Samstag, 29. August 2026

Eine Suppe oder so

Endlich finde ich den Weg in die Sonne. Wohin es gehen soll, weiß ich im ersten Moment nicht recht. Etwas Vernünftiges essen würde ich gern. Eine Suppe oder so.

Ich verlasse das Hotelzimmer, und dreißig Grad plus brezeln auf mich ein. Alles, nur nicht in der Sonne laufen. Izzy bekommt einen Koller. Der heiße Boden setzt ihren Ballen zu.

Zwei Straßen weiter geht es steil bergauf. Dazwischen wieder die Schlaglöcher, die aussehen, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Das Hotel mit Pool soll zweihundert Meter entfernt sein. Die steile Straße lässt mich immer wieder anhalten. Rechts von mir stehen Bäume. Welch ein Segen. Izzy kann im Schatten laufen.

Nach Keuchen und Schwitzen komme ich endlich oben an. Aber der Ober lässt mich mit Izzy nicht in das klimatisierte Restaurant. Der Hund muss draußen bleiben.

Na klar. Ich lasse Izzy draußen und marschiere allein in die Abkühlung. Das macht mich ärgerlich. Er sei nur Angestellter, erklärt der Ober. Also wieder raus.

Er weist mir einen Platz oberhalb des Schwimmbades zu. Verschwitzt sitze ich mit Izzy unter einer hellen Markise. Er will kommen und mir die Karte bringen. Lange kommt niemand. Als er endlich erscheint, knurrt Izzy.

Der Mann hat furchtbare Angst vor dem Hund. Hunde sehe ich hier häufig an der Kette oder hinter Gittern. Ein Belgischer Schäferhund läuft in einem Restaurant im Kreis und bellt, als ich Tage zuvor unterwegs bin und dort vorbeilaufe.

Der Mann im weißen Hemd und in schwarzer Hose wird nicht mehr an meinen Tisch kommen. Stattdessen schickt der Ober einen jüngeren Kollegen. In Turnschuhen und weißem T-Shirt. Er bringt Suppe, Salat und selbst gemachte Brötchen. Sofort mache ich von den schön angerichteten Gerichten 
ein Foto. Seltsamerweise knurrt Izzy nicht. Dem Futterlieferanten darf sie wohl nicht in die Quere kommen.

Vielleicht denkt sie, ich teile mit ihr. Der junge Mann stellt alles ab, und Izzy bleibt ruhig. Er hat eine völlig andere Ausstrahlung und zeigt überhaupt keine Angst.

Ich ziehe die Suppe zu mir heran. Sie duftet nach frischen Kräutern und Blumenkohl. Der erste Löffel schmeckt herrlich. Daneben sehe ich einen Schnitz Zitrone. Vielleicht wird die Suppe hier mit Zitrone gegessen. Ich probiere es. Mit Zitrone schmeckt die Fleischbrühe mit Gemüse noch besser.

Mit der Suppe im Magen sieht die Gegend plötzlich ruhig aus. Der Pool reizt mich gar nicht mehr, hineinzuhüpfen. Izzy dürfte ja sowieso nicht mit.

Neben mir zieht sich eine lange Reihe Rosmarinhecken entlang. Spielerisch zupfe ich an den Rosmarinblättern. Beim Streichen über die Nadeln verbreitet sich sofort der herbe Duft.

Am anderen Ende der Stadt ruft der Muezzin vom Minarett. Seine Stimme hallt bis auf den Berg hinauf.

Auf dem Rückweg laufe ich an Feigenbäumen vorbei. Die Luft ist angestaut von Hitze. Der Duft der Feigen hüllt mich ein. Fast hätte ich mich hinreißen lassen, einen Granatapfel mitzunehmen, aber die Früchte sind noch grün.

Später fällt im Hotel der Strom aus. Kein Licht. Hat das Hotel die Stromrechnung bezahlt?

Ich kann mein Handy nicht laden und dusche im Dunkeln.

Schönes Wochenende
Mike Melonte

Donnerstag, 27. August 2026

Ziel erreicht


In Albanien strahlt die Sonne vom Planeten, als wären wir alle ein Stück näher an Afrika gerückt. Heiß, schwül und voller Überraschungen. Die erste beginnt mit einer Parkplatzsuche.

