Mittwoch, 23. September 2026

Jahrhunderte später

Irgendwann im Leben von Mann und Frau ist es nicht mehr die Leidenschaft, die beide verzehrend abends ins Bett treibt. Graf Eberhard ist zu Lebzeiten ein Mann voller Interessen. Nein, keine Mätressen. Er liebt seine Barbara Gonzaga aus Mantua (Italien). Das ist lange her. Seit fünfhundertdreißig Jahren ist Graf Eberhard tot. Eigentlich hatte er genügend Zeit und Gelegenheit, sich mit dem Tod abzufinden. Besonders mit dem Ende seiner Herrschaft. Schwieriger ist es für ihn, sich mit der Tatsache abzufinden, nicht mehr zu wissen, wohin seine Frau geht, wenn sie das Haus verlässt.

Auch sie ist seit langer Zeit tot, eine Frau aus adeligem Geschlecht, allerdings mit einem ungelösten Auftrag aus Lebzeiten.

Das Gemäuer verbirgt einige geistige Schätze. Was hat Barbara nicht alles oben auf dem Dachstuhl den Balken anvertraut. Gedanken über die politische Sicht der Frauen zum Beispiel. Die durften nicht mitreden. Was für eine Wertschätzung sollte das sein? Barbara trifft sich deshalb regelmäßig mit Frauen. Frauen, die etwas zu sagen haben, obwohl niemand sie danach fragt. Als sie wieder einmal losziehen will, fährt ein Echo durch das Schloss. Ein Unwetter könnte heranziehen. Vielleicht ist es am Ende sogar ein Erdbeben.

Barbara!“

Der Ruf zieht durch das alte Gemäuer, gelangt an die Balken der Decke, lässt die Fensterscheiben vibrieren, dringt nach draußen und bleibt an dem Baum vor dem Schloss hängen. Es riecht nach Thymian. Die Sonne scheint. Erst neulich, im September, sah der Baum aus, als würden ihm vor lauter Rufen sämtliche Blätter auf einmal abfallen.

Eberhard erscheint am Fenster. Nicht vollständig natürlich. Für einen Adeligen, der 1496 verstorben ist, sieht er noch erstaunlich gut aus. Nur sein Wams und seine Haarpracht sind deutlich sichtbar. Sein Bart hängt lose vom Kinn herunter.

Barbara!“ Wieder keine Rückmeldung.

Seit 1482 steht sein Jagdschloss hier auf dem Einsiedel. Na gut, nicht mehr das Ganze. Gebrannt hat es. Umgebaut wurde es. Abgerissen. Wieder aufgebaut. Menschen haben Türen an Stellen gesetzt, an denen er niemals Türen vorgesehen hatte. Andere Öffnungen haben Handwerker zugemauert, die ihm ausgesprochen wichtig waren. Eberhard erträgt viel. Doch langsam kommen ihm Zweifel, denn auf nichts mehr ist Verlass. Vor allem seine Barbara kann nicht einfach verschwinden, ohne ihm zu sagen, wohin sie geht.

Er gleitet durch die Wand in Richtung Dachstuhl. Früher hatte sich Barbara dort gern mit ihren eigenen Ideen zurückgezogen. Er gleitet weiter durch die nächste Wand. Türen sind für Geister eine überbewertete Erfindung. Draußen ist sie ebenfalls nicht.

Typisch Frau“, murmelt er vor sich hin.

Barbara war schon zu Lebzeiten nicht dafür bekannt, auf einem Stuhl auszuharren, bis ihr Gemahl von seinen Unternehmungen zurückkehrte. Sie kam aus dem Ausland. Das allein hätte ihm eine Warnung sein können. Sie hatte ihre eigene Familie, ihre eigene Sprache und vor allem die lästige Angewohnheit, ihre Gedanken für sich zu behalten.

Zwanzig Jahre waren sie 1494 verheiratet gewesen. Seine Erinnerung an diesen Jahrestag wird er nie vergessen. Er hatte ihr sogar eine Medaille prägen lassen.

