In Albanien strahlt die Sonne vom Planeten, als wären wir alle ein Stück näher an Afrika gerückt. Heiß, schwül und voller Überraschungen. Die erste beginnt mit einer Parkplatzsuche.
Wir landen an einer Einkaufsmeile zwischen Möbeln, Klamotten und schließlich dem lang ersehnten Bankautomaten. Albanien gehört nicht zur EU und hat seine eigene Währung. Plötzlich mit Tausendern zu bezahlen, muss man erst einmal checken. Tausende Lek wechseln den Besitzer, als wäre nichts dabei. Unser erstes Essen direkt am Strand gelingt noch in Euro. Ein gebrutzelter Wolfsbarsch, zweimal Salat und Maisbrot: 30 Euro.
Willkommen in Albanien.
Die Weiterfahrt ist eine Lektion für sich. Schlaglöcher tauchen auf, verschwinden und werden von Erhöhungen abgelöst, die unvermittelt aus dem Asphalt wachsen. Abbremsmomente mit Überraschungseffekt. In der Dunkelheit erwischt es einen Ferrari. Er fliegt förmlich über eine dieser Hürden, einen dreißig Zentimeter hohen Wall aus aufgeschüttetem Teer ragt unvermittelt auf. Ohne Vorankündigung! Vielleicht gehört das zur natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung.
Die Luft drückt. Endlich ein Café, endlich kaltes Wasser. Izzy mault. Nein, sie bellt.
Ein Rüde wird von ihr noch angehimmelt. Dann zieht eine Hündin vorbei und mit Diplomatie ist Schluss. Die Hundedame im beigen Fell bleibt stehen und bellt. Nicht laut, aber ausdauernd. Eigentlich bettelt sie. Sie ist hungrig und durstig. Eine Frau steht auf und versucht, mit ihr zu sprechen. Doch die fremde Fellnase will Wasser. Niemand bringt ihr welches. Die Putzfrau wedelt mit dem Mop ihr nach. Sie versteht das Zeichen und rückt etwas nach links weg.
Nach und nach stehen die Leute im Kaffee auf. Die eben noch gut besuchte Terrasse leert sich. Wir stehen schließlich auch auf. Ich lege ein paar getrocknete Lachsstreifen neben einen Blumenkübel unweit vom der Terrasse.
Meine Tochter möchte noch ein Outfit besorgen und verschwindet in einem Laden. Hunde sind nicht erlaubt. Ich bleibe draußen und schwitze. Die automatische Glastür öffnet und schließt sich. Jedes Mal streicht ein kühler Luftzug nach draußen. Ich stelle mich etwas näher.
Ich muss schließlich den kühlen
Luftzug mitnehmen. Plötzlich aus heiterem Himmel. Nein, im Rücken
trifft mich die Glastür. Der Sensor wird mich erkennen und die Tür
wieder zurücknehmen. Ich denke mir nichts dabei.
Izzy nutzt einen Moment und läuft in den Laden. Ich hole sie an der Leine zurück. Mit dem Rücken zur Eingangstür beuge ich mich zu ihr. Dann passiert es. Die rechte Glastür löst sich aus ihrer Verankerung. Einscheiben Sicherheits Glas (ESG) stürzt auf den Boder, zerbricht in unzählige kleine Teile. Für einen Moment stehe ich nur da. Dann sehe ich Izzy. Ziehe sie über die Scherben. Raus hier ist mein nächster Gedanke. Ein Glassplitter trifft mich am Fuss.
Was wäre gewesen, wenn diese Tür auf meinem Kopf zusammengebrochen wäre? Mein solange erwünschter Urlaub wäre abrubt vorbei. Vielleicht mehr als der Urlaub. Der Manager nimmt keine Daten auf. Er hat eine Versicherung und meldet das sofort. Ich komme mit einem Schrecken davon.
