Freitag, 17. April 2026

Geständnisse einer Häkelnadel

Das ist zu dumm. Alles passt – die Farbe, die Stärke und die Anleitung. Ein perfektes Verbrechen, sauber geplant, ohne Lücke. Für einen kurzen Moment dachte ich, sie lässt den Teufel los. So, wie sie seine Füße folterte, musste irgendwann etwas eskalieren.

Die Anleitung lachte mich an.
„Feste Masche ist dein Ding“, flüsterte sie.

Seit Jahren liege ich achtlos in einer Holzkiste. Unbemerkt. Neben mir ein paar schrullige Stricknadeln, die noch länger auf ihren Einsatz warten als ich. Rostig, beleidigt, und mit einer Vergangenheit, über die keiner spricht.

Dann kommt Licht in die Schublade. 

Ich werfe mich in meine gepflegteste Erscheinung, glänze, soweit es meine Metallseele zulässt, und höre sie sagen: „Na, die sehen ja alle rostig aus! Weg damit – Hausmüll.“

Hausmüll? Diese Aussage ist eine Katastrophe. Aus meiner Sicht eine unrealistische Einschätzung.

Vor Schreck springe ich aus der Schachtel, lande hart auf dem Boden. Ein Abgang wie beim Autoklau – nur ohne Fluchtwagen. Doch Gerlinde hebt mich auf. Sie mustert mich, als hätte ich noch eine Chance verdient. Ein lauwarmes Bad umschwemmt mich. Ich tauche ein, taue auf und lande in einem Taschentuch. Zwischen hin- und herreiben, bekomme ich wieder Farbe. Ehrlich, es ist fast wie eine zweite Geburt.

Ich bin rasent vor Stolz oder ist es Leidenschaft. Ich spüre ungehemmte Energie. Alles ist im Fluß.  Als könnte ich beweisen, dass ich noch ein Netzwerk besitze. Kommunikation ist mir sehr wichtig. Austausch ist alles. Stattdessen werde ich zur Waffe. Zur tadellos funktionsfähigen Häkelnadel.

Frisch aufgemöbelt wirft sie mich auf einige Wollknäuel. Daneben liegt er.

Ein echter Teufel.

Rot, frech gehäkelt, mit einem Grinsen, das nichts Gutes verheißt. Blumen liegen dekorativ daneben, als wollten sie das Ganze harmlos aussehen lassen. Ich weiß es besser. Alles ist eine klassische Tarnung. Nur nicht auffallen.

Mein letztes Stündchen hat geschlagen, denke ich.

Doch Gerlinde greift zur Anleitung und liest laut vor:
„Fadenring. Sechs feste Maschen. Marker setzen. Auf geht’s.“

Und dann reißt sie die Wolle an sich. Nimmt mich in den Würgegriff. 
Masche für Masche.
Ein leises Foltern der Füße – immer wieder durchstochen, gezogen, festgezurrt. Der Teufel vervielfältigt sich. Einer nach dem anderen entsteht unter ihren Händen.

Ich habe viele Teufel gesehen seither. In allen Farben.
Ein blauer sieht aus, als hätte er zu tief ins Garn geschaut.
Ein grüner wirkt verdächtig unschuldig.
Und ein schwarzer – nun ja, der schweigt.

Ich auch. Denn eines habe ich gelernt:
Beim Häkeln wird nichts dem Zufall überlassen.

Und manchmal…
ist Amigurumi einfach nur organisierte Kriminalität in festen Maschen. Versuch es!

Liebe Grüße
Mike Melonte

Donnerstag, 16. April 2026

Fußpflege: Zwischen Wellness und Wahrheitsmoment

Selten ist mein Körper in einen weicheren Sessel gefallen. Augenblicklich ereilt mich ein Sekundenschlaf. Die ruhige Atmosphäre tut ihr Übriges.

Auf den Knöpfen wird ein Programm gestartet. Gleichmäßige Schwingbewegungen lockern meine Muskulatur. Ich komme wieder ins Hier und Jetzt.