Und was macht eine Frau, für die eine Medaille geprägt wird? Sie schreibt Briefe nach Italien.

Das fand er schon damals undankbar. Heute ist es noch schlimmer. Heute kann Barbara ihren Vorteil nutzen. Als Geist kann sie gehen, wohin sie will. Durch Mauern und über Grenzen, nach Mantua oder einfach in den Wald.

Eberhard bleibt vor dem Schloss stehen. Der Wald – natürlich.

Schon zu Lebzeiten hatte er nie verstanden, warum eine Frau einen Wald betreten musste, wenn es im Schloss genügend Zimmer gab. Er folgt dem Weg. Über fünfhundert Jahre Geisterdasein haben ihm zumindest beigebracht, dass man einer Frau, die nicht gefunden werden will, besser nicht hinterherruft.

Das hält ihn ungefähr drei Minuten davon ab.

Barbara!“

Ein Schwarm Vögel schießt aus einer Baumkrone. Keine Barbara. Dafür hört er Frauenstimmen. Eberhard bleibt stehen. Die Stimmen locken ihn an. Er gleitet zwischen den Bäumen hindurch und entdeckt sie auf einer Lichtung. Sechs Frauen sitzen im Kreis. Eine kennt er. Schließlich ist er mit ihr verheiratet. Die anderen nicht.

Barbara sitzt auf einem Baumstamm und redet. Eberhard lauscht.

Wir müssen festhalten, was wir wissen“, sagt sie. „Sonst erzählen später wieder die Männer, wie es gewesen ist.“

Die Frauen lachen. Eberhard nicht. Er schiebt sich näher heran.

Und was genau“, fragt er und erscheint zwischen zwei Buchen, „soll das heißen?“

Keine der Frauen erschrickt. Das beunruhigt ihn. Barbara sieht zu ihm herüber.

Du hast uns gefunden.“

Selbstverständlich habe ich dich gefunden.“

Dann kannst du wieder gehen.“

Eberhard glaubt, sich verhört zu haben.

Ich bin Graf Eberhard.“

Ich weiß.“

Dieses Schloss gehört mir.“

Nicht mehr.“

Eine der Frauen kichert. Eberhard sieht sie streng an. Sie trägt merkwürdige Kleidung, eine Hose wie ein Mann und Schuhe, mit denen früher nicht einmal ein Stallknecht vor ihn getreten wäre.

Wer ist das?“

Barbara lächelt.

Das geht dich nichts an.“

Eberhard zupft an seinem Bart. Seit mehr als fünfhundert Jahren ist er tot, aber es gibt Sätze, gegen die selbst die Ewigkeit nichts ausrichten kann.

Was macht ihr hier?“

Barbara steht auf.

Erkundigungen.“

Worüber?“

Über dich.“

Jetzt wird Eberhard durchsichtig. Nicht ein bisschen. Vollständig. Für einige Sekunden ist nur noch sein Bart zu sehen.

Über mich gibt es nichts zu erkundigen.“

Barbara lächelt. Genau dieser Satz ist es, auf den sie gewartet hat. Denn seit mehr als fünfhundert Jahren liegt oben im Dachstuhl etwas, von dem Eberhard glaubt, dass niemand davon weiß.

Heute will sie es den Frauen zeigen.

Wünsche allen einen sonnigen Tag!

Liebe Grüße
Mike Melonte


Sonntag, 20. September 2026

Der Liebeszauber - Geschichten aus dem Schloss aus Kirchentellinsfurt

Karl hatte schon als Kind gelernt, dass man nicht jeden Menschen behalten konnte, nur weil er zur Familie gehörte. Besonders deutlich wurde ihm das, als sein älterer Bruder krank wurde und sein Bett näher ans Fenster rückte. In den Räumen war die Luft ohnehin schlecht, denn der Rauch aus der Küche fand keinen vernünftigen Abzug und legte sich nicht nur als schwarzer Belag auf Wände und Balken. Man atmete ihn ein, Tag für Tag, und wer ohnehin schon geschwächt war, bekam irgendwann kaum noch Luft.