Wir landen an einer Einkaufsmeile zwischen Möbeln, Klamotten und schließlich dem lang ersehnten Bankautomaten. Albanien gehört nicht zur EU und hat seine eigene Währung. Plötzlich mit Tausendern zu bezahlen, muss man erst einmal checken. Tausende Lek wechseln den Besitzer, als wäre nichts dabei. Unser erstes Essen direkt am Strand gelingt noch in Euro. Ein gebrutzelter Wolfsbarsch, zweimal Salat und Maisbrot: 30 Euro.

Willkommen in Albanien.

Die Weiterfahrt ist eine Lektion für sich. Schlaglöcher tauchen auf, verschwinden und werden von Erhöhungen abgelöst, die unvermittelt aus dem Asphalt wachsen. Abbremsmomente mit Überraschungseffekt. In der Dunkelheit erwischt es einen Ferrari. Er fliegt förmlich über eine dieser Hürden, einen dreißig Zentimeter hohen Wall aus aufgeschüttetem Teer ragt unvermittelt auf. Ohne Vorankündigung! Vielleicht gehört das zur natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung.

Die Luft drückt. Endlich ein Café, endlich kaltes Wasser. Izzy mault. Nein, sie bellt.

Ein Rüde wird von ihr noch angehimmelt. Dann zieht eine Hündin vorbei und mit Diplomatie ist Schluss. Die Hundedame im beigen Fell bleibt stehen und bellt. Nicht laut, aber ausdauernd. Eigentlich bettelt sie. Sie ist hungrig und durstig. Eine Frau steht auf und versucht, mit ihr zu sprechen. Doch die fremde Fellnase will Wasser. Niemand bringt ihr welches. Die Putzfrau wedelt mit dem Mop ihr nach. Sie versteht das Zeichen und rückt etwas nach links weg.

Nach und nach stehen die Leute im Kaffee auf. Die eben noch gut besuchte Terrasse leert sich. Wir stehen schließlich auch auf. Ich lege ein paar getrocknete Lachsstreifen neben einen Blumenkübel unweit vom der Terrasse.

Meine Tochter möchte noch ein Outfit besorgen und verschwindet in einem Laden. Hunde sind nicht erlaubt. Ich bleibe draußen und schwitze. Die automatische Glastür öffnet und schließt sich. Jedes Mal streicht ein kühler Luftzug nach draußen. Ich stelle mich etwas näher.

Ich muss schließlich den kühlen Luftzug mitnehmen. Plötzlich aus heiterem Himmel. Nein, im Rücken trifft mich die Glastür. Der Sensor wird mich erkennen und die Tür wieder zurücknehmen. Ich denke mir nichts dabei.

Izzy nutzt einen Moment und läuft in den Laden. Ich hole sie an der Leine zurück. Mit dem Rücken zur Eingangstür beuge ich mich zu ihr. Dann passiert es. Die rechte Glastür löst sich aus ihrer Verankerung. Einscheiben Sicherheits Glas (ESG) stürzt auf den Boder, zerbricht in unzählige kleine Teile. Für einen Moment stehe ich nur da. Dann sehe ich Izzy. Ziehe sie über die Scherben. Raus hier ist mein nächster Gedanke. Ein Glassplitter trifft mich am Fuss.

Was wäre gewesen, wenn diese Tür auf meinem Kopf zusammengebrochen wäre? Mein solange erwünschter Urlaub wäre abrubt vorbei. Vielleicht mehr als der Urlaub. Der Manager nimmt keine Daten auf. Er hat eine Versicherung und meldet das sofort. Ich komme mit einem Schrecken davon.

Kurz darauf bringe ich meine Tochter nach Tirana. Es dauert ca. eine halbe Stunde Fahrzeit bis zu ihrem Hotel mitten in der Stadt. Ein Parkplatz wird schwer bewacht, aussteigen lassen und weiterfahren. Tirana ist eine eigene Nummer. Autos schieben sich durch viel zu enge Straßen, Motorräder schlängeln sich dazwischen. Es wird gehupt, überholt, wieder eingeschert. Wo ich noch überlege, wer eigentlich Vorfahrt hat, scheint die Antwort längst gefunden: derjenige, der fährt.

