Manche Begegnungen sind so besonders, dass sie einen noch lange begleiten. Heute war so ein Tag. Noch immer habe ich die Menschen vor Augen, ihre Gesichter, ihre Stimmen und die Geschichten, die sie mitgebracht haben. Dabei wollte ich doch eigentlich nur lernen, wie man ein Erzählcafé leitet.
Das i-Dipfele in Rottenburg ist eine feste Institution, ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Gemeinschaft erleben. Schon beim Ankommen spüre ich, dass hier etwas Besonderes auf mich wartet. Die Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt, sondern herzlich und selbstverständlich. Ein frisch aufgebackener Leberkäse, leckere Käsebrötchen, Trauben, Bananen und Äpfel stehen bereit. Dazu gibt es Kaffee, so viel das Herz begehrt, Tee, Wasser und Apfelsaft. Es sind diese kleinen Gesten der Aufmerksamkeit, die aus einem gewöhnlichen Veranstaltungsraum einen Ort machen, an dem man sich willkommen fühlt.
Elf Menschen sitzen schließlich an einem länglichen Tisch. Zunächst sieht es so aus, als sei nur ein Mann darunter. Doch dann kommt noch einer hinzu. Zwei Männer und neun Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eines gemeinsam haben: die Neugier auf das, was Menschen zu erzählen haben.
Wie leitet man eigentlich ein Erzählcafé? Wie bringt man Menschen dazu, sich zu öffnen, Erinnerungen hervorzuholen und anderen einen Einblick in das eigene Leben zu gewähren? Und vor allem: Wie schafft man eine Atmosphäre, in der sich jeder traut, seine Geschichte zu erzählen? Mich interessiert das brennend.
Unsere Workshop-Leiterin Dagmar Schenk versteht es auf beeindruckende Weise, uns vom ersten Augenblick an mitzunehmen. Mit großem Einfühlungsvermögen, einer bemerkenswert geschickten Gesprächsführung und einer angenehmen Selbstverständlichkeit führt sie uns durch den Tag. Schon nach kurzer Zeit kenne ich alle mit Namen. Aus elf zunächst fremden Menschen wird eine Runde, in der man einander zuhört, sich austauscht und neugierig auf die Gedanken der anderen wird.
Ich hänge Dagmar förmlich an ihren Lippen. Nicht, weil sie ununterbrochen spricht, sondern weil sie genau weiß, wann sie etwas sagen muss und wann es besser ist, anderen Raum zu geben. Es ist eine Kunst, Gespräche anzuregen, ohne sie zu beherrschen. Fragen zu stellen, ohne Antworten vorzugeben. Und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich vorher noch nie begegnet sind.
Dabei wird mir immer deutlicher, dass ein Erzählcafé viel mehr ist als eine gemütliche Kaffeerunde. Es ist ein Ort für Erinnerungen, Erfahrungen und Lebensgeschichten. Ein Ort, an dem Vergangenheit lebendig wird und Menschen entdecken können, wie viel sie miteinander verbindet.
Die Stunden vergehen wie im Flug. Wir hören zu, tauschen Gedanken aus, lernen voneinander und beschäftigen uns mit der Frage, wie wir selbst ein solches Erzählcafé gestalten könnten. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bereits sehr konkrete Vorstellungen. Andere möchten die vielen Eindrücke erst einmal auf sich wirken lassen. Auch ich merke, wie sich meine Gedanken immer wieder um die Möglichkeiten drehen, die in diesem wunderbaren Format stecken. Und plötzlich ist es 17 Uhr.
Ich bin tatsächlich überrascht. Wo ist nur die Zeit geblieben? Am liebsten würde ich noch sitzen bleiben, weiter zuhören, Fragen stellen und die Gedanken der anderen aufnehmen. Ihre Worte klingen mir nach, während wir uns verabschieden. Was für eine Fülle an Eindrücken, was für interessante Menschen und was für eine wunderbare Erfahrung!
Einige Teilnehmerinnen sind aus Tübingen angereist. Mit einer Frau, die ebenfalls dorthin zurückmöchte, mache ich mich auf den Heimweg. Wir fahren von Rottenburg nach Tübingen, und kaum zehn Minuten später stehe ich schon am Bahnhof. Ein Katzensprung!
Während ich mich verabschiede, denke ich darüber nach, wie nah manchmal die schönsten Entdeckungen liegen. Rottenburg ist wirklich eine wunderschöne Stadt, und das i-Dipfele hat mir heute gezeigt, wie viel Wärme, Offenheit und menschliche Nähe in einem einzigen Tag stecken können.
Ich bin unendlich dankbar für diesen Workshop, für Dagmar Schenk, die uns mit so viel Geschick durch den Tag begleitet hat, für die herzliche Gastfreundschaft und für jeden einzelnen Menschen an diesem Tisch.
Vor allem aber nehme ich etwas mit, das sich nicht in Unterlagen oder Mitschriften festhalten lässt: die Lust, noch mehr Geschichten zu hören und vielleicht eines Tages selbst ein Erzählcafé zu leiten.
Denn jeder Mensch hat eine Geschichte. Man muss ihm nur die Gelegenheit geben, sie zu erzählen.
Und eines weiß ich jetzt schon: Nach Rottenburg komme ich wieder. Sehr gerne sogar.
Wünsche allen ein schönes Wochenende
Mike Melonte

