Sonntag, 28. Juni 2026

Einmal mehr - morgens unterwegs mit Hunden

Spaziergänger am Waldrand sind sonntagmorgens um 6.30 Uhr völlig normal. Was sollte eine Frau mittleren Alters mit einer Wasserflasche in der Hand auch sonst tun? Sieht sie etwa so aus, als wolle sie im Kleid einen neuen Laufrekord aufstellen? Die nassen Haare verraten, dass sie gerade erst geduscht hat. Ehrlich gesagt hätte sie sich das bei dieser Luftfeuchtigkeit sparen können.

Das angekündigte Gewitter ist am Freitag ausgeblieben. Deshalb hoffe ich inständig auf Regen. Wehe, meine Wetter-App lässt mich wieder im Stich. Die Schwüle setzt mich schachmatt. Die Hunde sind hippelig, und die Frau mit der Wasserflasche verfolgt mich, weil sie denselben Weg nimmt.

Ich warte, bis sie ganz nah heran ist. Jetzt kommt Luckys großer Auftritt. Er riecht ihre Unsicherheit. Ihre Angst setzt ihr zu – tatsächlich will sie umdrehen.

Laufen Sie ruhig weiter!“, rufe ich ihr zu.

Mit größtmöglichem Abstand schleicht sie dicht am äußersten Rand des Weges vorbei. Ihr Problem kann ich nicht lösen. Ich kann ihr weder einen Lavendelstrauß zuwerfen noch sie an die Hand nehmen. Ganz sicher werde ich jetzt keine Grundsatzdiskussion darüber führen, warum ein Hund an der Leine mit Maulkorb offenbar trotzdem Angst macht. Sie geht an uns vorbei. Vermutlich unter höchster Anstrengung. Bauch, Beine, Po – und jetzt den Bauchnabel nach innen ziehen. Immerhin ist das auch eine Art von Sport.

Später begegnet mir die Frau mit ihren zwei Schäferhunden. Wir treffen uns jeden Morgen. Sie hat die gleiche Routine wie ich. Ihre junge Hündin, die sofort in Stellung geht, und ein alter Hund, der auf Anhieb weiß, was die Stunde geschlagen hat. Frauchen hat einen Moment nicht aufgepasst. Prompt gibt es einen Freischein. Mit dem Anleinen lässt sie sich erstaunlich viel Zeit. Sie grinst über beide Backen. Im Vorbeigehen entschuldigt sie sich, weil sie mich nicht gleich gesehen hat.

Ein Hund, der mir ungebremst zu nahe kommt, wird notfalls abgewehrt. Wir befinden uns schließlich nicht im Schutzhundesport. Mein Arm gehört immer noch mir. Der Rest der Runde verläuft wie das Wetter: leicht bewölkt und zäh. Das T-Shirt klebt am Rücken. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich durch eine warme Suppe laufen.

Und ich hoffe immer noch auf Regen.

Liebe Grüße
Mike Melonte 


 

Samstag, 27. Juni 2026

Smaltalk auf vier Pfoten

Kaum trete ich vor die Haustür, kläfft Izzy die halbe Nachbarschaft zusammen. Warum? Udo spaziert mit seinem Hund um 6.15 Uhr am heiligen Samstagmorgen an meinem Auto vorbei. Hätte er nicht einfach drei Minuten später loslaufen können? Rücksicht ist schließlich keine Einbahnstraße.

Im Wald wird es gleich spannend. Kaum sind wir auf der Strecke, kommt uns eine Radfahrerin entgegen. Sie trödelt vor sich hin und fährt Schlangenlinien, als hätte der Alkohol vom Vorabend noch ein Mitspracherecht. Ein Blick auf meine beiden Racker genügt, und schon bekommt sie Angst. Ich bleibe stehen. Es ist schließlich nicht meine Aufgabe, ihre Fahrtauglichkeit zu überprüfen.