Währenddessen baden meine Füße. Von unten steigt ein leiser Wassersprudler auf. Sichtliche Entspannung durchströmt mich. Eine Tiefenentladung angestauter Muskelmasse.

Langsam sammle ich mich wieder und erhasche einen Blick in die neue „Federwelt“. Wer hätte das gedacht? Füße baden ist ein Hochgenuss. Wer das noch nie erlebt hat … sollte es unbedingt ausprobieren.

Doch dann geht es plötzlich sehr flott weiter. Die Person, die meine Nägel wieder in Form bringt, schaut nebenher eine musikalische Unterhaltung – natürlich nicht auf Deutsch.

Mir fällt ein Satz aus einer Weiterbildung ein:
„Wenn du stehst, dann gehst du schon.“

Diese Frau verkörpert genau das.

Mit dem Schleifgerät arbeitet sie fachmännisch. Es wird so heiß, dass mir ein „Aua“ entschlüpft. Habe ich eine härtere Behandlung eingefordert? Etwas irritiert schaue ich sie an. Sie interessiert sich nicht für mich.

Ich komme mir vor wie auf einer Folterbank. Hätte ich nicht so eine saugute Massage erhalten, ich wäre glatt wieder gegangen.

Liebe Grüße
M. Melonte 

Mittwoch, 25. März 2026

Stricken – unterschätzt gefährlich

Ist es pure Langeweile, die mich zu den Stricknadeln treibt?
Den Worten will ich entrinnen und nur kurz stricken. Im Kopf habe ich 
so ein tolles Muster. Wirklich ganz harmlos.

Eigentlich will ich einen Strickroman schreiben.
Aber die Muster in meinem Kopf drängeln sich ständig vor.

Stricken erhebt sich zum Eigenleben.
Wolle häuft sich auf meinem Tisch. Die Präsenz der Stricknadeln 
nimmt zu. 
Stark. Stur. Dann sogar störrisch.

Die Wolle türmt sich auf, verschränkt die Arme und sagt:
„Heute wird nichts anderes gemacht.“

Ich denke: Ach komm, ein bisschen Auszeit, vielleicht ein Kaffee dazu.
Potzblitz …

Das Papier vor mir hat andere Pläne, hüpft zur Seite und ist beleidigt.
Die steilen Ansprüche des Krimis und seine stolzen Eigenheiten machen mich platt.

Also greife ich zur Wolle.
Die Nadel – wie immer langgestreckt und selbstbewusst.

Und plötzlich geht es los:
strecken, recken, denken – und wieder von vorn.
Maschen benehmen sich wie kleine Kinder:
die einen brav, die anderen laufen einfach davon.

Zwischendurch dieses Schimmern:
„Das wird schön“, flüstere ich mir selbst zu.
Und fünf Minuten später:
„Was um alles in der Welt ist das geworden? Ein Hut? Eine Tasche? Ein philosophisches Problem?“

Stricken schützt übrigens nicht vor Chaos.
Aber es sieht dabei sehr ordentlich aus.

Am Ende liegt da etwas.
Vielleicht ein Pullover. Vielleicht ein sehr kreativer Socken.
Oder einfach nur der Beweis, dass ich mich habe überreden lassen – von einem einzigen Wort.

Und das ist vielleicht das Gefährlichste daran:
Man fängt mit Stricken an
und hört mit Geschichten auf.

Liebe Grüße
Mike Melonte

Donnerstag, 12. März 2026

Die Tragödie mit der Häkelnadel


Ungeheuer wichtig ist mir der heutige Abend. Endlich mal ein bisschen Zeit für mich – das war der Plan. Nur mal die Beine hochlegen. Aus der neuen Wolle ein Herz häkeln, mehr innere Einkehr mit einem Kamillentee, beschwor ich mein Unterbewusstsein. Stattdessen sitze ich kurz danach mit einem Wollknäuel auf dem Schoß, das offenbar eine persönliche Krise in Auftrag gegeben hat.

