons schluckt.

„Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“

Amanda spürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht weicht.

„Jetzt weiß ich, wer sie war“, flüstert sie. „Sie stand eben noch vor meiner Haustür.“

Niemand antwortet.

Einmal im Monat gönnt sich Alfons den Nachmittag bei Amanda. Kaffee und Kuchen kosten ihn keinen Cent. Hier trifft er noch zwei ehemalige Klassenkameraden. Die anderen sind längst in die Stadt gezogen. Heute endet der gemütliche Nachmittag früher als gedacht.

Er stellt die Tasse ab, entschuldigt sich und fährt mit Blaulicht zur Unfallstelle. Wenig später übernimmt die Kriminalpolizei die Ermittlungen. Anna wird auf der Landstraße von einem Auto erfasst.

Zunächst schließen die Ermittler weder einen Verkehrsunfall noch ein Tötungsdelikt aus. Das Fahrzeug wird sichergestellt, Spuren gesichert und sämtliche Anwohner befragt.

Die Gerichtsmedizin stellt im Blut der Verunglückten eine ungewöhnliche Kombination mehrerer Medikamente fest, deren Wechselwirkung Halluzinationen auslösen kann.

Der Lebensgefährte gibt zu Protokoll, dass Anna ihre Medikamente wie jeden Morgen selbst einnimmt. Zusätzlich erhält sie auf Empfehlung des Hausarztes ein neues Schmerzmittel gegen starke Schmerzen.

Nach dem vorläufigen Gutachten betritt sie die Fahrbahn, ohne den herannahenden Verkehr wahrzunehmen. Hinweise auf ein Fremdverschulden finden die Ermittler nicht. Sechs Monate später wird die Akte geschlossen. Todesursache: Unglücksfall. Ein Fremdverschulden lässt sich nicht nachweisen.

Amanda reibt unwillkürlich ihre rechte Hand. Noch immer meint sie, Annas festen Händedruck zu spüren. Sie sagt niemandem, dass Anna wenige Minuten vor ihrem Tod an ihrer Haustür läutet, sich für einen Kuchen bedankt und ihr freundlich in die Augen sieht. Manche Begegnungen passen in keine Ermittlungsakte.

Als sich die Trauergäste schweigend um das offene Grab versammeln, findet ein Blumengebinde aus Margeriten still seinen Weg hinab.

Liebe Grüße
Mike Melonte 

Montag, 3. August 2026

Motorrad mit Beiwagen gesucht

Zwei Hasen hüpfen zwischen den Obstbäumen über die Wiese. Heute blendet mich ausnahmsweise keine Sonne. Dafür klebt die Luft wie nasses Handtuchpapier. Der Schweiß sammelt sich unter meinem Hemd. Auf der Oberlippe bilden sich kleine Perlen, die gerne weiterwandern.

Die Hasen ahnen nichts von der Luftfeuchtigkeit. Sie hüpfen wild im Kreis. Springen aufeinander zu. 

Abgelenkt von den Hasen. Überlege ich mir seit gestern, wo ich eine Häkelanleitung für eine Kawasaki mit Beiwagen herbekomme. Die passende Wolle liegt natürlich noch an Ort und Stelle. Nachher fahre ich in die Stadt. Vorher brauche ich eine Anleitung.

Als die Hasen mich entdecken, verschwinden sie mit einem Satz im hohen Gras. Ha, Hasen häkeln ist auch eine Nummer für sich. Unzählige Tassen Tee haben sich förmlich mit mir durch das Internet getrunken,  bevor das Internet eine brauchbare Anleitung ausspuckte. Reihe zwei. Reihe drei. Aufziehen. Eine Masche zu viel. Noch einmal. Aufziehen. Abnahmen vergessen. Wieder von vorne.

Gefühlt arbeitete ich eine ganze Vollzeitwoche, bis das Häslein endlich Ohren bekam und ich meinen Seelenfrieden zurückgewann.

Vor mir huscht plötzlich ein Fuchs über den Weg. Er ist mager. So ein armer Kerl. Ob ihm die Mäuse hier auf der Wiese reichen? Er muss inzwischen mit Bussarden und Milanen den Mittagstisch teilen.

Ich überlege kurz, ein lebendes Hähnchen zu kaufen und hier auszusetzen. Ich höre das Gegacker. Rieche den Kot, den das Geflügel vor lauter Stress absetzt. Der Gedanke hält genau drei Sekunden.

Auch Hähnchen haben schließlich Fans. Mit dem Tierschutz lege ich mich besser nicht an.

Meine beiden Hunde entdecken inzwischen den Fuchs gleichzeitig. Sofort geht das Ziehen nach vorne los.

Juhu, ein Spielkamerad“, vernehme ich aus dem Gekläffe.

Ich nehme sie an die kurze Leine.

Ein Ringelreihen quer durch den Wald, angeführt von einem Fuchs, gefolgt von zwei Hunden und mir als Fahne hinterher, passt heute nicht in meinen Zeitplan.

Ich muss schließlich noch eine Häkelanleitung für eine Kawasaki mit Beiwagen finden.

