Dienstag, 19. Mai 2026

Neugier, die auf der Strecke bleibt

Regen hängt tief über dem Weg, als hätte der Mai beschlossen, probeweise den November zu spielen. Nebel kriecht über die Felder. Hellgraue Schwaden ziehen über die Häuser. Es riecht nach feuchtem Moos, altem Laub und zwischendrin nach Wiesenblumen. Die Sonne hat sich hinter den Wolken versteckt. Ich laufe mit meinen Hunden den Feldweg entlang. Rechts und links liegen Blumenwiesen, die mir förmlich zujubeln. In weiter Ferne thront die Wurmlinger Kapelle auf dem Berg.

Einige Male atme ich tief durch. Inhaliere den frischen Duft, der mich in Bewegung bringt. Meine Hunde ziehen mich nach vorne. Vermutlich ist zuvor eine Rehgruppe oder ein anderer Hund hier entlang-gelaufen. Rehe, das fehlt mir noch. Ich sehe mich schon mit dem Leittier über die Überquerung der Wiese verhandeln. Dicht bei mir meine zwei Hunde. Sie würden mich beschützen wollen. Ich gehöre ja zum Rudel. Dabei denke ich ständig an die ärztliche Vorgabe: dreimal in der Woche Sport, tägliches Laufen. Trotzdem geigt mein Blutdruck irgendwo in den Wolken herum. Vielleicht sollte ich einen Baum umarmen und feststellen, dass er viel zu dick für meine kurzen Arme ist. Der Holzgeruch schwingt mir in die Nase. Unverrückbar steht er dort wie ein Fels in der Brandung. Außerdem ist der Baum sehr von sich eingenommen. Stolz und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, wirkt er zwischen den anderen Bäumen, als hätte er nie gezweifelt. 

Wurmlinger Kapelle
Im schnellen Schritt gebe ich, was auch immer dafür verantwortlich ist, den Druck an meine Füße weiter. Vermutlich aus Trotz. Mein Körper beschließt längst, dass Sport her muss. Schließlich habe ich noch Pläne mit diesem Leben. Während ich innerlich diskutiere, ob zweimal die Woche ein kleiner Ausflug wirklich zu viel verlangt ist, spannt sich plötzlich ein Regenbogen über die Kapelle . Genau dort. Als macht jemand aus einer anderen Welt kurz die Taschenlampe an. Für einen Moment ist alles still. Die Runde morgens um 6.30 Uhr ist angenehm leer. Kein Auto. Kein Mensch. Nur dieser Regenbogen, der aussieht wie eine himmlische Hotline mit der Aufforderung, endlich manches zu akzeptieren.

Ein paar Meter weiter kriecht ein dicker Regenwurm vor mir über den trockenen Weg. Langsam schlängelt er sich über den harten Boden. Sehr bemüht, über die nächste Hürde zu kommen. Aussichtslos. Er windet sich vorwärts wie ein schlecht bezahlter Angestellter kurz vor der Rente. Jeder Zentimeter ist ein Drama. Ich bleibe stehen und sehe ihm zu. Vielleicht, weil ich ihn verstehe. Vielleicht, weil wir beide denselben Gesichtsausdruck haben.

Der Wurm steckt fest auf trockenem Boden. Er will nur schnell auf die andere Seite, zurück ins Gras und ab in die Erde. Ich will zurück in meinen alten Rhythmus.

Jeder Tag beginnt mit einer viel zu kurzen Nacht. Danach kommt Müdigkeit. Diese bleierne Sorte, die sich morgens schon anfühlt wie Feierabend. Anschließend folgt Aktionismus. Menschen machen das gern, wenn sie innerlich auseinanderfallen. Sie räumen Keller auf, planen Projekte oder googeln plötzlich nach Yoga und basischer Ernährung. Ich laufe eben durch Regen und Nebel und tue so, als könnte man die Suche nach neuen Aufgaben einfach ausschwitzen. Nun meldet sich mein Körper wie ein schlecht gelaunter Betriebsrat. Oder eher wie ein Amt. Erst einmal online eine Nummer ziehen und warten. Glückauf für einen passenden Termin.