Als das Bett seines Bruders direkt am Fenster stand, wusste Karl, was das bedeutete. Dort bekam er noch ein wenig mehr Luft. Eines Tages war das Bett leer. Sein Bruder war weg vom Fenster. Für Karl änderte sich damit mehr als nur die Zahl der Menschen, die im Schloss lebten. Seine jüngeren Geschwister waren noch keine zehn Jahre alt und gehörten nach den Vorstellungen der Erwachsenen nicht an den großen Tisch. Kinder waren Teil der Familie, selbstverständlich, aber sie standen nicht in ihrem Mittelpunkt. Karl verstand nicht, weshalb das so sein musste. Wenn er irgendwann selbst Kinder haben sollte, wollte er wissen, was sie dachten, worüber sie lachten und wovor sie Angst hatten. Vor allem aber wollte er sie bei sich haben. Mit dieser Vorstellung stand er ziemlich allein.

Vielleicht begann sein Wunsch fortzugehen genau dort, obwohl er sich das damals noch nicht eingestand. Anderswo sollte es Arbeit geben und die Möglichkeit, sich etwas Eigenes aufzubauen. Von Menschen, die Richtung Osten gezogen waren, wurde erzählt, und jedes Mal hörte Karl genauer hin, obwohl er wusste, dass mit jedem Gedanken an die Ferne etwas anderes näher rückte, das er am liebsten verdrängt hätte. Emmi.

Sie würde nicht einfach mit ihm gehen können. Ihr Vater ist der Totengräber. In ihrer Familie besteht die Vorstellung, eine Tochter könne einem jungen Mann in die Fremde folgen, kaum denkbar. Familie bedeutete Sicherheit, aber ebenso Verpflichtung, und Emmi war darin nicht weniger gefangen als Karl in seiner Verantwortung gegenüber den eigenen Geschwistern.

Je häufiger Karl über das Fortgehen nachdachte, desto weniger wusste er deshalb, was er eigentlich gewinnen würde. Arbeit vielleicht, ein eigenes Zuhause und irgendwann Kinder, die selbstverständlich mit ihm an einem Tisch saßen. Doch all das gab es nur in seiner Vorstellung, während Emmi tatsächlich da war.

Vielleicht war es genau deshalb so verführerisch, als ihm jemand von der Naturfrau erzählte, die für ein paar Kartoffeln Dinge möglich machen sollte, für die Karl selbst keine Lösung fand.

Sie hörte sich an, was er wollte, und verlangte nicht viel. Natürlich Kartoffeln und eine Locke von Emmi.

Die Kartoffeln konnte Karl heimlich beschaffen. Bei der Locke sah die Sache anders aus, denn so nahe war er Emmi noch nie gekommen, und selbst wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte, wäre es schwer zu erklären gewesen, weshalb er plötzlich mit einer Schere neben ihr stand.

Er dachte mehrere Tage darüber nach, bis ihm Emmis Schwester einfiel, die als Dienstmagd im Schloss arbeitete. Ihr ließ er eine Nachricht zukommen, die gerade glaubwürdig genug klang, um nicht nach einem Liebeszauber auszusehen. Wie hätte er ihr das erklären können?

Er werde fortgehen, ließ er Emmi ausrichten, vielleicht sogar nach Übersee, und er wünsche sich eine Locke von ihr, damit er etwas habe, das ihn an sie erinnere. 

Emmi sagte zunächst nichts. Erst später fragte sie ihre Schwester, ob Karl wirklich gehen wolle.

Bist du sicher?“

Die Schwester nickte und versicherte ihr, genau das habe er gesagt. Trotzdem verging wieder Zeit, bis Emmi ein zweites Mal nachfragte, als könnte sich Karls Entschluss allein dadurch verändern, dass sie lange genug wartete.

Am Abend, als es im Haus still geworden war und nur noch der letzte Rest einer Kerze den Raum erhellte, nahm sie schließlich eine Schere. Sie griff in ihren Nacken, hielt eine Strähne zwischen den Fingern und zögerte noch einmal, bevor sie die Klingen zusammendrückte. Danach legte sie die Locke in ein Leinentaschentuch, schlug den Stoff sorgfältig darüber und gab das kleine Päckchen ihrer Schwester.

