Freitag, 3. Juli 2026

Verloren

Seine Gedanken gelten gerade seiner neuen Errungenschaft – einem Fernseher. Soeben ist Gustav die Freude am Fußball gründlich vergangen. Das Radler heizt ihm ein, obwohl er einige Wurstbrote gegessen hat. Karl hat kaum ein Wurstbrot angerührt. Eigentlich wollten Karl und er die deutsche Mannschaft anfeuern. Doch ausgerechnet beim Elfmeterschießen war die ganze Freude dahin. Sein Kumpel Karl sitzt wie ein verkohltes Hähnchen im Sessel.

Was für eine Blamage!“, röhrt Gustav mitten in der Nacht. Schweiß perlt auf sein neues grünes Hemd. Er wollte feiern. So richtig, zusammen mit Karl. Die Deutschen im Endspiel hätten ihm heimliches Wettgeld eingebracht. Er war sogar beim Friseur. Der wollte ihn abzocken, da ist er sich sicher. Waschen, Kotletten schneiden, die Locken etwas kürzen – das kostete einen ganzen Wocheneinkauf. Das ist Wucher.

Karl, man muss sich doch noch im Spiegel anschauen können.“

Du hast einen Knall, Gustav.“

Gustav starrt ihn an. Geistesabwesend schaltet er den Fernseher aus. 1800 Mäuse hat das Ding gekostet. Er war bereit, alles für die deutsche Mannschaft zu geben. Selbst von seiner knappen Rente hatte er das Geld zusammengespart. Der Verlust der Wetteinsätze schmerzt ihn noch immer. Statt Ehre bleibt Leere. Viele Spiele kann er nun nicht feiern.

Im Sechzehntelfinale verkackt“, stöhnt er weiter.

Gustav, sieh doch mal. Das war eine Momentaufnahme. Gib den Fernseher zurück! Ich finde dein Fernseher ist eine Wucht. Meiner ist kaputt. So ein klares Bild. Ich sehe alles. Und dein alter war viel zu klein.“

Hast du eine Ahnung, was das mit mir macht?“

Was macht es denn mit dir?“

Einen zornigen Mann, der auf die falsche Mannschaft gesetzt hat. Haben die Fußballer keine Ehre und Nerven mehr? Was ist das für eine Generation? Keinen Hintern in der Hose.“

Na, jetzt bist du auch am Ziel vorbeigeschossen, Gustav. Nicht jeder kann sich mit deiner Perfektion rühmen.“

Ich gehe morgen walken. Gehst du mit, Karl?“

Nein, meine Enkel kommen. Sie wollen ins Schwimmbad.“

„Wasser ist nichts für mich.“

Kaum ist Karl gegangen, nimmt Gustav Zettel und Bleistift. Er rechnet seinen Verlust aus. In der Kneipe hat er hoch gewettet. Ohne Karl müsste er seine Wohnung aufgeben. Karl hatte ihm das Wetten dort verboten. Dem Wirt hatte er die Meinung gegeigt. Niemand wird wetten.

Daraufhin ist Gustav am vergangenen Wochenende zum Fußballplatz gegangen. Tatsächlich hatten einige der alten Herren einen Wetteinsatz laufen. Niemals würde er Karl davon erzählen.

In der Nacht wälzt er sich unruhig hin und her. Selbst Schäfchenzählen hilft nichts. In den frühen Morgenstunden knallt es laut.

Gerade jetzt könnte ich einschlafen“, murmelt er vor sich hin.

Im nächsten Moment kommt ihm der Gedanke, Karl könnte sich erschossen haben. Aber doch nicht Karl wegen so einer Niederlage.

Er macht das Licht an. Sofort strömen Insekten durchs offene Fenster. Seinen Bademantel nimmt er vom Haken am Schrank. Schon lange will er eine Garderobe. Doch die Rente ist zu dürftig. Statt einer ordentlichen Möglichkeit, Jacken, Hut und Bademantel aufzuhängen, kauft er einen Fernseher. Wofür? Will er sich immer wieder an diese Niederlage erinnern?

