Freitag, 25. September 2026

Die kalte Hand

Draußen gibt die Sonne den Weg frei für die Sterne und den Abendhimmel. Der Luftzug ist kühl. Der Sommer ist vorbei. Was bleibt, trägt sich im Herzen fort. Die lauen Nächte unter Bäumen in gemütlicher Runde. Das Meeresrauschen am Strand war gestern. Die Kieselsteine geben unter jedem Schritt nach. Weich rutschen sie in die Versenkung. Der Fußabdruck bleibt.

An diesem Abend ist es unumstößlich. Das helle Gelächter fehlt. Die langen Gespräche bleiben aus.

Still ist es geworden, obwohl der Fernseher läuft. Die Hunde bellen gleichzeitig. Im Nachbarhaus kommt Besuch. Schnell surren die Rollläden herunter. Wie peinlich, dass die Hunde am Fenster hängen wie alte Leute und den Nachbarn beobachten. Hunde können viel mehr. Sie petzen jede Bewegung. Könnte ja von großer Wichtigkeit sein.

Der Postbote ist der Ärmste von allen. Wenn er kommt, ist das die Ankündigung von Gefahr. Mit lautem Kriegsgeschrei wird der arme Mann kommentiert. „So ein gelber Fahrradfahrer hat hier nichts zu suchen.“ Täglich warte ich darauf, dass einer der Hunde durch das Fenster springt und den Postboten an seiner Berufsausübung hindert.

Und dann bekommt mein Mann eine Nachricht über WhatsApp. Er hört sie ab. Markus ist tot.

Blutsverwandtschaft ist etwas Einzigartiges. Sie gehören zur Familie. Nachbarn gibt es wie Sand am Meer. Natürlich ist der Nachbar auch super, mit dem jeden Tag ein paar Worte gewechselt werden und dessen Hund auch mal zu Besuch zu uns kommt. Ein toller Nachbar, auf den ich mich verlassen kann. Eine gute Nachbarschaft muss wachsen. Sie hängt zum großen Teil an den eigenen Erwartungen und lässt Wohnqualität zu einem hohen Gut werden. Aber nicht alle haben einen Nachbarn, der freundlich ist und vertrauensvoll auch mal zuhört.

Und dann gibt es die Blutsverwandtschaft. Menschen, die nicht jeden Tag vor der Tür stehen und trotzdem da sind. Markus suchte den Kontakt. Er kommunizierte gerne.

Ich muss daran denken, wie ich ihm zum ersten Mal die Hand drückte. Er hatte große Hände, aber seine Hand war weich, fast zart. Damals dachte ich nicht weiter darüber nach. Jetzt sehe ich diese Hand vor mir. Wie würde sie sich anfühlen, wenn ich sie noch einmal drücken könnte? Eisig.

Und dann rieche ich sein Rasierwasser im Raum. Wo kommt denn der Geruch her? Er gehört zu dem Menschen, der mir einfach einen Besuch abstattet, der mich in seine Gedankenwelt mitnimmt. Mehr noch, er hat sein Wissen geteilt.

Passt auf euch auf!

Liebe Grüße
Mike Melonte

Blauer Dunst

In dem Saal rauchen alle Männer. Dichter Qualm setzt sich an der Decke ab. Der blaue Dunst flirrt jedes Mal, sobald einer der Herren sich bewegt. Neugierig stehen sie am Fenster und beobachten das Treiben vor dem Schloss. Ein paar Waschfrauen hängen Bettlaken und Unterwäsche auf. Amüsiert betrachten einige Herren die Spitzenhosen, die in Reih und Glied auf einer Wäscheleine über den Hof wehen. Offenbar bietet so ein Schloss auch an gewöhnlichen Nachmittagen Unterhaltung.

Immer wieder gibt eine der Frauen in strengem Ton an, wie die Wäsche aufzuhängen ist. Die Dienstmädchen beeilen sich.

„Ihr bekommet heut nichts zu essen. Leget endlich die Wäsche an.“

Der Ausspruch wirkt. Nichts zu essen gibt es öfter. Der Hunger nagt endlos am Gedärm. Kein Essen bedeutet auch, zu Hause nichts mit der Familie teilen zu können. Schreiende oder kranke Kinder schauen mit eingefallenen Augen auf ihre Mütter. Die jungen Frauen arbeiten schneller. Jedes Wäschestück, das sauber aufgehängt ist, bedeutet, dass es mit der nächsten Arbeit weitergehen kann.

Bei der Feldarbeit findet sich häufig das eine oder andere Kraut, manchmal eine essbare Pflanze, die mit Hilfe der Köchin bestimmt und gegessen werden kann. Jede will deshalb mitgehen, wenn es heißt, Holz für die Küche zu sammeln. Im Wald gibt es schließlich Dinge, die es für alle gibt.

Opa Eduard raucht schon sein ganzes Leben.

„Hildegard, bring mir noch einen Wein. Den, der trocken durch die Kehle rutscht.“

Obwohl Eduard schon recht alt ist, kennt er sich gut mit Pilzen aus. Er sammelt und trocknet sie. In früheren Jahren war er Gardeoffizier. Verheiratet war er nie. Dafür war er im Krieg. Vielleicht war das Abenteuer genug.