Ich lasse Tirana hinter mir und mache mich auf den Weg zum Hotel Corner. Eingeplant ist eine halbe Stunde. Wir waren zuerst mein Hotel suchen und sind dann nach Tirana.

Noch acht Minuten zu meinem Hotel. Ich habe Durst und hole mir einen Snack. Dafür halte ich noch einmal an – und platze mitten in eine Beerdigung. Viele Menschen in Schwarz stehen zusammen und reden. Ich entdecke eine kleine Lücke an der Straße und drängle meinen VW-Bus hinein. Auf meinen Mut bin ich durchaus ein bisschen stolz. Wasser, Frischkäse und Tomaten. Mehr brauche ich heute nicht. Als ich aus dem Laden komme, sind die Menschen verschwunden. Jetzt hätte ich einen Parkplatz haben können.

Eine Minute vor dem Hotel geht es nicht mehr weiter. Ein Baum liegt quer über der Straße. Entwurzelt, gut zehn Meter lang, als habe er beschlossen, sich der Beerdigung solidarisch anzuschließen.

Vor mir steht ein Auto. Hinter mir kommen weitere. Mercedes und BMW überholen meinen einfachen VW-Bus, nur um wenige Meter später ebenfalls vor dem Baum zu stehen. Ich bleibe sitzen und denke an Wasser, Frischkäse und Tomaten. Hätte ich nicht eingekauft, wäre ich ein paar Minuten früher hier gewesen. Zum zweiten Mal an diesem Tag scheint mein Schutzengel einen Auftrag bekommen zu haben. So ein Schutzengel ist wahrlich schwer im Einsatz.

Direkt neben der Straße befindet sich ein Grundstück mit einem Tor. Ein junger Mann winkt mich hinein. Ich darf wenden, mit Izzy ein Stück laufen und bin weg von der Menschentraube, die sich inzwischen um den Baum gebildet hat. Erstaunlich schnell ist Hilfe vor Ort. Ein Quadfahrer kommt, kurz darauf ein Lastwagen mit Kran. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Straße wieder frei.

Ich fahre ins Hotel. An diesem Abend gibt es zweimal Fanta. Süß und kalt. Anschließend falle ich sehr müde ins Bett und schlafe glatt zwei Stunden. Irgendwann werde ich von einem Geräusch wach. Luststöhnen dringt bis in mein Zimmer. Ungehemmt und laut. Ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Auch das noch.

Später sehe ich das Pärchen. Ein älterer Herr, Ende fünfzig vielleicht, und eine junge Frau um die dreißig. Sie gehen an mir vorbei. Vielleicht ist das Hotel Corner tatsächlich für Menschen gedacht, die weniger Schlaf brauchen als ich.

Izzy muss raus. Also Schuhe an, Leine in die Hand und noch eine Runde Gassi gehen. Unterhalb des Hotels liegt ein Restaurant wie eine umgebaute Burg. Weiter unten ist ein Schiff auf die Klippen aufgelaufen. Die Hitze hängt noch immer über allem. Wasser ist knapp.

Ich schaue mich um. Was für ein Tag. Tausende Lek, ein fliegender Ferrari, eine aus den Angeln gerissene Glastür, Tiranas Verkehr, eine Beerdigung, ein entwurzelter Baum – und nun ein Hotel, in dem offenbar nicht jeder zum Schlafen eincheckt. Mein Schutzengel dürfte inzwischen Feierabend haben. Ich hoffe es zumindest.

Albanien. Ziel erreicht.

Liebe Grüße nach Deutschland
Mike Melonte

Mittwoch, 12. August 2026

Die Einladung

Heute Morgen fällt mir ein Apfel auf den Kopf. Eine ordentliche Kopfnuss.

Ich bleibe stehen und sehe den Täter vor mir im Gras liegen. Rund, rot-gelb und vollkommen unschuldig. Ich hebe ihn auf. Er duftet süß, nur ein kleines Loch verrät einen Untermieter.

Sofort habe ich Apfelkuchen in der Nase. Mit Zimt, vielleicht Streuseln, außen knusprig, innen weich. Mein Kopf ist begeistert. Nur ohne Untermieter wäre mir die Sache entscheidend lieber.