Er hält sich am Türrahmen fest. Die Gefühle schwappen über. Das alles macht ihn schwindelig. Wie dämlich muss jemand sein, ein Tor zu verfehlen? Augenblicklich kullern wieder Schweißperlen über seine Stirn. Erneut knallt es von der Straße her. Lautes Gerede und durcheinanderhallende Stimmen machen ihn neugierig.

Diesmal ist er sicher: Es war nicht bei Karl. Plötzlich klingelt es an der Tür. Karl steht im kurzen braun-grünen Schlafanzug davor.

Ich dachte schon, du setzt dir eine Kugel.“ Erleichtert klopft er Gustav auf die Schulter.

Nein. Der Fernseher wird auch nächste Woche noch die Sportschau zeigen. Im Grunde möchte ich nicht in der Haut des Schützen stecken, der das Tor verfehlt hat.“

Na, dann bin ich beruhigt. Ich war schon draußen. Einem Fan geht es noch schlechter. Der schießt mit einem Gewehr um sich. Die Polizei kommt gleich. Bleib schön in deiner Bude. Siehst du, Gustav? Wir sind ganz normale Kerle.“

Wünsche allen ein schönes Wochenende
Mike Melonte

Donnerstag, 2. Juli 2026

Der Laufsteg endet am Bordstein

Die Kreuzung gibt es schon sehr lange. Ein Zebrastreifen dagegen nicht. Jeden Morgen dauert es eine Ewigkeit, bis ich mit dem Auto über die Kreuzung komme. Anscheinend kümmert sich jeder erst einmal um sich selbst. Ein schlauer Plan.

Ausnahmsweise führt mich mein Weg wieder über die Kreuzung. Dieses Mal stehe ich ein paar Stunden später als Fußgänger dort. Wer glaubt, die zu Fuß Gehenden würden in einer grünen Stadt besonders berücksichtigt, kann dort lange stehen. Nachdem ich meine Besorgung in der Stadt erledigt habe, bin ich auf dem Rückweg zum Frühstück. Mein Magen knurrt. Die Kehle will endlich einen warmen Tee. Ist das schon Luxus?

Kurz vor der Kreuzung überholt mich ein Mann. Sein Rücken ist breit wie ein Kleiderschrank. Das schwarze Hemd spannt über den Oberarmen, die enge Hose sitzt wie angegossen. In der rechten Hand trägt er einen Minilaptop. Schritt für Schritt läuft er wie ein Männermodel. Für welche Marke? Die Antwort liefern seine Turnschuhe: Bank. Er stellt sich so dicht an den Bordstein, dass für mich kaum noch Platz bleibt. Sein Rasierwasser nebelt mich ein. Keines Blickes würdigt er mich. Mir fehlt offenbar die passende Haute Couture.

Typisch für diese Kreuzung: Selbst Fußgänger kommen hier nicht ohne Weiteres über die stark befahrene Straße. Als ich neben dem Model stehe, macht keiner der Autofahrer Anstalten anzuhalten. Ich hätte mir vorstellen können, dass alle sofort stehen bleiben. Schließlich wartet hier ein Mann, der aussieht, als hätte er einen Termin auf dem Laufsteg. Stattdessen strecke ich den linken Arm aus. In der Schule gab es die Schülerlotsen. Kaum denke ich daran, bremst sofort das erste Auto. Ich laufe los.

Mit einem Ego hoch zehn überquere ich die Straße.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


Mittwoch, 1. Juli 2026

Lucky und die Verschwörung des Wassers

Die Wiese ist völlig durchnässt. Kaum setzt Izzy einen Fuß hinein, zieht sie mich hinterher. Mit jedem Schritt gibt der Boden schmatzend nach. Meine Socken sind verloren. Dabei wollte ich den Wäscheberg endlich schrumpfen lassen.

Aus dem nassen Gras flattern kleine Schmetterlinge auf. Wohin sie fliehen, bleibt ihr Geheimnis. Die Luft klebt auf der Haut. Der Pullover um meinen Hals wird schwer, das Unterhemd haftet am Rücken. Selbst die Insekten schwirren heute dicht über dem Boden.

Die nasse Wiese erinnert mich sofort an das Gewitter von gestern. Zum ersten Mal seit Tagen konnten die Fenster und Rolladen die ganze Nacht offen bleiben. Das Wasser der Klimaanlage hatte sich dafür quer über den Holzboden verteilt. Ausgerechnet Lucky hatte diesmal keinen Alarm geschlagen.