Sehr unerquicklich, denn mein Kopf sieht das völlig anders. Der will noch losziehen, Kaffee trinken, kleine Abenteuer erleben, vielleicht zweimal pro Woche unter Menschen gehen, bevor ich endgültig als Moorleiche im Häkelkorb ende.

Der Regenwurm kennt keine Opferrolle. Er erfüllt stoisch seinen Zweck im großen Kreislauf der Natur. Boden lockern, Vögel ernähren, sterben ohne Krankenkasse. Eigentlich beneidenswert effizient. Möglicherweise ist er mir deshalb so sympathisch.

Wir beide kriechen morgens durch feuchtes Gelände und hoffen, nicht versehentlich auf der Strecke zu bleiben.

Ich wünsche allen eine gesunde und erholsame Woche!

Liebe Grüße
Mike Melonte




Donnerstag, 7. Mai 2026

Versoffene Wolle

💀Warum trägt die Häkelnadel schwarz?
Sie war bei einer Maschenbeerdigung im Harz. 

☝Weshalb wird ein Schal niemals breit? 
Die Wolle hat Angst vor Gemütlichkeit. 

💤Wieso sind Maschen manchmal schief? 
Weil die Anleitung im Kaffee schlief.

💦 Was macht die Stricknadel im Regen?
Sie rostet still dem Schal entgegen.

👀Was beobachtet die Häkelnadel immer wieder?
Dass Anfänger die Maschen zählen wie Betrüger.

👿Wann ist die Wolle nackt?
Wenn die Motte sich durchs Muster kackt.

😉Mike Melonte 

 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Wenn der Gummi nachgibt

Rot ist an dieser Stelle kein Zufall. Auch Blau oder Gelb könnten von Bedeutung sein. In diesem Korb voller Wolle verirrt es sich. Einmal getragen, fast noch neu, liegt es nun schon seit einiger Zeit genau dort, wo es überhaupt nichts zu suchen hat.

Zwischen Mohair, Alpaka und Sockenwolle lässt es sich bereitwillig formen. Wäre da nicht ein weiterer Gast in jenem Wollekorb.

Besonders die Sockenwolle ist von dem Haarband angetan und schmiegt sich exzentrisch an, ganz nach dem Motto: Komm, wir wollen mal miteinander. Doch das rote Band ist nicht in Stimmung. Aus seiner Sicht ist die Wolle nett, aber kaum auf Augenhöhe. Mehr ein Mitläufer, ein Hansdampf in allen Gassen, immer darauf bedacht, über alles genauestens informiert zu sein.

Das geht dem Haarband auf die Nerven.
„Hey, du Wollknäuel, geht das auch ruhiger?“

Du Miesepeter, was bist du für ein Klugscheißer?“

Gekränkt von diesem Gefühlsausbruch überlässt es dem Mitbewohner die Unterhaltung. Ein dicker Falter, offenbar gut eingerichtet in der Wolle, übernimmt. Auf Schwäbisch kommentiert er die vorausgegangene Situation: „Du Grasdackel, glaubscht, bischt im Recht!“

Am anderen Ende des Wollekorbs beobachtet eine grüne Baumwolle das Gebaren.
„Ihr seid wie Kampfhähne. Fällt euch nichts anderes ein, als euch ständig zu vergleichen?“

Das Haarband hat davon wenig. „Ganz ehrlich, muss man sich so beleidigen?“ Erleichtert rutscht das Haarband näher an die Baumwolle heran und versucht, sich mit freundlichen Gedanken bei ihr zu bedanken. Doch statt eines Dankes passiert etwas anderes. Der Gummi im Haarband platzt.

Die ganze Wolle wird durcheinandergewirbelt. Fäden werden mitgezogen, Strukturen lösen sich auf, und aus der stillen Spannung wird eine Revolution. Die Baumwolle schweigt. Hätte sie geahnt, wie geladen das Haarband ist, würde sie nie im Leben… Das Haarband verliert völlig die Fassung. Zwischen Wollsträngen verheddert, bemerkt es nicht, was am Rand des Korbes geschieht.