Karl brachte die Haare zur Naturfrau, die einige Strähnen herausnahm, sie in Salz legte und leise Worte sprach, von denen er kaum eines verstand. Als sie fertig war, gab sie ihm die Locke zurück und erklärte ihm, er müsse sie gut verwahren, denn von nun an gehöre dieses Haar zu seinem Herzen.

In der Küche konnte Karl die Haare nicht verstecken, ohne Gefahr zu laufen, beobachtet zu werden. Schließlich nahm er einen Löffel und drückte die schwarze Strähne mit dem Ende des Stiels so tief in einen der dunklen Balken, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Von da an wusste nur er, wo sie steckten.

Wenn er in der Küche arbeitete und nach oben sah, waren dort Emmis Haare, und solange sie dort blieben, konnte er sicher sein, dass er noch nichts verloren hatte. Dabei hatte Emmi längst begonnen, ihre eigene Entscheidung zu treffen.

Einen schönen Sonntag
Mike Melonte

 

Donnerstag, 10. September 2026

Nicht für den Müll

Als das alte Haus verkauft wird, ist klar: Sie werden alles auf den Müll schmeißen. Das war letzten Samstag, kurz bevor sie in allen Schubladen wühlten. Mit Handschuhen griffen sie nach mir, als wäre ich ansteckend oder so etwas. Habe ich etwa die Masern?

Natürlich lag ich in einer Nähschublade mit allerlei Zeugs. Ganz rechts war meine Ecke. Neben der Schere fühlte ich mich am Wohlsten. Nur zum Einsatz hatte es seit Jahren nicht mehr gereicht. Nun lag ich da zum Aussortieren. Wie frustrierend. Die Hände greifen direkt nach mir.

„Oh, eine Zweier-Häkelnadel? Hier hat auch jemand Handarbeit gemacht.“

Wolle zieht an mir vorbei. Die Hände schlagen eine Masche an. Dann geht es los. Eine Schlaufe, noch eine, immer weiter. Mir wird schwindlig von den Umdrehungen. Ich bin schließlich schon einige Jahrzehnte alt.Plötzl ich schmeißen mich die Hände samt Wolle auf einen Stuhl. Bin ich ein Boxsack? Was für Manieren die heutige Jugend hat?

Mal ehrlich, Häkeln ist eine besondere Art der Entspannung. Das kann nur jemand grauenvoll finden, der mich nicht leiden kann. Doch dann werde ich an einer Luftmaschenkette in die Höhe gehalten. Wie eine Siegertrophäe. Kurz darauf verschwinde ich in einer Jackentasche. Oh, wie bin ich erleichtert. Jemand kann mit mir etwas Schönes häkeln.

Und ich sehe endlich wieder Tageslicht. Am Abend geht es weiter. Ein roter Faden legt sich um meinen Hals. Na wunderbar. Kaum dem Müll entkommen, werde ich gefesselt.

Die Hände lassen mir keine Ruhe. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Ich komme richtig in Fahrt. Ich bin noch voll agil. Nach all den Jahren fühle ich mich wieder wichtig. Vielleicht wird es ein Schal. Ein feiner Zwirn, den jeder gern tragen möchte oder eine elegante Stola. Bei meiner Größe zwei kann man schließlich keine groben Sachen von mir verlangen.

Reihe um Reihe arbeite ich mich voran. Der rote Faden folgt mir aufs Wort. Ich ziehe ihn durch jede noch so enge Masche. Manchmal sträubt er sich, dann nehme ich ihn eben auf den Haken. Dafür bin ich schließlich da. Das Stück wächst.Quadratisch. Sehr quadratisch. Mir kommen erste Zweifel. Eine Stola sieht anders aus.

„Schau mal“, sagt die junge Frau und hält unser Werk in die Höhe. „Mein erster Topflappen!“ Topflappen, wie bitte? Jahrzehnte habe ich in einer dunklen Schublade überlebt. Ich bin dem Sperrmüll entkommen, wurde wie eine Siegertrophäe in die Höhe gehalten und habe mich durch unzählige Maschen gekämpft. Für einen Topflappen? Das kann nicht wahr sein!

