Montag, 6. Juli 2026

Nicht schon wieder Gustav

 

Der Wind biegt die Fichte weit nach vorne. Die Äste neigen sich über den Feldweg. Einige Regentropfen an den Nadeln hüpfen ins Gras. Einer nach dem anderen verschwindet zwischen den Halmen. Sie verstecken sich vor dem Mewager. Sie wissen genau: Er sammelt jeden einzelnen wieder ein. Mit einem Returnticket zum Saturn. Direkt ins Straflager.

Der hat heute wieder alles gegeben. Zu viel Widerstand. Endlose Plaudereien. Außerdem musste er mehrere Menschen überwachen, die tatsächlich ohne Regenschirm unterwegs waren. Ein Himmelfahrtskommando.

Nicht jeder Mewager kommt gern auf die Erde. Die meisten haben nur eine Sorge: Gustav. Niemand weiß so genau, warum ausgerechnet er in den Schulungsunterlagen der Mewager eine eigene Rubrik bekommen hat. Sicher ist nur, dass jeder junge Mewager hofft, ihm niemals zu begegnen.

Jetzt hängt Mewager 399 erschöpft zwischen den Ästen einer alten Fichte. Seine Rückverwandlung klebt im Harz. Die Regentropfen machen einen großen Bogen um ihn. Keiner möchte sich nachsagen lassen, mit einem überarbeiteten Mewager gesehen worden zu sein.

Da kommt eine Frau mit zwei Hunden den Feldweg entlang. Einer der Hunde bleibt abrupt stehen. Die Ohren richten sich auf. Er starrt hinauf in die Fichte und bellt aus Leibeskräften.

Der Hund bellt: „Flieh, Frauchen! Renn um dein Leben!“

Der Hund gibt nicht auf. Er weiß nicht, was dort oben sitzt. Der Mewager riecht nach Schokolade. Vielleicht auch nach Banane. Genau weiß das nicht einmal der Hund.

Der Mewager hält die Luft an. So gut das eben geht.

„Diese Vierbeiner“, stöhnt er. „Und hoffentlich ist Gustav heute nicht auch noch unterwegs.“ Sein Magen knurrt.

Die Frau muss die Hunde mit aller Kraft hinter sich herziehen. Unglaublicher Widerstand. In dem Moment kracht ein Ast herunter. Erleichtert nimmt die Frau die Gefahr zur Kenntnis. Sie verteilt je ein Stück Wurst an die Hunde, die scheinbar ihr Leben gerettet haben.

Der Mewager atmet erleichtert aus.

Prompt kommt ein älterer Herr im roten T-Shirt den Feldweg entlang. Zielstrebig steuert er auf die Fichte zu.

„Nicht schon wieder Gustav“, murmelt 399.

Frohes Arbeiten!
Mike Melonte

Regentropfen sind Plaudertaschen

Der Wolkenbruch hat seine Arbeit erledigt. Endlich einmal ein Handwerker, der pünktlich erscheint. Die Erde saugt zufrieden, die Wiesen glucksen noch vor sich hin und meine Socken ergeben sich kampflos. Die Membran meiner angeblich wasserdichten Schuhe kündigt stillschweigend die Zusammenarbeit.

An jedem Grashalm hängt ein Regentropfen. Sie kleben dort wie neugierige Nachbarn am Küchenfenster. Keiner will loslassen und etwas verpassen.

Eintritt frei! Massenhaft regnet es. Die Natur badet. Keine Warteschlange vor dem Freibad. Der Boden in der Wiese gibt unter jedem Schritt nach und schickt würzige Düfte in die Luft. Schnittlauch, Thymian und alles, was sich zwischen den Halmen versteckt, hält offenbar ein spontanes Meeting ab.

Wer etwas erleben will, verzichtet heute auf Großleinwände. Ein Kissen auf dem Fenstersims genügt. Dazu eine Tasse heiße Schokolade und der Blick auf die letzten Regentropfen. Sie erzählen himmlische Geschichten.

Manche behaupten, sie kämen direkt vom Saturn. Dort sollen die Mewager leben. Niemand weiß Genaueres. Sicher ist nur, dass Regentropfen fürchterliche Plaudertaschen sind.