Der Rest von mir kennt ohnehin die Wahrheit: Äpfel schälen, schneiden, Teig machen, Backform suchen, Küche verwüsten und schließlich den Backofen aufheizen. Bei diesen Temperaturen? Draußen brütet die Sonne. Schon der Gedanke an 180 Grad Ober- und Unterhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ein Hobby sollte Freude machen. Leicht und einfach soll es sein, sonst bleibt es auf der Strecke.

Ich drehe den Apfel in der Hand. Was will er mir sagen? Iss mich? Back mich? Nimm mich mit und mach Apfelringe aus mir?

Wilhelm Tell hätte vermutlich nicht so lange nachgedacht. Andererseits lag sein Apfel auch nicht auf seinem eigenen Kopf, sondern auf dem seines Sohnes. Auch keine angenehme Ausgangslage.

Ich werfe den Apfel ein Stück voraus. Lucky hat die Situation sofort erkannt. Auf ihn mit Gebrüll. Er schnappt sich den Apfel und trägt ihn als Trophäe davon. Nicht etwa ein paar Meter. Fünfzehn Minuten schleppt er ihn bis zum Auto, fest zwischen den Zähnen, Sabber inklusive. Bloß nicht loslassen.

Im Auto wird getauscht: Apfel gegen einen Streifen getrockneten Lachs. Lucky hält das offenbar für ein gutes Geschäft.

Ich betrachte den Apfel. Luckys Zähne haben ganze Arbeit geleistet. Der Untermieter dürfte inzwischen ebenfalls schlechte Laune haben. Schneewittchen hätte spätestens jetzt Verdacht geschöpft.

Ich werfe den Apfel im hohen Bogen in die Wiese. Rehe oder Vögel werden sich schon finden.

In Gedanken bin ich beim Mittagessen. Ausgebackene Apfelringe gehen schnell. Oder Apfelmus mit Crêpes? Lucky schaut mich erwartungsvoll an. Izzy wartet vor dem Auto darauf, ebenfalls in den Kofferraum eingeladen zu werden.

Bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Apfelbäumen zurück. Dieses Jahr sind die Früchte kleiner als sonst. Nur vereinzelt hängen große Exemplare zwischen den Blättern. Rot, gelb, manche noch grün. Viel Fallobst liegt unter den Bäumen. Dicht gedrängt im Gras, als warteten sie nur darauf, dass jemand etwas mit ihnen anfängt.

Vielleicht ist genau das die Botschaft.

Wer einen Garten hat, lädt jemanden zum Pflücken ein. Wer keinen hat, kennt bestimmt jemanden, der spätestens nach dem fünften Eimer froh ist, wenn Besuch kommt.

Ein Apfel am Tag soll schließlich den Arzt fernhalten.

Bei der Menge, die unter den Bäumen liegt, müssten wir kerngesund durch den Winter kommen.

Ich winke Izzy. Sie springt sofort in den Kofferraum.

Hinter mir fällt ein Apfel ins Gras.

Dann noch einer.

Die Einladung steht.

Liebe Grüße
Mike Melonte

Freitag, 7. August 2026

Absurde Ernährungsformeln

 Gurkensalat × Melonengetränk = weniger Gewicht

Treppensteigen × Schokoladenkuchen = unentschieden

Spiegel × Bauch einziehen = Idealgewicht

Hund × täglicher Spaziergang = Kalorien auf der Flucht

Ein Salatblatt × drei Burger = Alibi

Brot × Wurst = zwei neue Fettpölsterchen

Enkel × Schokolade = Omas Schweigepflicht oder

Oma x Schokolade = Enkels Schweigepflicht

Fernbedienung × Sofa = Fernbeziehung beendet

Light-Limo × Familienpizza = mathematisch wertlos


Hey Leute, wer kennt das Thema Abnehmen?

Für alle, die nicht wissen, was ein Bauch ist: Herzlichen Glückwunsch. Ihr seid genetische Gewinner. Vermutlich esst ihr Croissants mit Marmelade und nehmt trotzdem ab. Mit euch rede ich heute nicht.

Ich gehöre nicht zu den Gazellen. Ihr wisst schon – diese Menschen mit langen Beinen, die durch den Wald schweben und aussehen, als würden sie Werbung für Mineralwasser drehen.

Nein. Ich bin eher ein Nashorn.

Elegant wie ein Möbelwagen. Dafür mit einer ausgeprägten Liebe zu allem, was brutzelt, knuspert und nach „nur noch einen Bissen“ schmeckt.

