Sportsfreund Lucky hat immer eine kurze Leine. Wortwörtlich. Er steht permanent in den Startlöchern, um seinen Mitmenschen einen kleinen Schrecken fürs Leben mitzugeben. Die meisten reagieren auf ein einzelnes „Wuff“ noch recht gelassen. Sobald jedoch ein ganzer Schwall von „Wuff! Wuff! Wuff!“ aus ihm herausbricht, bin ich mehr als einmal erleichtert, dass er einen stabilen Maulkorb trägt.
Über die Jahre habe ich etwas Interessantes beobachtet. Manche Menschen lässt Lucky einfach links liegen. Andere dagegen geraten sofort in sein pädagogisches Förderprogramm.
Lange habe ich gerätselt, woran das liegt. Inzwischen bin ich überzeugt: Menschen mit Angst vor Hunden empfindet Lucky als erziehungsbedürftig. Er muss sie quasi in den Senkel stellen. Schließlich kann es nicht angehen, dass ein ausgewachsener Zweibeiner beim Anblick eines Hundes nervös wird. Wo kommen wir denn da hin?
Dabei will Lucky eigentlich nur kuscheln. Zumindest behauptet er das. Sein Auftreten erinnert zwar eher an einen Türsteher mit schlechter Laune, aber tief im Inneren schlägt angeblich das Herz eines Teddybären.
Heute Morgen sprang ein fremder Hund querfeldein auf uns zu. Offenbar fand er zwei angeleinte Hunde unglaublich sympathisch und wollte sofort Kontakt aufnehmen. Manche Hunde betrachten schließlich jede Begegnung als Speed-Dating.
„Na bitte, er beißt sofort!“, rief ich.
Der heranstürmende Hund ignorierte diese Information vollständig. Seine Besitzerin hingegen begann sofort nach ihrem Hund zu brüllen, als müsse sie persönlich die Welt retten.
Währenddessen stand Lucky da und betrachtete die Szene mit professionellem Interesse. Vermutlich fragte er sich, warum Menschen ihre Hunde wie Rehe durch die Landschaft hüpfen lassen und erst dann Verantwortung entdecken, wenn es bereits spannend wird.
Am Ende gingen alle unverletzt auseinander. Lucky war darüber ein wenig enttäuscht. Nicht weil er ein tolles Frühstück hat saussen lassen. Sondern weil wieder einmal niemand bereit war, seine kostenlosen Erziehungsmaßnahmen angemessen zu würdigen.
Liebe Grüße
Mike Melonte