Wünsche allen einen guten Start in die Woche.

Herzliche Grüße
Mike Melonte



Freitag, 31. Juli 2026

Neuer Plan

Gustav ist auf seiner Laufrunde unterwegs. Urplötzlich überrascht ihn ein Regenguss. Damit er nicht nass wird, stellt er sich unter einen riesigen, mindestens zwanzig Meter hohen Kastanienbaum. Am Morgen hatte er sechs Eier gegessen. Lautstark quetscht sich die Luft durch seine Speiseröhre. Mit schwingenden Armen versucht er, sie wieder loszuwerden. Gleichzeitig schießen Blähungen nach draußen. Erschöpft lehnt er sich an den Stamm und schläft ein.

Als er die Augen öffnet, sitzt er auf einer weichen Couch in einer eleganten Lounge. Neben ihm steht ein grauhaariger Mann im weißen Hemd vor einem langen Tisch. Darauf liegen mehrere Boote. Junge Frauen verbinden sie mit dünnen Seilen zu einem einzigen großen Verband. Kaum ist das letzte Boot befestigt, gleiten die Männer wortlos davon, als müssten sie zu einer wichtigen Besprechung.

„Sind Sie auch eingeladen?“, fragt Gustav.

Der Mann schaut ihn an, als hätte er die Frage erwartet.

„Nur wer das richtige Blut mitbringt.“

Im selben Augenblick liegt Gustav auf einer Untersuchungsliege. Eine Ärztin hält ein dreiviertel gefülltes Glas mit dunkelrotem Blut gegen das Licht. Es steht auf einem alten Overheadprojektor.

„Das Medikament wäre eigentlich richtig“, sagt sie. „Aber bei Ihnen weiß man nie.“ Sie greift zum Telefon.

„Schicken Sie sofort Professor Mewager 0399.“

Wenige Augenblicke später betritt ein kleiner Mann mit silbernem Schutzhelm den Raum. Er wirft einen Blick auf das Blutglas und schüttelt den Kopf.

„Unmöglich.“

„Was sehen Sie?“, fragt die Ärztin.

„Eier.“

„Wie bitte?“

„Sechs Stück. Hart gekocht. Mit Senf.“

Die Ärztin seufzt.

„Ich hatte es befürchtet.“

0399 betrachtet das Blut erneut.

„Außerdem hat der Patient außergewöhnlich hohe Rülps- und Blähwerte. Die Luft verteilt sich bereits im Obergeschoss.“

„Können wir das Medikament trotzdem geben?“

„Zu gefährlich. Wenn der Druck entweicht, verschiebt sich das Wetter.“

Die Ärztin schiebt das Blutglas zur Seite. Auf der Folie des Overheadprojektors erscheint plötzlich das Bild des Kastanienbaums. Die Krone bewegt sich im Wind. Kleine blaue Punkte blinken zwischen den Blättern.

„Die Müdigkeitsbeeren!“, ruft 0399 erschrocken.

„Sie wirken doch?“

„Noch elf Sekunden.“

Ein dumpfes Grollen fährt durch den Raum.

Im selben Moment rülpst Gustav im Schlaf so gewaltig, dass sich sämtliche Müdigkeitsbeeren augenblicklich wieder in Wasser verwandeln.

Gustav fährt hoch.

Eine Kastanie fällt direkt vor seine Füße.

„Zum Glück“, murmelt er, richtet seine Jacke und setzt den Lauf fort.

             Zur gleichen Zeit tagt auf Mewag der Krisenstab. Mewager 0399 steht stramm vor dem Einsatzleiter. „Einsatzbericht.“

„Mission fehlgeschlagen.“

„Begründung?“

„Der Proband hat sechs Eier gegessen.“

Der Einsatzleiter schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

„Immer diese Eier.“

0399 räuspert sich.

„Ich muss außerdem einen Verstoß gegen Dienstvorschrift 7.14 melden.“

„Welchen?“

„Ich habe meine Ehefrau mitgenommen. Sie wollte unbedingt sehen, wie Gustav endlich einschläft.“

„Und?“

„Sie hat fotografiert.“

„Mit Blitz?“

0399 nickt.

Der Einsatzleiter schließt die Augen.

„Kein Wunder, dass der Mann aufgewacht ist.“

Im Sitzungssaal herrscht bedrücktes Schweigen.

Ein älterer Mewager schlägt die Fallakte Gustav – Band 38 auf.

„Der Proband ist seit Jahrzehnten das größte Problem unserer Behörde. Schlafbeeren, Regenfronten, Tiefdruckgebiete, Lavendelwolken, Walgesänge, Baldriankapseln und drei Vollmonde – nichts zeigt dauerhafte Wirkung.“

Ein Praktikant meldet sich.

„Aber weshalb funktioniert das alles bei ihm nicht?“

Der Alte blättert weiter.

„Hier steht es.“

Alle beugen sich vor.

„Gustav besitzt eine angeborene Störfeldresonanz. Sämtliche kosmischen Maßnahmen verpuffen wirkungslos.“

„Sonst nichts?“

„Doch.“

Er setzt seine Brille auf.