Am Friedhof begegnen wir der älteren Dame, die wir inzwischen gut kennen. Ihr Hund hält sich gelassen zurück, er will seine Ruhe und Ärger aus dem Weg gehen. Heute will ich es wissen. Mit dem Kommando „Fuß“ marschiere ich los und schaffe es gerade noch, selbst auf den Beinen zu bleiben. Viel hat nicht gefehlt, und ich hätte mich vor versammelter Hundewelt der Länge nach hingelegt.

Ich gehe zügig weiter. Lucky zieht nach vorne, Izzy kommentiert lautstark das Weltgeschehen. Der Dame dürfte klar sein: Heute ist kein guter Tag für einen Smaltalk. Vielleicht beim nächsten Mal.

Ein Stück weiter tauchen gleich drei Hundehalter auf. Vorsorglich biege ich über die Streuobstwiese ab. Irgendwo höre ich nur noch: „Komm hier! Komm hierher!“ Na, wenn der Freigänger unbedingt Kontakt aufnehmen möchte – Izzy ist heute bestens gelaunt. Lucky dagegen überrascht mich. Er bleibt gelassen. Vermutlich hebt er sich seine Meinung für später auf.

Kurz darauf kommt mir ein kleiner Hund entgegen. Er sieht aus, als hätte sich eine Handtasche selbstständig gemacht. Seine Besitzerin weicht freundlich in einen Feldweg aus.

Vielen Dank“, rufe ich.

Sehr gerne“, antwortet sie.

Siehe da: Es passiert… gar nichts. Keine Oper, kein Theater, keine diplomatische Krise. Ich bin jedes Mal dankbar für Hundehalter, die einfach mitdenken.

Auf dem Rückweg wartet noch die Schwergewichtsklasse. Ein Schäferhundmischling baut sich vor uns auf, macht einen Schritt nach vorn und wirkt, als wolle er die Weltherrschaft übernehmen. Ich sage freundlich: „Alles entspannt.“

Sein Frauchen würdigt mich keines Blickes. Sie packt ihren Kandidaten am Geschirr und zieht ihn mit beeindruckender Muskelkraft an uns vorbei, als würde sie einen widerspenstigen Einkaufswagen aus dem Baumarkt bugsieren.

Eigentlich brauche ich gar keinen Sport. Fünftausend Schritte mit Izzy und Lucky ersetzen jedes Fitnessstudio. Knie, Arme, Rücken und Reaktionsvermögen werden gleichermaßen trainiert – inklusive kostenlosem Adrenalinschub.

Herzlichst 
Mike Melonte


Freitag, 26. Juni 2026

Waldpatrouille macht ernst

KI
Schon als Kind wollte ich reisen. Weit entfernte Länder kennenlernen. Exotische Tiere beobachten. Durch dichte Wälder streifen. Viel ist daraus nicht geworden. Das Leben hat offenbar einen eigenen Reiseveranstalter engagiert und der bucht bevorzugt den Rundweg ums Dorf.

Geblieben sind mir die täglichen Expeditionen mit meinen Hunden. Ehrlich gesagt, reicht das oft völlig. Ich weiß schließlich nie, welche Wildnis hinter der nächsten Kurve lauert.

Ab und zu begegnet uns ein Fuchs. Erst neulich schießt er wie eine Rakete über die Felder und verschwindet im Wald. Mit dieser Geschwindigkeit ist Izzy hoffnungslos überfordert. Sie bevorzugt die gemütliche Variante des Spazierengehens. Am liebsten lässt sie sich ziehen und tut dabei so, als hätte sie das erfunden. Lucky dagegen rennt grundsätzlich voraus. Warum sollte er sich hinter jemandem anstellen, der den Spaziergang eher als meditative Gehübung versteht?

Völlig anders sieht die Lage bei dicken Brummhummeln aus. Sie gelten bei Lucky als hochgefährliche Flugobjekte und müssen sofort unschädlich gemacht werden. Ob sie ihn jemals angegriffen haben, bleibt ungeklärt. Vermutlich handelt es sich um eine alte Familie
nfehde.

Auch Hasen kreuzen gelegentlich unseren Weg. Dann funktionieren plötzlich beide Hunde gleichzeitig. Meister Lampe wird mit der Aufmerksamkeit eines Olympiasiegers beobachtet. Hinterherrennen würden sie gern. Klappt nur selten.