Blauäugig war er Napoleon nach Russland gefolgt. Von den mehr als 500.000 Soldaten, die 1812 mit der Grande Armée in den Russlandfeldzug zogen, kamen nur wenige zurück. Nicht allein die russischen Soldaten waren der Feind. Hunger, Krankheiten und schließlich die erbarmungslose Kälte vernichteten die Armee. Der große Kaiser hatte offenbar mit vielem gerechnet, nur nicht damit, dass ein russischer Winter sich seinen Befehlen verweigern könnte.

Eduard hatte sehr viel Glück. Seine Kenntnisse retteten einige Männer nicht vor dem Hunger, manchen sicher vor dem Tod. Aus Wurzeln, Blättern und Pilzen wurden Suppen. Gegessen wurde, was sich finden ließ. Wer wusste, was nicht giftig war, hatte einen Vorteil. Eduard kam zurück.Seine Zehen nicht unbeschadet.

Eine Entschädigung für den Krieg gab es nicht. Mit seinen Erlebnissen musste er selbst zurechtkommen, ebenso mit seinen erfrorenen Zehen. Zähne hat er inzwischen auch keine mehr, was ihm schmerzlich bewusst wird, wenn es Fleisch gibt und er es nicht beißen kann. Allerdings kommt dieser Zustand äußerst selten vor. Fleisch auf dem Teller ist im Schloss schließlich auch kein alltägliches Problem. Eduard nimmt es gelassen. Was Napoleon nicht geschafft hat, wird ein zähes Stück Fleisch wohl auch nicht mehr vollbringen.

Als Opa Eduard an diesem Nachmittag mit den Dienstmägden in den Wald geht, weiß er noch nicht, was er finden wird. Wild zu jagen ist verboten. Nur die Adeligen und der Hausjäger dürfen Wild erlegen. Das Wild gehört also den Herrschaften, die Brombeere vorerst noch niemandem.

Magdalena bleibt in Eduards Nähe. Er kennt sich im Einsiedel gut aus und zeigt den Frauen, wo sie suchen müssen. Unter dem Laub stehen Pfifferlinge. Weiter hinten wachsen Brombeeren.

Magdalena nimmt seine Hand.

Eduard lässt es geschehen. Er streicht ihr über das blonde Haar und drückt sie herzlich an sich. Magdalena weicht nicht zurück.

„Ich bin dafür zu alt. Such dir einen jungen Mann.“

„Es gibt keine jungen Burschen, die mich heiraten.“

Eduard schaut sie an.

„Ich bin unehelich.“

Für einen Augenblick ist es still. Nur weiter hinten knackt Holz zwischen den Bäumen. Magdalena pflückt eine Brombeere und steckt sie in den Mund.

„Aber ich kann dir Socken stricken. Falls du Wolle von deinem Schäfer hier in der Nähe bekommen könntest.“

Eduard schaut an sich hinunter. „Socken?“ „Warme.“

Jetzt muss er lachen. Russland hat er überlebt, seine Zehen nur knapp, und ausgerechnet hinter einer Brombeerhecke verspricht ihm eine junge Frau warme Socken.

„Dann muss ich wohl mit dem Schäfer reden.“

Der Herbst steht schon vor der Tür. Bald wird es empfindlich kalt werden. Eduard kennt die Schäfer im Einsiedel. Für einen guten Tropfen könnte er Wolle eintauschen. Auch besitzt er mehrere Tabakpfeifen. Irgendetwas lässt sich immer gegen etwas anderes tauschen.

Er zeigt Magdalena die Stellen, an denen die Pfifferlinge wachsen, und lässt sie Brombeeren essen und sammeln. Magdalena füllt ihren Korb. Dann sammelt sie weiter Holz, bis sie genug zusammenhat.

Als sie zu den anderen zurückkehrt, trägt Magdalena ihr Bündel Holz und zeigt stolz die Früchte des Waldes. Pfifferlinge und Brombeeren füllen ihre Schürze. Die Brombeeren dürfen die Frauen behalten. Die Pilze wandern in die Küche. 

Oben im Saal warten die Herren inzwischen auf ihr Abendessen. Es gibt Pilzsuppe mit frischem Brot. 

Wünsche ein schönes Wochenende
Mike Melonte  


Mittwoch, 23. September 2026

Jahrhunderte später

Irgendwann im Leben von Mann und Frau ist es nicht mehr die Leidenschaft, die beide verzehrend abends ins Bett treibt. Graf Eberhard ist zu Lebzeiten ein Mann voller Interessen. Nein, keine Mätressen. Er liebt seine Barbara Gonzaga aus Mantua (Italien). Das ist lange her. Seit fünfhundertdreißig Jahren ist Graf Eberhard tot. Eigentlich hatte er genügend Zeit und Gelegenheit, sich mit dem Tod abzufinden. Besonders mit dem Ende seiner Herrschaft. Schwieriger ist es für ihn, sich mit der Tatsache abzufinden, nicht mehr zu wissen, wohin seine Frau geht, wenn sie das Haus verlässt.

