Heute Morgen fällt mir ein Apfel auf den Kopf. Eine ordentliche Kopfnuss.
Ich bleibe stehen und sehe den Täter vor mir im Gras liegen. Rund, rot-gelb und vollkommen unschuldig. Ich hebe ihn auf. Er duftet süß, nur ein kleines Loch verrät einen Untermieter.
Sofort habe ich Apfelkuchen in der Nase. Mit Zimt, vielleicht Streuseln, außen knusprig, innen weich. Mein Kopf ist begeistert. Nur ohne Untermieter wäre mir die Sache entscheidend lieber.
Der Rest von mir kennt ohnehin die Wahrheit: Äpfel schälen, schneiden, Teig machen, Backform suchen, Küche verwüsten und schließlich den Backofen aufheizen. Bei diesen Temperaturen? Draußen brütet die Sonne. Schon der Gedanke an 180 Grad Ober- und Unterhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ein Hobby sollte Freude machen. Leicht und einfach soll es sein, sonst bleibt es auf der Strecke.
Ich drehe den Apfel in der Hand. Was will er mir sagen? Iss mich? Back mich? Nimm mich mit und mach Apfelringe aus mir?
Wilhelm Tell hätte vermutlich nicht so lange nachgedacht. Andererseits lag sein Apfel auch nicht auf seinem eigenen Kopf, sondern auf dem seines Sohnes. Auch keine angenehme Ausgangslage.
Ich werfe den Apfel ein Stück voraus. Lucky hat die Situation sofort erkannt. Auf ihn mit Gebrüll. Er schnappt sich den Apfel und trägt ihn als Trophäe davon. Nicht etwa ein paar Meter. Fünfzehn Minuten schleppt er ihn bis zum Auto, fest zwischen den Zähnen, Sabber inklusive. Bloß nicht loslassen.
Im Auto wird getauscht: Apfel gegen einen Streifen getrockneten Lachs. Lucky hält das offenbar für ein gutes Geschäft.
Ich betrachte den Apfel. Luckys Zähne haben ganze Arbeit geleistet. Der Untermieter dürfte inzwischen ebenfalls schlechte Laune haben. Schneewittchen hätte spätestens jetzt Verdacht geschöpft.
Ich werfe den Apfel im hohen Bogen in die Wiese. Rehe oder Vögel werden sich schon finden.
In Gedanken bin ich beim Mittagessen. Ausgebackene Apfelringe gehen schnell. Oder Apfelmus mit Crêpes? Lucky schaut mich erwartungsvoll an. Izzy wartet vor dem Auto darauf, ebenfalls in den Kofferraum eingeladen zu werden.
Bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Apfelbäumen zurück. Dieses Jahr sind die Früchte kleiner als sonst. Nur vereinzelt hängen große Exemplare zwischen den Blättern. Rot, gelb, manche noch grün. Viel Fallobst liegt unter den Bäumen. Dicht gedrängt im Gras, als warteten sie nur darauf, dass jemand etwas mit ihnen anfängt.
Vielleicht ist genau das die Botschaft.
Wer einen Garten hat, lädt jemanden zum Pflücken ein. Wer keinen hat, kennt bestimmt jemanden, der spätestens nach dem fünften Eimer froh ist, wenn Besuch kommt.
Ein Apfel am Tag soll schließlich den Arzt fernhalten.
Bei der Menge, die unter den Bäumen liegt, müssten wir kerngesund durch den Winter kommen.
Ich winke Izzy. Sie springt sofort in den Kofferraum.
Hinter mir fällt ein Apfel ins Gras.
Dann noch einer.
Die Einladung steht.
Liebe Grüße
Mike Melonte