Unlängst sitze ich in einem Raum, in dem einzelne Tische zu einer langen Tafel zusammengerückt sind. Fünfzehn Personen finden bequem Platz. Wir sollen uns Gedanken über ein Impulswort machen. Ich entscheide mich für „Raum“.
Eigentlich ist mir dieses Thema schon immer mal auf den Pelz gerückt. Schon als Jugendliche hatte ich reichlich Raum. Ich besaß ein wunderschönes Zimmer unter dem Dach, sogar mit einem eigenen Waschbecken. Dort konnte ich mir stundenlang die Zähne putzen oder irgendwelche anderen Dinge veranstalten, ohne dass mir jemand dazwischenfunkte. Was man als junges Mädchen eben so alles mit einem Waschbecken anfangen kann.
Meine Brüder hatten dagegen das Wohnzimmer für sich entdeckt. Dort bauten sie ihre Rennbahn auf. Eine richtig geile Carrera-Bahn, auf der die Autos um die Wette sausten. Zu gern hätte ich mitgefiebert, wäre selbst ein paar Runden gefahren. Aber zu Weihnachten bekam ich eine Puppe. Die wollte sich nicht so recht mit mir unterhalten, geschweige denn ein Wettrennen veranstalten. Auch später fand ich kaum einen Raum, in dem mein Bärbelinchen ein würdevolles Dasein führen konnte.
Nach meinen zahlreichen Umzügen entdeckte ich sie eines Tages in einer Kiste auf dem Dachboden wieder. Auch so ein Raum, in dem alles zusammengetragen wird, was anderswo keinen Platz mehr findet. Manchmal frage ich mich, ob Dachböden nicht die eigentlichen Gedächtnisse eines Hauses sind. Nur leider haben sie kein besonders gutes Ordnungssystem.
Meinen eigenen Raum habe ich inzwischen längst gefunden. Doch viele Jahre habe ich vergeblich danach gesucht. Eine Zeit lang stand mein Schreibtisch im Schlafzimmer. Dort versuchte ich zu lernen, zu lesen oder auch einmal entspannt fernzusehen. Der Raum war kalt und ungemütlich. Irgendwie wollte dort nichts so recht gelingen.
Dann sollte renoviert werden. Doch jeder neue Farbanstrich brachte die alten Streifen wieder zum Vorschein. Sobald der Untergrund feucht wurde, kam die Farbe in Streifen wieder herunter. Offenbar wollte die Wand lieber nackt bleiben. Schließlich bekam das Zimmer eine Holzdecke, die ihm endlich eine angenehme Atmosphäre verlieh.
Kaum war alles schön, erhielt mein Partner ein Jobangebot. Wir zogen um. Offenbar hatte ich den Raum nicht für mich, sondern für meinen Nachfolger renoviert.
Ein Umzug verschlingt bekanntlich nicht nur Zeit und Geld, sondern manchmal auch Dinge, die einem besonders lieb sind. Bei mir war es ein Paar Socken. Wolle mit Seide, weich wie eine Moosfläche unter nackten Füßen. Ich habe sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht liegen sie noch immer in irgendeinem Karton und warten darauf, dass ich endlich den richtigen durchsuche. Inzwischen dürften sie museumsreif sein.
Dabei ist Raum bekanntlich in der kleinsten Hütte.
Meine erste Wohnung bot gerade einmal Platz für eine Matratze, einen kleinen Tisch und später einen Schrank. Die Tischplatte hatte ich mir im Baumarkt zusägen lassen und anschließend vier Beine daruntergeschraubt. Den Schrank bekam ich von einem Bekannten für achtzig Mark. Viel mehr hätte ohnehin nicht hineingepasst.
Ich malte, las Bücher und lernte für meine Prüfungen. Wenn ich nicht gerade über meinen Unterlagen saß, gehörte die Zeit mir. Die Wohnung war klein, aber sie ließ mir erstaunlich viel Raum. Vielleicht lag es daran, dass niemand auf die Idee kam, mir diesen streitig zu machen.
Heute ist es genau umgekehrt. Ich habe so viel Platz, dass ich manchmal gar nicht weiß, in welches Zimmer ich mich setzen soll. Überall gibt es einen Tisch, einen Stuhl, ein Fenster und irgendeine Beschäftigung, die auf mich wartet. Kaum habe ich mich niedergelassen, fällt mir ein, was ich in einem anderen Zimmer noch erledigen wollte.
Am liebsten würde ich mich auf den Dachboden zurückziehen. Zwischen alten Kartons, vergessenen Erinnerungen und vielleicht sogar meinen verschwundenen Seidensocken.
Dort oben hätte ich endlich meine Ruhe. Denn die Hunde kommen nicht mit. Die steile Dachleiter, die ich liebevoll meine Hühnerleiter nenne, ist ihnen nicht geheuer. So betrachtet brauche ich eigentlich gar keinen größeren Raum. Nur eine Leiter, die außer mir niemand hinaufkommt.
Liebe Grüße
Mike Melonte

