Früh werde ich wach. Izzy wäscht mich mit ihrer Zunge. Überall bin ich nass, sodass es mir unmöglich ist, weiter liegenzubleiben. Mit einem schwebenden Bein koordiniere ich den Weg ins Bad, ziehe den Schlafanzug aus und stelle mich unter die Dusche.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Samstagmorgen in Albanien. Was soll ich um diese Zeit auch sonst machen?
Ich häkle noch einen Vampir und lege die getragenen Kleidungsstücke zusammen. Morgen ist Abreisetag. Langsam verschwindet mein Leben wieder aus dem Hotelzimmer und wandert zurück in die Taschen.
Mit einem Klick bleibe ich an den Nachrichten hängen. Norwegens König ist verstorben. Etwas traurig hänge ich meinen Gedanken nach. Izzy hält nichts von längerer Andacht und schleckt wieder an mir herum. Jetzt aber. Ich ziehe mich hurtig an. Bevor es ein Malheur im Zimmer gibt, muss der Hund raus.
Mutig erklimme ich mit Izzy den steilen Berg. Inzwischen kenne ich ihn. Meine Beine vermutlich auch, allerdings haben sie mir ihre Meinung dazu noch nicht abschließend mitgeteilt. Heute gehen wir sogar noch ein Stück weiter. Bis vor uns ein ziemlich großer Hund auftaucht. Ich drehe um. Man muss im Ausland nicht jede Begegnung bis zum Ende ausdiskutieren.
Natürlich lösen sich morgens auch die albanischen Hunde. Deshalb jault und bellt es aus allen Richtungen und hinter Grundstücken. Vielleicht handelt es sich um eine Art Geheimcode.
„Deutsche mit Hund unterwegs.“
„Schon gesehen.“
„Hat sie Futter dabei?“
„Keine Ahnung. Aber Wasser wäre nicht schlecht.“
Morgens ist der Asphalt noch nicht so heiß. Trotzdem schwitze ich schon vor sieben Uhr. Die Sonne hat offenbar andere Arbeitszeiten als ich. Zurück im Hotel werde ich gefragt, ob ich frühstücken wolle.
Irgendwie ist das seltsam. Jeden Morgen werde ich gefragt. Bezahlt habe ich ein Zimmer mit Frühstück im Voraus. Heute bekomme ich eine aufgeschnittene Tomate und ungefähr ein Achtel Tässchen heißes Wasser für meinen Tee. Nach dem Käse muss ich fragen. Das Maisbrot ist so hart, es krümmelt mir den Schlund hinunter. Ohne Tee bleibt es im Hals stecken. Das Messer hat heute Urlaub. Vielleicht wird gespart. Ich frage danach. Der junge Mann versteht nicht, was ich möchte. Ich zeige eine Schneidebewegung mit der Hand. Er schaut mich an und geht dann. Das Messer bleibt verschwunden.
Die Miniwürste auf meinem Teller gebe ich Izzy. Wenigstens eine von uns beiden geht zufrieden vom Frühstückstisch.
Der Vormittag nimmt mich mit Häkeln vollständig in Beschlag, bis mich der Hunger wieder hinaus in die Hitze drückt. Noch einmal soll es das Lokal auf dem Berg werden. Dort habe ich inzwischen meinen Platz gefunden. Vielleicht gehört das zum Reisen: Erst ist alles fremd. Plötzlich finde ich einen Weg, eine Gastronomie mit Schattenplatz und eine Stelle, an der ich mich wohlfühle. Den Nachmittag verbringe ich schwitzend in der Natur und genieße das mediterrane Klima. Ein Olivenbaum leistet mir Gesellschaft. Ich versuche es mit einem kleinen Gespräch.
Er antwortet nicht. Vielleicht liegt es an meinem Dialekt. Schwäbisch kann nicht jeder. Dafür chatte ich mit meiner Tochter, die gerade in einem Nobelrestaurant ein mehrgängiges Menü genießt. Während bei mir ein Olivenbaum schweigt, wird ihr vermutlich erklärt, welches Öl auf ihren Teller hüpft.
Auf dem Rückweg schaue ich mir noch einmal den Kakibaum an. Den würde ich am liebsten sofort mitnehmen. Feigen fallen reif vom Baum und bleiben einfach auf dem Boden liegen. Zu gern hätte ich auch einen Granatapfel mitgenommen, aber der ist noch grün.
Nach diesem Nachmittag in der Hitze habe ich nur noch einen Wunsch: zurück ins Hotel, Klimaanlage an und duschen. Der Portier empfängt mich.
„No electricity.“
Oje. Kein Strom. Die Klimaanlage kann ich vergessen. Das Handy lädt nicht und Licht gibt es auch keines. Na gut. Dann dusche ich eben im Dunkeln. Ich drehe den Wasserhahn auf. Nichts. Kein Tropfen. Jetzt verstehe ich. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Wasser. Auf einmal bekommt dieser kleine Satz des Portiers eine erstaunliche Tragweite.
„No electricity“ heißt: keine Klimaanlage, kein Licht, kein geladenes Handy und kein Wasser. In einem Land, in dem ich schon morgens vor sieben Uhr schwitze, ist das eine bemerkenswerte Kombination. Alles hängt zusammen. Ich sitze auf dem Bett und frage mich, ob hier tatsächlich häufiger der Strom ausfällt. Oder wird er vielleicht heruntergefahren, wenn kaum jemand im Haus ist, um zu sparen?
Nach meinem Frühstück halte ich inzwischen einiges für möglich. Wenn schon das Messer einen freien Samstag bekommt, warum nicht auch der Strom? Zu Hause weiß ich wenigstens, wo die Messer liegen. Ich kann mir heißes Wasser nachschenken. So sparsam wurde ich noch nie in einem Hotel bedient.
Vielleicht ist das hier auch gar kein Frühstück, sondern eine heimliche Abnehmkur. Ein Achtel Tässchen Wasser, hartes Brot und kein Messer. Morgen ist Abreise. Bis dahin sollte das erste Kilo geschafft sein.
Und doch nehme ich aus diesem Tag eine kleine Erkenntnis mit:
Wir halten vieles für selbstverständlich, solange es funktioniert. Wasser kommt aus dem Hahn. Strom aus der Steckdose. Das Handy lädt. Die Klimaanlage kühlt.
Wehe, eines davon fällt aus. Und plötzlich hängt das Leben an einer Steckdose.
Herzliche Grüße
Mike Melonte

