Samstag, 20. Juni 2026

Warum Urlaub nie planmäßig beginnt

Urlaub bringt mir einen Hauch von Freude. Das Glücksgefühl wandert mit in den Koffer. Ein Blick hinein genügt.

Die kurzen Hosen drücken sich an den Föhn. T-Shirts umschlingen die Kulturtasche. Kurz überlege ich, was noch fehlt, und hole meine Liste für alle Eventualitäten hervor. Erleichtert stelle ich fest: fast alles abgehakt.

Jetzt noch schnell zur Bank ein paar Noten abheben. In der Zwischenzeit telefoniere ich mit einer Freundin. Sie will auch in den Urlaub. Seit Jahren verbringt sie ihre Ferien auf dem Balkon, weil ihr Mann sehr sparsam ist. Eigentlich verdient sie ihr eigenes Geld.

Mein Gewissen meldet sich zu Wort. Ich könnte mit ihr auch einmal einen gemeinsamen Urlaub machen. Mallorca vielleicht. Mein Mann hat nichts für das Mittelmeer übrig. Außerdem, was soll er dort machen? Den Schweißperlen beim Fließen zusehen?

Im Grunde sollte meine Freundin ihren Mann am Straßenrand aussetzen. Er ist ja kein Hund. Sein Geiz bringt seit Jahren keinen Mehrwert. Andererseits geht mich das nichts an. Manche Ehen funktionieren – nur nach welchen Regeln? Als Außenstehende muss ich die nicht verstehen. Vielleicht gehört getrennt zahlen bei ihnen längst zur Ehe wie die Fernbedienung zum Couchtisch.

Nebenbei suche ich meine Sommerschuhe. Slipper. Sandalen. Irgendetwas, das nach Urlaub aussieht. Worst Case: Die Sandalen sind verschwunden.

Ich schaue im Keller nach. Nichts. Auf der Bühne. Fehlanzeige. Im Schrank. Ebenfalls nichts.

Falls ich die Schuhe nicht finde, laufen meine Füße im Schweiße ihrer Zehen in Turnschuhen herum. Wandertag, kulturelle Veranstaltungen, Sommerkleid und Nike. Das Gelächter höre ich schon jetzt. Wahrscheinlich werde ich als einzige Frau der Reise aussehen, als hätte ich mich für eine Alpenüberquerung statt für Urlaub angemeldet.

Es klingelt an der Tür. Meine Schuhe müssen warten. Meine Freundin steht davor und heult. Hätte sie noch zehn Minuten länger geweint, wäre der Meeresspiegel messbar angestiegen.

Er hat unser Telefonat gehört und mich rausgeschmissen.“

Ich nehme sie in den Arm. Die Alkoholfahne trifft mich mit solcher Wucht, dass ich kurz nach dem Türrahmen greifen muss.

Komm rein“, sage ich.

Torkelnd betritt sie den Flur. Dort angekommen übergibt sie sich auf die frisch verlegten Bodenfliesen.
Für einen Moment betrachte ich das Werk. Dann betrachte ich die Fliesen. Die Fliesen verlieren. Ich rufe ihren Mann an. Er macht sich Sorgen. Offenbar kennt er das Problem bereits.

Als er sie abholt, stützt er sie mit routinierter Gelassenheit zum Auto. Ich verspreche ihr einen gemeinsamen Urlaub. Nur wir zwei. Nachdem beide verschwunden sind, stehe ich wieder allein im Flur.
Putze alles weg. 
Meine Sandalen bleiben unauffindbar. Für eine Wochenendkatastrophe genügt dagegen ein einziges Telefonat.

Servus
Mike Melonte



Freitag, 19. Juni 2026

Ungebetener Fahrgast

Die Sonne zieht mir die Jacke aus. Schweißperlen füllen ein Taschentuch, und Lucky rennt hinter jeder Mücke her. Deshalb bekommt er wieder den Maulkorb auf.

Eine Menge Hundehalter haben herausgefunden: Morgens laufen ist für den Hundetagesablauf viel entspannter. Mit hechelnder Zunge traben meine zwei neben mir her.

Eine völlige Überraschung trifft mich im Obstspalier. Die Frau hat ihren Hund streng gemaßregelt: „Ajla“ – oder so ähnlich – „hier!“

Freilaufende Hunde sind ein gefundenes Fressen für meine. Bei meinen beiden gelten sie als kostenloses Unterhaltungsprogramm. Sich mal ordentlich raufen – das wollen sie immer. Ich möchte das verhindern. Dafür gehe ich schließlich auf den Hundeplatz. Seither klappt das ganz gut. Die beste Übung ist die, die sofort auf Lucky trifft, wenn das wilde Bellen und das Stürzen auf den anderen Hund beginnt: ein ordentlicher Schwung Wasser.