Nein, so ein Herz kann jeder Anfänger häkeln. Die Anleitung wurde sicher wieder von einem Mann geschrieben, der überhaupt keine Rücksicht auf weibliche Intuition nimmt. Also gut, dann wird es eben ein Topflappen. Das Herz muss warten. Ich schlafe immer eine Nacht darüber – vielleicht liest sich alles am Morgen leichter.

Doch die Wolle entwickelt weiter ihr Eigenleben. Nach den Luftmaschen wird alles krumm und schief. Rechteckig ist jedenfalls eine andere Form. Mich erinnert der Lappen vor mir an ein Land, das politisch neu sortiert wird.

Ich genehmige mir ein Stück Schokolade – schließlich ist Häkeln ein ruhiges Hobby. Das sagen jedenfalls die Menschen, die gerade nicht versuchen, mit halben Stäbchen (oder sind es ganze Stäbchen?) um ihre Würde  kämpfen.

Der Abend hat es in sich. Ich will fertig werden und bleibe mir treu. Realistisch betrachtet ist das kein Topflappen. Es ist ein Charakterstück in Farbe. Weniger für einen eindeutigen Einsatz in der Küche geeignet, wo alles symmetrisch und schön aussehen soll. Aber eindeutig stellt es ein Unikat dar – mit Persönlichkeit. Für heute, morgen häkele ich etwas anderes.

Liebe Grüße
M. Melonte 

Mittwoch, 11. März 2026

Osterzeit - kleine Maschen mit großer Wirkung

Ostern rückt näher. Der Hausputz wird auch dringlicher nach der langen Kälte, darf wieder Farbe und Wärme ins Haus kommen.

Gerade kleine Geschenke, die mit der Hand gemacht sind, haben etwas Besonderes. Sie sind nachhaltig, persönlich und tragen immer auch ein kleines Stück Zeit und Aufmerksamkeit in sich.

Wenn du noch nach einer Idee suchst: Probier doch einmal Häkeln aus. Es ist überraschend einfach zu lernen, entspannend und ein wunderbares Hobby. Und das Schönste daran – wirklich jeder kann es lernen.

Die gehäkelten Topflappen sind praktische Alltagshelfer in der Küche und begleiten uns oft über viele Jahre.
Ein Untersetzer mit glitzernden Steinen fängt das Licht ein und schickt kleine Lichtblitze über den Tisch.

Und dann gibt es noch die kleinen Dinge, die einfach Freude machen:
Ein Hasenanhänger zum Beispiel wirkt an einem Osterstrauß aus Zweigen einladend – zwischen bemalten Eiern und frischer Frühlingsdekoration – setzt er einen fröhlichen Farbakzent und erinnert daran, dass der Frühling endlich zurückkehrt.

Manchmal sind es genau diese kleinen handgemachten Dinge, die mein Zuhause ein wenig wärmer machen.

Masche für Masche. 🧶

Liebe Grüße
Mike Melonte

Dienstag, 10. März 2026

Die Masche im Wald

Ostern sollte eigentlich nach Frühling riechen. Nach frischer Erde, nach den ersten Blüten an den Obstbäumen und nach Sonne auf der Haut. Doch in diesem Jahr fällt die Sonne aus. Alles friert.

Nicht nur, weil über Nacht die Heizung ausgefallen ist. Der Hausmeister ist in den Ferien zum Skilaufen. Draußen fällt auch noch Schnee.

Ursula steht am Fenster und zieht die Strickjacke enger um sich. Die Welt wirkt still, fast unwirklich. Schneeflocken treiben über die Straßen, ziehen an Gärten vorbei und bleiben auf den Gehwegen liegen. Der Frühling scheint vergessen zu haben, dass Ostern längst vor der Tür steht.

Manchmal glaubt sie, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Seit sie denken kann, spürt sie Dinge früher als andere. Stimmungen, die sich abrupt verändern, wenn sie ein Lokal betritt. Spannungen am Arbeitsplatz, weil niemand redet. Ungesagte Worte schlagen auf ihrer inneren Plattform auf wie Meteoriten. Sie fühlt sich in Menschen hinein, als würden deren Gedanken durch eine offene Tür spazieren. Eine Gabe, sagt ihr Bruder Thomas. Für Ursula fühlt es sich oft wie ein Fluch an.

