Dienstag, 27. Oktober 2026

Die Ansage

Den Satz auf Anfang weben, 🧶
und frei ins Geschehen dichten,
den Hang zum Blühen bringen, 🌸
kein Quäntchen Zeit verschwenden.
Am Glas wie Fliegen hängen, 🪟
den Tag in Broteinheiten teilen, 🍞
Kommerz im Geiste ändern,
und endlich was zu essen! 🍽️

 

 
 
 
 
 
Mit Wolle Suchspiel spielen,
da schon die Stimmung wartet, 🕰️
dem Lauf der Buchstaben folgen, ✍️
die Hoffnung grün beleuchten. 💚
Vergessen dort zu sitzen,
Erinnern zu entrinnen, 💭
Vergangnes wertzuschätzen,
wer nun den Laufpass fordert! 🚫
In dunkle Nächte drücken, 🌙
getrost die Zeit aufschieben,
dem Leib die Ruhe gönnen,
den Tag zu Ende bringen. ✨
Sanft Schlummern die Organe, 💤
am Tag die Zukunft schleicht,
der Baum nun Blätter verliert, 🍂
Natur, die endlich ruht. 🌳

Liebe Grüße
Mike Melonte

Dienstag, 20. Oktober 2026

Raum

Unlängst sitze ich in einem Raum, in dem einzelne Tische zu einer langen Tafel zusammengerückt sind. Fünfzehn Personen finden bequem Platz. Wir sollen uns Gedanken über ein Impulswort machen. Ich entscheide mich für „Raum“.

Eigentlich ist mir dieses Thema schon immer mal auf den Pelz gerückt. Schon als Jugendliche hatte ich reichlich Raum. Ich besaß ein wunderschönes Zimmer unter dem Dach, sogar mit einem eigenen Waschbecken. Dort konnte ich mir stundenlang die Zähne putzen oder irgendwelche anderen Dinge veranstalten, ohne dass mir jemand dazwischenfunkte. Was man als junges Mädchen eben so alles mit einem Waschbecken anfangen kann.

Meine Brüder hatten dagegen das Wohnzimmer für sich entdeckt. Dort bauten sie ihre Rennbahn auf. Eine richtig geile Carrera-Bahn, auf der die Autos um die Wette sausten. Zu gern hätte ich mitgefiebert, wäre selbst ein paar Runden gefahren. Aber zu Weihnachten bekam ich eine Puppe. Die wollte sich nicht so recht mit mir unterhalten, geschweige denn ein Wettrennen veranstalten. Auch später fand ich kaum einen Raum, in dem mein Bärbelinchen ein würdevolles Dasein führen konnte.

Nach meinen zahlreichen Umzügen entdeckte ich sie eines Tages in einer Kiste auf dem Dachboden wieder. Auch so ein Raum, in dem alles zusammengetragen wird, was anderswo keinen Platz mehr findet. Manchmal frage ich mich, ob Dachböden nicht die eigentlichen Gedächtnisse eines Hauses sind. Nur leider haben sie kein besonders gutes Ordnungssystem.

Meinen eigenen Raum habe ich inzwischen längst gefunden. Doch viele Jahre habe ich vergeblich danach gesucht. Eine Zeit lang stand mein Schreibtisch im Schlafzimmer. Dort versuchte ich zu lernen, zu lesen oder auch einmal entspannt fernzusehen. Der Raum war kalt und ungemütlich. Irgendwie wollte dort nichts so recht gelingen.

Dann sollte renoviert werden. Doch jeder neue Farbanstrich brachte die alten Streifen wieder zum Vorschein. Sobald der Untergrund feucht wurde, kam die Farbe in Streifen wieder herunter. Offenbar wollte die Wand lieber nackt bleiben. Schließlich bekam das Zimmer eine Holzdecke, die ihm endlich eine angenehme Atmosphäre verlieh.

Kaum war alles schön, erhielt mein Partner ein Jobangebot. Wir zogen um. Offenbar hatte ich den Raum nicht für mich, sondern für meinen Nachfolger renoviert.

