Der
Morgen zieht alle in Arbeitshaltung. Pendler schieben sich durch die
Straßen, als würden sie für etwas zu spät kommen, das sie ohnehin
hassen. Die Sonne liegt grell auf den Frontscheiben. Selbst die Luft
wirkt überbelichtet.
Zwischen sauber gestutzten Hecken
steht ein Wohnmobil. Zu groß für den Parkplatz. Zu fremd für die
Gegend. Ela sitzt darin im rosafarbenen Schlafanzug und beobachtet
das Wohngebiet durch die offene Tür. Seit fast zwanzig Minuten
bewegt sie sich nicht. Neben ihr dampft Kaffee in einem Becher mit
einem Rottweiler. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Handy.
Eine ältere Frau läuft vorbei
und schaut hinein. Ihr Blick bleibt nicht lange hängen. Ein
Gesichtsausdruck von gespiegelter Verwahrlosung oder gar Gefahr. Ela
lächelt höflich. Die Frau erwidert nichts. Sie geht weiter,
schneller jetzt, als hätte sie plötzlich etwas vergessen. Im
Seitenspiegel rechts außen sieht Ela, wie sie bereits zum Handy
greift. Natürlich. In Deutschland meldet man zuerst Falschparker und
danach Tote.
Der Gehweg ist durch ihre offene
Tür blockiert. Zwei Kinder drücken sich vorbei und starren ins
Innere des Wohnmobils. Ein halb geöffnetes Handschuhfach. Darin
liegt eine Pistole und Geldscheine. Der Blick darauf dauert nur einen
Moment. Im nächsten zieht sie die Tür ruhig zu. Der Autoschlüssel
steckt bereits. Fluchtbereit. Dann klingelt das Telefon.
„Ja?“
Die Stimme am anderen Ende schweigt kurz.
„Sie sind zu alt.“ Ela
antwortet nicht. Draußen kreischt irgendwo ein Vogel. Oder ein Kind.
Schwer zu unterscheiden. „Das Arbeitsamt interessiert sich übrigens
nicht für Sie“, sagt die Stimme weiter. „Die Polizei dagegen
inzwischen schon.“ Die Leitung bricht ab. Ela klettert auf den
Fahrersitz.
Der Motor startet leise.
Das Wohnmobil rollt langsam an.
Vorbei an Vorgärten, Windspielen und sommerlichen
Gerüchen nach Würze. Orte
wie diese lieben Gewalt.
Orte,
an denen niemand hinsieht, solange die Mülltonnen pünktlich draußen
stehen. Am Ende der Straße liegt eine Sackgasse. Zwischen
dem Früher
und dem Heute
klaffen Welten. Jetzt rattert eine Band eine musikalische Nummer
herunter. Mitten zwischen
Garagen und Containern spielen vier Männer irgendetwas
wie Tango. Oder
ist das Jazz? Laut. Schräg.
Ein Rhythmus
hämmert gegen die Hauswände und direkt in ihren Kopf. Zu viele
Menschen. Zu viele Zeugen. Ela verlangsamt ihre Fahrt. Raus hier,
schreit ihr Inneres. Der Trommler hebt kurz den Blick. Und nickt als
wolle er mit seiner Kopfbewegung die Zukunft diktierern.
In einem zusammengezogenen Gesicht – abwertend.
Nicht freundlich.
Ihr Magen zieht sich zusammen.
Vielleicht war auch der Kaffee zu stark. Das linke Handgelenk des
Mannes trägt eine schwarze Tätowierung von einem Vogel mit drei
Strichen darüber.
Dasselbe Zeichen wie auf der
Akte. Kann es einen Zusammenhang zwischen ihrer Mutter und diesem
Mann geben. Unmöglich. Sie reißt das Steuer herum. Das Wohnmobil
dreht überraschend leicht vorbei an der Band. Die Reifen quietschen
über den Asphalt. Niemand aus der Band reagiert. Sie spielen weiter,
als hätte man genau das erwartet. Erst als sie zurück auf die
Straße fährt, beginnt ihr Herz zu rasen. Noch während der Fahrt
zieht sie einen Pullover über den Schlafanzug. Die Finger zittern
leicht. Der Mund ist trocken. Über die Kopfhaut zieht sich ein
Kribbeln. Das Handy bleibt stumm.
Zwei Straßen weiter stellt sie
das Wohnmobil hinter einem leerstehenden Getränkemarkt ab. Hastig
klappt sie das Fahrrad vom Heckträger und zieht eine Hose an. Wirft
die Schlafhose hinter den Sitz. Wer hat ihre Mutter getötet. War es
der Musiker? Wiederholt sich nun alles wieder. Sie will von niemandem
wahrgenommen werden. Unauffällig werden. Am liebsten würde sie sich
im Kleiderschrank verstecken. Wie vor Jahren. Als die ausgewachsene
Dogge zur Urlaubsbetreuung kam. Ihre Mutter hatte ein Herz für
Tiere.
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| Canva |
Gerade will sie sich auf ihr Rad
schwingen, als jemand neben ihr lacht. Ein fremder Mann mit dunkler
Haut. Großen braunen Augen. Keine agressiven. „Sie fahren zu
hektisch“, sagt er. Immer noch mit einer hab Acht Mentalität. Er
tritt näher. Nicht bedrohlich. Fast freundlich.
„Entschuldigung?“
„Wenn Menschen verfolgt werden,
fahren sie gern mit quietschenden Reifen. “
Sein Lächeln zeigt makellos
weiße Zähne. Ist er von der Polizei?
Ela greift fester an den Lenker.
„Kennen wir uns?“
Der Mann betrachtet sie
aufmerksam. Als würde er prüfen, ob sie dieselbe Person ist wie auf
einem Foto. Dann streicht seine Hand vorsichtig durch ihr Haar. Eine
intime Geste. Sie ist in ihren Gefühlen eingefroren. Kontrolllos.
Das hatte sie nicht erwartet.
Seine Finger bleiben kurz hinter
ihrem Ohr hängen und ziehen ein Zwei-Euro-Stück hervor.
„Jetzt ja“, sagt er.
Ela spürt den inneren
Druckabfall in den Haaren. „Ist das ein Ritual mit der Absicht viel
Geld zu gewinnen...“
Adrenalin schießt ihr erneut
durch den Körper. Sie stößt ihn weg, springt aufs Fahrrad und
fährt los. Hinter ihr ruft niemand. Keine Schritte. Keine
Verfolgung. Nur dieser schreckliche Musikgeschmack. Der schlecht
gespielte Tango schwebt durch die Straßen wie eine Drohung. Ela
tritt in die Pedale. Bergab. Der Fahrtwind schneidet ihr ins Gesicht.
Autos ziehen vorbei. Menschen laufen ahnungslos über Ampeln.
Irgendwo hupt jemand. Und plötzlich versteht sie. Das
Vorstellungsgespräch existiert nicht. Hat es nie. Jemand hat sie aus
dem Wohnmobil locken wollen. Vor ihr springt eine Ampel auf Rot. Ela
fährt trotzdem weiter.
Wünsche allen einen guten Start in die Woche
Mike Melonte