Aufräumen ist eine unglaublich aufwendige Angelegenheit. Alles, was über Wochen, Monate oder gar Jahre liegen geblieben ist, soll plötzlich einen festen Platz bekommen. Dabei hat es sich an seinem bisherigen Standort offenbar recht wohlgefühlt. Niemand hat sich beschwert, und solange man nichts gesucht hat, war auch alles vorhanden.
Ausgerechnet die Tonne, mit der ich die kalte Asche aus dem Schwedenofen entferne, ist verschwunden. Ich durchsuche sämtliche Ecken, schaue in jedes Zimmer und unter Regale. Eine Aschentonne löst sich schließlich nicht einfach in Luft auf.
Heute ist Sonntag, und ich nehme mir die Kartons vor, die noch überall herumstehen. Nicht aus freien Stücken, sondern weil unser Haus inzwischen eine eigene Vorstellung davon entwickelt hat, wo wir unsere Sachen unterzubringen haben. Eigentlich geht es nur darum, ein Zimmer zu renovieren. Was daraus geworden ist, könnte man als innerhäusliche Völkerwanderung bezeichnen.
Angefangen hat alles mit den Mäusen in der Garage. Die kleinen Nager hatten sich dort häuslich eingerichtet und ihre Hinterlassenschaften großzügig verteilt. Wir haben ausgeräumt, geputzt und entsorgt. Was noch brauchbar erschien, wanderte in den Keller. Damit war die Garage wieder frei und der Keller entsprechend voller. Immerhin hatten wir das Problem erfolgreich verlagert.
Nun hat sich in einem Zimmer Schimmel gebildet. Das Zimmer muss renoviert werden, und ich werde vorübergehend in einem anderen schlafen. Dafür müssen die Winterkleider aus dem Nordzimmer verschwinden. Die Sommersachen sollen auf die Bühne, wofür dort wiederum Platz benötigt wird. Die halbe Bühne ist inzwischen frei, die andere Hälfte steht zum Glück nicht bis unter die Decke. Man muss schließlich auch die kleinen Erfolge feiern.
So kommt es, dass ich an einem Sonntag zwischen Kartons stehe und mich frage, wie viele Zimmer man eigentlich benötigt, um ein einziges Zimmer renovieren zu können.
Bewerbungsunterlagen aus längst vergangenen Zeiten, Zeitungsausschnitte und Zeitschriften finden ohne größere Diskussion den Weg in die Papiertonne. Bei anderen Gegenständen fällt die Entscheidung schwerer. Die Kategorien heißen: Restmüll und Gelber Sack. Eine dritte Kategorie bildet sich ganz von selbst: Vielleicht kann man es irgendwann noch gebrauchen. Sie ist mit Abstand die beliebteste und erklärt vermutlich, weshalb unser Haus überhaupt so viele Kartons beherbergt.
Besonders Bilder haben es schwer. Sie benötigen einen neuen Platz. Ich überlege, ob sich das Problem durch zusätzliche Wände lösen ließe. Andererseits würde das vermutlich nur neue Möglichkeiten schaffen, Dinge aufzubewahren, die niemand mehr benötigt.
Bereits am vergangenen Sonntag habe ich gemeinsam mit meiner Tochter ihre Schulunterlagen gesichtet. Ganze Jahrgänge aus der Grundschule und dem Gymnasium haben hier überdauert. Arbeitsblätter, Hefte und ganze Ordner, die vermutlich niemand mehr lesen wird, liegen ordentlich übereinander. Erstaunlich, wie sorgfältig man Dinge aufbewahrt, die man im wirklichen Leben nie wieder benötigt. Vermutlich aus dem Gefühl heraus, dass etwas, in das so viel Arbeit geflossen ist, unmöglich wertlos geworden sein kann.
Wir lachten über manche Einträge, wunderten uns über andere, und plötzlich tauchten Erinnerungen auf, die sich nicht so einfach entsorgen ließen wie ein alter Mathematiktest. Einige davon waren traurig. Mir stiegen Tränen in die Augen, als ich begriff, wie oft ich meiner Tochter etwas abgenommen hatte, das sie durchaus selbst hätte bewältigen können. Vielleicht hätte ich sie früher selbstständiger werden lassen sollen.
Heute hat sie eine eigene Wohnung, einen anstrengenden Beruf und reist durch die Welt. Sie hat sich prächtig entwickelt, ganz ohne meine ständige Aufsicht. Vermutlich hätte ich mir manche Sorge sparen können. Die Jahre, in denen ich glaubte, alles im Blick behalten zu müssen, bekomme ich ohnehin nicht zurück. Meine Tochter braucht meine Aufsicht längst nicht mehr, während ich noch immer ihre alten Schulhefte bewache.
Schließlich landete der Ordner auf dem Stapel mit dem Altpapier. Die Erinnerungen bleiben. Erstaunlicherweise benötigen sie keinen Lagerplatz.
Am heutigen Nachmittag ist wieder ein guter Teil der Kartons geleert. Vor der Haustür wartet das Altpapier auf seine Entsorgung, der Gelbe Sack ist gut gefüllt, und manches hat tatsächlich einen neuen Platz gefunden. Anderes wartet noch auf eine Entscheidung. Schließlich soll man nichts überstürzen, was bereits jahrelang erfolgreich aufgeschoben wurde.
Im Keller stehen weiterhin die Gegenstände aus der Garage, und die Garage selbst sieht inzwischen ganz passabel aus. Allerdings steht dort nun ein Boot. Ein Auto hätte natürlich auch hineingepasst, aber das wäre vermutlich zu gewöhnlich gewesen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst des Aufräumens: Man schafft Platz für Dinge, die vorher gar nicht dort standen.
Langsam wird es Abend. Ich bin müde, aber zufrieden. Eine neue Ordnung ist entstanden, zumindest dort, wo ich heute gearbeitet habe. Merkwürdigerweise habe ich das Gefühl, auch in meinem Kopf sei wieder mehr Platz. Vielleicht muss man tatsächlich erst einiges loslassen, bevor man klarer sieht.
Die Aschentonne ist allerdings immer noch verschwunden. Ich könnte im Keller danach suchen, müsste dafür aber zunächst die Kartons aus der Garage beiseiteräumen. Die könnte ich vorübergehend auf die Bühne stellen. Dort ist schließlich wieder Platz.
Ich beschließe, die Suche auf nächsten Sonntag zu verschieben. Langsam entwickelt sich das Aufräumen zu einer festen Sonntagsbeschäftigung. Andere gehen spazieren, besuchen Freunde oder legen die Füße hoch. Ich besichtige den Hausrat und entscheide über seine Zukunft.
Immerhin brauche ich mir über meine Sonntagsgestaltung vorläufig keine Gedanken mehr zu machen.
Wünsche allen eine schöne Woche!
Mike Melonte