Erst vorgestern steht der Nachbarshund mit einem Hasen im Maul vor seinem Gartentor. Nicht als Mittagessen, sondern als Rettungseinsatz am späten Abend. Meister Lampe war gegen ein Fahrrad gelaufen und der Hund hielt ihn vorsichtig wie eine Katze am Genick fest. Kaum zu Hause angekommen, setzte er den Patienten wieder ab. Statt Hasenbraten gab es großes Rätselraten, wie der verdatterte Hase anschließend durch den Zaun verschwinden konnte. Wahrscheinlich wollte er sich nicht auch noch für die Rettungsaktion bedanken müssen.

Zum Glück haben meine beiden davon nichts mitbekommen. Dafür begegnet uns am frühen Morgen ein Igel. Mitten auf dem Weg steht er kampfbereit da, als hätte er den Wald übernommen und kontrolliere nun die Einreise.

Pfeilgerade starrt er uns an. Hätte er sich jetzt noch auf die Hinterbeine gestellt, ich hätte freiwillig den Rückzug angetreten. Schnell zücke ich mein Handy und mache ein Foto. Kaum setze ich mich wieder in Bewegung, rennt der Igel tatsächlich los. Ja, ein Igel kann rennen. Auf der anderen Straßenseite angekommen, wirft er sich schlagartig in seine Stachelkugel und spielt den Ahnungslosen. Für meine beiden Racker ist die Beute damit verschwunden. Ich glaube der Wald hat seine eigenen Regeln und könnte mir vorstellen, dass er sich seinen eigenen Türsteher leistet.

Schönes Wochenende
Mike Melonte

Donnerstag, 25. Juni 2026

Wasser für alle

Gemessen an den atemberaubenden Temperaturen wollen meine Hunde heute Morgen verständlicherweise nicht aufstehen. Ich rufe einmal. Nichts. Ein zweites Mal. Wieder nichts. Ich schüttle die Leinen. Schließlich ziehe ich demonstrativ die Schuhe an. Das ist sonst das untrügliche Signal.

Ich könnte auch allein Gassi gehen. Oder?

Das morgendliche Gerangel vor der Haustür und die übliche Kläfferei bleiben heute aus. Offenbar leiden selbst Hunde unter Hitze. Als wir auf dem Parkplatz ankommen, ist unsere tägliche Kontrahentin bereits mit ihrer Runde fertig. Im grauen, etwas zerzausten Langhaarfell schaut sie mich an, als hätte sie die Nacht in einer Rockerkneipe verbracht. Ich halte ihr ein Leckerli hin.

„In dem Zustand nimmt sie nichts“, sagt ihr Frauchen. „Sie hat heute schon zu viel erlebt.“

Ich ziehe die Hand zurück. Offenbar gibt es Tage, an denen selbst Hunde für Bestechungsversuche nicht empfänglich sind. Ich warte, bis die Hündin im VW-Bus Platz genommen hat. Erst dann öffne ich meine Heckklappe. Lucky steigt mit Maulkorb als Erster aus, Izzy folgt ihm. Im selben Moment beginnt im Bus gegenüber ein Bellkonzert. Die Scheiben zittern, das Auto wackelt leicht. Von wegen traumatisiert. Die Stimmbänder funktionieren jedenfalls tadellos.

Wir laufen weiter. Der Weg führt zum Brunnen vor dem Friedhof. Eine Bank lädt zum Verweilen ein. Gleich daneben steht die kleine Andachtskirche, in der an besonderen Tagen Gottesdienste gefeiert werden. An heißen Tagen ist der Brunnen vor allem eines: ein kleiner Rettungsanker für Hunde. Schon von Weitem sehe ich eine Frau mit ihrem freilaufenden Hund. Genau das brauche ich jetzt nicht.

„Sie gehen auch hier hoch?“, ruft sie mir entgegen.

