Ostern
sollte
eigentlich nach Frühling riechen. Nach frischer Erde, nach den
ersten Blüten an den Obstbäumen und nach Sonne auf der Haut. Doch
in diesem Jahr fällt
die Sonne aus.
Alles friert.
Nicht
nur, weil über Nacht die Heizung ausgefallen ist. Der Hausmeister
ist
in den Ferien zum Skilaufen. Draußen fällt
auch noch Schnee.
Ursula
steht
am Fenster und zieht
die Strickjacke enger um sich. Die Welt wirkt
still, fast unwirklich. Schneeflocken treiben
über die Straßen, ziehen
an Gärten vorbei und bleiben
auf den Gehwegen liegen. Der Frühling scheint
vergessen zu haben,
dass Ostern längst vor der Tür steht.
Manchmal
glaubt
sie, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Seit sie denken kann, spürt
sie Dinge früher als andere. Stimmungen, die sich abrupt verändern,
wenn sie ein Lokal betritt.
Spannungen am Arbeitsplatz, weil niemand redet.
Ungesagte Worte schlagen
auf ihrer inneren Plattform auf wie Meteoriten. Sie fühlt
sich in Menschen hinein, als würden deren Gedanken durch eine offene
Tür spazieren.
Eine Gabe, sagt
ihr Bruder Thomas. Für Ursula fühlt
es sich oft wie ein Fluch an.
Mit
24 Jahren hat
sie bereits genug Gefühlschaos erlebt, um zu wissen: Beziehungen
sind
selten einfach. Vor allem mit Männern. Mit Kollegen, die sie mit den
Augen ausziehen,
kommt
sie gut zurecht. Ursula findet,
viele von ihnen seien
noch im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Als gäbe
es immer noch diese unsichtbare Ordnung: Männer dominieren, Frauen
haben
kein Stimmrecht. Wie früher: Kirche, Kinder, Küche – und bitte
nicht zu laut widersprechen.
In
ihrem Kopf baut
sich ein Drama auf.
Ein inneres Stoppschild schreit
laut: Schluss.
Als
sie Jan kennenlernt,
wirkt
er anders. Leicht. Humorvoll. Ein wenig rätselhaft.
„Probier
doch mal etwas völlig Neues“, sagt
er lachend.
„Häkeln im Wald.“
Ursula
lacht
zuerst. Bei dem Wetter müsste
sie halbe Handschuhe mitnehmen. Dann überlegt
sie kurz und fragt,
ob er ein besonderes Plätzchen kennt.
„Oh,
Kressbach neben dem Golfplatz.“
Aus
Neugier nimmt
sie tatsächlich ihre Wolle und die Häkelnadel mit hinaus zwischen
die Bäume. Die Luft ist
kalt, der Boden feucht
vom Tau. Sie setzt
sich auf einen umgestürzten Stamm, die Gartenhose gegen die Nässe.
Der Wind pfeift
durch die Äste.
Jemand
will
zu ihr sprechen. Sie spürt
es deutlich. Aber sie sieht
niemanden.
Als
sie die ersten Maschen für einen Topflappen häkelt,
liegt
plötzlich ein seltsamer Duft in der Luft. Ihre Gedanken wandern
über die Äste auf dem Boden. Eine innere Unruhe erfasst
sie. Es hätte
ein ruhiger Moment sein können.
Bis
sie etwas im Schnee sieht.
Zuerst denkt
sie, es sei ein alter Sack oder ein Stück Stoff. Doch es ist
eine männliche Leiche.
Später
verbringt
Ursula viele Stunden mit Wolle. Ein ganzes Set Topflappen entsteht
unter ihren Händen – Masche für Masche, als versuche
sie, das Leiden Christi zu begreifen: Schmerz, Opfer, Erlösung.
Doch
jedes Mal, wenn sie die Nadel durch die Baumwolle zieht,
denkt
sie an diesen Morgen im Wald. Und an Jan.
Denn
je mehr Zeit vergeht,
desto stärker drängt
sich ein Gedanke auf, der ihr noch mehr Kälte durch den Körper jagt
als der Schnee:
Ostern
sollte
eigentlich nach Frühling riechen. Nach frischer Erde, nach den
ersten Blüten an den Obstbäumen und nach Sonne auf der Haut. Doch
in diesem Jahr fällt
die Sonne aus.
Alles friert.
Nicht
nur, weil über Nacht die Heizung ausgefallen ist. Der Hausmeister
ist
in den Ferien zum Skilaufen. Draußen fällt
auch noch Schnee.
Ursula
steht
am Fenster und zieht
die Strickjacke enger um sich. Die Welt wirkt
still, fast unwirklich. Schneeflocken treiben
über die Straßen, ziehen
an Gärten vorbei und bleiben
auf den Gehwegen liegen. Der Frühling scheint
vergessen zu haben,
dass Ostern längst vor der Tür steht.
Manchmal
glaubt
sie, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Seit sie denken kann, spürt
sie Dinge früher als andere. Stimmungen, die sich abrupt verändern,
wenn sie ein Lokal betritt.
Spannungen am Arbeitsplatz, weil niemand redet.
Ungesagte Worte schlagen
auf ihrer inneren Plattform auf wie Meteoriten. Sie fühlt
sich in Menschen hinein, als würden deren Gedanken durch eine offene
Tür spazieren.