Früher dachte ich, im Alter wird alles entspannter. Von wegen.

Der erste Lack ist ab. Ob geschniegelt oder ungekämmt – das interessiert kaum jemanden. Aber wehe, ein halbes Kilo schleicht sich heimlich auf die Hüfte. Sofort ruft die Hose den Notstand aus.

Die Nachbarin lächelt: „Das steht dir gut.“

Ich lächle zurück: „Meine Hose hat dazu allerdings eine ganz eigene Meinung.“

Mein Kopf überlegt nur noch, wie der Hosenbund zwei Zentimeter breiter wird.

Der Knopf spannt. Sicherheitshalber bekommt er einen Haushaltsgummi als Leibwächter.

Der Reißverschluss zieht die Reißleine und beantragt Kurzarbeit.

Und ich? Ich überlege ernsthaft, den Hosenbund wegen Körperverletzung anzuzeigen.

Liebe Grüße 
Mike Melonte

Donnerstag, 6. August 2026

Sesamkörner

„Er muss ein Gott sein.“

Unsere Anführerin richtet sich auf ihren sechs Beinen auf. Niemand widerspricht ihr. Sie ist die Älteste unter uns. Seit drei Sommern führt sie jede Expedition persönlich an.

„Seht ihn euch an! Kein Bauch. Kräftige Schultern. Schwarzes Haar. Dunkle Augen. Ein Mann im besten Alter. Wenn die Göttinnen Verstand haben, heiratet ihn bald eine.“

Ehrfürchtig blicken wir zu ihm hinauf. Götter erkennt man daran, dass sie niemals hetzen. Sie gehen mit langen Schritten, als gehöre ihnen die Erde. Dieser hier läuft jeden Mittag eine Stunde bis zu unserer Wiese. Nur um den Duft des frisch gemähten Grases einzuatmen, zwei Äpfel zu pflücken und für wenige Minuten unter unseren Bäumen zu schlafen. Wer würde so etwas tun, wenn er kein Gott wäre?

„Ruhe!“, zischt die Anführerin.

„Gesprungen wird erst, wenn er tief schläft. Wer zu früh saugt, wird entdeckt. Und wer entdeckt wird, gefährdet die ganze Sippe.“

Wir nicken. Eine gute Grasmilbe denkt zuerst an die Gemeinschaft. Erst trinken. Dann Eier legen. Möglichst viele. Nur so bleibt unser Volk erhalten. Der Gott liegt regungslos im Gras. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Vielleicht träumt er.

„Jetzt!“

Zwölf von uns springen gleichzeitig. Ich erwische den Hemdkragen. Zwei verschwinden hinter seinem Ohr. Unsere Kleinste hangelt sich an einem schwarzen Haar nach oben.

„Asien“, haucht die Anführerin ehrfürchtig. „Das Land der Sesamgötter. Seid vorsichtig. Wer dort täglich riesige Zuber voller Sesam rührt, besitzt Fähigkeiten, von denen wir nur träumen können.“

Mir wird plötzlich mulmig.

Sie hat recht.

„Kein Wunder, dass er so stark ist“, flüstert eine der Jüngsten. „Er ernährt sich von Sesam.“

Wer den ganzen Tag Berge von Sesam röstet und dabei lächelt, kann kein gewöhnlicher Mensch sein.

Als der Gott erwacht, klopft er sich ein paar Grashalme von der Hose. Gemächlich macht er sich auf den Rückweg. In seiner Werkstatt schaufelt er wieder Sesam in die riesigen Zuber. Stunde um Stunde. Als hätte es unsere Wiese nie gegeben.

Wir dagegen zählen die Minuten.

Erst wenn sein Kopf das Kissen berührt, beginnt für uns das eigentliche Schlaraffenland. Die Nacht wird ein Fest. Unter den Haaren schmeckt das Blut würzig. Hinter den Ohren ist es angenehm warm. Manche von uns finden sogar den Weg bis zum Rücken. Dort legen wir unsere Eier ab. Schließlich muss auch für den Nachwuchs gesorgt sein.

Am nächsten Morgen erwacht unser Sesamgott mit roten Pusteln am ganzen Körper. Er betrachtet sich im Spiegel und kratzt sich nachdenklich am Arm.