Sie flüstern, Mewager seien mit 399 Jahren noch Halbwüchsige. Einer von ihnen habe sich einmal mit Menschen angefreundet. Das habe dem Großen Mewager überhaupt nicht gefallen. Zur Strafe musste der junge Kerl einige Jahre unter Menschen leben. Andere Tropfen behaupten sogar, er sei dabei in eine Frau verwandelt worden.

Ob das stimmt? Wer will das schon nachprüfen? Regentropfen neigen zum Übertreiben. Außerdem erzählt jeder Grashalm eine andere Geschichte.

So viel Wasser von oben vergrault die Hitze. Fast nebenbei rühre ich den Löffel in der Tasse. Einige Wassertropfen treffen mich.

Wer wohl bei mir anklopft?




Wünsche allen einen guten Start in die Woche
Mike Melonte




Freitag, 3. Juli 2026

Die Richtige

Gustav schneidet die harte Brotkante sauber ab. Sie landet auf seiner Untertasse. Mit dem Messer bestreicht er sorgfältig das Brot dick mit Butter. Anschließend verschwindet das Brot unter einer dicken Schicht Mirabellenmarmelade.

Mit klebrigen Fingern blättert er durch die Zeitung. Dabei stößt er gegen den Zuckerlöffel. Die Zuckerdose kippt um. Zucker verteilt sich über den Tisch. Ohne aufzustehen, scharrt Gustav ihn mit der flachen Hand wieder zu einem kleinen Haufen. Was in der Dose liegt, gehört schließlich in die Dose. Erst dann überfliegt er die Überschriften. Politik. Sport. Todesanzeigen. Nichts Besonderes.

Dann bleibt er an einem Bild hängen. Michelle Obama lächelt ihm von Seite drei entgegen.

Er greift nach der Schere. Sie liegt immer griffbereit neben der Tischlampe. Vorsichtig trennt er den Artikel heraus, steht auf und öffnet den Wohnzimmerschrank. Im untersten Fach liegt ein dicker Leitzordner. Zwischen Versicherungsunterlagen und alten Totozetteln steckt bereits eine stattliche Sammlung ausgeschnittener Zeitungsfotos. Gustav schiebt den neuen Artikel dazwischen, streicht mit zwei Fingern über das Bild und nickt zufrieden.

Die versteht wenigstens das Leben.“

Er setzt sich wieder an den Tisch.

Die würde nie fragen, ob ich den Biomüll runterbringe.“

Das Marmeladenbrot verschwindet in zwei Bissen. Am Monatsanfang schreibt Gustav jedes Mal dieselbe Einkaufsliste. Lebensmittel – 10 Euro. Bier. Waschpulver – 5 Euro. Mirabellenmarmelade. Vogelfutter für Frau Zeh. Einmal die Woche eine Sportzeitung. Mehr braucht ein vernünftiger Haushalt nicht. Frauen wollten immer irgendetwas.

Kannst du mal den Staubsauger in die Hand nehmen?“

Wir haben keinen Sekt mehr.“

Sekt. Als ob man von Sekt satt würde. Judith hatte sogar behauptet, Bier mache dick. Dabei schleppte sie jede Woche neue Schuhkartons nach Hause. Und passte selbst kaum durch die Badezimmertür.... Gustav steht auf. Im Badezimmer hebt er den Toilettendeckel an. Noch immer wackelt das Scharnier. Judith hatte damals nur mit den Schultern gezuckt.

„Da war ein Krabbeltier.“ Mehr Erklärung gab es nicht.

Wie ein Krabbeltier einen Toilettendeckel ruinieren kann, beschäftigt Gustav bis heute.
In diesem Moment öffnet sich die Wohnungstür.

Karl!“

Karl streckt den Kopf herein.mir

Bin nur schnell auf dein Klo.“

Gustav verdreht die Augen.

Schlafen kannst du in deinem Bett. Meditieren musst du nicht auf meinem WC.“

Der Druck auf der Blase …“

Gustav verschränkt die Arme.

Ha! Wie fährst du denn in Urlaub? Du kennst ja jede Kachel bis zum Gardasee.“

Karl grinst.

Willst du jetzt Schach spielen oder mir deine Kloregeln erklären?

Liebe Grüße
Mike Melonte


Verloren

Seine Gedanken gelten gerade seiner neuen Errungenschaft – einem Fernseher. Soeben ist Gustav die Freude am Fußball gründlich vergangen. Das Radler heizt ihm ein, obwohl er einige Wurstbrote gegessen hat. Karl hat kaum ein Wurstbrot angerührt. Eigentlich wollten Karl und er die deutsche Mannschaft anfeuern. Doch ausgerechnet beim Elfmeterschießen war die ganze Freude dahin. Sein Kumpel Karl sitzt wie ein verkohltes Hähnchen im Sessel.

