Gustav ist auf seiner Laufrunde unterwegs. Urplötzlich überrascht ihn ein Regenguss. Damit er nicht nass wird, stellt er sich unter einen riesigen, mindestens zwanzig Meter hohen Kastanienbaum. Am Morgen hatte er sechs Eier gegessen. Lautstark quetscht sich die Luft durch seine Speiseröhre. Mit schwingenden Armen versucht er, sie wieder loszuwerden. Gleichzeitig schießen Blähungen nach draußen. Erschöpft lehnt er sich an den Stamm und schläft ein.
Als er die Augen öffnet, sitzt er auf einer weichen Couch in einer eleganten Lounge. Neben ihm steht ein grauhaariger Mann im weißen Hemd vor einem langen Tisch. Darauf liegen mehrere Boote. Junge Frauen verbinden sie mit dünnen Seilen zu einem einzigen großen Verband. Kaum ist das letzte Boot befestigt, gleiten die Männer wortlos davon, als müssten sie zu einer wichtigen Besprechung.
„Sind Sie auch eingeladen?“, fragt Gustav.
Der Mann schaut ihn an, als hätte er die Frage erwartet.
„Nur wer das richtige Blut mitbringt.“
Im selben Augenblick liegt Gustav auf einer Untersuchungsliege. Eine Ärztin hält ein dreiviertel gefülltes Glas mit dunkelrotem Blut gegen das Licht. Es steht auf einem alten Overheadprojektor.
„Das Medikament wäre eigentlich richtig“, sagt sie. „Aber bei Ihnen weiß man nie.“ Sie greift zum Telefon.
„Schicken Sie sofort Professor Mewager 0399.“
Wenige Augenblicke später betritt ein kleiner Mann mit silbernem Schutzhelm den Raum. Er wirft einen Blick auf das Blutglas und schüttelt den Kopf.
„Unmöglich.“
„Was sehen Sie?“, fragt die Ärztin.
„Eier.“
„Wie bitte?“
„Sechs Stück. Hart gekocht. Mit Senf.“
Die Ärztin seufzt.
„Ich hatte es befürchtet.“
0399 betrachtet das Blut erneut.
„Außerdem hat der Patient außergewöhnlich hohe Rülps- und Blähwerte. Die Luft verteilt sich bereits im Obergeschoss.“
„Können wir das Medikament trotzdem geben?“
„Zu gefährlich. Wenn der Druck entweicht, verschiebt sich das Wetter.“
Die Ärztin schiebt das Blutglas zur Seite. Auf der Folie des Overheadprojektors erscheint plötzlich das Bild des Kastanienbaums. Die Krone bewegt sich im Wind. Kleine blaue Punkte blinken zwischen den Blättern.
„Die Müdigkeitsbeeren!“, ruft 0399 erschrocken.
„Sie wirken doch?“
„Noch elf Sekunden.“
Ein dumpfes Grollen fährt durch den Raum.
Im selben Moment rülpst Gustav im Schlaf so gewaltig, dass sich sämtliche Müdigkeitsbeeren augenblicklich wieder in Wasser verwandeln.
Gustav fährt hoch.
Eine Kastanie fällt direkt vor seine Füße.
„Zum Glück“, murmelt er, richtet seine Jacke und setzt den Lauf fort.
Zur gleichen Zeit tagt auf Mewag der Krisenstab. Mewager 0399 steht stramm vor dem Einsatzleiter. „Einsatzbericht.“
„Mission fehlgeschlagen.“
„Begründung?“
„Der Proband hat sechs Eier gegessen.“
Der Einsatzleiter schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Immer diese Eier.“
0399 räuspert sich.
„Ich muss außerdem einen Verstoß gegen Dienstvorschrift 7.14 melden.“
„Welchen?“
„Ich habe meine Ehefrau mitgenommen. Sie wollte unbedingt sehen, wie Gustav endlich einschläft.“
„Und?“
„Sie hat fotografiert.“
„Mit Blitz?“
0399 nickt.
Der Einsatzleiter schließt die Augen.
„Kein Wunder, dass der Mann aufgewacht ist.“
Im Sitzungssaal herrscht bedrücktes Schweigen.
Ein älterer Mewager schlägt die Fallakte Gustav – Band 38 auf.
„Der Proband ist seit Jahrzehnten das größte Problem unserer Behörde. Schlafbeeren, Regenfronten, Tiefdruckgebiete, Lavendelwolken, Walgesänge, Baldriankapseln und drei Vollmonde – nichts zeigt dauerhafte Wirkung.“
Ein Praktikant meldet sich.
„Aber weshalb funktioniert das alles bei ihm nicht?“
Der Alte blättert weiter.
„Hier steht es.“
Alle beugen sich vor.
„Gustav besitzt eine angeborene Störfeldresonanz. Sämtliche kosmischen Maßnahmen verpuffen wirkungslos.“
„Sonst nichts?“
„Doch.“
Er setzt seine Brille auf.
„Der Proband erkennt weibliche Anwesenheit bereits zweihundert Meter vorher. Sein Kreislauf steigt schlagartig an. Sämtliche Müdigkeit verschwindet augenblicklich.“
„Messbar?“
„Selbstverständlich. Wir haben es mehrfach überprüft.“
In diesem Moment meldet sich die Satellitenüberwachung.
„Alarm! Gustav läuft wieder.“
„Wie schnell?“
„Schneller als vor dem Regenguss.“
Der Einsatzleiter klappt den Ordner zu.
„Dann bleibt nur Plan G.“
„Was bedeutet das G?“, fragt der Praktikant.
Der Alte seufzt.
„Gar nichts. Wir sind nur inzwischen beim siebten Buchstaben im Alphabet angekommen.“
In diesem Augenblick erschüttert ein gewaltiger Rülpser die Atmosphäre. Die Satelliten geraten kurz aus der Umlaufbahn, zwei Regenwolken wechseln die Kontinente und über dem Kastanienbaum bildet sich ein kleiner Tornado.
0399 schaut aus dem Fenster.
„Chef …“ „Ja?“
„Er joggt inzwischen bergauf.“ Der Einsatzleiter sinkt in seinen Sessel.
„Ich beantrage Versetzung. Von mir aus in eine ruhige Ecke. Hauptsache, ich kann auf Gustav verzichten.“
Liebe Grüße
Mike Melonte