„Ich hab's doch gewusst“, flüstert unsere Anführerin. „Jetzt zeigt er seine göttlichen Kräfte.“

Er streut ein feines weißes Pulver über das Bett. Danach spannt er ein Handtuch über einen Deckel, taucht es in eine dampfend heiße Flüssigkeit und reibt sorgfältig die gesamte Matratze ab. Geduldig wartet er, bis alles getrocknet ist. Am Abend saugt er jede Ritze gründlich aus.

„Rückzug!“, schreit unsere Anführerin.

Zu spät.

Herzliche Grüße
Mike Melonte

Dienstag, 4. August 2026

Die letzte Einladung

Amanda Pfanner legt die letzte Margerite zwischen die Kaffeetassen. Zwölf Gedecke stehen auf der langen Tafel. Die weißen Tischdecken hängen glatt zu beiden Seiten hinab. Der Käsekuchen kühlt auf der Fensterbank aus. Der Kaffee wartet nur noch auf die Gäste.

Es klingelt.

Vor der Haustür steht eine Frau. Irgendetwas an ihrem Gesicht kommt Amanda seltsam vertraut vor. Sie ist etwas kleiner als Amanda, trägt rotblonde Locken, eine blau-weiße Jacke, eine rostrote Hose und abgetragene Wanderschuhe.

„Danke für den Kuchen“, sagt sie.

Amanda runzelt die Stirn.

„Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“

Die Frau lächelt.

„Ich bin Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“

Amanda nickt höflich.

„Welchen Kuchen meinen Sie?“

Die Frau antwortet nicht. Stattdessen streckt sie Amanda die Hand entgegen.

Der Händedruck ist erstaunlich fest. Warm. Vertraut.

Einen Augenblick lang blickt Amanda in freundliche Augen. Als sie blinzelt, ist Anna verschwunden.

Nicht zur Gartentür hinaus. Nicht die Straße hinunter. Einfach fort. Amanda tritt auf den Gehweg, blickt zum Dorfbrunnen und über die Wiesen. Kein Mensch ist zu sehen.

Nach und nach treffen ihre Gäste ein.

Wie immer stellt Amanda den Apfelkuchen erst zum Schluss auf den Tisch. Kaum steht er da, greift sie zum Messer.

„Moment!“, ruft Alfons grinsend. „Das Probierrecht gehört wie immer mir.“

„Du willst doch bloß das größte Stück“, erwidert Amanda.

„Dafür bin ich schließlich Dorfpolizist.“

Gelächter geht um den Tisch. Alfons nimmt den ersten Bissen, schließt genießerisch die Augen und nickt zufrieden.

„Wie jedes Mal. Unschlagbar.“

Die Gespräche kommen in Gang. Einer schimpft über die Benzinpreise, ein anderer über die Regierung. Jeder weiß genau, wie man die Welt retten könnte. Keiner räumt seine Tasse selbst in die Küche.

Mitten im Gelächter klingelt Alfons' Diensthandy. Sein Gesicht wird ernst.

„Sie haben wen gefunden?“

Am Tisch verstummt jedes Gespräch.

„Wo?“

Er hört schweigend zu.

„Ja ... ich bin unterwegs.“

Langsam steckt er das Telefon ein.

„Wen haben sie gefunden?“, fragt Amanda.

Alfons schluckt.

„Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“

Amanda spürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht weicht.

„Jetzt weiß ich, wer sie war“, flüstert sie. „Sie stand eben noch vor meiner Haustür.“

Niemand antwortet.

Einmal im Monat gönnt sich Alfons den Nachmittag bei Amanda. Kaffee und Kuchen kosten ihn keinen Cent. Hier trifft er noch zwei ehemalige Klassenkameraden. Die anderen sind längst in die Stadt gezogen. Heute endet der gemütliche Nachmittag früher als gedacht.

Er stellt die Tasse ab, entschuldigt sich und fährt mit Blaulicht zur Unfallstelle. Wenig später übernimmt die Kriminalpolizei die Ermittlungen. Anna wird auf der Landstraße von einem Auto erfasst.

Zunächst schließen die Ermittler weder einen Verkehrsunfall noch ein Tötungsdelikt aus. Das Fahrzeug wird sichergestellt, Spuren gesichert und sämtliche Anwohner befragt.