Eine Gabe, sagt
ihr Bruder Thomas. Für Ursula fühlt
es sich oft wie ein Fluch an.
Mit
24 Jahren hat
sie bereits genug Gefühlschaos erlebt, um zu wissen: Beziehungen
sind
selten einfach. Vor allem mit Männern. Mit Kollegen, die sie mit den
Augen ausziehen,
kommt
sie gut zurecht. Ursula findet,
viele von ihnen seien
noch im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Als gäbe
es immer noch diese unsichtbare Ordnung: Männer dominieren, Frauen
haben
kein Stimmrecht. Wie früher: Kirche, Kinder, Küche – und bitte
nicht zu laut widersprechen.
In
ihrem Kopf baut
sich ein Drama auf.
Ein inneres Stoppschild schreit
laut: Schluss.
Als
sie Jan kennenlernt,
wirkt
er anders. Leicht. Humorvoll. Ein wenig rätselhaft.
„Probier
doch mal etwas völlig Neues“, sagt
er lachend.
„Häkeln im Wald.“
Ursula
lacht
zuerst. Bei dem Wetter müsste
sie halbe Handschuhe mitnehmen. Dann überlegt
sie kurz und fragt,
ob er ein besonderes Plätzchen kennt.
„Oh,
Kressbach neben dem Golfplatz.“
Aus
Neugier nimmt
sie tatsächlich ihre Wolle und die Häkelnadel mit hinaus zwischen
die Bäume. Die Luft ist
kalt, der Boden feucht
vom Tau. Sie setzt
sich auf einen umgestürzten Stamm, die Gartenhose gegen die Nässe.
Der Wind pfeift
durch die Äste.
Jemand
will
zu ihr sprechen. Sie spürt
es deutlich. Aber sie sieht
niemanden.
Als
sie die ersten Maschen für einen Topflappen häkelt,
liegt
plötzlich ein seltsamer Duft in der Luft. Ihre Gedanken wandern
über die Äste auf dem Boden. Eine innere Unruhe erfasst
sie. Es hätte
ein ruhiger Moment sein können.
Bis
sie etwas im Schnee sieht.
Zuerst denkt
sie, es sei ein alter Sack oder ein Stück Stoff. Doch es ist
eine männliche Leiche.
Später
verbringt
Ursula viele Stunden mit Wolle. Ein ganzes Set Topflappen entsteht
unter ihren Händen – Masche für Masche, als versuche
sie, das Leiden Christi zu begreifen: Schmerz, Opfer, Erlösung.
Doch
jedes Mal, wenn sie die Nadel durch die Baumwolle zieht,
denkt
sie an diesen Morgen im Wald. Und an Jan.
Denn
je mehr Zeit vergeht,
desto stärker drängt
sich ein Gedanke auf, der ihr noch mehr Kälte durch den Körper jagt
als der Schnee: Warum schlägt
Jan ausgerechnet vor, im Wald zu häkeln?
Warum
schlägt
Jan ausgerechnet vor, im Wald zu häkeln? Doch je länger Ursula
darüber nachdenkt, desto mehr Fragen tauchen auf. Jan hatte
erstaunlich ruhig reagiert, als sie ihm von der Leiche im Wald
erzählte. Zu ruhig vielleicht. Erst zwei Tage später sitzt er
ihr gegenüber, die Hände um eine Tasse Kaffee gelegt, als müsse er
sich daran wärmen.
„Ich arbeite bei der Kripo“,
sagt er schließlich.
Ursula starrt ihn an. „Du…
was?“
Jan zuckt mit den Schultern. „Ich
wollte sehen, wie du reagierst.“
Sie spürt, wie sich etwas in ihr
zusammenzieht.
„Der Mann im Wald“, fährt er
fort, „ist kein Mordopfer.“
Ursula schweigt.
„Er war seit Tagen als vermisst
gemeldet. Demenz. Wir haben überall gesucht.“
Jan atmet langsam aus. „Er muss
kilometerweit gelaufen sein.“ Dann hebt er den Blick.
Seine grünen Augen wirken
plötzlich älter. „Es war mein Großvater.“ Für einen Moment
ist alles still. Nur der Wind schiebt Schnee gegen die
Fensterscheibe.
Ursula denkt an den Wald. An die
Kälte. An ihre Häkelnadel zwischen den Fingern.
„Und warum…“, beginnt sie
leise, „hast du mich auf die Probe gestellt?“
Jan lächelt schwach.
„Weil du gesagt hast, du
würdest Dinge spüren. Menschen durch Gedankenübertragung
verstehen.“ Er lehnt sich zurück.
„Ich wollte wissen, ob das
stimmt.“
Ursula sieht ihn lange an. Dann
nimmt sie ihre Wolle zur Hand. „Und?“, fragt sie ruhig.
Jan zuckt mit den Schultern.
„Du hast ihn gefunden.“
Sie zieht die erste Masche durch
das Garn. „Manchmal“, sagt sie leise, „führt einen nicht der
Verstand zur richtigen Stelle.“ Sie häkelt einen magischen Ring
und beginnt feste Maschen hineinzuhäkeln. „Manchmal ist es einfach
ein Gefühl.“
Draußen fällt noch immer
Schnee. Und irgendwo zwischen Wolle, Wald und Wahrheit beginnt Ursula
zu begreifen, dass manche Begegnungen kein Zufall sind.
Herzliche Grüße
Mike Melonte