Die Motte rutscht tiefer ins Geschehen, sucht sich einen neuen Platz und füllt sich gemächlich den Bauch. Unbeeindruckt von Gesprächen, Haltungen oder kleinen Dramen frisst sie sich durch alles, was an Fäden an ihr vorbeikommt. Dass sie dabei dick und kugelrund wird, ist nur eine Frage der Zeit.

Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied in dieser Ruhe, die sich ausbreitet wie ein Winter. Sich das persönlich zu gönnen – selbst als Haarband – wäre eine Möglichkeit. Auch wenn es hier gar nicht wirklich um Einsamkeit geht.

Oder doch.

Liebe Grüße
Mike Melonte


Dienstag, 5. Mai 2026

Krieg der Maschen

Mit 17 Maschen pro Nadel beginnt alles. Ein Anfang, der wirkt wie eine mathematische Gleichung – dabei ist es nichts anderes als ein kreativer Aufstand.

Herrje, schon wieder Wolle.
Und dann auch noch eine, deren Popularität nicht zu toppen ist. Mit Seide! Was für ein Luxus. 75 % Wolle, 25 % seidene Kaltschnäuzigkeit – anders lässt sich das kaum beschreiben. Ich bin noch nicht verstrickt. Ich existiere lediglich als Idee eines Bündchens. Imaginär hänge ich an einer Pinnwand, festgeheftet mit kryptischen Zeichen, bunten Klecksen, Linien, die nur Eingeweihte verstehen. Vielleicht entsteht hier ein Film. Ich warte schon viel zu lange. Gefühlt stehe ich im Theater, kurz bevor der Vorhang aufgeht. Alles ist bereit – und nichts passiert.

Bis sie auftaucht. Franzi Fadenzocker. Ein Name, der kein Versprechen ist, sondern ein Sprung in ein neues Gebiet – vielleicht sogar in eine transzendente Richtung. Zum Glück hat sie keine lackierten Nägel und sieht auch sonst nicht aus wie ein überdekorierter Weihnachtsbaum. Zumindest ist das das, was wir dafür halten. Handwerk, Stricken – das kann ein Träger von Geheimnissen sein. Sie greift zur Wolle. Endlich passiert etwas. Das Spiel hat begonnen.

Rechte Maschen. Runde um Runde. Ich drehe mich, kreise, verliere fast die Orientierung. Ein Karussell aus Erwartung, ein angenehmer Rhythmus – mir geht es verdammt gut. Dann der Wechsel: rechts, links, rechts, links. Ah. Jetzt sind wir bei der Kombination – bei mir. Das ist mein Terrain. Gefolgt von einem Sack voller Talente. Drei Reihen links – und ich breite mich aus. Ich bade in einer Lawine aus pflichtbewussten Maschen. Gegen ein gewöhnliches Bündchen bin ich keine Funktion mehr. Ich singe die Arie. Ein Auftritt.
Ich bin eine Säule der Gesellschaft. Ein Ereignis wundersam nachgespürter Erkenntnisse.

Und genau darin liegt das Problem. Denn im System des Strickens gibt es sehr wohl einen Platz für Eitelkeit. Zumindest behaupten das jene, die ihre Rolle längst verstanden haben. Das Bündchen war und bleibt der Anfang. Der Hüter der Form, der garantiert, dass alles sitzt. Doch während es noch singt, betritt jemand anderes die Bühne.

Die Ferse.

Sie krabbelt Masche für Masche empor. Ein echter Emporkömmling. Die Fersenwand ist nichts für Feiglinge. Sie entwickelt sich quer zur Erwartung. Während das Bündchen in unschuldigen Runden denkt, arbeitet sich die Ferse in Reihen nach oben. Das ist ein Bruch. Ein Eingeständnis. Ein Affront. Und schlimmer noch: Die Wolle folgt ihr.

„So war das nicht geplant“, zischt das Bündchen und zieht sich enger zusammen. Seine Maschen spannen sich, werden beinahe trotzig. Denn hier geht es nicht mehr um Technik. Hier geht es darum, gesehen zu werden. Der Erste zu sein. Die Ferse stellt Fragen, die niemand hören will:

Warum immer rund?
Warum diese alten Regeln, die heute keiner mehr braucht?