Kaum grollt der Himmel, verschwindet er sonst im letzten Winkel der Wohnung. Hinter der Badezimmertür oder unter dem Bett scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Izzy hält nicht viel vom Versteckspielen. Sie drückt sich lieber an meine Beine und achtet darauf, dass zwischen uns keine Handbreit Platz bleibt. Am liebsten natürlich genau dann, wenn ich am Esstisch sitze.

Lucky balanciert lieber am Rand der Wiese entlang. Wasser gehört eindeutig nicht zu seinen Freunden. Selbst im Bach geht er höchstens bis zu den Krallen. Vielleicht sollte er seine Vorsicht auch auf Geräusche ausdehnen.

Kaum ist das Gewitter vorbei, übernimmt er wieder das Kommando. Alle Fenster stehen offen, und Lucky erzählt Gott und der Welt sämtliche Neuigkeiten. Wann ich ins Bett gehe. Wer am Haus vorbeiläuft. Und vermutlich auch, was es zum Abendessen gab.

Dann legt er sich unter das Bett und lauscht. Durch das offene Fenster entgeht ihm kein Geräusch. Jedes Klappern, jedes Bellen und jeder vorbeigehende Hund wird kommentiert. Izzy rollt sich derweil am Fußende zusammen. Ich greife vorsorglich nach meinen Ohrstöpseln. Sollte Lucky jetzt noch therapeutische Sitzungen mit vorbeiziehenden Hunden eröffnen, lässt sich das Honorar vielleicht noch aushandeln.

Auf dem Rückweg sucht Lucky wieder den trockensten Streifen des Feldwegs. Ich dagegen höre schon die Waschmaschine laufen.

Liebe Grüße
Mike Melonte




Dienstag, 30. Juni 2026

War da jemand?


Nachdem ich heute wieder meine gewohnte Strecke laufe, kommt mir ein Spaziergänger mit Nordic-Walking-Stöcken entgegen. Er wirkt nachdenklich, schaut auf den Boden, und Grüßen fällt ihm offenbar schwer. Im roten Hemd sieht er aus wie eine überreife Tomate. Erst später höre ich, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft ausgeschieden ist. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die Niederlagen persönlich nehmen. Jedenfalls läuft er mit einer Miene, als hätte der Tag seine Farbe verloren.

Mit dem Regen gestern ist endlich etwas Abkühlung gekommen. Ich finde leichter meinen Rhythmus und lege ein zügiges Tempo vor. Meine beiden Hunde traben fast drei Viertel der Strecke neben mir her. Wichtig ist mir vor allem, dass sie sich gleich zu Beginn lösen können. Danach wechseln sich ruhiges Gehen und flottes Traben ab. Kurz bevor wir das Auto erreichen, meldet sich meine Uhr. Alle dreißig Minuten erinnert sie mich daran, wie schnell wir unterwegs sind. Eigentlich würde ich gern joggen. Aber ich bin völlig untrainiert.

Für einen Moment bleibe ich an einem Totem stehen. Aus einem alten Baumstumpf wurde ein heulender Hund geschnitzt. Sein Blick wirkt erstaunlich lebendig. Ich frage mich, ob Izzy deshalb manchmal so aufmerksam hinter sich schaut. Als würde sie etwas wahrnehmen, das meinen Augen verborgen bleibt. Merkwürdigerweise ist das nicht jeden Tag gleich. Heute dreht sie sich kaum um.

Wenn ich durch den Wald laufe, kommen mir oft Bilder in den Sinn, die sich nur schwer erklären lassen. Kurz bevor die Queen starb, sah ich plötzlich eine schwarze Kutsche vor meinem inneren Auge, gezogen von sechs prachtvoll geschmückten schwarzen Pferden. Das Bild war so deutlich, dass es mich noch lange beschäftigte. Aus der Kutsche stieg eine Dame mit einem braunen Hut und einem langen blaugrünen Kleid, als wäre sie direkt aus der Biedermeierzeit gekommen.