Mit 24 Jahren hat sie bereits genug Gefühlschaos erlebt, um zu wissen: Beziehungen sind selten einfach. Vor allem mit Männern. Mit Kollegen, die sie mit den Augen ausziehen, kommt sie gut zurecht. Ursula findet, viele von ihnen seien noch im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Als gäbe es immer noch diese unsichtbare Ordnung: Männer dominieren, Frauen haben kein Stimmrecht. Wie früher: Kirche, Kinder, Küche – und bitte nicht zu laut widersprechen.

In ihrem Kopf baut sich ein Drama auf. Ein inneres Stoppschild schreit laut: Schluss.

Als sie Jan kennenlernt, wirkt er anders. Leicht. Humorvoll. Ein wenig rätselhaft.

Probier doch mal etwas völlig Neues“, sagt er lachend.
„Häkeln im Wald.“

Ursula lacht zuerst. Bei dem Wetter müsste sie halbe Handschuhe mitnehmen. Dann überlegt sie kurz und fragt, ob er ein besonderes Plätzchen kennt.

Oh, Kressbach neben dem Golfplatz.“

Aus Neugier nimmt sie tatsächlich ihre Wolle und die Häkelnadel mit hinaus zwischen die Bäume. Die Luft ist kalt, der Boden feucht vom Tau. Sie setzt sich auf einen umgestürzten Stamm, die Gartenhose gegen die Nässe. Der Wind pfeift durch die Äste.

Jemand will zu ihr sprechen. Sie spürt es deutlich. Aber sie sieht niemanden.

Als sie die ersten Maschen für einen Topflappen häkelt, liegt plötzlich ein seltsamer Duft in der Luft. Ihre Gedanken wandern über die Äste auf dem Boden. Eine innere Unruhe erfasst sie. Es hätte ein ruhiger Moment sein können.

Bis sie etwas im Schnee sieht. Zuerst denkt sie, es sei ein alter Sack oder ein Stück Stoff. Doch es ist eine männliche Leiche.

Später verbringt Ursula viele Stunden mit Wolle. Ein ganzes Set Topflappen entsteht unter ihren Händen – Masche für Masche, als versuche sie, das Leiden Christi zu begreifen: Schmerz, Opfer, Erlösung.

Doch jedes Mal, wenn sie die Nadel durch die Baumwolle zieht, denkt sie an diesen Morgen im Wald. Und an Jan.

Denn je mehr Zeit vergeht, desto stärker drängt sich ein Gedanke auf, der ihr noch mehr Kälte durch den Körper jagt als der Schnee:

Ostern sollte eigentlich nach Frühling riechen. Nach frischer Erde, nach den ersten Blüten an den Obstbäumen und nach Sonne auf der Haut. Doch in diesem Jahr fällt die Sonne aus. Alles friert.

Nicht nur, weil über Nacht die Heizung ausgefallen ist. Der Hausmeister ist in den Ferien zum Skilaufen. Draußen fällt auch noch Schnee.

Ursula steht am Fenster und zieht die Strickjacke enger um sich. Die Welt wirkt still, fast unwirklich. Schneeflocken treiben über die Straßen, ziehen an Gärten vorbei und bleiben auf den Gehwegen liegen. Der Frühling scheint vergessen zu haben, dass Ostern längst vor der Tür steht.

Manchmal glaubt sie, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Seit sie denken kann, spürt sie Dinge früher als andere. Stimmungen, die sich abrupt verändern, wenn sie ein Lokal betritt. Spannungen am Arbeitsplatz, weil niemand redet. Ungesagte Worte schlagen auf ihrer inneren Plattform auf wie Meteoriten. Sie fühlt sich in Menschen hinein, als würden deren Gedanken durch eine offene Tür spazieren. Eine Gabe, sagt ihr Bruder Thomas. Für Ursula fühlt es sich oft wie ein Fluch an.