Aber als sie mich anschließend vorsichtig neben das rote Wollknäuel legt, weiß ich: Morgen geht es weiter. Der Topflappen braucht schließlich einen zweiten. Und ganz unter uns: Hauptsache, ich hänge wieder an einem guten Faden.

Wünsche allen eine schöne Woche
Mike Melonte

Samstag, 29. August 2026

Ohne Strom

Früh werde ich wach. Izzy wäscht mich mit ihrer Zunge. Überall bin ich nass, sodass es mir unmöglich ist, weiter liegenzubleiben. Mit einem schwebenden Bein koordiniere ich den Weg ins Bad, ziehe den Schlafanzug aus und stelle mich unter die Dusche.

Es ist kurz nach sechs Uhr. Samstagmorgen in Albanien. Was soll ich um diese Zeit auch sonst machen?
Ich häkle noch einen Vampir und lege die getragenen Kleidungsstücke zusammen. Morgen ist Abreisetag. Langsam verschwindet mein Leben wieder aus dem Hotelzimmer und wandert zurück in die Taschen.

Mit einem Klick bleibe ich an den Nachrichten hängen. Norwegens König ist verstorben. Etwas traurig hänge ich meinen Gedanken nach. Izzy hält nichts von längerer Andacht und schleckt wieder an mir herum. Jetzt aber. Ich ziehe mich hurtig an. Bevor es ein Malheur im Zimmer gibt, muss der Hund raus.

Mutig erklimme ich mit Izzy den steilen Berg. Inzwischen kenne ich ihn. Meine Beine vermutlich auch, allerdings haben sie mir ihre Meinung dazu noch nicht abschließend mitgeteilt. Heute gehen wir sogar noch ein Stück weiter. Bis vor uns ein ziemlich großer Hund auftaucht. Ich drehe um. Man muss im Ausland nicht jede Begegnung bis zum Ende ausdiskutieren.

Natürlich lösen sich morgens auch die albanischen Hunde. Deshalb jault und bellt es aus allen Richtungen und hinter Grundstücken. Vielleicht handelt es sich um eine Art Geheimcode.

„Deutsche mit Hund unterwegs.“

„Schon gesehen.“

„Hat sie Futter dabei?“

„Keine Ahnung. Aber Wasser wäre nicht schlecht.“

Morgens ist der Asphalt noch nicht so heiß. Trotzdem schwitze ich schon vor sieben Uhr. Die Sonne hat offenbar andere Arbeitszeiten als ich. Zurück im Hotel werde ich gefragt, ob ich frühstücken wolle.

Irgendwie ist das seltsam. Jeden Morgen werde ich gefragt. Bezahlt habe ich ein Zimmer mit Frühstück im Voraus. Heute bekomme ich eine aufgeschnittene Tomate und ungefähr ein Achtel Tässchen heißes Wasser für meinen Tee. Nach dem Käse muss ich fragen. Das Maisbrot ist so hart, es krümmelt mir den Schlund hinunter. Ohne Tee bleibt es im Hals stecken. Das Messer hat heute Urlaub. Vielleicht wird gespart. Ich frage danach. Der junge Mann versteht nicht, was ich möchte. Ich zeige eine Schneidebewegung mit der Hand. Er schaut mich an und geht dann. Das Messer bleibt verschwunden.
Die Miniwürste auf meinem Teller gebe ich Izzy. Wenigstens eine von uns beiden geht zufrieden vom Frühstückstisch.

Der Vormittag nimmt mich mit Häkeln vollständig in Beschlag, bis mich der Hunger wieder hinaus in die Hitze drückt. Noch einmal soll es das Lokal auf dem Berg werden. Dort habe ich inzwischen meinen Platz gefunden. Vielleicht gehört das zum Reisen: Erst ist alles fremd. Plötzlich finde ich einen Weg, eine Gastronomie mit Schattenplatz und eine Stelle, an der ich mich wohlfühle. Den Nachmittag verbringe ich schwitzend in der Natur und genieße das mediterrane Klima. Ein Olivenbaum leistet mir Gesellschaft. Ich versuche es mit einem kleinen Gespräch.