Ein Umzug verschlingt bekanntlich nicht nur Zeit und Geld, sondern manchmal auch Dinge, die einem besonders lieb sind. Bei mir war es ein Paar Socken. Wolle mit Seide, weich wie eine Moosfläche unter nackten Füßen. Ich habe sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Vielleicht liegen sie noch immer in irgendeinem Karton und warten darauf, dass ich endlich den richtigen durchsuche. Inzwischen dürften sie museumsreif sein.

Dabei ist Raum bekanntlich in der kleinsten Hütte.

Meine erste Wohnung bot gerade einmal Platz für eine Matratze, einen kleinen Tisch und später einen Schrank. Die Tischplatte hatte ich mir im Baumarkt zusägen lassen und anschließend vier Beine daruntergeschraubt. Den Schrank bekam ich von einem Bekannten für achtzig Mark. Viel mehr hätte ohnehin nicht hineingepasst.

Ich malte, las Bücher und lernte für meine Prüfungen. Wenn ich nicht gerade über meinen Unterlagen saß, gehörte die Zeit mir. Die Wohnung war klein, aber sie ließ mir erstaunlich viel Raum. Vielleicht lag es daran, dass niemand auf die Idee kam, mir diesen streitig zu machen.

Heute ist es genau umgekehrt. Ich habe so viel Platz, dass ich manchmal gar nicht weiß, in welches Zimmer ich mich setzen soll. Überall gibt es einen Tisch, einen Stuhl, ein Fenster und irgendeine Beschäftigung, die auf mich wartet. Kaum habe ich mich niedergelassen, fällt mir ein, was ich in einem anderen Zimmer noch erledigen wollte.

Am liebsten würde ich mich auf den Dachboden zurückziehen. Zwischen alten Kartons, vergessenen Erinnerungen und vielleicht sogar meinen verschwundenen Seidensocken.

Dort oben hätte ich endlich meine Ruhe. Denn die Hunde kommen nicht mit. Die steile Dachleiter, die ich liebevoll meine Hühnerleiter nenne, ist ihnen nicht geheuer. So betrachtet brauche ich eigentlich gar keinen größeren Raum. Nur eine Leiter, die außer mir niemand hinaufkommt.

Liebe Grüße
Mike Melonte

Samstag, 17. Oktober 2026

Erzählcafé in Rottenburg

Manche Begegnungen sind so besonders, dass sie einen noch lange begleiten. Heute war so ein Tag. Noch immer habe ich die Menschen vor Augen, ihre Gesichter, ihre Stimmen und die Geschichten, die sie mitgebracht haben. Dabei wollte ich doch eigentlich nur lernen, wie man ein Erzählcafé leitet.

Das i-Dipfele in Rottenburg ist eine feste Institution, ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Gemeinschaft erleben. Schon beim Ankommen spüre ich, dass hier etwas Besonderes auf mich wartet. Die Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt, sondern herzlich und selbstverständlich. Ein frisch aufgebackener Leberkäse, leckere Käsebrötchen, Trauben, Bananen und Äpfel stehen bereit. Dazu gibt es Kaffee, so viel das Herz begehrt, Tee, Wasser und Apfelsaft. Es sind diese kleinen Gesten der Aufmerksamkeit, die aus einem gewöhnlichen Veranstaltungsraum einen Ort machen, an dem man sich willkommen fühlt.

Elf Menschen sitzen schließlich an einem länglichen Tisch. Zunächst sieht es so aus, als sei nur ein Mann darunter. Doch dann kommt noch einer hinzu. Zwei Männer und neun Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eines gemeinsam haben: die Neugier auf das, was Menschen zu erzählen haben.

Wie leitet man eigentlich ein Erzählcafé? Wie bringt man Menschen dazu, sich zu öffnen, Erinnerungen hervorzuholen und anderen einen Einblick in das eigene Leben zu gewähren? Und vor allem: Wie schafft man eine Atmosphäre, in der sich jeder traut, seine Geschichte zu erzählen? Mich interessiert das brennend.

Unsere Workshop-Leiterin Dagmar Schenk versteht es auf beeindruckende Weise, uns vom ersten Augenblick an mitzunehmen. Mit großem Einfühlungsvermögen, einer bemerkenswert geschickten Gesprächsführung und einer angenehmen Selbstverständlichkeit führt sie uns durch den Tag. Schon nach kurzer Zeit kenne ich alle mit Namen. Aus elf zunächst fremden Menschen wird eine Runde, in der man einander zuhört, sich austauscht und neugierig auf die Gedanken der anderen wird.