Auch sie ist seit langer Zeit tot, eine Frau aus adeligem Geschlecht, allerdings mit einem ungelösten Auftrag aus Lebzeiten.

Das Gemäuer verbirgt einige geistige Schätze. Was hat Barbara nicht alles oben auf dem Dachstuhl den Balken anvertraut. Gedanken über die politische Sicht der Frauen zum Beispiel. Die durften nicht mitreden. Was für eine Wertschätzung sollte das sein? Barbara trifft sich deshalb regelmäßig mit Frauen. Frauen, die etwas zu sagen haben, obwohl niemand sie danach fragt. Als sie wieder einmal losziehen will, fährt ein Echo durch das Schloss. Ein Unwetter könnte heranziehen. Vielleicht ist es am Ende sogar ein Erdbeben.

„Barbara!“

Der Ruf zieht durch das alte Gemäuer, gelangt an die Balken der Decke, lässt die Fensterscheiben vibrieren, dringt nach draußen und bleibt an dem Baum vor dem Schloss hängen. Es riecht nach Thymian. Die Sonne scheint. Erst neulich, im September, sah der Baum aus, als würden ihm vor lauter Rufen sämtliche Blätter auf einmal abfallen.

Eberhard erscheint am Fenster. Nicht vollständig natürlich. Für einen Adeligen, der 1496 verstorben ist, sieht er noch erstaunlich gut aus. Nur sein Wams und seine Haarpracht sind deutlich sichtbar. Sein Bart hängt lose vom Kinn herunter.

„Barbara!“ Wieder keine Rückmeldung.

Seit 1482 steht sein Jagdschloss hier auf dem Einsiedel. Na gut, nicht mehr das Ganze. Gebrannt hat es. Umgebaut wurde es. Abgerissen. Wieder aufgebaut. Menschen haben Türen an Stellen gesetzt, an denen er niemals Türen vorgesehen hatte. Andere Öffnungen haben Handwerker zugemauert, die ihm ausgesprochen wichtig waren. Eberhard erträgt viel. Doch langsam kommen ihm Zweifel, denn auf nichts mehr ist Verlass. Vor allem seine Barbara kann nicht einfach verschwinden, ohne ihm zu sagen, wohin sie geht.

Er gleitet durch die Wand in Richtung Dachstuhl. Früher hatte sich Barbara dort gern mit ihren eigenen Ideen zurückgezogen. Er gleitet weiter durch die nächste Wand. Türen sind für Geister eine überbewertete Erfindung. Draußen ist sie ebenfalls nicht.

„Typisch Frau“, murmelt er vor sich hin.

Barbara war schon zu Lebzeiten nicht dafür bekannt, auf einem Stuhl auszuharren, bis ihr Gemahl von seinen Unternehmungen zurückkehrte. Sie kam aus dem Ausland. Das allein hätte ihm eine Warnung sein können. Sie hatte ihre eigene Familie, ihre eigene Sprache und vor allem die lästige Angewohnheit, ihre Gedanken für sich zu behalten.

Zwanzig Jahre waren sie 1494 verheiratet gewesen. Seine Erinnerung an diesen Jahrestag wird er nie vergessen. Er hatte ihr sogar eine Medaille prägen lassen.

Und was macht eine Frau, für die eine Medaille geprägt wird? Sie schreibt Briefe nach Italien.

Das fand er schon damals undankbar. Heute ist es noch schlimmer. Heute kann Barbara ihren Vorteil nutzen. Als Geist kann sie gehen, wohin sie will. Durch Mauern und über Grenzen, nach Mantua oder einfach in den Wald.

Eberhard bleibt vor dem Schloss stehen. Der Wald – natürlich.

Schon zu Lebzeiten hatte er nie verstanden, warum eine Frau einen Wald betreten musste, wenn es im Schloss genügend Zimmer gab. Er folgt dem Weg. Über fünfhundert Jahre Geisterdasein haben ihm zumindest beigebracht, dass man einer Frau, die nicht gefunden werden will, besser nicht hinterherruft.

Das hält ihn ungefähr drei Minuten davon ab.

„Barbara!“

Ein Schwarm Vögel schießt aus einer Baumkrone. Keine Barbara. Dafür hört er Frauenstimmen. Eberhard bleibt stehen. Die Stimmen locken ihn an. Er gleitet zwischen den Bäumen hindurch und entdeckt sie auf einer Lichtung. Sechs Frauen sitzen im Kreis. Eine kennt er. Schließlich ist er mit ihr verheiratet. Die anderen nicht.

Barbara sitzt auf einem Baumstamm und redet. Eberhard lauscht.

„Wir müssen festhalten, was wir wissen“, sagt sie. „Sonst erzählen später wieder die Männer, wie es gewesen ist.“

Die Frauen lachen. Eberhard nicht. Er schiebt sich näher heran.

„Und was genau“, fragt er und erscheint zwischen zwei Buchen, „soll das heißen?“

Keine der Frauen erschrickt. Das beunruhigt ihn. Barbara sieht zu ihm herüber.