Er antwortet nicht. Vielleicht liegt es an meinem Dialekt. Schwäbisch kann nicht jeder. Dafür chatte ich mit meiner Tochter, die gerade in einem Nobelrestaurant ein mehrgängiges Menü genießt. Während bei mir ein Olivenbaum schweigt, wird ihr vermutlich erklärt, welches Öl auf ihren Teller hüpft.

Auf dem Rückweg schaue ich mir noch einmal den Kakibaum an. Den würde ich am liebsten sofort mitnehmen. Feigen fallen reif vom Baum und bleiben einfach auf dem Boden liegen. Zu gern hätte ich auch einen Granatapfel mitgenommen, aber der ist noch grün.

Nach diesem Nachmittag in der Hitze habe ich nur noch einen Wunsch: zurück ins Hotel, Klimaanlage an und duschen. Der Portier empfängt mich. 

„No electricity.“

Oje. Kein Strom. Die Klimaanlage kann ich vergessen. Das Handy lädt nicht und Licht gibt es auch keines. Na gut. Dann dusche ich eben im Dunkeln. Ich drehe den Wasserhahn auf. Nichts. Kein Tropfen. Jetzt verstehe ich. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Wasser. Auf einmal bekommt dieser kleine Satz des Portiers eine erstaunliche Tragweite.

„No electricity“ heißt: keine Klimaanlage, kein Licht, kein geladenes Handy und kein Wasser. In einem Land, in dem ich schon morgens vor sieben Uhr schwitze, ist das eine bemerkenswerte Kombination. Alles hängt zusammen. Ich sitze auf dem Bett und frage mich, ob hier tatsächlich häufiger der Strom ausfällt. Oder wird er vielleicht heruntergefahren, wenn kaum jemand im Haus ist, um zu sparen?

Nach meinem Frühstück halte ich inzwischen einiges für möglich. Wenn schon das Messer einen freien Samstag bekommt, warum nicht auch der Strom? Zu Hause weiß ich wenigstens, wo die Messer liegen. Ich kann mir heißes Wasser nachschenken. So sparsam wurde ich noch nie in einem Hotel bedient. 

Vielleicht ist das hier auch gar kein Frühstück, sondern eine heimliche Abnehmkur. Ein Achtel Tässchen Wasser, hartes Brot und kein Messer. Morgen ist Abreise. Bis dahin sollte das erste Kilo geschafft sein.

Und doch nehme ich aus diesem Tag eine kleine Erkenntnis mit:

Wir halten vieles für selbstverständlich, solange es funktioniert. Wasser kommt aus dem Hahn. Strom aus der Steckdose. Das Handy lädt. Die Klimaanlage kühlt.

Wehe, eines davon fällt aus. Und plötzlich hängt das Leben an einer Steckdose.

Herzliche Grüße 
Mike Melonte

Donnerstag, 27. August 2026

Ziel erreicht


In Albanien strahlt die Sonne vom Planeten, als wären wir alle ein Stück näher an Afrika gerückt. Heiß, schwül und voller Überraschungen. Die erste beginnt mit einer Parkplatzsuche.

Wir landen an einer Einkaufsmeile zwischen Möbeln, Klamotten und schließlich dem lang ersehnten Bankautomaten. Albanien gehört nicht zur EU und hat seine eigene Währung. Plötzlich mit Tausendern zu bezahlen, muss man erst einmal checken. Tausende Lek wechseln den Besitzer, als wäre nichts dabei. Unser erstes Essen direkt am Strand gelingt noch in Euro. Ein gebrutzelter Wolfsbarsch, zweimal Salat und Maisbrot: 30 Euro.

Willkommen in Albanien.