Ich hänge Dagmar förmlich an ihren Lippen. Nicht, weil sie ununterbrochen spricht, sondern weil sie genau weiß, wann sie etwas sagen muss und wann es besser ist, anderen Raum zu geben. Es ist eine Kunst, Gespräche anzuregen, ohne sie zu beherrschen. Fragen zu stellen, ohne Antworten vorzugeben. Und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich vorher noch nie begegnet sind.

Dabei wird mir immer deutlicher, dass ein Erzählcafé viel mehr ist als eine gemütliche Kaffeerunde. Es ist ein Ort für Erinnerungen, Erfahrungen und Lebensgeschichten. Ein Ort, an dem Vergangenheit lebendig wird und Menschen entdecken können, wie viel sie miteinander verbindet.

Die Stunden vergehen wie im Flug. Wir hören zu, tauschen Gedanken aus, lernen voneinander und beschäftigen uns mit der Frage, wie wir selbst ein solches Erzählcafé gestalten könnten. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bereits sehr konkrete Vorstellungen. Andere möchten die vielen Eindrücke erst einmal auf sich wirken lassen. Auch ich merke, wie sich meine Gedanken immer wieder um die Möglichkeiten drehen, die in diesem wunderbaren Format stecken. Und plötzlich ist es 17 Uhr.

Ich bin tatsächlich überrascht. Wo ist nur die Zeit geblieben? Am liebsten würde ich noch sitzen bleiben, weiter zuhören, Fragen stellen und die Gedanken der anderen aufnehmen. Ihre Worte klingen mir nach, während wir uns verabschieden. Was für eine Fülle an Eindrücken, was für interessante Menschen und was für eine wunderbare Erfahrung!

Einige Teilnehmerinnen sind aus Tübingen angereist. Mit einer Frau, die ebenfalls dorthin zurückmöchte, mache ich mich auf den Heimweg. Wir fahren von Rottenburg nach Tübingen, und kaum zehn Minuten später stehe ich schon am Bahnhof. Ein Katzensprung!

Während ich mich verabschiede, denke ich darüber nach, wie nah manchmal die schönsten Entdeckungen liegen. Rottenburg ist wirklich eine wunderschöne Stadt, und das i-Dipfele hat mir heute gezeigt, wie viel Wärme, Offenheit und menschliche Nähe in einem einzigen Tag stecken können.

Ich bin unendlich dankbar für diesen Workshop, für Dagmar Schenk, die uns mit so viel Geschick durch den Tag begleitet hat, für die herzliche Gastfreundschaft und für jeden einzelnen Menschen an diesem Tisch.

Vor allem aber nehme ich etwas mit, das sich nicht in Unterlagen oder Mitschriften festhalten lässt: die Lust, noch mehr Geschichten zu hören und vielleicht eines Tages selbst ein Erzählcafé zu leiten.

Denn jeder Mensch hat eine Geschichte. Man muss ihm nur die Gelegenheit geben, sie zu erzählen.

Und eines weiß ich jetzt schon: Nach Rottenburg komme ich wieder. Sehr gerne sogar.

Wünsche allen ein schönes Wochenende
Mike Melonte

Sonntag, 11. Oktober 2026

Der Sonntag

Aufräumen ist eine unglaublich aufwendige Angelegenheit. Alles, was über Wochen, Monate oder gar Jahre liegen geblieben ist, soll plötzlich einen festen Platz bekommen. Dabei hat es sich an seinem bisherigen Standort offenbar recht wohlgefühlt. Niemand hat sich beschwert, und solange man nichts gesucht hat, war auch alles vorhanden.

Ausgerechnet die Tonne, mit der ich die kalte Asche aus dem Schwedenofen entferne, ist verschwunden. Ich durchsuche sämtliche Ecken, schaue in jedes Zimmer und unter Regale. Eine Aschentonne löst sich schließlich nicht einfach in Luft auf.

Heute ist Sonntag, und ich nehme mir die Kartons vor, die noch überall herumstehen. Nicht aus freien Stücken, sondern weil unser Haus inzwischen eine eigene Vorstellung davon entwickelt hat, wo wir unsere Sachen unterzubringen haben. Eigentlich geht es nur darum, ein Zimmer zu renovieren. Was daraus geworden ist, könnte man als innerhäusliche Völkerwanderung bezeichnen.