Er hasst Wasser. Selbst bei 35 Grad geht er hechelnd nur bis zu den Krallen hinein, schüttelt sich und tut so als hätte er den Bodensee durchschwommen. Jedenfalls fühlt er Freilaufende Hunde sind ein gefundenes Fressen für meine. Bei meinen beiden gelten sie als kostenloses Unterhaltungsprogramm.sich anschließend erfrischt. Izzy dagegen muss baden – bis zu den Ohren.

Auf dem Rückweg über sechs Kilometer klebt eine Fliege an der Windschutzscheibe. Beim Anfahren scheinen ihre Flügel abzuheben. Beim Bremsen fallen sie wieder herunter. Eine Mitfahrgelegenheit kann ich ihr schon bieten. Nur über eine so lange Strecke hat sich noch nie ein Insekt gehalten.

Wünsche allen kühlende Momente
Mike Melonte

Donnerstag, 18. Juni 2026

Der Hund, über den ich mich aufregte

Heute Nacht ist im Schlafzimmer bereits die Hitze des Tages zu spüren. Deshalb steht das Fenster offen, der Rollladen ist unten. Trotzdem werde ich mitten in der Nacht von einem lauten Geräusch geweckt.

Der monotone Dauerton zieht mich aus dem Bett auf den Balkon. In unmittelbarer Nähe steht ein Hubschrauber mit greller Beleuchtung nahezu regungslos in der Luft. Ich frage mich, welcher Notfall eingetreten ist, und bin gleichzeitig dankbar für die Möglichkeiten, Menschen heute zu retten.

Zu gern würde ich auf dem Balkon schlafen, doch die Rotoren des Hubschraubers sind mir zu laut. Insgeheim wünsche ich dem Menschen, der Hilfe bekommt, alles Gute. Bis dahin gehe ich noch von einem medizinischen Notfall aus. Erst am nächsten Morgen wird im Polizeibericht ein vermisster sechsjähriger Junge gemeldet.

Als ich wieder ins Haus gehe und die Balkontür hinter mir schließe, bin ich sehr froh, zurück ins Bett kriechen zu können. Ich schlafe sofort wieder ein.

Irgendwann geht es mit den Störungen weiter. Ein Hund bellt. Mitten in der Nacht. Was für ein Hundehalter ist das denn?

Entsetzt darüber, wie manche Menschen ihre Tiere vernachlässigen, geht meine bessere Hälfte auf den Balkon und lässt Izzy wieder herein.

Sie ist mir in der Nacht gefolgt. Weil sie schwarz ist, habe ich sie nicht gesehen. Also blieb sie auf dem Balkon zurück. Es war warm, sie musste nicht frieren. Den Zeitungsausträger allerdings hat sie offenbar gehörig frisch gemacht.

Der nächtliche Hundebesitzer, über den ich mich eben noch aufgeregt habe, war am Ende niemand anderes als ich selbst.


Liebe Grüße
Mike Melonte

Tierisches Vergnügen

 

Ungefähr seit zwei Wochen kann ich mich morgens beim Anziehen auf keine Farbe festlegen. Das ist für mich ein echtes Drama, denn die Hunde stehen bereits in den Startlöchern – genauer gesagt vor der Tür. Nicht ganz still jedenfalls. Lucky tänzelt ungeduldig herum, während Izzy ihn hin und wieder zurechtweist, weil sie die morgendliche Hektik verabscheut.

Dann wird es laut. Eine wilde Keilerei ist im Gange. Haare fliegen durch die Luft, und ich komme mir vor wie bei einem Speeddating, bei dem sich das Paar von Anfang an nicht leiden kann.

In Unterhose, mit Pantoffeln an den Füßen und oben ohne ins Auto zu steigen, ist allerdings auch keine wirkliche Option. Also schlüpfe ich hastig in die restlichen Klamotten. Meistens wird einfach die oberste Hose aus dem Schrank gezogen.

Blau sollte sich bald als eine Art Reizwäsche für ein ganz besonderes Tierchen in der Natur erweisen. Bisher war mir noch nie eine Zecke bis nach oben gekrochen – egal, welche Farbe ich getragen hatte. Unbemerkt. Kein Kribbeln, kein Jucken. Für die Tierchen offenbar ein tierisches Vergnügen.

Erst spätabends beim Ausziehen entdecke ich die blinden Passagiere. Mein Mann schläft bereits, und die Fundstelle ist wirklich saudoof. Mit der Pinzette rupfe ich die Viecher heraus, so gut es geht. Am nächsten Tag führt allerdings kein Weg am Arztbesuch vorbei. Nun gut. Das habe ich halbwegs überstanden.