„Du hast uns gefunden.“

„Selbstverständlich habe ich dich gefunden.“

„Dann kannst du wieder gehen.“

Eberhard glaubt, sich verhört zu haben.

„Ich bin Graf Eberhard.“

„Ich weiß.“

„Dieses Schloss gehört mir.“

„Nicht mehr.“

Eine der Frauen kichert. Eberhard sieht sie streng an. Sie trägt merkwürdige Kleidung, eine Hose wie ein Mann und Schuhe, mit denen früher nicht einmal ein Stallknecht vor ihn getreten wäre.

„Wer ist das?“

Barbara lächelt.

„Das geht dich nichts an.“

Eberhard zupft an seinem Bart. Seit mehr als fünfhundert Jahren ist er tot, aber es gibt Sätze, gegen die selbst die Ewigkeit nichts ausrichten kann.

„Was macht ihr hier?“

Barbara steht auf.

„Erkundigungen.“

„Worüber?“

„Über dich.“

Jetzt wird Eberhard durchsichtig. Nicht ein bisschen. Vollständig. Für einige Sekunden ist nur noch sein Bart zu sehen.

„Über mich gibt es nichts zu erkundigen.“

Barbara lächelt. Genau dieser Satz ist es, auf den sie gewartet hat. Denn seit mehr als fünfhundert Jahren liegt oben im Dachstuhl etwas, von dem Eberhard glaubt, dass niemand davon weiß.

Heute will sie es den Frauen zeigen.

Wünsche allen einen sonnigen Tag!

Liebe Grüße
Mike Melonte


Sonntag, 20. September 2026

Der Liebeszauber - Geschichten aus dem Schloss aus Kirchentellinsfurt

Karl hatte schon als Kind gelernt, dass man nicht jeden Menschen behalten konnte, nur weil er zur Familie gehörte. Besonders deutlich wurde ihm das, als sein älterer Bruder krank wurde und sein Bett näher ans Fenster rückte. In den Räumen war die Luft ohnehin schlecht, denn der Rauch aus der Küche fand keinen vernünftigen Abzug und legte sich nicht nur als schwarzer Belag auf Wände und Balken. Man atmete ihn ein, Tag für Tag, und wer ohnehin schon geschwächt war, bekam irgendwann kaum noch Luft.

Als das Bett seines Bruders direkt am Fenster stand, wusste Karl, was das bedeutete. Dort bekam er noch ein wenig mehr Luft. Eines Tages war das Bett leer. Sein Bruder war weg vom Fenster. Für Karl änderte sich damit mehr als nur die Zahl der Menschen, die im Schloss lebten. Seine jüngeren Geschwister waren noch keine zehn Jahre alt und gehörten nach den Vorstellungen der Erwachsenen nicht an den großen Tisch. Kinder waren Teil der Familie, selbstverständlich, aber sie standen nicht in ihrem Mittelpunkt. Karl verstand nicht, weshalb das so sein musste. Wenn er irgendwann selbst Kinder haben sollte, wollte er wissen, was sie dachten, worüber sie lachten und wovor sie Angst hatten. Vor allem aber wollte er sie bei sich haben. Mit dieser Vorstellung stand er ziemlich allein.

Vielleicht begann sein Wunsch fortzugehen genau dort, obwohl er sich das damals noch nicht eingestand. Anderswo sollte es Arbeit geben und die Möglichkeit, sich etwas Eigenes aufzubauen. Von Menschen, die Richtung Osten gezogen waren, wurde erzählt, und jedes Mal hörte Karl genauer hin, obwohl er wusste, dass mit jedem Gedanken an die Ferne etwas anderes näher rückte, das er am liebsten verdrängt hätte. Emmi.

Sie würde nicht einfach mit ihm gehen können. Ihr Vater ist der Totengräber. In ihrer Familie besteht die Vorstellung, eine Tochter könne einem jungen Mann in die Fremde folgen, kaum denkbar. Familie bedeutete Sicherheit, aber ebenso Verpflichtung, und Emmi war darin nicht weniger gefangen als Karl in seiner Verantwortung gegenüber den eigenen Geschwistern.

Je häufiger Karl über das Fortgehen nachdachte, desto weniger wusste er deshalb, was er eigentlich gewinnen würde. Arbeit vielleicht, ein eigenes Zuhause und irgendwann Kinder, die selbstverständlich mit ihm an einem Tisch saßen. Doch all das gab es nur in seiner Vorstellung, während Emmi tatsächlich da war.

Vielleicht war es genau deshalb so verführerisch, als ihm jemand von der Naturfrau erzählte, die für ein paar Kartoffeln Dinge möglich machen sollte, für die Karl selbst keine Lösung fand.

Sie hörte sich an, was er wollte, und verlangte nicht viel. Natürlich Kartoffeln und eine Locke von Emmi.

Die Kartoffeln konnte Karl heimlich beschaffen. Bei der Locke sah die Sache anders aus, denn so nahe war er Emmi noch nie gekommen, und selbst wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte, wäre es schwer zu erklären gewesen, weshalb er plötzlich mit einer Schere neben ihr stand.