Angefangen hat alles mit den Mäusen in der Garage. Die kleinen Nager hatten sich dort häuslich eingerichtet und ihre Hinterlassenschaften großzügig verteilt. Wir haben ausgeräumt, geputzt und entsorgt. Was noch brauchbar erschien, wanderte in den Keller. Damit war die Garage wieder frei und der Keller entsprechend voller. Immerhin hatten wir das Problem erfolgreich verlagert.

Nun hat sich in einem Zimmer Schimmel gebildet. Das Zimmer muss renoviert werden, und ich werde vorübergehend in einem anderen schlafen. Dafür müssen die Winterkleider aus dem Nordzimmer verschwinden. Die Sommersachen sollen auf die Bühne, wofür dort wiederum Platz benötigt wird. Die halbe Bühne ist inzwischen frei, die andere Hälfte steht zum Glück nicht bis unter die Decke. Man muss schließlich auch die kleinen Erfolge feiern.

So kommt es, dass ich an einem Sonntag zwischen Kartons stehe und mich frage, wie viele Zimmer man eigentlich benötigt, um ein einziges Zimmer renovieren zu können.

Bewerbungsunterlagen aus längst vergangenen Zeiten, Zeitungsausschnitte und Zeitschriften finden ohne größere Diskussion den Weg in die Papiertonne. Bei anderen Gegenständen fällt die Entscheidung schwerer. Die Kategorien heißen: Restmüll und Gelber Sack. Eine dritte Kategorie bildet sich ganz von selbst: Vielleicht kann man es irgendwann noch gebrauchen. Sie ist mit Abstand die beliebteste und erklärt vermutlich, weshalb unser Haus überhaupt so viele Kartons beherbergt.

Besonders Bilder haben es schwer. Sie benötigen einen neuen Platz. Ich überlege, ob sich das Problem durch zusätzliche Wände lösen ließe. Andererseits würde das vermutlich nur neue Möglichkeiten schaffen, Dinge aufzubewahren, die niemand mehr benötigt.

Bereits am vergangenen Sonntag habe ich gemeinsam mit meiner Tochter ihre Schulunterlagen gesichtet. Ganze Jahrgänge aus der Grundschule und dem Gymnasium haben hier überdauert. Arbeitsblätter, Hefte und ganze Ordner, die vermutlich niemand mehr lesen wird, liegen ordentlich übereinander. Erstaunlich, wie sorgfältig man Dinge aufbewahrt, die man im wirklichen Leben nie wieder benötigt. Vermutlich aus dem Gefühl heraus, dass etwas, in das so viel Arbeit geflossen ist, unmöglich wertlos geworden sein kann.

Wir lachten über manche Einträge, wunderten uns über andere, und plötzlich tauchten Erinnerungen auf, die sich nicht so einfach entsorgen ließen wie ein alter Mathematiktest. Einige davon waren traurig. Mir stiegen Tränen in die Augen, als ich begriff, wie oft ich meiner Tochter etwas abgenommen hatte, das sie durchaus selbst hätte bewältigen können. Vielleicht hätte ich sie früher selbstständiger werden lassen sollen.

Heute hat sie eine eigene Wohnung, einen anstrengenden Beruf und reist durch die Welt. Sie hat sich prächtig entwickelt, ganz ohne meine ständige Aufsicht. Vermutlich hätte ich mir manche Sorge sparen können. Die Jahre, in denen ich glaubte, alles im Blick behalten zu müssen, bekomme ich ohnehin nicht zurück. Meine Tochter braucht meine Aufsicht längst nicht mehr, während ich noch immer ihre alten Schulhefte bewache.

Schließlich landete der Ordner auf dem Stapel mit dem Altpapier. Die Erinnerungen bleiben. Erstaunlicherweise benötigen sie keinen Lagerplatz.

Am heutigen Nachmittag ist wieder ein guter Teil der Kartons geleert. Vor der Haustür wartet das Altpapier auf seine Entsorgung, der Gelbe Sack ist gut gefüllt, und manches hat tatsächlich einen neuen Platz gefunden. Anderes wartet noch auf eine Entscheidung. Schließlich soll man nichts überstürzen, was bereits jahrelang erfolgreich aufgeschoben wurde.