Was ich allerdings nicht verstehe: Jedes einzelne Haar, das mir über den Rücken fällt, verursacht augenblicklich Juckreiz. Die beiden Zecken dagegen haben sich völlig ungeniert im Blutrausch an mir festgebissen. Kein Kribbeln. Kein Jucken. Keine Vorwarnung.

Offenbar arbeiten Zecken deutlich professioneller als lose Haare. Während mich eine einzelne Haarspitze beinahe in den Wahnsinn treibt, konnten sich die beiden Blutsauger ungestört durch mein Abendprogramm futtern. Erst beim Ausziehen flog ihre Tarnung auf.

Wünsche allen einen entspannten Tag
Mike Melonte

Mittwoch, 17. Juni 2026

Später Abend

Schlaft nun, Gedanken, ruht aus!

Ich habe die Tasse geleert.

Der Lavendel zieht durchs Haus.

Der lange Tag ist verzehrt.


Ich bin in die Decke gekrochen

wie eine Raupe hinein.

Die Unruhe ist zerbrochen.

Nun darf alles stille sein.


Ich weiß jetzt, was Kissen wissen,

wenn sie die Müdigkeit tragen.

Ich weiß, warum Träume grüßen,

bevor sie leise etwas wagen.

Liebe Grüße
Mike Melonte 


Montag, 15. Juni 2026

Die Macht ist mit uns, aber der Weg offenbar nicht!

Der Wind weht angenehm durch die Straßen. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Genau das richtige Wetter für einen Abendspaziergang. Im Fernsehen läuft Fußball. Das interessiert hier allerdings niemanden. Izzy und Lucky stehen bereits an der Tür und schauen mich an, als hätte ich die Gassirunde um mehrere Stunden verschoben.

Kaum haben wir das Haus verlassen, scheint die Welt in Ordnung. Ein paar freundliche Menschen kommen uns entgegen. Man grüßt sich, die Hunde bleiben gelassen und für einen Moment wirkt alles erstaunlich unkompliziert.

Am Mühlbach endet die Harmonie. Ein Spitz mit nachziehender Leine rennt auf uns zu. Er bellt, als hätte er eine wichtige Warnung auszusprechen, die auf keinen Fall verloren gehen darf.

Das ist vielleicht keine so gute Idee“, rufe ich der knieenden Frau zu. Sie sagt irgendetwas, aber so leise, als hätte sie die Hand vor dem Mund.

Stattdessen hebt sie den Spitz unter den Arm, als würde sie ein Paket auf die Post bringen. Der zweite Hund läuft weiter neben ihr her. Sie geht voraus und ich habe leider den gleichen Weg. Könnte ich fliegen, würde ich wie Supergirl über sie hinwegdüsen. Sie bleibt stehen. Dreht sich um und ist fassungslos, dass ich mich traue ihr auf dem gleichen Weg zu folgen. In ihrem Folklorekleid und den roten Haaren sieht sie aus, als wären sie ein Übrigbleibsel der 68‘ Bewegung. Hippie mit einem Joint und endlos viel Zeit. Natürlich um nachzudenken, wie die Welt verbessert werden kann.

Für einen Klassenkampf bin ich müde. „Können Sie uns kurz vorbeilassen?“, frage ich.

Die Frau geht weiter. Also gehen wir ebenfalls weiter. Der Spitz nutzt seine erhöhte Position auf dem Arm seiner Besitzerin, um die Situation weiterhin lautstark zu kommentieren. Lucky wirft mir einen Blick zu, der ungefähr bedeutet: „Ich verstehe zwar nicht, was sein Problem ist, aber meins ist es nicht.“ Natürlich teilt er auch seine Meinung nun lautstark mit.

Können Sie bitte zur Seite gehen? Wir möchten vorbei.“

Das scheint sie nicht zu interessieren. Stattdessen läuft sie einfach weiter den gleichen Weg wie wir. Ich rufe noch einmal hinterher, dass das auch unser Weg ist. Da wird sie pampig. „So eine Unverschämtheit, rücksichtslos“, kommt es zurück. „Was bilden Sie sich ein.“ Na, Einbildung ist auch eine Bildung kommt es mir promt über die Lippen.

Ich gehe einfach weiter. Der Spaziergang läuft am Mühlbach entlang weiter, sie biegt in eines dieser Häuser ab. Die Hunde laufen wieder im normalen Rhythmus weiter.

Was als ruhiger Abendspaziergang beginnt, endet mit einer kleinen Machtdemonstration am Mühlbach. Der Spitz hatte wenigstens einen Grund zu bellen. Bei den Menschen blieb die Ursache für das plötzliche Losproleten bis zum Schluss unklar.