Gestern erfahre ich über Instagram, dass der Sohn einer Bekannten vor vier Jahren verstorben ist. Sofort denke ich wieder an solche Momente. An diese seltsamen Eingebungen, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen. Und an Izzy, die gestern wieder glaubte, hinter uns sei jemand unterwegs. Zukunft deuten könne niemand, hat mir einmal ein studierter Mann weismachen wollen.

Vielleicht sind es bloß Zufälle. Vielleicht arbeitet die Fantasie auf ihre eigene Weise. Und vielleicht spüren Hunde manchmal etwas, das wir Menschen längst verlernt haben wahrzunehmen. Ich weiß es nicht.

Aber wenn Izzy plötzlich innehält und in die Stille hinter uns blickt, frage ich mich jedes Mal, ob wir auf unseren Wegen wirklich nur zu dritt unterwegs sind.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


Montag, 29. Juni 2026

Schlecht organisierte Geister

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Der Satz schießt mir sofort durch den Kopf, nachdem mir nur ein Jogger entgegenkommt. Kaum ist er vorbei, sind wir schon wieder am Friedhof. Heute ist es dort gespenstisch unruhig.

Izzy dreht sich zigmal um. Aber ich kann niemanden sehen. Bis mir die Idee kommt: Ein Geist läuft hinter uns her.

Izzy ist sehr feinfühlig, was erklären könnte, dass uns tatsächlich ein Geist folgt. Vermutlich steckt in Izzy eine Hexe – eingefangen auf vier Pfoten Sie kann sich kaum dagegen wehren, dass hinter ihr Rufe laut werden, die ich nicht hören kann.

Vielleicht liegt es auch am Wetter. Die schwüle Luft drückt, und die Hunde leiden unter der Temperatur.

Jetzt gehe ich schon um sechs Uhr los. Was könnte ein Geist von Izzy wollen?

Spontan fällt mir ein: Falls sie übersinnliche Fähigkeiten besitzt, finden ehemalige Hundehalter Gefallen an ihr. Vielleicht wollen sie mit ihr Ball spielen. Schade nur, dass ich heute keinen dabeihatte. Manche Geister sind eben schlecht organisiert.

Servus
Mike Melonte


Sonntag, 28. Juni 2026

Einmal mehr - morgens unterwegs mit Hunden

Spaziergänger am Waldrand sind sonntagmorgens um 6.30 Uhr völlig normal. Was sollte eine Frau mittleren Alters mit einer Wasserflasche in der Hand auch sonst tun? Sieht sie etwa so aus, als wolle sie im Kleid einen neuen Laufrekord aufstellen? Die nassen Haare verraten, dass sie gerade erst geduscht hat. Ehrlich gesagt hätte sie sich das bei dieser Luftfeuchtigkeit sparen können.

Das angekündigte Gewitter ist am Freitag ausgeblieben. Deshalb hoffe ich inständig auf Regen. Wehe, meine Wetter-App lässt mich wieder im Stich. Die Schwüle setzt mich schachmatt. Die Hunde sind hippelig, und die Frau mit der Wasserflasche verfolgt mich, weil sie denselben Weg nimmt.

Ich warte, bis sie ganz nah heran ist. Jetzt kommt Luckys großer Auftritt. Er riecht ihre Unsicherheit. Ihre Angst setzt ihr zu – tatsächlich will sie umdrehen.

Laufen Sie ruhig weiter!“, rufe ich ihr zu.

Mit größtmöglichem Abstand schleicht sie dicht am äußersten Rand des Weges vorbei. Ihr Problem kann ich nicht lösen. Ich kann ihr weder einen Lavendelstrauß zuwerfen noch sie an die Hand nehmen. Ganz sicher werde ich jetzt keine Grundsatzdiskussion darüber führen, warum ein Hund an der Leine mit Maulkorb offenbar trotzdem Angst macht. Sie geht an uns vorbei. Vermutlich unter höchster Anstrengung. Bauch, Beine, Po – und jetzt den Bauchnabel nach innen ziehen. Immerhin ist das auch eine Art von Sport.

Später begegnet mir die Frau mit ihren zwei Schäferhunden. Wir treffen uns jeden Morgen. Sie hat die gleiche Routine wie ich. Ihre junge Hündin, die sofort in Stellung geht, und ein alter Hund, der auf Anhieb weiß, was die Stunde geschlagen hat. Frauchen hat einen Moment nicht aufgepasst. Prompt gibt es einen Freischein. Mit dem Anleinen lässt sie sich erstaunlich viel Zeit. Sie grinst über beide Backen. Im Vorbeigehen entschuldigt sie sich, weil sie mich nicht gleich gesehen hat.