„Der Proband erkennt weibliche Anwesenheit bereits zweihundert Meter vorher. Sein Kreislauf steigt schlagartig an. Sämtliche Müdigkeit verschwindet augenblicklich.“

„Messbar?“

„Selbstverständlich. Wir haben es mehrfach überprüft.“

In diesem Moment meldet sich die Satellitenüberwachung.

„Alarm! Gustav läuft wieder.“

„Wie schnell?“

„Schneller als vor dem Regenguss.“

Der Einsatzleiter klappt den Ordner zu.

„Dann bleibt nur Plan G.“

„Was bedeutet das G?“, fragt der Praktikant.

Der Alte seufzt.

„Gar nichts. Wir sind nur inzwischen beim siebten Buchstaben im Alphabet angekommen.“

In diesem Augenblick erschüttert ein gewaltiger Rülpser die Atmosphäre. Die Satelliten geraten kurz aus der Umlaufbahn, zwei Regenwolken wechseln die Kontinente und über dem Kastanienbaum bildet sich  ein kleiner Tornado.

0399 schaut aus dem Fenster.

„Chef …“ „Ja?“

„Er joggt inzwischen bergauf.“ Der Einsatzleiter sinkt in seinen Sessel.

„Ich beantrage Versetzung. Von mir aus in eine ruhige Ecke. Hauptsache, ich kann auf Gustav verzichten.“

Liebe Grüße
Mike Melonte

Dienstag, 21. Juli 2026

Die blaue Beschwerde

Johanna hält mehrere Wollknäuel in die Höhe. Gelb, Weiß, Grün und Lila finden schnell Abnehmer. Blau wandert zurück in den Beutel. Zum ersten Mal leitet sie einen Häkelworkshop. Häkeln ist ihre Leidenschaft. Topflappen, Spültücher und Mützen gehen ihr flink von der Hand. Als eine Kursleiterin kurzfristig ausfällt, springt sie ein. Johanna ist sicher: Häkeln kann jeder lernen. Heute Abend sollen alle Teilnehmerinnen mit ihrem ersten Werk nach Hause gehen.

Wer hat noch nie gehäkelt?“, fragt Johanna. Niemand hebt die Hand. Einige lächeln verlegen und schauen auf die Wolle. Eine Frau sagt: Ja, in der Schule habe ich mal gehäkelt.“

Ok, dann verteilen wir mal die Materialien. Johanna dreht sich nach dem Jutebeutel mit den Häkelnadeln um. Der Platz neben der Tür ist leer. Sofort beginnt sie zu schwitzen.

Einen Moment bitte.“

Sie schaut unter die Tische und vor die Tür. Schließlich entdeckt sie den Beutel hinter der Tafel. Als sie ihn hervorzieht, wartet bereits die nächste Überraschung. Eine Frau betritt den Raum. In der einen Hand trägt sie eine Bierflasche.

Ich stehe noch nicht auf der Liste. Haben Sie noch weiße Wolle?“

Zwischen diesen Farben können Sie auswählen.“ sagt Johanna und zeigt auf den Tisch mit der Wolle. 

Sie nimmt ein beiges Wollknäuel, setzt sich in die erste Reihe und leert ihre Bierflasche. Danach fragt sie nach einer Häkelnadel.

Welche passt denn?“

Im nächsten Moment öffnet sich die Tür. Drei Kinder stürmen herein. Hinter ihnen erscheinen zwei ältere Mädchen.

Die gehören auch zu mir“, sagt eine Mutter, die auf der rechten Seite sitzt.

Bevor es an die Anleitung geht, sollen alle Luftmaschen üben. Die Mutter der älteren Kinder beugt sich zu ihrer Nachbarin.

Können Sie häkeln? Die Dozentin kann das gar nicht erklären.“

Johanna lächelt. Sobald die ersten Luftmaschen gelingen, wird es ruhiger, denkt sie. Eine Teilnehmerin häkelt mit ihrer eigenen Wolle eine lange Luftmaschenkette, zieht alles wieder auf und beginnt von vorn. Johanna verteilt die Anleitungen für ein kleines Herz als Schlüsselanhänger.

Da meldet sich die Frau mit der Bierflasche lautstark zu Wort, steht unvermittelt auf und verschwindet zum Rauchen. Wenig später kommt sie mit einer Flasche Rotwein zurück.

Johanna eilt von Platz zu Platz. Sie zeigt Luftmaschen, trennt sie wieder auf und beginnt von vorn. Immer wieder wandern die Blicke zu den fertigen Topflappen, Spültüchern und Herzen, die sie als Muster mitgebracht hat. Bald reden alle über Farben, Garne und Ideen. Gehäkelt wird kaum noch.

Als Johanna auf die Uhr sieht, ist der Workshop vorbei. Sie verteilt die Feedbackbögen.

Die Frau mit der Rotweinflasche schreibt sorgfältig:

Zu gern hätte ich einen Topflappen gehäkelt. Schade, dass es kein blaues Garn gab.“

Liebe Grüße
M. Melonte