Was für eine Blamage!“, röhrt Gustav mitten in der Nacht. Schweiß perlt auf sein neues grünes Hemd. Er wollte feiern. So richtig, zusammen mit Karl. Die Deutschen im Endspiel hätten ihm heimliches Wettgeld eingebracht. Er war sogar beim Friseur. Der wollte ihn abzocken, da ist er sich sicher. Waschen, Kotletten schneiden, die Locken etwas kürzen – das kostete einen ganzen Wocheneinkauf. Das ist Wucher.

Karl, man muss sich doch noch im Spiegel anschauen können.“

Du hast einen Knall, Gustav.“

Gustav starrt ihn an. Geistesabwesend schaltet er den Fernseher aus. 1800 Mäuse hat das Ding gekostet. Er war bereit, alles für die deutsche Mannschaft zu geben. Selbst von seiner knappen Rente hatte er das Geld zusammengespart. Der Verlust der Wetteinsätze schmerzt ihn noch immer. Statt Ehre bleibt Leere. Viele Spiele kann er nun nicht feiern.

Im Sechzehntelfinale verkackt“, stöhnt er weiter.

Gustav, sieh doch mal. Das war eine Momentaufnahme. Gib den Fernseher zurück! Ich finde dein Fernseher ist eine Wucht. Meiner ist kaputt. So ein klares Bild. Ich sehe alles. Und dein alter war viel zu klein.“

Hast du eine Ahnung, was das mit mir macht?“

Was macht es denn mit dir?“

Einen zornigen Mann, der auf die falsche Mannschaft gesetzt hat. Haben die Fußballer keine Ehre und Nerven mehr? Was ist das für eine Generation? Keinen Hintern in der Hose.“

Na, jetzt bist du auch am Ziel vorbeigeschossen, Gustav. Nicht jeder kann sich mit deiner Perfektion rühmen.“

Ich gehe morgen walken. Gehst du mit, Karl?“

Nein, meine Enkel kommen. Sie wollen ins Schwimmbad.“

„Wasser ist nichts für mich.“

Kaum ist Karl gegangen, nimmt Gustav Zettel und Bleistift. Er rechnet seinen Verlust aus. In der Kneipe hat er hoch gewettet. Ohne Karl müsste er seine Wohnung aufgeben. Karl hatte ihm das Wetten dort verboten. Dem Wirt hatte er die Meinung gegeigt. Niemand wird wetten.

Daraufhin ist Gustav am vergangenen Wochenende zum Fußballplatz gegangen. Tatsächlich hatten einige der alten Herren einen Wetteinsatz laufen. Niemals würde er Karl davon erzählen.

In der Nacht wälzt er sich unruhig hin und her. Selbst Schäfchenzählen hilft nichts. In den frühen Morgenstunden knallt es laut.

Gerade jetzt könnte ich einschlafen“, murmelt er vor sich hin.

Im nächsten Moment kommt ihm der Gedanke, Karl könnte sich erschossen haben. Aber doch nicht Karl wegen so einer Niederlage.

Er macht das Licht an. Sofort strömen Insekten durchs offene Fenster. Seinen Bademantel nimmt er vom Haken am Schrank. Schon lange will er eine Garderobe. Doch die Rente ist zu dürftig. Statt einer ordentlichen Möglichkeit, Jacken, Hut und Bademantel aufzuhängen, kauft er einen Fernseher. Wofür? Will er sich immer wieder an diese Niederlage erinnern?

Er hält sich am Türrahmen fest. Die Gefühle schwappen über. Das alles macht ihn schwindelig. Wie dämlich muss jemand sein, ein Tor zu verfehlen? Augenblicklich kullern wieder Schweißperlen über seine Stirn. Erneut knallt es von der Straße her. Lautes Gerede und durcheinanderhallende Stimmen machen ihn neugierig.

Diesmal ist er sicher: Es war nicht bei Karl. Plötzlich klingelt es an der Tür. Karl steht im kurzen braun-grünen Schlafanzug davor.

Ich dachte schon, du setzt dir eine Kugel.“ Erleichtert klopft er Gustav auf die Schulter.