Er dachte mehrere Tage darüber nach, bis ihm Emmis Schwester einfiel, die als Dienstmagd im Schloss arbeitete. Ihr ließ er eine Nachricht zukommen, die gerade glaubwürdig genug klang, um nicht nach einem Liebeszauber auszusehen. Wie hätte er ihr das erklären können?

Er werde fortgehen, ließ er Emmi ausrichten, vielleicht sogar nach Übersee, und er wünsche sich eine Locke von ihr, damit er etwas habe, das ihn an sie erinnere. 

Emmi sagte zunächst nichts. Erst später fragte sie ihre Schwester, ob Karl wirklich gehen wolle.

„Bist du sicher?“

Die Schwester nickte und versicherte ihr, genau das habe er gesagt. Trotzdem verging wieder Zeit, bis Emmi ein zweites Mal nachfragte, als könnte sich Karls Entschluss allein dadurch verändern, dass sie lange genug wartete.

Am Abend, als es im Haus still geworden war und nur noch der letzte Rest einer Kerze den Raum erhellte, nahm sie schließlich eine Schere. Sie griff in ihren Nacken, hielt eine Strähne zwischen den Fingern und zögerte noch einmal, bevor sie die Klingen zusammendrückte. Danach legte sie die Locke in ein Leinentaschentuch, schlug den Stoff sorgfältig darüber und gab das kleine Päckchen ihrer Schwester.

Karl brachte die Haare zur Naturfrau, die einige Strähnen herausnahm, sie in Salz legte und leise Worte sprach, von denen er kaum eines verstand. Als sie fertig war, gab sie ihm die Locke zurück und erklärte ihm, er müsse sie gut verwahren, denn von nun an gehöre dieses Haar zu seinem Herzen.

In der Küche konnte Karl die Haare nicht verstecken, ohne Gefahr zu laufen, beobachtet zu werden. Schließlich nahm er einen Löffel und drückte die schwarze Strähne mit dem Ende des Stiels so tief in einen der dunklen Balken, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Von da an wusste nur er, wo sie steckten.

Wenn er in der Küche arbeitete und nach oben sah, waren dort Emmis Haare, und solange sie dort blieben, konnte er sicher sein, dass er noch nichts verloren hatte. Dabei hatte Emmi längst begonnen, ihre eigene Entscheidung zu treffen.

Einen schönen Sonntag
Mike Melonte

 

Donnerstag, 10. September 2026

Nicht für den Müll

Als das alte Haus verkauft wird, ist klar: Sie werden alles auf den Müll schmeißen. Das war letzten Samstag, kurz bevor sie in allen Schubladen wühlten. Mit Handschuhen griffen sie nach mir, als wäre ich ansteckend oder so etwas. Habe ich etwa die Masern?

Natürlich lag ich in einer Nähschublade mit allerlei Zeugs. Ganz rechts war meine Ecke. Neben der Schere fühlte ich mich am Wohlsten. Nur zum Einsatz hatte es seit Jahren nicht mehr gereicht. Nun lag ich da zum Aussortieren. Wie frustrierend. Die Hände greifen direkt nach mir.

„Oh, eine Zweier-Häkelnadel? Hier hat auch jemand Handarbeit gemacht.“

Wolle zieht an mir vorbei. Die Hände schlagen eine Masche an. Dann geht es los. Eine Schlaufe, noch eine, immer weiter. Mir wird schwindlig von den Umdrehungen. Ich bin schließlich schon einige Jahrzehnte alt.Plötzl ich schmeißen mich die Hände samt Wolle auf einen Stuhl. Bin ich ein Boxsack? Was für Manieren die heutige Jugend hat?

Mal ehrlich, Häkeln ist eine besondere Art der Entspannung. Das kann nur jemand grauenvoll finden, der mich nicht leiden kann. Doch dann werde ich an einer Luftmaschenkette in die Höhe gehalten. Wie eine Siegertrophäe. Kurz darauf verschwinde ich in einer Jackentasche. Oh, wie bin ich erleichtert. Jemand kann mit mir etwas Schönes häkeln.

Und ich sehe endlich wieder Tageslicht. Am Abend geht es weiter. Ein roter Faden legt sich um meinen Hals. Na wunderbar. Kaum dem Müll entkommen, werde ich gefesselt.

Die Hände lassen mir keine Ruhe. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Ich komme richtig in Fahrt. Ich bin noch voll agil. Nach all den Jahren fühle ich mich wieder wichtig. Vielleicht wird es ein Schal. Ein feiner Zwirn, den jeder gern tragen möchte oder eine elegante Stola. Bei meiner Größe zwei kann man schließlich keine groben Sachen von mir verlangen.

Reihe um Reihe arbeite ich mich voran. Der rote Faden folgt mir aufs Wort. Ich ziehe ihn durch jede noch so enge Masche. Manchmal sträubt er sich, dann nehme ich ihn eben auf den Haken. Dafür bin ich schließlich da. Das Stück wächst.Quadratisch. Sehr quadratisch. Mir kommen erste Zweifel. Eine Stola sieht anders aus.

