Bei meinem ersten Zusammentreffen
hätte ich schwören können, ich bin Diebesgut.
Sobald die
Nachbarin in die Wohnung kam, wurde ich schnell versteckt. Zack –
weg war ich. Als hätte ich etwas verbrochen. Dabei bin ich doch nur
eine Stricknadel. Schlank, ohne Dellen und äußerst sympathisch.
Erst neulich, also gestern, saß
die Nachbarin in der neuen Sitzecke im Garten. Sie kommt eher selten.
Für mich bedeutet das natürlich: Chillen. Ich liege auf dem
Fensterbrett – am liebsten in der Sonne. In meinem Versteck gibt es
viele Stricknadeln. Aus Holz, Metall und – ich traue mich kaum, es
auszusprechen – sogar Plastik verweilt bei uns.
Weil aus mir ein riesiges
Geheimnis gemacht wird, kommt mir der Verdacht: Ich bin geklaut.
Sobald es an der Tür klingelt, steigt mein Blutdruck, der Puls rast
und ich denke: Jetzt wird es brenzlig. Entweder die Polizei kommt und
nimmt mich mit – oder es gibt einen riesigen Skandal.
„Beweismittel A: eine
Bambusnadel mit Vergangenheit“, höre ich schon die
Durchsage.
Eine? Hier liegen Massen…
Ich habe schon einige Strickjahre
auf den Nadeln. Erfahrung, Eleganz, Präzision.
Dennoch
versteckt sie mich. Ela heißt sie.
Ela hat eine unglaubliche
Energie. Was sie normalerweise beginnt, schmeißt sie nicht auf den
Müll. Aber sicher bin ich mir nicht. Nicht, wenn sie vor Wut eine
Bambusnadel knickt.
Du glaubst, das passiert
nicht?
Ich war dabei.
Mit ihren grün lackierten Nägeln
komme ich mir vor wie im OP-Saal.
„Ruhig bleiben“, sagt
sie.
Zu mir. Dabei bin ICH das Werkzeug.
Dann wird geklebt. Geschliffen.
Poliert.
Eine kleine Operation am offenen Bambus.
„Du schaffst das“, flüstert
die Plastiksippe.
Frechheit. Die haben keine Seele, jammere ich.
Und dann – das Unfassbare –
darf man nach erfolgreicher Sockenvollendung ins ewige
Stricknadelparadies.
Ein Ort, von dem viel gesprochen
wird.
Aber keiner kehrt zurück.
Ich frage mich ernsthaft:
Ist
das Ruhm?
Oder… Entsorgung?
Neben mir flüstert eine alte
Metallnadel:
„Wenn du einmal dort bist, klapperst du nie
wieder.“
Ich weiß nicht, ob mich das
beruhigt.
Ich drehe mich innerlich zu ihr.
„Klappern?“, sage ich ruhig.
„Du nennst das Erfahrung? Dieses ständige Geklapper? Das ist kein
Charakter – das ist Verschleiß.“
Die Metallnadel zuckt. Kaum
sichtbar. Aber ich sehe es.
„Immer dieses Getue“, fahre
ich fort. „Hart, robust, unverwüstlich. Und am Ende? Laut. Kalt.
Und ohne jede Eleganz.“ Stille. Die Plastiksippe hält den Atem an.
Ungehalten flüstern sie unter sich.
„Ich hingegen“, setze ich
nach, „arbeite leise. Präzise. Mit Gefühl. Ich brauche kein
Klappern, um bemerkt zu werden.“
Die Metallnadel räuspert sich
metallisch kämpferisch.
„Gefühl“, zischt sie. „Das
ist was für Wolle.“
Ich lächle und bin sehr ruhig.
„Und genau deshalb“, sage
ich, „wirst du auch immer nur Werkzeug bleiben.“ Ein Luftzug lang
bleibt es still.
Dann wendet sie sich ab. Sie muss
einsehen, das bringt gar nichts mit dem Hochstatus.
Ich muss nicht alles
ausdiskutieren.
Währenddessen ist Ela in ihrem
Element.
„Heute werden die Socken
fertig“, sagt sie.
Socken. Immer wieder Socken. Ich
wollte mal ein Schal werden, gebe ich einen Einwand.
Oder
wenigstens ein dramatischer Loop mit Charakter.
Aber nein,
keiner ist bereit sich mit mir zu streiten.
👉 Fußvolk. Wieder wird mir
klar, mit meiner Art will sich niemand mit mir unterhalten.
Die Wolle neben mir zuckt
nervös.
„Reiß dich zusammen“, flüstert sie. „Das ist
unsere Chance.“
Chance? Ich nenne das
Wiederholungstäter.
Doch dann passiert es. Kein
Knoten. Kein Drama. Keine existenzielle Krise.
Für einen kurzen
Moment… funktioniert alles. In diesem Moment überkommt mich eine
Idee. Vielleicht ist das hier gar kein Versteck. Es ist ein
Raum für Schutz.
Auf der anderen Seite, wer will schon
Diebesgut sein. Das hat etwas mit Ehre zu tun.
Was ist Teil des
Plans?
Hier wird viel versteckt. Viel
repariert. Noch mehr verstrickt… .
Und ich? Ich bleibe wachsam. Man
weiß ja nie, wann die Polizei kommt.
Oder der nächste Socken.
Und eines habe ich gelernt:
👉 Nicht jede Stricknadel
kämpft um ihr Überleben.
👉 Es gibt auch welche, die haben
einfach Charakter. 😄
Herzliche Grüße
Mike Melonte