Im Keller stehen weiterhin die Gegenstände aus der Garage, und die Garage selbst sieht inzwischen ganz passabel aus. Allerdings steht dort nun ein Boot. Ein Auto hätte natürlich auch hineingepasst, aber das wäre vermutlich zu gewöhnlich gewesen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst des Aufräumens: Man schafft Platz für Dinge, die vorher gar nicht dort standen.

Langsam wird es Abend. Ich bin müde, aber zufrieden. Eine neue Ordnung ist entstanden, zumindest dort, wo ich heute gearbeitet habe. Merkwürdigerweise habe ich das Gefühl, auch in meinem Kopf sei wieder mehr Platz. Vielleicht muss man tatsächlich erst einiges loslassen, bevor man klarer sieht.

Die Aschentonne ist allerdings immer noch verschwunden. Ich könnte im Keller danach suchen, müsste dafür aber zunächst die Kartons aus der Garage beiseiteräumen. Die könnte ich vorübergehend auf die Bühne stellen. Dort ist schließlich wieder Platz.

Ich beschließe, die Suche auf nächsten Sonntag zu verschieben. Langsam entwickelt sich das Aufräumen zu einer festen Sonntagsbeschäftigung. Andere gehen spazieren, besuchen Freunde oder legen die Füße hoch. Ich besichtige den Hausrat und entscheide über seine Zukunft.

Immerhin brauche ich mir über meine Sonntagsgestaltung vorläufig keine Gedanken mehr zu machen.

Wünsche allen eine schöne Woche!
Mike Melonte

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Die Risottobraut

Fast gelingt der Übergang vom Tausch Arbeit gegen Geld in einen schönen Lebensabend. Dann kommt urplötzlich der nächste Meilenstein. Schließlich kann nicht jeder im Bentley über die Alpen fahren. Wenige tun es trotzdem, allen Ratschlägen zum Trotz.

Was beginnt eigentlich hinter dem Balkan? Die Menschen fahren Auto wie in Europa auch. Sie essen, vielleicht andere Speisen und zu anderen Zeiten. Aufgebrezelt für das Abenteuer hängt die Goldkette um meinen Hals, am Ringfinger sitzt der Diamantring. Das Weißgold glänzt in der Sonne. Die beige Hose sitzt locker auf den Hüften und gibt unglaublich etwas her. Es ist der gerade Schnitt. Es müssen schließlich nicht immer die X-Beine gezeigt werden. Immerhin soll die Reise in bleibender Erinnerung bleiben.

Noch ist das Auto unterwegs. Die Berge wirken nicht bedrohlich, die Sonne lächelt ihr schönstes Lächeln, obwohl der Sommer sehr unter dem Wasserverlust von oben zu kämpfen hat. Die Landschaft zieht vorbei und mit ihr dieses wohlige Gefühl des Reisens. Einmal weit weg, das ist der Plan. Wie lange es dauert, spielt vorerst keine Rolle. Natürlich hätte es noch weiter sein dürfen, aber der Flieger wollte das Auto nicht transportieren. Mit dem Ballon hätte ich noch eine Ausbildung gebraucht, und den Flugschein könnte ich mir zwar überlegen, aber so schnell würde es mit der Umsetzung vermutlich nichts werden. Immerhin hat die Reise bereits begonnen.

Aus dem Bentley, der zeitlebens ein Wunsch war, werden gewisse Abstriche gemacht. Das Auto darf vier Räder haben, und bestenfalls kann darin übernachtet werden. Die finanziellen Mittel sollten für den Balkan reichen. Dann sind die Dieselpreise hoch. Sehr hoch.

Absagen? Umkehren? Kommt nicht infrage. Es geht um Wunschumsetzung. Wer macht da schon einen Rückzieher? Das Essen in der Fremde ist anders. Wobei – Burger und Fritten gibt es inzwischen überall. Haben sich die Menschen mit dem Internet gleich noch einen anderen Essstil zugelegt, oder liegt es an der Generation?