„Ja“, antworte ich kurz und lege einen Gang zu. Ich wetze die Haken. Vielleicht schaffen wir es aneinander vorbei, bevor ihr Hund beschließt, meine beiden in sein Tagesprogramm aufzunehmen.Der Plan scheitert. Mit aufgestellten Haaren schießt die Hündin auf uns zu. Die Begrüßung erinnert eher an eine Einladung zur Schlägerei als an gepflegte Hundekommunikation.

„Luna! Hierher! Sofort!“, brüllt ihre Halterin. Luna hält demokratisch nichts von Anweisungen.

Sie fixiert meine Hunde. Izzy stellt ebenfalls die Haare auf. Ich lasse beide bewusst an der Leine. Viele glauben, Hunde regelten das schon unter sich. Ich kenne allerdings auch die Rechnung hinterher. Bisswunden entstehen schneller als Diskussionen darüber, wer eigentlich schuld war. Nach gefühlten fünf Minuten und ungefähr dreißig Mal „Luna! Hier!“ gelingt es der Hundehalterin schließlich, ihre Hündin wieder einzusammeln und anzuleinen. Im Vorbeigehen ruft sie mir zu:

„Meine ist schrecklich. Die rennt jedem hinterher.“

Das war mir nicht entgangen. Ich nicke freundlich und gehe weiter. Erst einige Meter später fällt mir etwas auf. Keinen Moment scheint ihr der Gedanke gekommen zu sein, dass auch meine beiden Hunde vielleicht Durst haben bei dieser Hitze schon am Morgen. Dabei fließt das Wasser am Brunnen ununterbrochen. Hunde trinken daraus. Friedhofsbesucher gießen ihre Blumen.

Wasser ist an diesem Brunnen für alle da.

Auf dem Rückweg fasse ich einen Entschluss. Künftig kommt eine kleine Wasserflasche ins Auto. Nicht nur für mich, sondern auch für Lucky und Izzy.

Denn auf manche Hundehalter möchte ich mich lieber nicht verlassen.

Wünsche allen genügend Getränke und entspannte Momente
Mike Melonte


Mittwoch, 24. Juni 2026

Die Bewertung erfolgt wortlos

Die Hand ist nicht nach oben ausgestreckt. Auf Hüfthöhe. Eher so, als wolle er die Situation oder gar mich zügeln.

Meine Wegstrecke ist zur Hälfte geschafft. Schweiß fließt mir die Stirn herunter. Unter meiner Nase bildet sich eine kleine Oase. So früh und schon so heiß. Izzy zeigt großes Interesse an dem schwarzen Hund. Es könnte ja ein Verwandter sein.

Der Riese im weißen T-Shirt, der roten Schlapperhose und den Sandalen erinnert mich an einen Urlauber. Den Hund habe ich noch nie gesehen. Den Mann auch nicht. Sein glattrasierter Schädel lässt ihn jünger wirken, als er vermutlich ist. Der Hund dagegen hat schon einige Jahre auf dem Buckel.

Ich bin viel zu beschäftigt, meine zwei mit dem Kommando „Sitz“ auf eine ruhige Form zu bringen, die mir noch ein „Hi“ ermöglichen würde. Seine Handbewegung war vielleicht eine Bewertung. Ganz unrecht hatte er nicht. Natürlich flutschen die Kommandos oft besser.

Kaum taucht ein Hundehalter auf, fühle ich mich wie bei einer praktischen Prüfung. Niemand hat mich angemeldet, aber offenbar findet sie täglich statt. Die Prüfer wechseln ständig und erscheinen meist unangekündigt hinter Hecken, an Weggabelungen oder genau dann, wenn die Leine einen Knoten hat.

Die Bewertung erfolgt wortlos. Punkte gibt es für lockere Leinen, ruhige Hunde und eine Hundeführerin, die aussieht, als hätte sie alles im Griff. Abzüge gibt es für Kommandos, die zweimal ausgesprochen werden müssen, für Leinenakrobatik und für Schweißperlen auf der Stirn oder mein Gesichtsausdruck.

Während ich versuche, meine zwei auf „Sitz“ zu konzentrieren, stelle ich mir vor, wie der Fremde innerlich ein Klemmbrett zückt.