Ein Hund, der mir ungebremst zu nahe kommt, wird notfalls abgewehrt. Wir befinden uns schließlich nicht im Schutzhundesport. Mein Arm gehört immer noch mir. Der Rest der Runde verläuft wie das Wetter: leicht bewölkt und zäh. Das T-Shirt klebt am Rücken. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich durch eine warme Suppe laufen.

Und ich hoffe immer noch auf Regen.

Liebe Grüße
Mike Melonte 


 

Samstag, 27. Juni 2026

Smaltalk auf vier Pfoten

Kaum trete ich vor die Haustür, kläfft Izzy die halbe Nachbarschaft zusammen. Warum? Udo spaziert mit seinem Hund um 6.15 Uhr am heiligen Samstagmorgen an meinem Auto vorbei. Hätte er nicht einfach drei Minuten später loslaufen können? Rücksicht ist schließlich keine Einbahnstraße.

Im Wald wird es gleich spannend. Kaum sind wir auf der Strecke, kommt uns eine Radfahrerin entgegen. Sie trödelt vor sich hin und fährt Schlangenlinien, als hätte der Alkohol vom Vorabend noch ein Mitspracherecht. Ein Blick auf meine beiden Racker genügt, und schon bekommt sie Angst. Ich bleibe stehen. Es ist schließlich nicht meine Aufgabe, ihre Fahrtauglichkeit zu überprüfen.

Am Friedhof begegnen wir der älteren Dame, die wir inzwischen gut kennen. Ihr Hund hält sich gelassen zurück, er will seine Ruhe und Ärger aus dem Weg gehen. Heute will ich es wissen. Mit dem Kommando „Fuß“ marschiere ich los und schaffe es gerade noch, selbst auf den Beinen zu bleiben. Viel hat nicht gefehlt, und ich hätte mich vor versammelter Hundewelt der Länge nach hingelegt.

Ich gehe zügig weiter. Lucky zieht nach vorne, Izzy kommentiert lautstark das Weltgeschehen. Der Dame dürfte klar sein: Heute ist kein guter Tag für einen Smaltalk. Vielleicht beim nächsten Mal.

Ein Stück weiter tauchen gleich drei Hundehalter auf. Vorsorglich biege ich über die Streuobstwiese ab. Irgendwo höre ich nur noch: „Komm hier! Komm hierher!“ Na, wenn der Freigänger unbedingt Kontakt aufnehmen möchte – Izzy ist heute bestens gelaunt. Lucky dagegen überrascht mich. Er bleibt gelassen. Vermutlich hebt er sich seine Meinung für später auf.

Kurz darauf kommt mir ein kleiner Hund entgegen. Er sieht aus, als hätte sich eine Handtasche selbstständig gemacht. Seine Besitzerin weicht freundlich in einen Feldweg aus.

Vielen Dank“, rufe ich.

Sehr gerne“, antwortet sie.

Siehe da: Es passiert… gar nichts. Keine Oper, kein Theater, keine diplomatische Krise. Ich bin jedes Mal dankbar für Hundehalter, die einfach mitdenken.

Auf dem Rückweg wartet noch die Schwergewichtsklasse. Ein Schäferhundmischling baut sich vor uns auf, macht einen Schritt nach vorn und wirkt, als wolle er die Weltherrschaft übernehmen. Ich sage freundlich: „Alles entspannt.“

Sein Frauchen würdigt mich keines Blickes. Sie packt ihren Kandidaten am Geschirr und zieht ihn mit beeindruckender Muskelkraft an uns vorbei, als würde sie einen widerspenstigen Einkaufswagen aus dem Baumarkt bugsieren.

Eigentlich brauche ich gar keinen Sport. Fünftausend Schritte mit Izzy und Lucky ersetzen jedes Fitnessstudio. Knie, Arme, Rücken und Reaktionsvermögen werden gleichermaßen trainiert – inklusive kostenlosem Adrenalinschub.

Herzlichst 
Mike Melonte