Selber kochen wird unterwegs schwierig. Wasser ist knapp bemessen, und ständig bin ich auf der Suche nach Getränken. Die großen Kanister reichen zum Händewaschen, aber nicht immer werden die Hände gleich gewaschen. Nach und nach setzt der Schlendrian ein. Ein Feuchttuch muss reichen.

Irgendwann geht die Reise zu Ende. Die vielen Tausend Kilometer stecken in den Knochen, die Erschöpfung fährt auf den letzten Kilometern einfach mit nach Hause. Kaum zurück, beginnen die Bauchschmerzen.

Vor Jahren hat mir ein Psychologe einmal erklärt, was es bedeuten könne, wenn der Bauch schmerzt. Wir standen am Schwarzen Meer und seine Freundin hat sich nicht zu uns gesetzt. Das Angenommensein fehle, die Aufmerksamkeit solle sich wieder um die Person kümmern, die Bauchweh hat. Mein Bauch bekommt nun sehr viel Aufmerksamkeit. Mehr, als mir lieb ist.

Drei Tage liege ich da und quäle mich, bis der Arzt schließlich Bakterien feststellt und Antibiotika verordnet. Drei Tabletten auf einmal. Etwa eine Stunde nach der Einnahme sind die Schmerzen wieder da. Nichts ahnend habe ich die Keule längst genommen. Seitdem bin ich die Risottobraut.

Reis morgens, Reis mittags, Reis abends. Wer immer nur Reis isst, kann vermutlich überhaupt nicht zunehmen. Das wäre immerhin ein Vorteil, wenn es nicht so langweilig wäre.

Zwischendurch meldet sich der Hunger mit Nachdruck. Nach Wochen der Vernunft muss etwas Ordentliches her. Ein Käsebrot mit Tomate. Brot, Käse, Tomate – was soll daran schon verwerflich sein?

Mein Bauch weiß es. Etwa eine Stunde später rebelliert irgendeine Institution in meinem Inneren. Ob Galle, Leber, Magen, Darm oder alle gemeinsam, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Jedenfalls wollen sie von meinem Käsebrot nichts wissen. Die Krämpfe kommen zurück, und damit ist die kulinarische Freiheit vorerst wieder beendet.

Also bleibt es wie gehabt. Darmaufbau mit Hefebakterien, damit dort wieder Leben einzieht. Nur scheint mein Bauch mit der vorgesehenen Neubesiedlung nicht einverstanden zu sein. Er rumort, bläht sich auf und meldet jeden Versuch einer abwechslungsreicheren Ernährung mit bemerkenswerter Konsequenz. Dann eben wieder Reis.

Auch Haferschleim wird irgendwann langweilig. Suppe darf es sein, aber bitte nicht fettig. Kartoffeln gehen ebenfalls, und selbst Kartoffelbrei wird plötzlich zu einer Delikatesse, wenn der Hunger laut genug schreit. Inzwischen sitze ich in meiner ruhigen Ecke in der Küche. Vor mir steht eine Schüssel Reis.

Vom geträumten Bentley über den Balkan bis hierher war es ein ziemlich weiter Weg, voller Eindrücke und unglaublich schöner Landschaften, die mich in meinen Gedanken noch lange tragen werden.

Ich hätte nur nicht gedacht, dass meine große Reise ausgerechnet mit einem ungebetenen Gast endet.

Viele Grüße
Mike Melonte

Freitag, 25. September 2026

Die kalte Hand

Draußen gibt die Sonne den Weg frei für die Sterne und den Abendhimmel. Der Luftzug ist kühl. Der Sommer ist vorbei. Was bleibt, trägt sich im Herzen fort. Die lauen Nächte unter Bäumen in gemütlicher Runde. Das Meeresrauschen am Strand war gestern. Die Kieselsteine geben unter jedem Schritt nach. Weich rutschen sie in die Versenkung. Der Fußabdruck bleibt.

An diesem Abend ist es unumstößlich. Das helle Gelächter fehlt. Die langen Gespräche bleiben aus.

Still ist es geworden, obwohl der Fernseher läuft. Die Hunde bellen gleichzeitig. Im Nachbarhaus kommt Besuch. Schnell surren die Rollläden herunter. Wie peinlich, dass die Hunde am Fenster hängen wie alte Leute und den Nachbarn beobachten. Hunde können viel mehr. Sie petzen jede Bewegung. Könnte ja von großer Wichtigkeit sein.