Hundeführerin: bemüht.
Leinenführung: ausbaufähig.
Motivation der Hunde: stark wurstabhängig.
Gesamteindruck: Das Team zeigt Potenzial.

Dabei kenne ich den Mann gar nicht. Ich könnte seine Mutter sein. Wieso winkt er ab, als sei das kein Rudel, sondern ein chaotischer Kompaniehaufen?

Meine Zwei gehen nicht los. Alles läuft ohne Bellen ab. Das ist für mich schon ein Erfolg, denn wir üben ja immer noch. Das Spiel „Die böse Welt außerhalb der Wohnung muss auf jeden Fall verteidigt werden“ spielen wir inzwischen deutlich seltener. Deshalb ist jede ruhige Begegnung eine wertvolle Erfahrung.

Nach einem Stück Wurst – neuerdings meine Geheimwaffe – gehen wir weiter. Die Motivation meiner Vierbeiner steigt dadurch sprunghaft an. Offenbar lässt sich Erziehung doch kaufen.

Richtung Auto begegnen wir uns noch einmal. Diesmal schaut er mir tief in die Augen. Keine Handbewegung. Kein Abwinken. Nur ein Blick.

Vielleicht habe ich die ganze Situation falsch verstanden. Vielleicht wollte er gar nichts bewerten. Möglicherweise hatte er nur einen Krampf im Arm. Menschen machen schließlich die merkwürdigsten Bewegungen. Fit in den Tag.

Meine Hunde haben immer noch den Geschmack von Wurst auf der Zunge. Beide bleiben ruhig. Nun kann ich mir seinen Hund genauer anschauen. Und für einen Augenblick denke ich: Wow, ein Rottweiler-Mädchen.

Izzy hätte sich mit ihr nicht zanken wollen. Sie läuft frei. Das hätte etwas gegeben, wenn meine nicht an der Leine gewesen wären.

Während ich noch über die Bedeutung einer einzelnen Handbewegung nachdenke, haben meine Hunde die Begegnung längst verarbeitet, archiviert und vergessen.

Die Wurst war wichtiger.

Liebe Grüße
Mike Melonte


Dienstag, 23. Juni 2026

Nicht der Preis. Meine Leidensfähigkeit.

 

Die Hitze treibt mich aus dem Haus direkt in den Supermarkt. Eigentlich brauche ich nur ein paar Kleinigkeiten. Der Kühlschrank ist leer. Vorbei an Melonen, Gurken und saftigen Pfirsichen führt mich mein Weg ausgerechnet an einer Klimaanlage vorbei.

Lange starre ich das Gerät an. Mein Verstand rechnet. Ohne Taschenrechner weiß ich: Der Monat wird finanziell sehr schlank. Der Preis gefällt mir nicht. Sie steht da wie ein Luxusartikel für Menschen, die im Sommer nicht schwitzen möchten.

Dann denke ich an meinen Mann. In den letzten Nächten sieht sein Kopfkissen aus, als hätte er es zum Baden mitgenommen. Morgens liegt es nass auf dem Bett wie ein frisch angelandeter Seehund. Gleichzeitig stöhne ich selbst bei jeder Bewegung wie eine Tennisspielerin im Endspiel von Wimbledon.

Die Hitze kreist über unserem Haus wie ein Raubvogel auf Beutejagd. Selbst die Hunde haben ihren Protest aufgegeben. Lucky hechelt nur noch. Izzy liegt ausgestreckt auf den Fliesen, als hätte sie beschlossen, bis September keinen einzigen Schritt mehr zu gehen.

Nach dem Besuch meiner Tochter in Stuttgart muss ich ohnehin noch in die Apotheke. Ein Wespenstich hat meinen rechten Arm in einen Zustand versetzt, den man höflich als auffällig bezeichnen könnte. Unhöflich würde man sagen: Mein Arm sieht aus wie ein aufgepumpter Luftballon.