Mit 24 Jahren hat sie bereits genug Gefühlschaos erlebt, um zu wissen: Beziehungen sind selten einfach. Vor allem mit Männern. Mit Kollegen, die sie mit den Augen ausziehen, kommt sie gut zurecht. Ursula findet, viele von ihnen seien noch im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Als gäbe es immer noch diese unsichtbare Ordnung: Männer dominieren, Frauen haben kein Stimmrecht. Wie früher: Kirche, Kinder, Küche – und bitte nicht zu laut widersprechen.

In ihrem Kopf baut sich ein Drama auf. Ein inneres Stoppschild schreit laut: Schluss.

Als sie Jan kennenlernt, wirkt er anders. Leicht. Humorvoll. Ein wenig rätselhaft.

Probier doch mal etwas völlig Neues“, sagt er lachend.
„Häkeln im Wald.“

Ursula lacht zuerst. Bei dem Wetter müsste sie halbe Handschuhe mitnehmen. Dann überlegt sie kurz und fragt, ob er ein besonderes Plätzchen kennt.

Oh, Kressbach neben dem Golfplatz.“

Aus Neugier nimmt sie tatsächlich ihre Wolle und die Häkelnadel mit hinaus zwischen die Bäume. Die Luft ist kalt, der Boden feucht vom Tau. Sie setzt sich auf einen umgestürzten Stamm, die Gartenhose gegen die Nässe. Der Wind pfeift durch die Äste.

Jemand will zu ihr sprechen. Sie spürt es deutlich. Aber sie sieht niemanden.

Als sie die ersten Maschen für einen Topflappen häkelt, liegt plötzlich ein seltsamer Duft in der Luft. Ihre Gedanken wandern über die Äste auf dem Boden. Eine innere Unruhe erfasst sie. Es hätte ein ruhiger Moment sein können.

Bis sie etwas im Schnee sieht. Zuerst denkt sie, es sei ein alter Sack oder ein Stück Stoff. Doch es ist eine männliche Leiche.

Später verbringt Ursula viele Stunden mit Wolle. Ein ganzes Set Topflappen entsteht unter ihren Händen – Masche für Masche, als versuche sie, das Leiden Christi zu begreifen: Schmerz, Opfer, Erlösung.

Doch jedes Mal, wenn sie die Nadel durch die Baumwolle zieht, denkt sie an diesen Morgen im Wald. Und an Jan.

Denn je mehr Zeit vergeht, desto stärker drängt sich ein Gedanke auf, der ihr noch mehr Kälte durch den Körper jagt als der Schnee: Warum schlägt Jan ausgerechnet vor, im Wald zu häkeln?

Warum schlägt Jan ausgerechnet vor, im Wald zu häkeln? Doch je länger Ursula darüber nachdenkt, desto mehr Fragen tauchen auf.  Jan hatte erstaunlich ruhig reagiert, als sie ihm von der Leiche im Wald erzählte. Zu ruhig vielleicht. Erst zwei Tage später sitzt er ihr gegenüber, die Hände um eine Tasse Kaffee gelegt, als müsse er sich daran wärmen.

Ich arbeite bei der Kripo“, sagt er schließlich.

Ursula starrt ihn an. „Du… was?“

Jan zuckt mit den Schultern. „Ich wollte sehen, wie du reagierst.“

Sie spürt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht.

Der Mann im Wald“, fährt er fort, „ist kein Mordopfer.“

Ursula schweigt.

Er war seit Tagen als vermisst gemeldet. Demenz. Wir haben überall gesucht.“

Jan atmet langsam aus. „Er muss kilometerweit gelaufen sein.“ Dann hebt er den Blick.

Seine grünen Augen wirken plötzlich älter. „Es war mein Großvater.“ Für einen Moment ist alles still. Nur der Wind schiebt Schnee gegen die Fensterscheibe.

Ursula denkt an den Wald. An die Kälte. An ihre Häkelnadel zwischen den Fingern.

Und warum…“, beginnt sie leise, „hast du mich auf die Probe gestellt?“

Jan lächelt schwach.

Weil du gesagt hast, du würdest Dinge spüren. Menschen durch Gedankenübertragung verstehen.“ Er lehnt sich zurück.

