Seine
Gedanken gelten gerade seiner neuen Errungenschaft – einem
Fernseher. Soeben
ist Gustav
die Freude am Fußball gründlich vergangen.
Das Radler heizt ihm
ein, obwohl er einige Wurstbrote gegessen hat. Karl hat kaum ein
Wurstbrot angerührt. Eigentlich wollten Karl und er die deutsche
Mannschaft anfeuern. Doch ausgerechnet beim Elfmeterschießen war die
ganze Freude dahin. Sein Kumpel Karl sitzt wie ein verkohltes Hähnchen im Sessel.
„Was
für eine Blamage!“, röhrt Gustav mitten in der Nacht. Schweiß
perlt auf sein neues grünes Hemd. Er wollte feiern. So richtig,
zusammen mit Karl. Die Deutschen im Endspiel hätten ihm heimliches
Wettgeld eingebracht. Er war sogar beim Friseur. Der wollte ihn
abzocken, da ist er sich sicher. Waschen, Kotletten schneiden, die
Locken etwas kürzen – das kostete einen ganzen Wocheneinkauf. Das
ist Wucher.
„Karl,
man muss sich doch noch im Spiegel anschauen können.“
„Du
hast einen Knall, Gustav.“
Gustav
starrt ihn an. Geistesabwesend schaltet er den Fernseher aus. 1800
Mäuse hat das Ding gekostet. Er war bereit, alles für die deutsche
Mannschaft zu geben. Selbst von seiner knappen Rente hatte er das
Geld zusammengespart. Der
Verlust der Wetteinsätze schmerzt ihn noch immer.
Statt Ehre bleibt Leere. Viele Spiele kann
er nun
nicht feiern.
„Im
Sechzehntelfinale verkackt“, stöhnt er weiter.
„Gustav,
sieh doch mal. Das war eine Momentaufnahme. Gib den Fernseher zurück!
Ich finde dein Fernseher ist eine Wucht. Meiner ist kaputt. So ein
klares Bild. Ich sehe alles. Und dein alter war viel zu klein.“
„Hast
du eine Ahnung, was das mit mir macht?“
„Was
macht es denn mit dir?“
„Einen
zornigen Mann, der auf die falsche Mannschaft gesetzt hat. Haben die
Fußballer keine Ehre und Nerven mehr? Was ist das für eine
Generation? Keinen Hintern in der Hose.“
„Na,
jetzt bist du auch am Ziel vorbeigeschossen, Gustav. Nicht jeder kann
sich mit deiner Perfektion rühmen.“
„Ich
gehe morgen walken. Gehst du mit, Karl?“
„Nein,
meine Enkel kommen. Sie wollen ins Schwimmbad.“
„Wasser
ist nichts für mich.“
Kaum
ist Karl gegangen, nimmt Gustav Zettel und Bleistift. Er rechnet
seinen Verlust aus. In der Kneipe hat er hoch gewettet. Ohne Karl
müsste er seine Wohnung aufgeben. Karl hatte ihm das Wetten dort
verboten. Dem Wirt hatte er die Meinung gegeigt. Niemand wird wetten.
Daraufhin
ist Gustav am vergangenen Wochenende zum Fußballplatz gegangen.
Tatsächlich hatten einige der alten Herren einen Wetteinsatz laufen.
Niemals würde er Karl davon erzählen.
In
der Nacht wälzt er sich unruhig hin und her. Selbst Schäfchenzählen
hilft nichts. In den frühen Morgenstunden knallt es laut.
„Gerade
jetzt könnte ich einschlafen“, murmelt er vor sich hin.
Im
nächsten Moment kommt ihm der Gedanke, Karl könnte sich erschossen
haben. Aber doch nicht Karl wegen so einer Niederlage.
Er
macht das Licht an. Sofort strömen Insekten durchs offene Fenster.
Seinen Bademantel nimmt er vom Haken am Schrank. Schon lange will er
eine Garderobe. Doch die Rente ist zu dürftig. Statt einer
ordentlichen Möglichkeit, Jacken, Hut und Bademantel aufzuhängen,
kauft er einen Fernseher. Wofür? Will er sich immer wieder an diese
Niederlage erinnern?
Er
hält sich am Türrahmen fest. Die Gefühle schwappen über. Das
alles macht ihn schwindelig. Wie dämlich muss jemand sein, ein Tor
zu verfehlen? Augenblicklich kullern wieder Schweißperlen über
seine Stirn. Erneut knallt es von der Straße her. Lautes Gerede und
durcheinanderhallende Stimmen machen ihn neugierig.
Diesmal
ist er sicher: Es war nicht bei Karl. Plötzlich
klingelt es an der Tür. Karl steht im kurzen braun-grünen
Schlafanzug davor.
„Ich
dachte schon, du setzt dir eine Kugel.“ Erleichtert klopft er
Gustav auf die Schulter.
„Nein.
Der Fernseher wird auch nächste Woche noch die Sportschau zeigen. Im
Grunde möchte ich nicht in der Haut des Schützen stecken, der das
Tor verfehlt hat.“
„Na,
dann bin ich beruhigt. Ich war schon draußen. Einem Fan geht es noch
schlechter. Der
schießt mit einem Gewehr um sich.
Die Polizei kommt gleich. Bleib schön in deiner Bude. Siehst du,
Gustav? Wir sind ganz normale Kerle.“
Wünsche allen ein schönes Wochenende
Mike Melonte