Die Gerichtsmedizin stellt im Blut der Verunglückten eine ungewöhnliche Kombination mehrerer Medikamente fest, deren Wechselwirkung Halluzinationen auslösen kann.

Der Lebensgefährte gibt zu Protokoll, dass Anna ihre Medikamente wie jeden Morgen selbst einnimmt. Zusätzlich erhält sie auf Empfehlung des Hausarztes ein neues Schmerzmittel gegen starke Schmerzen.

Nach dem vorläufigen Gutachten betritt sie die Fahrbahn, ohne den herannahenden Verkehr wahrzunehmen. Hinweise auf ein Fremdverschulden finden die Ermittler nicht. Sechs Monate später wird die Akte geschlossen. Todesursache: Unglücksfall. Ein Fremdverschulden lässt sich nicht nachweisen.

Amanda reibt unwillkürlich ihre rechte Hand. Noch immer meint sie, Annas festen Händedruck zu spüren. Sie sagt niemandem, dass Anna wenige Minuten vor ihrem Tod an ihrer Haustür läutet, sich für einen Kuchen bedankt und ihr freundlich in die Augen sieht. Manche Begegnungen passen in keine Ermittlungsakte.

Als sich die Trauergäste schweigend um das offene Grab versammeln, findet ein Blumengebinde aus Margeriten still seinen Weg hinab.

Liebe Grüße
Mike Melonte 

Montag, 3. August 2026

Motorrad mit Beiwagen gesucht

Zwei Hasen hüpfen zwischen den Obstbäumen über die Wiese. Heute blendet mich ausnahmsweise keine Sonne. Dafür klebt die Luft wie nasses Handtuchpapier. Der Schweiß sammelt sich unter meinem Hemd. Auf der Oberlippe bilden sich kleine Perlen, die gerne weiterwandern.

Die Hasen ahnen nichts von der Luftfeuchtigkeit. Sie hüpfen wild im Kreis. Springen aufeinander zu. 

Abgelenkt von den Hasen. Überlege ich mir seit gestern, wo ich eine Häkelanleitung für eine Kawasaki mit Beiwagen herbekomme. Die passende Wolle liegt natürlich noch an Ort und Stelle. Nachher fahre ich in die Stadt. Vorher brauche ich eine Anleitung.

Als die Hasen mich entdecken, verschwinden sie mit einem Satz im hohen Gras. Ha, Hasen häkeln ist auch eine Nummer für sich. Unzählige Tassen Tee haben sich förmlich mit mir durch das Internet getrunken,  bevor das Internet eine brauchbare Anleitung ausspuckte. Reihe zwei. Reihe drei. Aufziehen. Eine Masche zu viel. Noch einmal. Aufziehen. Abnahmen vergessen. Wieder von vorne.

Gefühlt arbeitete ich eine ganze Vollzeitwoche, bis das Häslein endlich Ohren bekam und ich meinen Seelenfrieden zurückgewann.

Vor mir huscht plötzlich ein Fuchs über den Weg. Er ist mager. So ein armer Kerl. Ob ihm die Mäuse hier auf der Wiese reichen? Er muss inzwischen mit Bussarden und Milanen den Mittagstisch teilen.

Ich überlege kurz, ein lebendes Hähnchen zu kaufen und hier auszusetzen. Ich höre das Gegacker. Rieche den Kot, den das Geflügel vor lauter Stress absetzt. Der Gedanke hält genau drei Sekunden.

Auch Hähnchen haben schließlich Fans. Mit dem Tierschutz lege ich mich besser nicht an.

Meine beiden Hunde entdecken inzwischen den Fuchs gleichzeitig. Sofort geht das Ziehen nach vorne los.

Juhu, ein Spielkamerad“, vernehme ich aus dem Gekläffe.

Ich nehme sie an die kurze Leine.

Ein Ringelreihen quer durch den Wald, angeführt von einem Fuchs, gefolgt von zwei Hunden und mir als Fahne hinterher, passt heute nicht in meinen Zeitplan.

Ich muss schließlich noch eine Häkelanleitung für eine Kawasaki mit Beiwagen finden.

Wünsche allen einen guten Start in die Woche.

Herzliche Grüße
Mike Melonte