Als ich erneut an der Klimaanlage vorbeikomme, hat sich etwas verändert. Nicht der Preis. Meine Leidensfähigkeit. Ich beschließe, das Gerät mitzunehmen. Eine ausgezeichnete Idee. Zumindest so lange, bis ich versuche, das Monstrum in den Einkaufswagen zu heben. Ein junger Mann kommt vorbei. Er hilft mir, die Klimaanlage unter den Wagen zu bugsieren. Allein hätte ich vermutlich bis zum Herbst gebraucht.

Nun bin ich im Kaufrausch. Lachs ist im Angebot. Eine Melone wandert in den Wagen. Eine Gurke ebenfalls. Irgendwo zwischen Fischtheke und Obstabteilung fühle ich mich wie eine Frau, die ihre Zukunft neu gestaltet. Schließlich bin ich alt genug, niemanden mehr um Erlaubnis zu fragen.

An der Schnellkasse hilft ein Mitarbeiter beim Einscannen. Die Klimaanlage verweigert weiterhin jede Form von Kooperation. Sie passt weder aufs Band noch in mein Konzept eines entspannten Einkaufs. Vor dem Auto beginnt die nächste Herausforderung. Wie bekommt man eine Klimaanlage in einen Kofferraum?

Antwort: mit einem weiteren jungen Mann.

Zum zweiten Mal an diesem Tag rettet mich die Jugend Deutschlands vor einer öffentlichen Niederlage. Schweißgebadet fahre ich nach Hause. Kurz vor der Ausfahrt nimmt mir beinahe ein anderes Auto die Vorfahrt. Der Fahrer findet offensichtlich die Ausfahrt nicht. Das kenne ich. Dort war ich auch schon.

Zu Hause schleppe ich das Gerät aus dem Auto, über fünf Stufen und schließlich ins Haus. Als das Monstrum endlich im Wohnzimmer steht, bin ich unendlich glücklich. Leider ist mein Kopf inzwischen so hitzegeschädigt, dass ich beschließe, auf meinen Mann zu warten. Irgendjemand muss das Gerät schließlich anschließen.

Als er nach Hause kommt, studieren wir gemeinsam die Bedienungsanleitung. Auf den ersten Blick wirkt sie wie die Abschlussprüfung für Elektrotechnik. Die erste Überschwemmung folgt keine Stunde später. Lucky wirft einen Becher Wasser um.

Nun sitze ich vor meiner neuen Klimaanlage und beobachte den nassen Boden. Wenn alles gut geht, trocknet er wieder. Wenn nicht, hebt sich das Laminat und wir besitzen bald den ersten Indoor-Wellengang in Tübingen.

Wünsche allen entspanntes Schwitzen
Mike Melonte


Erst Jahrzehnte später

Schon als Kind zieht mich das Wasser an. Schritt für Schritt gehe ich hinein. Oft etwas zu weit. Immer wieder schwappt Wasser über meinen Kopf. Schwimmen lernen ist nicht einfach. Der Schwimmring wird zur Rettung, später die Schwimmflügel.

Wasser begleitet mich mein ganzes Leben. Mal in Form von Tränen über versäumte Chancen. Mal als trotzig zurückgehaltene Einsichten. Erst Jahrzehnte später lerne ich, manches an mir abperlen zu lassen.

Oft sitze ich an einem Weiher und schaue auf die ruhige Oberfläche. Besonders am Schleifmühlweiher. Dort scheint die Welt für einen Augenblick langsamer zu werden.

Vielleicht berührt uns Wasser deshalb so tief. Es spiegelt, was in uns vorgeht.

Auch Worte können Wellen schlagen. Ein einziger Satz reicht aus, um einen ganzen Tag zu versauen. Streit hinterlässt Spuren. Trennungen. Verletzungen ziehen Kreise wie ein Stein auf der Wasseroberfläche.

Doch nicht jede Welle kündigt einen Sturm an. Manche Konflikte gleichen einer frischen Brise. Sie bringen etwas in Bewegung. Was für mich einen blinden Fleck darstellt. Haben andere längst entdeckt und stellen Fragen.

Vielleicht kehre ich deshalb immer wieder ans Wasser zurück. Dort erinnert mich alles daran, dass selbst die größten Wellen irgendwann verebben.

Servus
Mike Melonte