„Schau mal“, sagt die junge Frau und hält unser Werk in die Höhe. „Mein erster Topflappen!“ Topflappen, wie bitte? Jahrzehnte habe ich in einer dunklen Schublade überlebt. Ich bin dem Sperrmüll entkommen, wurde wie eine Siegertrophäe in die Höhe gehalten und habe mich durch unzählige Maschen gekämpft. Für einen Topflappen? Das kann nicht wahr sein!

Aber als sie mich anschließend vorsichtig neben das rote Wollknäuel legt, weiß ich: Morgen geht es weiter. Der Topflappen braucht schließlich einen zweiten. Und ganz unter uns: Hauptsache, ich hänge wieder an einem guten Faden.

Wünsche allen eine schöne Woche
Mike Melonte

Samstag, 29. August 2026

Ohne Strom

Früh werde ich wach. Izzy wäscht mich mit ihrer Zunge. Überall bin ich nass, sodass es mir unmöglich ist, weiter liegenzubleiben. Mit einem schwebenden Bein koordiniere ich den Weg ins Bad, ziehe den Schlafanzug aus und stelle mich unter die Dusche.

Es ist kurz nach sechs Uhr. Samstagmorgen in Albanien. Was soll ich um diese Zeit auch sonst machen?
Ich häkle noch einen Vampir und lege die getragenen Kleidungsstücke zusammen. Morgen ist Abreisetag. Langsam verschwindet mein Leben wieder aus dem Hotelzimmer und wandert zurück in die Taschen.

Mit einem Klick bleibe ich an den Nachrichten hängen. Norwegens König ist verstorben. Etwas traurig hänge ich meinen Gedanken nach. Izzy hält nichts von längerer Andacht und schleckt wieder an mir herum. Jetzt aber. Ich ziehe mich hurtig an. Bevor es ein Malheur im Zimmer gibt, muss der Hund raus.

Mutig erklimme ich mit Izzy den steilen Berg. Inzwischen kenne ich ihn. Meine Beine vermutlich auch, allerdings haben sie mir ihre Meinung dazu noch nicht abschließend mitgeteilt. Heute gehen wir sogar noch ein Stück weiter. Bis vor uns ein ziemlich großer Hund auftaucht. Ich drehe um. Man muss im Ausland nicht jede Begegnung bis zum Ende ausdiskutieren.

Natürlich lösen sich morgens auch die albanischen Hunde. Deshalb jault und bellt es aus allen Richtungen und hinter Grundstücken. Vielleicht handelt es sich um eine Art Geheimcode.

„Deutsche mit Hund unterwegs.“

„Schon gesehen.“

„Hat sie Futter dabei?“

„Keine Ahnung. Aber Wasser wäre nicht schlecht.“

Morgens ist der Asphalt noch nicht so heiß. Trotzdem schwitze ich schon vor sieben Uhr. Die Sonne hat offenbar andere Arbeitszeiten als ich. Zurück im Hotel werde ich gefragt, ob ich frühstücken wolle.

Irgendwie ist das seltsam. Jeden Morgen werde ich gefragt. Bezahlt habe ich ein Zimmer mit Frühstück im Voraus. Heute bekomme ich eine aufgeschnittene Tomate und ungefähr ein Achtel Tässchen heißes Wasser für meinen Tee. Nach dem Käse muss ich fragen. Das Maisbrot ist so hart, es krümmelt mir den Schlund hinunter. Ohne Tee bleibt es im Hals stecken. Das Messer hat heute Urlaub. Vielleicht wird gespart. Ich frage danach. Der junge Mann versteht nicht, was ich möchte. Ich zeige eine Schneidebewegung mit der Hand. Er schaut mich an und geht dann. Das Messer bleibt verschwunden.
Die Miniwürste auf meinem Teller gebe ich Izzy. Wenigstens eine von uns beiden geht zufrieden vom Frühstückstisch.

Der Vormittag nimmt mich mit Häkeln vollständig in Beschlag, bis mich der Hunger wieder hinaus in die Hitze drückt. Noch einmal soll es das Lokal auf dem Berg werden. Dort habe ich inzwischen meinen Platz gefunden. Vielleicht gehört das zum Reisen: Erst ist alles fremd. Plötzlich finde ich einen Weg, eine Gastronomie mit Schattenplatz und eine Stelle, an der ich mich wohlfühle. Den Nachmittag verbringe ich schwitzend in der Natur und genieße das mediterrane Klima. Ein Olivenbaum leistet mir Gesellschaft. Ich versuche es mit einem kleinen Gespräch.

Er antwortet nicht. Vielleicht liegt es an meinem Dialekt. Schwäbisch kann nicht jeder. Dafür chatte ich mit meiner Tochter, die gerade in einem Nobelrestaurant ein mehrgängiges Menü genießt. Während bei mir ein Olivenbaum schweigt, wird ihr vermutlich erklärt, welches Öl auf ihren Teller hüpft.

Auf dem Rückweg schaue ich mir noch einmal den Kakibaum an. Den würde ich am liebsten sofort mitnehmen. Feigen fallen reif vom Baum und bleiben einfach auf dem Boden liegen. Zu gern hätte ich auch einen Granatapfel mitgenommen, aber der ist noch grün.