Nein. Der Fernseher wird auch nächste Woche noch die Sportschau zeigen. Im Grunde möchte ich nicht in der Haut des Schützen stecken, der das Tor verfehlt hat.“

Na, dann bin ich beruhigt. Ich war schon draußen. Einem Fan geht es noch schlechter. Der schießt mit einem Gewehr um sich. Die Polizei kommt gleich. Bleib schön in deiner Bude. Siehst du, Gustav? Wir sind ganz normale Kerle.“

Wünsche allen ein schönes Wochenende
Mike Melonte

Donnerstag, 2. Juli 2026

Der Laufsteg endet am Bordstein

Die Kreuzung gibt es schon sehr lange. Ein Zebrastreifen dagegen nicht. Jeden Morgen dauert es eine Ewigkeit, bis ich mit dem Auto über die Kreuzung komme. Anscheinend kümmert sich jeder erst einmal um sich selbst. Ein schlauer Plan.

Ausnahmsweise führt mich mein Weg wieder über die Kreuzung. Dieses Mal stehe ich ein paar Stunden später als Fußgänger dort. Wer glaubt, die zu Fuß Gehenden würden in einer grünen Stadt besonders berücksichtigt, kann dort lange stehen. Nachdem ich meine Besorgung in der Stadt erledigt habe, bin ich auf dem Rückweg zum Frühstück. Mein Magen knurrt. Die Kehle will endlich einen warmen Tee. Ist das schon Luxus?

Kurz vor der Kreuzung überholt mich ein Mann. Sein Rücken ist breit wie ein Kleiderschrank. Das schwarze Hemd spannt über den Oberarmen, die enge Hose sitzt wie angegossen. In der rechten Hand trägt er einen Minilaptop. Schritt für Schritt läuft er wie ein Männermodel. Für welche Marke? Die Antwort liefern seine Turnschuhe: Bank. Er stellt sich so dicht an den Bordstein, dass für mich kaum noch Platz bleibt. Sein Rasierwasser nebelt mich ein. Keines Blickes würdigt er mich. Mir fehlt offenbar die passende Haute Couture.

Typisch für diese Kreuzung: Selbst Fußgänger kommen hier nicht ohne Weiteres über die stark befahrene Straße. Als ich neben dem Model stehe, macht keiner der Autofahrer Anstalten anzuhalten. Ich hätte mir vorstellen können, dass alle sofort stehen bleiben. Schließlich wartet hier ein Mann, der aussieht, als hätte er einen Termin auf dem Laufsteg. Stattdessen strecke ich den linken Arm aus. In der Schule gab es die Schülerlotsen. Kaum denke ich daran, bremst sofort das erste Auto. Ich laufe los.

Mit einem Ego hoch zehn überquere ich die Straße.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


Mittwoch, 1. Juli 2026

Lucky und die Verschwörung des Wassers

Die Wiese ist völlig durchnässt. Kaum setzt Izzy einen Fuß hinein, zieht sie mich hinterher. Mit jedem Schritt gibt der Boden schmatzend nach. Meine Socken sind verloren. Dabei wollte ich den Wäscheberg endlich schrumpfen lassen.

Aus dem nassen Gras flattern kleine Schmetterlinge auf. Wohin sie fliehen, bleibt ihr Geheimnis. Die Luft klebt auf der Haut. Der Pullover um meinen Hals wird schwer, das Unterhemd haftet am Rücken. Selbst die Insekten schwirren heute dicht über dem Boden.

Die nasse Wiese erinnert mich sofort an das Gewitter von gestern. Zum ersten Mal seit Tagen konnten die Fenster und Rolladen die ganze Nacht offen bleiben. Das Wasser der Klimaanlage hatte sich dafür quer über den Holzboden verteilt. Ausgerechnet Lucky hatte diesmal keinen Alarm geschlagen.

Kaum grollt der Himmel, verschwindet er sonst im letzten Winkel der Wohnung. Hinter der Badezimmertür oder unter dem Bett scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Izzy hält nicht viel vom Versteckspielen. Sie drückt sich lieber an meine Beine und achtet darauf, dass zwischen uns keine Handbreit Platz bleibt. Am liebsten natürlich genau dann, wenn ich am Esstisch sitze.