Der Postbote ist der Ärmste von allen. Wenn er kommt, ist das die Ankündigung von Gefahr. Mit lautem Kriegsgeschrei wird der arme Mann kommentiert. „So ein gelber Fahrradfahrer hat hier nichts zu suchen.“ Täglich warte ich darauf, dass einer der Hunde durch das Fenster springt und den Postboten an seiner Berufsausübung hindert.

Und dann bekommt mein Mann eine Nachricht über WhatsApp. Er hört sie ab. Markus ist tot.

Blutsverwandtschaft ist etwas Einzigartiges. Sie gehören zur Familie. Nachbarn gibt es wie Sand am Meer. Natürlich ist der Nachbar auch super, mit dem jeden Tag ein paar Worte gewechselt werden und dessen Hund auch mal zu Besuch zu uns kommt. Ein toller Nachbar, auf den ich mich verlassen kann. Eine gute Nachbarschaft muss wachsen. Sie hängt zum großen Teil an den eigenen Erwartungen und lässt Wohnqualität zu einem hohen Gut werden. Aber nicht alle haben einen Nachbarn, der freundlich ist und vertrauensvoll auch mal zuhört.

Und dann gibt es die Blutsverwandtschaft. Menschen, die nicht jeden Tag vor der Tür stehen und trotzdem da sind. Markus suchte den Kontakt. Er kommunizierte gerne.

Ich muss daran denken, wie ich ihm zum ersten Mal die Hand drückte. Er hatte große Hände, aber seine Hand war weich, fast zart. Damals dachte ich nicht weiter darüber nach. Jetzt sehe ich diese Hand vor mir. Wie würde sie sich anfühlen, wenn ich sie noch einmal drücken könnte? Eisig.

Und dann rieche ich sein Rasierwasser im Raum. Wo kommt denn der Geruch her? Er gehört zu dem Menschen, der mir einfach einen Besuch abstattet, der mich in seine Gedankenwelt mitnimmt. Mehr noch, er hat sein Wissen geteilt.

Passt auf euch auf!

Liebe Grüße
Mike Melonte

Blauer Dunst

In dem Saal rauchen alle Männer. Dichter Qualm setzt sich an der Decke ab. Der blaue Dunst flirrt jedes Mal, sobald einer der Herren sich bewegt. Neugierig stehen sie am Fenster und beobachten das Treiben vor dem Schloss. Ein paar Waschfrauen hängen Bettlaken und Unterwäsche auf. Amüsiert betrachten einige Herren die Spitzenhosen, die in Reih und Glied auf einer Wäscheleine über den Hof wehen. Offenbar bietet so ein Schloss auch an gewöhnlichen Nachmittagen Unterhaltung.

Immer wieder gibt eine der Frauen in strengem Ton an, wie die Wäsche aufzuhängen ist. Die Dienstmädchen beeilen sich.

„Ihr bekommet heut nichts zu essen. Leget endlich die Wäsche an.“

Der Ausspruch wirkt. Nichts zu essen gibt es öfter. Der Hunger nagt endlos am Gedärm. Kein Essen bedeutet auch, zu Hause nichts mit der Familie teilen zu können. Schreiende oder kranke Kinder schauen mit eingefallenen Augen auf ihre Mütter. Die jungen Frauen arbeiten schneller. Jedes Wäschestück, das sauber aufgehängt ist, bedeutet, dass es mit der nächsten Arbeit weitergehen kann.

Bei der Feldarbeit findet sich häufig das eine oder andere Kraut, manchmal eine essbare Pflanze, die mit Hilfe der Köchin bestimmt und gegessen werden kann. Jede will deshalb mitgehen, wenn es heißt, Holz für die Küche zu sammeln. Im Wald gibt es schließlich Dinge, die es für alle gibt.

Opa Eduard raucht schon sein ganzes Leben.

„Hildegard, bring mir noch einen Wein. Den, der trocken durch die Kehle rutscht.“

Obwohl Eduard schon recht alt ist, kennt er sich gut mit Pilzen aus. Er sammelt und trocknet sie. In früheren Jahren war er Gardeoffizier. Verheiratet war er nie. Dafür war er im Krieg. Vielleicht war das Abenteuer genug.