Nach diesem Nachmittag in der Hitze habe ich nur noch einen Wunsch: zurück ins Hotel, Klimaanlage an und duschen. Der Portier empfängt mich. 

„No electricity.“

Oje. Kein Strom. Die Klimaanlage kann ich vergessen. Das Handy lädt nicht und Licht gibt es auch keines. Na gut. Dann dusche ich eben im Dunkeln. Ich drehe den Wasserhahn auf. Nichts. Kein Tropfen. Jetzt verstehe ich. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Wasser. Auf einmal bekommt dieser kleine Satz des Portiers eine erstaunliche Tragweite.

„No electricity“ heißt: keine Klimaanlage, kein Licht, kein geladenes Handy und kein Wasser. In einem Land, in dem ich schon morgens vor sieben Uhr schwitze, ist das eine bemerkenswerte Kombination. Alles hängt zusammen. Ich sitze auf dem Bett und frage mich, ob hier tatsächlich häufiger der Strom ausfällt. Oder wird er vielleicht heruntergefahren, wenn kaum jemand im Haus ist, um zu sparen?

Nach meinem Frühstück halte ich inzwischen einiges für möglich. Wenn schon das Messer einen freien Samstag bekommt, warum nicht auch der Strom? Zu Hause weiß ich wenigstens, wo die Messer liegen. Ich kann mir heißes Wasser nachschenken. So sparsam wurde ich noch nie in einem Hotel bedient. 

Vielleicht ist das hier auch gar kein Frühstück, sondern eine heimliche Abnehmkur. Ein Achtel Tässchen Wasser, hartes Brot und kein Messer. Morgen ist Abreise. Bis dahin sollte das erste Kilo geschafft sein.

Und doch nehme ich aus diesem Tag eine kleine Erkenntnis mit:

Wir halten vieles für selbstverständlich, solange es funktioniert. Wasser kommt aus dem Hahn. Strom aus der Steckdose. Das Handy lädt. Die Klimaanlage kühlt.

Wehe, eines davon fällt aus. Und plötzlich hängt das Leben an einer Steckdose.

Herzliche Grüße 
Mike Melonte

Donnerstag, 27. August 2026

Ziel erreicht


In Albanien strahlt die Sonne vom Planeten, als wären wir alle ein Stück näher an Afrika gerückt. Heiß, schwül und voller Überraschungen. Die erste beginnt mit einer Parkplatzsuche.

Wir landen an einer Einkaufsmeile zwischen Möbeln, Klamotten und schließlich dem lang ersehnten Bankautomaten. Albanien gehört nicht zur EU und hat seine eigene Währung. Plötzlich mit Tausendern zu bezahlen, muss man erst einmal checken. Tausende Lek wechseln den Besitzer, als wäre nichts dabei. Unser erstes Essen direkt am Strand gelingt noch in Euro. Ein gebrutzelter Wolfsbarsch, zweimal Salat und Maisbrot: 30 Euro.

Willkommen in Albanien.

Die Weiterfahrt ist eine Lektion für sich. Schlaglöcher tauchen auf, verschwinden und werden von Erhöhungen abgelöst, die unvermittelt aus dem Asphalt wachsen. Abbremsmomente mit Überraschungseffekt. In der Dunkelheit erwischt es einen Ferrari. Er fliegt förmlich über eine dieser Hürden, einen dreißig Zentimeter hohen Wall aus aufgeschüttetem Teer ragt unvermittelt auf. Ohne Vorankündigung! Vielleicht gehört das zur natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung.

Die Luft drückt. Endlich ein Café, endlich kaltes Wasser. Izzy mault. Nein, sie bellt.

Ein Rüde wird von ihr noch angehimmelt. Dann zieht eine Hündin vorbei und mit Diplomatie ist Schluss. Die Hundedame im beigen Fell bleibt stehen und bellt. Nicht laut, aber ausdauernd. Eigentlich bettelt sie. Sie ist hungrig und durstig. Eine Frau steht auf und versucht, mit ihr zu sprechen. Doch die fremde Fellnase will Wasser. Niemand bringt ihr welches. Die Putzfrau wedelt mit dem Mop ihr nach. Sie versteht das Zeichen und rückt etwas nach links weg.

Nach und nach stehen die Leute im Kaffee auf. Die eben noch gut besuchte Terrasse leert sich. Wir stehen schließlich auch auf. Ich lege ein paar getrocknete Lachsstreifen neben einen Blumenkübel unweit vom der Terrasse.

Meine Tochter möchte noch ein Outfit besorgen und verschwindet in einem Laden. Hunde sind nicht erlaubt. Ich bleibe draußen und schwitze. Die automatische Glastür öffnet und schließt sich. Jedes Mal streicht ein kühler Luftzug nach draußen. Ich stelle mich etwas näher.

Ich muss schließlich den kühlen Luftzug mitnehmen. Plötzlich aus heiterem Himmel. Nein, im Rücken trifft mich die Glastür. Der Sensor wird mich erkennen und die Tür wieder zurücknehmen. Ich denke mir nichts dabei.