Ich wollte wissen, ob das stimmt.“

Ursula sieht ihn lange an. Dann nimmt sie ihre Wolle zur Hand. „Und?“, fragt sie ruhig. 

Jan zuckt mit den Schultern.

Du hast ihn gefunden.“

Sie zieht die erste Masche durch das Garn. „Manchmal“, sagt sie leise, „führt einen nicht der Verstand zur richtigen Stelle.“ Sie häkelt einen magischen Ring und beginnt feste Maschen hineinzuhäkeln. „Manchmal ist es einfach ein Gefühl.“

Draußen fällt noch immer Schnee. Und irgendwo zwischen Wolle, Wald und Wahrheit beginnt Ursula zu begreifen, dass manche Begegnungen kein Zufall sind.

Herzliche Grüße
Mike Melonte

Freitag, 27. Februar 2026

Masche für Masche – kleine Geschichten aus dem Alltag

 

Alltagsheld – Das Spültuch

In der Reihe zu stehen gefällt Anja überhaupt nicht. Dieser Flaschenautomat ist das Letzte. Ständig ist er mit irgendwelchen technischen Problemen behaftet. Das Personal scheint wie in Trance zu laufen. Jedenfalls ist der junge Mann weit davon entfernt, jemals sein Leben in den Griff zu bekommen. Seine Hose hängt ihm halb über der grünen Unterhose. Wer trägt schon einen grünen „Liebestöter“?

Anja ist genervt von der unfreundlichen Bedienung, der kaltschnäuzigen Aufmerksamkeit gegenüber den Kunden und der Art, wie sich die Angestellten hier präsentieren. Sie ist kurz davor zu platzen.

Da dreht sich ein Mann um.

„Sie müssen mir nicht ins Genick husten. Das ist sehr unangenehm, wissen Sie.“

„Ich habe Ihnen überhaupt nicht in den Nacken geatmet. Wie kommen Sie dazu, solche Anschuldigungen zu machen? Ich stehe hier auch nur herum und vergeude meine Zeit.“

Ungläubig schaut sie der etwa 1,80 Meter große, grauhaarige Wuschelkopf mit seinen grünen Augen an.

„Wissen Sie eigentlich, wie unhöflich Sie sind? Wären Sie meine Frau, würde ich Sie erst einmal nach Hause schicken. Kommen Sie doch wieder, wenn Sie sich beruhigt haben.“

Mit einer Hitzewallung, die sich in roten Wangen zeigt, stellt sie ihm eine Gegenfrage:

„Sie stehen hier, weil Sie was tun?“

„Flaschen abgeben – wie Sie auch, oder?“

„Ich stehe schon seit zehn Minuten hier. Und Sie?“

Er ignoriert ihre barsche Art.

Anja schämt sich ein wenig. Nein, so hatte sie sich den Tag heute nicht vorgestellt. Stress mit ihrer Chefin, weil sie einen Termin verdaddelt hat – und jetzt noch ein Einlauf von einem völlig Fremden.

Sie atmet einige Male tief durch.

Zu Hause liegt ein Geschenk von den Kollegen aus dem Büro: Wolle in gelber und lilaner Farbe.

„Strick uns doch Spültücher“, haben sie lachend gesagt.

Ja, das wäre wirklich eine nachhaltige Idee.

Doch zuerst muss sie hier noch ausharren – bis der Getränkeautomat endlich wieder funktioniert.

Endlich rattert die Maschine wieder los. Flasche für Flasche verschwindet im Schlund des Automaten.

Als der Bon ausgedruckt wird, greift Anja danach, schaut kurz auf den Betrag und muss plötzlich schmunzeln.

So viel Aufregung wegen ein paar Flaschen.

Vielleicht ist es wirklich Zeit für etwas Sinnvolleres.

Zu Hause wartet schließlich ein kleines Stück Baumwolle darauf, zum Alltagshelden der Küche zu werden –
ein einfaches Spültuch, das wenigstens still und zuverlässig seine Arbeit tut.

Ganz ohne zu meckern.

Herzliche Grüße
Mike Melonte