Blauäugig war er Napoleon nach Russland gefolgt. Von den mehr als 500.000 Soldaten, die 1812 mit der Grande Armée in den Russlandfeldzug zogen, kamen nur wenige zurück. Nicht allein die russischen Soldaten waren der Feind. Hunger, Krankheiten und schließlich die erbarmungslose Kälte vernichteten die Armee. Der große Kaiser hatte offenbar mit vielem gerechnet, nur nicht damit, dass ein russischer Winter sich seinen Befehlen verweigern könnte.

Eduard hatte sehr viel Glück. Seine Kenntnisse retteten einige Männer nicht vor dem Hunger, manchen sicher vor dem Tod. Aus Wurzeln, Blättern und Pilzen wurden Suppen. Gegessen wurde, was sich finden ließ. Wer wusste, was nicht giftig war, hatte einen Vorteil. Eduard kam zurück.Seine Zehen nicht unbeschadet.

Eine Entschädigung für den Krieg gab es nicht. Mit seinen Erlebnissen musste er selbst zurechtkommen, ebenso mit seinen erfrorenen Zehen. Zähne hat er inzwischen auch keine mehr, was ihm schmerzlich bewusst wird, wenn es Fleisch gibt und er es nicht beißen kann. Allerdings kommt dieser Zustand äußerst selten vor. Fleisch auf dem Teller ist im Schloss schließlich auch kein alltägliches Problem. Eduard nimmt es gelassen. Was Napoleon nicht geschafft hat, wird ein zähes Stück Fleisch wohl auch nicht mehr vollbringen.

Als Opa Eduard an diesem Nachmittag mit den Dienstmägden in den Wald geht, weiß er noch nicht, was er finden wird. Wild zu jagen ist verboten. Nur die Adeligen und der Hausjäger dürfen Wild erlegen. Das Wild gehört also den Herrschaften, die Brombeere vorerst noch niemandem.

Magdalena bleibt in Eduards Nähe. Er kennt sich im Einsiedel gut aus und zeigt den Frauen, wo sie suchen müssen. Unter dem Laub stehen Pfifferlinge. Weiter hinten wachsen Brombeeren.

Magdalena nimmt seine Hand.

Eduard lässt es geschehen. Er streicht ihr über das blonde Haar und drückt sie herzlich an sich. Magdalena weicht nicht zurück.

„Ich bin dafür zu alt. Such dir einen jungen Mann.“

„Es gibt keine jungen Burschen, die mich heiraten.“

Eduard schaut sie an.

„Ich bin unehelich.“

Für einen Augenblick ist es still. Nur weiter hinten knackt Holz zwischen den Bäumen. Magdalena pflückt eine Brombeere und steckt sie in den Mund.

„Aber ich kann dir Socken stricken. Falls du Wolle von deinem Schäfer hier in der Nähe bekommen könntest.“

Eduard schaut an sich hinunter. „Socken?“ „Warme.“

Jetzt muss er lachen. Russland hat er überlebt, seine Zehen nur knapp, und ausgerechnet hinter einer Brombeerhecke verspricht ihm eine junge Frau warme Socken.

„Dann muss ich wohl mit dem Schäfer reden.“

Der Herbst steht schon vor der Tür. Bald wird es empfindlich kalt werden. Eduard kennt die Schäfer im Einsiedel. Für einen guten Tropfen könnte er Wolle eintauschen. Auch besitzt er mehrere Tabakpfeifen. Irgendetwas lässt sich immer gegen etwas anderes tauschen.

Er zeigt Magdalena die Stellen, an denen die Pfifferlinge wachsen, und lässt sie Brombeeren essen und sammeln. Magdalena füllt ihren Korb. Dann sammelt sie weiter Holz, bis sie genug zusammenhat.

Als sie zu den anderen zurückkehrt, trägt Magdalena ihr Bündel Holz und zeigt stolz die Früchte des Waldes. Pfifferlinge und Brombeeren füllen ihre Schürze. Die Brombeeren dürfen die Frauen behalten. Die Pilze wandern in die Küche. 

Oben im Saal warten die Herren inzwischen auf ihr Abendessen. Es gibt Pilzsuppe mit frischem Brot. 

Wünsche ein schönes Wochenende
Mike Melonte