Lucky balanciert lieber am Rand der Wiese entlang. Wasser gehört eindeutig nicht zu seinen Freunden. Selbst im Bach geht er höchstens bis zu den Krallen. Vielleicht sollte er seine Vorsicht auch auf Geräusche ausdehnen.

Kaum ist das Gewitter vorbei, übernimmt er wieder das Kommando. Alle Fenster stehen offen, und Lucky erzählt Gott und der Welt sämtliche Neuigkeiten. Wann ich ins Bett gehe. Wer am Haus vorbeiläuft. Und vermutlich auch, was es zum Abendessen gab.

Dann legt er sich unter das Bett und lauscht. Durch das offene Fenster entgeht ihm kein Geräusch. Jedes Klappern, jedes Bellen und jeder vorbeigehende Hund wird kommentiert. Izzy rollt sich derweil am Fußende zusammen. Ich greife vorsorglich nach meinen Ohrstöpseln. Sollte Lucky jetzt noch therapeutische Sitzungen mit vorbeiziehenden Hunden eröffnen, lässt sich das Honorar vielleicht noch aushandeln.

Auf dem Rückweg sucht Lucky wieder den trockensten Streifen des Feldwegs. Ich dagegen höre schon die Waschmaschine laufen.

Liebe Grüße
Mike Melonte




Dienstag, 30. Juni 2026

War da jemand?


Nachdem ich heute wieder meine gewohnte Strecke laufe, kommt mir ein Spaziergänger mit Nordic-Walking-Stöcken entgegen. Er wirkt nachdenklich, schaut auf den Boden, und Grüßen fällt ihm offenbar schwer. Im roten Hemd sieht er aus wie eine überreife Tomate. Erst später höre ich, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft ausgeschieden ist. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die Niederlagen persönlich nehmen. Jedenfalls läuft er mit einer Miene, als hätte der Tag seine Farbe verloren.

Mit dem Regen gestern ist endlich etwas Abkühlung gekommen. Ich finde leichter meinen Rhythmus und lege ein zügiges Tempo vor. Meine beiden Hunde traben fast drei Viertel der Strecke neben mir her. Wichtig ist mir vor allem, dass sie sich gleich zu Beginn lösen können. Danach wechseln sich ruhiges Gehen und flottes Traben ab. Kurz bevor wir das Auto erreichen, meldet sich meine Uhr. Alle dreißig Minuten erinnert sie mich daran, wie schnell wir unterwegs sind. Eigentlich würde ich gern joggen. Aber ich bin völlig untrainiert.

Für einen Moment bleibe ich an einem Totem stehen. Aus einem alten Baumstumpf wurde ein heulender Hund geschnitzt. Sein Blick wirkt erstaunlich lebendig. Ich frage mich, ob Izzy deshalb manchmal so aufmerksam hinter sich schaut. Als würde sie etwas wahrnehmen, das meinen Augen verborgen bleibt. Merkwürdigerweise ist das nicht jeden Tag gleich. Heute dreht sie sich kaum um.

Wenn ich durch den Wald laufe, kommen mir oft Bilder in den Sinn, die sich nur schwer erklären lassen. Kurz bevor die Queen starb, sah ich plötzlich eine schwarze Kutsche vor meinem inneren Auge, gezogen von sechs prachtvoll geschmückten schwarzen Pferden. Das Bild war so deutlich, dass es mich noch lange beschäftigte. Aus der Kutsche stieg eine Dame mit einem braunen Hut und einem langen blaugrünen Kleid, als wäre sie direkt aus der Biedermeierzeit gekommen.

Gestern erfahre ich über Instagram, dass der Sohn einer Bekannten vor vier Jahren verstorben ist. Sofort denke ich wieder an solche Momente. An diese seltsamen Eingebungen, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen. Und an Izzy, die gestern wieder glaubte, hinter uns sei jemand unterwegs. Zukunft deuten könne niemand, hat mir einmal ein studierter Mann weismachen wollen.

Vielleicht sind es bloß Zufälle. Vielleicht arbeitet die Fantasie auf ihre eigene Weise. Und vielleicht spüren Hunde manchmal etwas, das wir Menschen längst verlernt haben wahrzunehmen. Ich weiß es nicht.

Aber wenn Izzy plötzlich innehält und in die Stille hinter uns blickt, frage ich mich jedes Mal, ob wir auf unseren Wegen wirklich nur zu dritt unterwegs sind.

Herzliche Grüße
Mike Melonte