Masche für Masche entsteht kein Verlauf mehr, sondern Widerstand. Sie lässt fallen, nimmt auf, verschiebt, was eben noch festgefügt schien. Und sie wirkt dabei … mühelos. Das Bündchen spürt es sofort. Den Moment, in dem alles begann. Und jetzt? Jetzt ist es nur noch … der Anfang von etwas, das jemand anderes vollendet. Die Ferse reagiert nicht sofort. Sie arbeitet weiter. Ruhig. Sicher. Fast elegant.

„Falsche Ferse. Ohne Funktion“, murmelt es irgendwo, wie ein schlecht einstudiertes Kindergartentheater. Dann, ganz beiläufig, antwortet sie: „Ohne mich würde niemand gehen.“

Die Wolle schweigt. Besser, sich nicht einzumischen, wenn das Bündchen im falschen Film ist und die Ferse längst ihren eigenen dreht.Draußen rollt der Verkehr, zuverlässig wie ein endloses Rippenmuster. Menschen reden von Veränderung und halten doch an ihren alten Maschen fest. Aus Gewohnheit. Vielleicht, weil sie nie gelernt haben, anders zu denken. Das Bündchen denkt noch immer in Regeln.
Die Ferse längst in Möglichkeiten. Und irgendwo dazwischen entsteht etwas, das keiner geplant hat:

Eine widerspenstige Socke, die sich überall einmischt. Die Socke „wills wissen“ nimmt Gestalt an. Und während das Bündchen noch überlegt, ob es sich rächen soll – enger, fester, unbequemer zu werden – hat die Ferse längst übernommen. Souverän dabei, ein Sneaker zu werden.

Und alles begann – wie immer – mit einer Idee an der Pinnwand.

Lasst es Euch gut gehen!

Liebe Grüße
Mike Melonte

Montag, 4. Mai 2026

Mein Publikum hat Fell – und ich keinen Urlaub

Seit Tagen – nein, gefühlt seit Jahren – denke ich an Urlaub. Hinaus in die weite Welt. Etwas erleben. Raus aus meinem Tapetenmuster. Rein in etwas, das nicht nach Flur, Farbeimer und To-do-Liste riecht.

Und dann kommt es. Von links außen. Ein Dementi. Zu wenig Ressourcen, höre ich. Der Boden im Flur muss neu gelegt werden. Die Garderobe steht auch noch nicht.

Letztes Jahr war es der Balkon, der geschliffen und gestrichen werden musste. Im Anschluss wollte der fünfzehn Meter lange Jägerzaun ebenfalls Farbe. Danach war mein Urlaub herum. Wieder sitze ich am Schreibtisch und jage die Zeit. Kaum zu glauben, dass die Jahre sehr ähnlich verlaufen. Ich verreise nicht. Ich saniere.

Insgeheim bin ich für die Ratten im Garten vermutlich ein Unterhaltungsprogramm.

Hast du die Blonde gesehen?“
„Mäht Rasen. Schneidet Bäume.“

Ich höre das Kichern. Als stünde ich auf einer Bühne. Vorhang auf. Das Ein-Mann-Stück mit dem 
Titel:
Die Frau, die nie wegkommt. Erster Akt.

Dieses Jahr plane ich gewissenhaft. Zur Planung lege ich mich genau für eine Stunde auf meinen Schwingstuhl. Es ist Sonntagnachmittag, und ich sehe ihn endlich. Er rückt in greifbare Nähe – mein Urlaub. Ganz deutlich. Unterstützung erhalte ich von einem Afrikaner mit orangem Hüfttuch, roter Borte, perfekt abgestimmt. Ein drahtiger Läufer, leichtfüßig und zielorientiert. In der rechten Hand hält er einen alten Speer aus dunklem Holz. Er läuft an mir vorbei, als gehöre er hierher. Nur ich gehöre nicht hierher.

Am Fenster bleibt er stehen. Sein Blick richtet sich nach Süden. Sein entschlossener Blick sollte mir zu denken geben. Vielleicht ist das ein Zeichen. Ratlos beobachte ich ein älteres Ehepaar, das nach ihm auftaucht. Die beiden ziehen mich kurzerhand in ein Flughafengebäude. Dort verweile ich plötzlich an einem Schreibtisch. Natürlich sitze ich am Schreibtisch. Wo sonst. Ich schreibe etwas wie eine Einkaufsliste. Was genau brauche ich für einen Urlaub?