Kurz darauf bringe ich meine Tochter nach Tirana. Es dauert ca. eine halbe Stunde Fahrzeit bis zu ihrem Hotel mitten in der Stadt. Ein Parkplatz wird schwer bewacht, aussteigen lassen und weiterfahren. Tirana ist eine eigene Nummer. Autos schieben sich durch viel zu enge Straßen, Motorräder schlängeln sich dazwischen. Es wird gehupt, überholt, wieder eingeschert. Wo ich noch überlege, wer eigentlich Vorfahrt hat, scheint die Antwort längst gefunden: derjenige, der fährt.
Ich lasse Tirana hinter mir und mache mich auf den Weg zum Hotel Corner. Eingeplant ist eine halbe Stunde. Wir waren zuerst mein Hotel suchen und sind dann nach Tirana.
Noch acht Minuten zu meinem Hotel. Ich habe Durst und hole mir einen Snack. Dafür halte ich noch einmal an – und platze mitten in eine Beerdigung. Viele Menschen in Schwarz stehen zusammen und reden. Ich entdecke eine kleine Lücke an der Straße und drängle meinen VW-Bus hinein. Auf meinen Mut bin ich durchaus ein bisschen stolz. Wasser, Frischkäse und Tomaten. Mehr brauche ich heute nicht. Als ich aus dem Laden komme, sind die Menschen verschwunden. Jetzt hätte ich einen Parkplatz haben können.
Eine Minute vor dem Hotel geht es nicht mehr weiter. Ein Baum liegt quer über der Straße. Entwurzelt, gut zehn Meter lang, als habe er beschlossen, sich der Beerdigung solidarisch anzuschließen.
Vor mir steht ein Auto. Hinter mir kommen weitere. Mercedes und BMW überholen meinen einfachen VW-Bus, nur um wenige Meter später ebenfalls vor dem Baum zu stehen. Ich bleibe sitzen und denke an Wasser, Frischkäse und Tomaten. Hätte ich nicht eingekauft, wäre ich ein paar Minuten früher hier gewesen. Zum zweiten Mal an diesem Tag scheint mein Schutzengel einen Auftrag bekommen zu haben. So ein Schutzengel ist wahrlich schwer im Einsatz.
Direkt neben der Straße befindet sich ein Grundstück mit einem Tor. Ein junger Mann winkt mich hinein. Ich darf wenden, mit Izzy ein Stück laufen und bin weg von der Menschentraube, die sich inzwischen um den Baum gebildet hat. Erstaunlich schnell ist Hilfe vor Ort. Ein Quadfahrer kommt, kurz darauf ein Lastwagen mit Kran. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Straße wieder frei.
Ich fahre ins Hotel. An diesem Abend gibt es zweimal Fanta. Süß und kalt. Anschließend falle ich sehr müde ins Bett und schlafe glatt zwei Stunden. Irgendwann werde ich von einem Geräusch wach. Luststöhnen dringt bis in mein Zimmer. Ungehemmt und laut. Ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Auch das noch.
Später sehe ich das Pärchen. Ein älterer Herr, Ende fünfzig vielleicht, und eine junge Frau um die dreißig. Sie gehen an mir vorbei. Vielleicht ist das Hotel Corner tatsächlich für Menschen gedacht, die weniger Schlaf brauchen als ich.
Izzy muss raus. Also Schuhe an, Leine in die Hand und noch eine Runde Gassi gehen. Unterhalb des Hotels liegt ein Restaurant wie eine umgebaute Burg. Weiter unten ist ein Schiff auf die Klippen aufgelaufen. Die Hitze hängt noch immer über allem. Wasser ist knapp.
Ich schaue mich um. Was für ein Tag. Tausende Lek, ein fliegender Ferrari, eine aus den Angeln gerissene Glastür, Tiranas Verkehr, eine Beerdigung, ein entwurzelter Baum – und nun ein Hotel, in dem offenbar nicht jeder zum Schlafen eincheckt. Mein Schutzengel dürfte inzwischen Feierabend haben. Ich hoffe es zumindest.
Albanien. Ziel erreicht.
Liebe Grüße nach
Deutschland
Mike Melonte