Frohes loslegen in die Woche
Mike Melonte

 

Freitag, 12. Juni 2026

Bedlington Terrier

Vor dem Haus fährt die Müllabfuhr vorbei. Alle vierzehn Tage kommen zwei todesmutige Männer und legen sich mit Juri an. Er kann sie nicht leiden. Mal springen sie blitzschnell von ihrem Wagen, mal schleichen sie so langsam zwischen den Tonnen herum. Egal, in welcher Gestalt sie auftauchen: Die Männer von der Abfallwirtschaft müssen abgemahnt werden. Sein Bellen hört die ganze Nachbarschaft. Schließlich muss er auf seinem Grundstück für Ordnung sorgen.

Mit seinen weißen Locken sieht Juri harmlos aus. Fast wie ein Schaf. Allerdings wie eines mit krimineller Vergangenheit. Neulich bleibt ein Passant vor dem Gartenzaun stehen und mustert ihn lange. „Ist der aus einem Zoo ausgebrochen? Oder wurde der importiert?“

Juri würdigt ihn keines Blickes. Er ist weder das eine noch das andere. Er ist ein pensionierter Denker, der stundenlang auf dem Sofa liegt und grübelt. Über die Nachbarskatzen zum Beispiel. Jeden Morgen beobachtet er sie neugierig vom Fenster aus. Sie kommen aus allen Richtungen und verschwinden in den Nachbargrundstücken. Offenbar halten sie nachts geheime Sitzungen ab. Anders lässt sich ihr Verhalten kaum erklären. Er kann nicht dabei sein. Sein Frauchen lässt ihn nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein in den Garten.

Die Katzenhalter sind merkwürdige Menschen. Kurz vor Mittag laufen sie hinüber zum Landratsamt. Dort gibt es eine Kantine. Für Juri fällt nie etwas ab. Weder eine zufällig weggeworfene Schweinshaxe noch ein Stück Kuchen landet im Vorgarten. Natürlich hätte er nichts gegen einen edlen Spender.

Der Vormittag ist anstrengend. Briefträger müssen kontrolliert werden. Fahrradfahrer gehören grundsätzlich beobachtet. Heute steht außerdem die Müllabfuhr auf dem Programm. Danach hat er sich eine Pause verdient. Er döst auf seinem Lieblingsplatz und denkt über Chanti nach. Sie ist läufig. Chanti wohnt zwei Straßen weiter. Sie zeigt keinerlei Interesse an ihm. Dabei ist Juri ein Bedlington Terrier von adligem Geschlecht in tadelloser Erscheinung.

Chanti dagegen liegt die meiste Zeit in ihrem Garten herum und verlässt ihr Grundstück nur für kurze Pipirunden. Trotzdem hält sie sich offenbar für unwiderstehlich. Juri beschließt, später eine Strategie zu entwickeln, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Über diesen Gedanken schläft er ein. Denken ist für Hunde anstrengend. Selbst im Halbschlaf gibt er gelegentlich einen kurzen Belllaut von sich, damit die Nachbarschaft nicht vergisst, wer hier das Sagen hat. Die genaue Ortsbezeichnung könnte er zwar nicht nennen, aber den Hofeingang würde er jederzeit wiederfinden. Auch nachts.

Sein Frauchen ist eine gewissenhafte Halterin. Deshalb hört er ihr aufmerksam zu, wenn sie Besuch hat. Vor einigen Tagen erfährt er etwas Erstaunliches.

„Sie ist doch Steuerberaterin“, sagt eine Frau vor dem Gartentor. „Bestimmt hat sie ein dunkles Geheimnis.“ Dann erlauben sie sich, in sein Haus zu kommen!

Juri versteht nicht, warum Menschen ständig Geheimnisse vermuten. Sein Frauchen spricht gelegentlich von kreativer Buchführung. Außerdem erklärt sie oft den Geldtransfer zum Finanzamt. "Steuern, Steuern." Für Juri klingt das nach einer besonders unangenehmen Tierarztpraxis. Sicher ist nur eines: Sie ist ein tolles Frauchen. Vielleicht liegt ja im Keller wirklich ein Geheimnis.

Dort steht ein Regal mit Rotweinflaschen. Dahinter befindet sich ein kleines Fach. Juri hat es längst entdeckt. Manchmal setzt sich sein Frauchen abends vor einen Beamer und schaut alte Bilder an. Fotos von früher. Von einem jüngeren Juri. Dann lacht sie oft. An einem dieser Abende springt sie plötzlich auf, geht direkt zum Regal und öffnet ein verstecktes Fach.

„Das ist meine Altersvorsorge“, sagt sie. Juri hebt den Kopf. Er sieht das Fach an. Dann sein Frauchen. Dann wieder das Fach. Und fragt sich zum ersten Mal in seinem Leben:

Bekommt er auch Altersvorsorge?

Herzliche Grüße
Mike Melonte