Die Frau greift nach meinem Heft, das in einem Stapel ziemlich weit unten liegt. Ohne zu fragen zieht sie meine Kurzgeschichten heraus. Ach, soll sie doch. Sollen meine Geschichten ihren Weg ins Universum finden! Anstatt innerer Anspannung löst sich mein Anspruch. Nein, kein Agent wird nach meinen Geschichten schauen. Fremde finden auch Gefallen daran. Ich lache zweimal herzhaft.

Braucht es wirklich einen Kämpfer aus einem anderen Kontinent, damit ich endlich in den Urlaub komme? Meine Nachbarin wäre entsetzt. Sie hat ihr berufliches Leben in der Psychiatrie gearbeitet. Vermutlich würde sie mich einweisen lassen, wüsste sie von meinem Schattenleben.

Mein Geist produziert spannende Bilder. Dabei ist das Thema Erholung richtungsweisend. Die Ablenkung ist plötzlich hoch inspirierend. Der ältere Herr mit der Sonnenbrille bis zur Nasenspitze wirkt teilnahmslos. Wer will es ihm verübeln?

Wohlüberlegt gibt seine Frau die Richtung vor, sie liest - er wartet. Scheinbar so, als würde der Ehemann alles dulden. Auch dieser hier sitzt einfach da. Gut angezogen, mit einer hellen Baskenmütze und heller Hose. Goldbehangen. Sein Brillengestell habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ist er ein himmlischer Abgesandter. Mit einem Auftrag, mir einen schönen Urlaub zu ermöglichen. Ich kenne niemanden aus der Öffentlichkeit, der so aussieht. Sein blaugrünes Hemd schimmert, als wären Goldfäden hineingewebt. Die Scheichs dieser Erde haben sich bei mir noch nicht vorgestellt. Ich bin sicher, ein Scheich ist er nicht. Dafür fehlt ihm der Turban.

Seine Frau ist groß und hat dunkles, volles Haar. Ihr Kleid ist figurbetont und dunkelgrün. Und sie liest.
Einfach so. Meine Geschichten. Ohne zu zögern blättert sie Seite für Seite. Als hätte sie Zeit, die ich nicht habe. Eigentlich will ich nur in den Urlaub.

Aber vermutlich spiele ich vorher noch den zweiten Akt – für meine Mäuse und Ratten im Garten.

Wünsche allen eine erholsame Woche.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


Sonntag, 26. April 2026

Zwischen zwei Maschen liegt ein ganzes Universum

Muster lassen sich oft schwer lesen, meinen die Käufer. Ich nenne es lieber: selektive Wahrnehmung. Es geht um die Schärfung des Auges. Wann ist es eine rechte und wann eine linke Masche? Für mich ist das ein klarer Fall – dachte ich, bevor sie kam: Ela.

Sie betrat das Geschäft mit diesem eigenwilligen Blick, der alles und nichts versprach. Eine Art Langeweile ging von ihr aus. Sorgsam prüfte sie Wolle, Stricknadeln und mich – ich, die Unauffällige zwischen all den „modernen“ Anleitungen.

Die Verkäuferin lächelte. Ehrlich gesagt zeigte sie für mich zu viele Zähne. Der Klassiker: Ladenhüter müssen raus. Weg damit. Ich wurde – trotz allem Spott – verkauft. Vermutlich gab es intern schon eine Abschreibung auf meine Existenz. Kategorie: „pädagogisch wertvoll, wirtschaftlich schwierig“.

Zuhause begann das Verhör. Sie blätterte in mir, als würde ich ein Geheimnis verbergen, als hätte ich irgendwo zwischen Seite zwei und drei mein wahres Gesicht versteckt.
Als hätte ich einen QR-Code versteckt, der alles einfacher macht.

Kaum merklich murmelt sie: „Zwei rechts, zwei links …“
Ich starre in ihre Augen.
Sie starrt verstört zurück.

