Irgendwann im Leben von Mann und Frau ist es nicht mehr die Leidenschaft, die beide verzehrend abends ins Bett treibt. Graf Eberhard ist zu Lebzeiten ein Mann voller Interessen. Nein, keine Mätressen. Er liebt seine Barbara Gonzaga aus Mantua (Italien). Das ist lange her. Seit fünfhundertdreißig Jahren ist Graf Eberhard tot. Eigentlich hatte er genügend Zeit und Gelegenheit, sich mit dem Tod abzufinden. Besonders mit dem Ende seiner Herrschaft. Schwieriger ist es für ihn, sich mit der Tatsache abzufinden, nicht mehr zu wissen, wohin seine Frau geht, wenn sie das Haus verlässt.
Auch sie ist seit langer Zeit tot, eine Frau aus adeligem Geschlecht, allerdings mit einem ungelösten Auftrag aus Lebzeiten.
Das Gemäuer verbirgt einige geistige Schätze. Was hat Barbara nicht alles oben auf dem Dachstuhl den Balken anvertraut. Gedanken über die politische Sicht der Frauen zum Beispiel. Die durften nicht mitreden. Was für eine Wertschätzung sollte das sein? Barbara trifft sich deshalb regelmäßig mit Frauen. Frauen, die etwas zu sagen haben, obwohl niemand sie danach fragt. Als sie wieder einmal losziehen will, fährt ein Echo durch das Schloss. Ein Unwetter könnte heranziehen. Vielleicht ist es am Ende sogar ein Erdbeben.
„Barbara!“
Der Ruf zieht durch das alte Gemäuer, gelangt an die Balken der Decke, lässt die Fensterscheiben vibrieren, dringt nach draußen und bleibt an dem Baum vor dem Schloss hängen. Es riecht nach Thymian. Die Sonne scheint. Erst neulich, im September, sah der Baum aus, als würden ihm vor lauter Rufen sämtliche Blätter auf einmal abfallen.
Eberhard erscheint am Fenster. Nicht vollständig natürlich. Für einen Adeligen, der 1496 verstorben ist, sieht er noch erstaunlich gut aus. Nur sein Wams und seine Haarpracht sind deutlich sichtbar. Sein Bart hängt lose vom Kinn herunter.
„Barbara!“ Wieder keine Rückmeldung.
Seit 1482 steht sein Jagdschloss hier auf dem Einsiedel. Na gut, nicht mehr das Ganze. Gebrannt hat es. Umgebaut wurde es. Abgerissen. Wieder aufgebaut. Menschen haben Türen an Stellen gesetzt, an denen er niemals Türen vorgesehen hatte. Andere Öffnungen haben Handwerker zugemauert, die ihm ausgesprochen wichtig waren. Eberhard erträgt viel. Doch langsam kommen ihm Zweifel, denn auf nichts mehr ist Verlass. Vor allem seine Barbara kann nicht einfach verschwinden, ohne ihm zu sagen, wohin sie geht.
Er gleitet durch die Wand in Richtung Dachstuhl. Früher hatte sich Barbara dort gern mit ihren eigenen Ideen zurückgezogen. Er gleitet weiter durch die nächste Wand. Türen sind für Geister eine überbewertete Erfindung. Draußen ist sie ebenfalls nicht.
„Typisch Frau“, murmelt er vor sich hin.
Barbara war schon zu Lebzeiten nicht dafür bekannt, auf einem Stuhl auszuharren, bis ihr Gemahl von seinen Unternehmungen zurückkehrte. Sie kam aus dem Ausland. Das allein hätte ihm eine Warnung sein können. Sie hatte ihre eigene Familie, ihre eigene Sprache und vor allem die lästige Angewohnheit, ihre Gedanken für sich zu behalten.
Zwanzig Jahre waren sie 1494 verheiratet gewesen. Seine Erinnerung an diesen Jahrestag wird er nie vergessen. Er hatte ihr sogar eine Medaille prägen lassen.
Und was macht eine Frau, für die eine Medaille geprägt wird? Sie schreibt Briefe nach Italien.
Das fand er schon damals undankbar. Heute ist es noch schlimmer. Heute kann Barbara ihren Vorteil nutzen. Als Geist kann sie gehen, wohin sie will. Durch Mauern und über Grenzen, nach Mantua oder einfach in den Wald.
Eberhard bleibt vor dem Schloss stehen. Der Wald – natürlich.
Schon zu Lebzeiten hatte er nie verstanden, warum eine Frau einen Wald betreten musste, wenn es im Schloss genügend Zimmer gab. Er folgt dem Weg. Über fünfhundert Jahre Geisterdasein haben ihm zumindest beigebracht, dass man einer Frau, die nicht gefunden werden will, besser nicht hinterherruft.
Das hält ihn ungefähr drei Minuten davon ab.
„Barbara!“
Ein Schwarm Vögel schießt aus einer Baumkrone. Keine Barbara. Dafür hört er Frauenstimmen. Eberhard bleibt stehen. Die Stimmen locken ihn an. Er gleitet zwischen den Bäumen hindurch und entdeckt sie auf einer Lichtung. Sechs Frauen sitzen im Kreis. Eine kennt er. Schließlich ist er mit ihr verheiratet. Die anderen nicht.
Barbara sitzt auf einem Baumstamm und redet. Eberhard lauscht.
„Wir müssen festhalten, was wir wissen“, sagt sie. „Sonst erzählen später wieder die Männer, wie es gewesen ist.“
Die Frauen lachen. Eberhard nicht. Er schiebt sich näher heran.
„Und was genau“, fragt er und erscheint zwischen zwei Buchen, „soll das heißen?“
Keine der Frauen erschrickt. Das beunruhigt ihn. Barbara sieht zu ihm herüber.
„Du hast uns gefunden.“
„Selbstverständlich habe ich dich gefunden.“
„Dann kannst du wieder gehen.“
Eberhard glaubt, sich verhört zu haben.
„Ich bin Graf Eberhard.“
„Ich weiß.“
„Dieses Schloss gehört mir.“
„Nicht mehr.“
Eine der Frauen kichert. Eberhard sieht sie streng an. Sie trägt merkwürdige Kleidung, eine Hose wie ein Mann und Schuhe, mit denen früher nicht einmal ein Stallknecht vor ihn getreten wäre.
„Wer ist das?“
Barbara lächelt.
„Das geht dich nichts an.“
Eberhard zupft an seinem Bart. Seit mehr als fünfhundert Jahren ist er tot, aber es gibt Sätze, gegen die selbst die Ewigkeit nichts ausrichten kann.
„Was macht ihr hier?“
Barbara steht auf.
„Erkundigungen.“
„Worüber?“
„Über dich.“
Jetzt wird Eberhard durchsichtig. Nicht ein bisschen. Vollständig. Für einige Sekunden ist nur noch sein Bart zu sehen.
„Über mich gibt es nichts zu erkundigen.“
Barbara lächelt. Genau dieser Satz ist es, auf den sie gewartet hat. Denn seit mehr als fünfhundert Jahren liegt oben im Dachstuhl etwas, von dem Eberhard glaubt, dass niemand davon weiß.
Heute will sie es den Frauen
zeigen.
Wünsche allen einen sonnigen Tag!
Liebe Grüße
Mike Melonte