Izzy nutzt einen Moment und läuft in den Laden. Ich hole sie an der Leine zurück. Mit dem Rücken zur Eingangstür beuge ich mich zu ihr. Dann passiert es. Die rechte Glastür löst sich aus ihrer Verankerung. Einscheiben Sicherheits Glas (ESG) stürzt auf den Boder, zerbricht in unzählige kleine Teile. Für einen Moment stehe ich nur da. Dann sehe ich Izzy. Ziehe sie über die Scherben. Raus hier ist mein nächster Gedanke. Ein Glassplitter trifft mich am Fuss.

Was wäre gewesen, wenn diese Tür auf meinem Kopf zusammengebrochen wäre? Mein solange erwünschter Urlaub wäre abrubt vorbei. Vielleicht mehr als der Urlaub. Der Manager nimmt keine Daten auf. Er hat eine Versicherung und meldet das sofort. Ich komme mit einem Schrecken davon.

Kurz darauf bringe ich meine Tochter nach Tirana. Es dauert ca. eine halbe Stunde Fahrzeit bis zu ihrem Hotel mitten in der Stadt. Ein Parkplatz wird schwer bewacht, aussteigen lassen und weiterfahren. Tirana ist eine eigene Nummer. Autos schieben sich durch viel zu enge Straßen, Motorräder schlängeln sich dazwischen. Es wird gehupt, überholt, wieder eingeschert. Wo ich noch überlege, wer eigentlich Vorfahrt hat, scheint die Antwort längst gefunden: derjenige, der fährt.

Ich lasse Tirana hinter mir und mache mich auf den Weg zum Hotel Corner. Eingeplant ist eine halbe Stunde. Wir waren zuerst mein Hotel suchen und sind dann nach Tirana.

Noch acht Minuten zu meinem Hotel. Ich habe Durst und hole mir einen Snack. Dafür halte ich noch einmal an – und platze mitten in eine Beerdigung. Viele Menschen in Schwarz stehen zusammen und reden. Ich entdecke eine kleine Lücke an der Straße und drängle meinen VW-Bus hinein. Auf meinen Mut bin ich durchaus ein bisschen stolz. Wasser, Frischkäse und Tomaten. Mehr brauche ich heute nicht. Als ich aus dem Laden komme, sind die Menschen verschwunden. Jetzt hätte ich einen Parkplatz haben können.

Eine Minute vor dem Hotel geht es nicht mehr weiter. Ein Baum liegt quer über der Straße. Entwurzelt, gut zehn Meter lang, als habe er beschlossen, sich der Beerdigung solidarisch anzuschließen.

Vor mir steht ein Auto. Hinter mir kommen weitere. Mercedes und BMW überholen meinen einfachen VW-Bus, nur um wenige Meter später ebenfalls vor dem Baum zu stehen. Ich bleibe sitzen und denke an Wasser, Frischkäse und Tomaten. Hätte ich nicht eingekauft, wäre ich ein paar Minuten früher hier gewesen. Zum zweiten Mal an diesem Tag scheint mein Schutzengel einen Auftrag bekommen zu haben. So ein Schutzengel ist wahrlich schwer im Einsatz.

Direkt neben der Straße befindet sich ein Grundstück mit einem Tor. Ein junger Mann winkt mich hinein. Ich darf wenden, mit Izzy ein Stück laufen und bin weg von der Menschentraube, die sich inzwischen um den Baum gebildet hat. Erstaunlich schnell ist Hilfe vor Ort. Ein Quadfahrer kommt, kurz darauf ein Lastwagen mit Kran. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Straße wieder frei.

Ich fahre ins Hotel. An diesem Abend gibt es zweimal Fanta. Süß und kalt. Anschließend falle ich sehr müde ins Bett und schlafe glatt zwei Stunden. Irgendwann werde ich von einem Geräusch wach. Luststöhnen dringt bis in mein Zimmer. Ungehemmt und laut. Ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Auch das noch.

Später sehe ich das Pärchen. Ein älterer Herr, Ende fünfzig vielleicht, und eine junge Frau um die dreißig. Sie gehen an mir vorbei. Vielleicht ist das Hotel Corner tatsächlich für Menschen gedacht, die weniger Schlaf brauchen als ich.

Izzy muss raus. Also Schuhe an, Leine in die Hand und noch eine Runde Gassi gehen. Unterhalb des Hotels liegt ein Restaurant wie eine umgebaute Burg. Weiter unten ist ein Schiff auf die Klippen aufgelaufen. Die Hitze hängt noch immer über allem. Wasser ist knapp.

Ich schaue mich um. Was für ein Tag. Tausende Lek, ein fliegender Ferrari, eine aus den Angeln gerissene Glastür, Tiranas Verkehr, eine Beerdigung, ein entwurzelter Baum – und nun ein Hotel, in dem offenbar nicht jeder zum Schlafen eincheckt. Mein Schutzengel dürfte inzwischen Feierabend haben. Ich hoffe es zumindest.

Albanien. Ziel erreicht.

Liebe Grüße nach Deutschland
Mike Melonte