Mit einem harten Schlag falle ich auf den Boden. Zögerlich nimmt sie mich wieder auf, fast misstrauisch.
„Die Anleitung ist unklar, am Ende von einem Mann geschrieben …“

Aha.
Der Klassiker. Wenn nichts mehr geht, ist es strukturelle Ungerechtigkeit.

Natürlich bin ich schuld. Immer ich. Ich, die seit Jahrzehnten Socken hervorbringt, die sitzen, halten und nicht verrutschen. Ich, die Generationen begleitet hat, durch kalte Winter und schlechte Laune. Und jetzt? Jetzt soll ich plötzlich „undeutlich“ sein.
Früher nannte man das übrigens „Handwerk“. Heute heißt es „unzureichende Nutzerführung“.

Ela nimmt ihre Stricknadeln, drückt die Wolle ewig zwischen ihren Händen herum und legt dann los. Vermutlich wartet sie innerlich noch auf ein Tutorial mit beruhigender Musik und einer Stimme, die sagt: „Du schaffst das. Auch ohne Grundkenntnisse. Versprochen.“

Erste Reihe: Chaos. Die Maschen rutschen kaum über die Nadeln. Der Anschlag ist zu fest. Ist doch klar.
Zweite Reihe: Verwirrung. Nun ja, zwei Reihen rechts haben nichts mit der zweiten Reihe zu tun.
Dritte Reihe: leises Fluchen … Zählen müsste die Dame schon können.

Ich beobachte, wie sie sich Schokolade holt. Dann steht eine Tasse Tee neben ihr. Doch als ein Glas Rotwein auf mir steht, wölbe ich mich ein. So geht das ganz und gar nicht. Ich bin Anleitung, kein Untersetzer. Auch wenn ich offenbar vielseitig einsetzbar bin.

Ich bin nicht kompliziert, sondern strukturiert, klar und bleibe bis zum Schluss eine treue Anleitung. Entweder du folgst mir – oder lernst lesen. Dazwischen gibt es nichts. Außer vielleicht Frust.

Und dann plötzlich finden die Maschen den Rhythmus. Wie ein Herzschlag klappern die Stricknadeln nacheinander meine Vorgabe ab. Ela wird still, und endlich konzentriert sie sich.

Erstaunt beobachte ich die junge Frau, fast ehrfürchtig. Wusste ich doch von Anfang an: Ela lernt es.
Ganz ohne App. Ohne Update. Ohne WLAN. Sie glaubt, sie kennt nun das wahre Muster. Ich lasse sie in dem Glauben. Ein bisschen Selbstüberschätzung gehört schließlich zum Lernprozess.

Wäre da nicht die Konkurrenz. Diese bunten, aufgebrezelten Anleitungen mit ihren großen Versprechen. An einem Abend stricken lernen! „Einfach und schnell – ohne Vorkenntnisse!“ Mit extra großen Bildern, damit niemand merkt, dass Denken erforderlich ist.

Ich lächle. Denn wenn sie scheitern – und das tun sie – landen sie wieder bei mir. Zerknittert, leicht beleidigt, aber lernfähig.

Zwischen zwei Maschen passiert mehr, als du denkst.

Wünsche allen einen schönen Sonntag,
Mike Melonte

Freitag, 24. April 2026

Ein sauberer Fall – durchs Sieb gefallen

Limerick:

Einige Stricknadeln aus Schwieberdingen
verschwanden einst plötzlich beim Singen.
Sie folgten dem Trieb: und stürzten durchs Sieb –
seitdem sind sie Teil von verschwundenen Dingen. 


Eine Hochstaplerin aus Plauen,
die meinte, sie könne Fische auftauen,
sie stieg in den Fluss: mit lässigem Gruß –
nun hängt sie dort fest – zum Anschauen.


Eine Bäckerin tief im Wald,
ihre Rezepte, die waren uralt.
Sie stieg in den Ofen: voll Hitze und Hoffen –
seitdem wird sie selbst als Dessert bezahlt.


Eine Häkelnadel Nummer zwei,
die häkelte sich durch allerlei;
trieb heimlich ihr Unwesen: in Wolle, ganz besessen –
jetzt verkauft sie die Stücke – steuerfrei 😄

Wünsche allen ein schönes Wochenende!

Herzliche Grüße
Mike Melonte