Die Weiterfahrt ist eine Lektion für sich. Schlaglöcher tauchen auf, verschwinden und werden von Erhöhungen abgelöst, die unvermittelt aus dem Asphalt wachsen. Abbremsmomente mit Überraschungseffekt. In der Dunkelheit erwischt es einen Ferrari. Er fliegt förmlich über eine dieser Hürden, einen dreißig Zentimeter hohen Wall aus aufgeschüttetem Teer ragt unvermittelt auf. Ohne Vorankündigung! Vielleicht gehört das zur natürlichen Geschwindigkeitsbegrenzung.

Die Luft drückt. Endlich ein Café, endlich kaltes Wasser. Izzy mault. Nein, sie bellt.

Ein Rüde wird von ihr noch angehimmelt. Dann zieht eine Hündin vorbei und mit Diplomatie ist Schluss. Die Hundedame im beigen Fell bleibt stehen und bellt. Nicht laut, aber ausdauernd. Eigentlich bettelt sie. Sie ist hungrig und durstig. Eine Frau steht auf und versucht, mit ihr zu sprechen. Doch die fremde Fellnase will Wasser. Niemand bringt ihr welches. Die Putzfrau wedelt mit dem Mop ihr nach. Sie versteht das Zeichen und rückt etwas nach links weg.

Nach und nach stehen die Leute im Kaffee auf. Die eben noch gut besuchte Terrasse leert sich. Wir stehen schließlich auch auf. Ich lege ein paar getrocknete Lachsstreifen neben einen Blumenkübel unweit vom der Terrasse.

Meine Tochter möchte noch ein Outfit besorgen und verschwindet in einem Laden. Hunde sind nicht erlaubt. Ich bleibe draußen und schwitze. Die automatische Glastür öffnet und schließt sich. Jedes Mal streicht ein kühler Luftzug nach draußen. Ich stelle mich etwas näher.

Ich muss schließlich den kühlen Luftzug mitnehmen. Plötzlich aus heiterem Himmel. Nein, im Rücken trifft mich die Glastür. Der Sensor wird mich erkennen und die Tür wieder zurücknehmen. Ich denke mir nichts dabei.

Izzy nutzt einen Moment und läuft in den Laden. Ich hole sie an der Leine zurück. Mit dem Rücken zur Eingangstür beuge ich mich zu ihr. Dann passiert es. Die rechte Glastür löst sich aus ihrer Verankerung. Einscheiben Sicherheits Glas (ESG) stürzt auf den Boder, zerbricht in unzählige kleine Teile. Für einen Moment stehe ich nur da. Dann sehe ich Izzy. Ziehe sie über die Scherben. Raus hier ist mein nächster Gedanke. Ein Glassplitter trifft mich am Fuss.

Was wäre gewesen, wenn diese Tür auf meinem Kopf zusammengebrochen wäre? Mein solange erwünschter Urlaub wäre abrubt vorbei. Vielleicht mehr als der Urlaub. Der Manager nimmt keine Daten auf. Er hat eine Versicherung und meldet das sofort. Ich komme mit einem Schrecken davon.

Kurz darauf bringe ich meine Tochter nach Tirana. Es dauert ca. eine halbe Stunde Fahrzeit bis zu ihrem Hotel mitten in der Stadt. Ein Parkplatz wird schwer bewacht, aussteigen lassen und weiterfahren. Tirana ist eine eigene Nummer. Autos schieben sich durch viel zu enge Straßen, Motorräder schlängeln sich dazwischen. Es wird gehupt, überholt, wieder eingeschert. Wo ich noch überlege, wer eigentlich Vorfahrt hat, scheint die Antwort längst gefunden: derjenige, der fährt.

Ich lasse Tirana hinter mir und mache mich auf den Weg zum Hotel Corner. Eingeplant ist eine halbe Stunde. Wir waren zuerst mein Hotel suchen und sind dann nach Tirana.

Noch acht Minuten zu meinem Hotel. Ich habe Durst und hole mir einen Snack. Dafür halte ich noch einmal an – und platze mitten in eine Beerdigung. Viele Menschen in Schwarz stehen zusammen und reden. Ich entdecke eine kleine Lücke an der Straße und drängle meinen VW-Bus hinein. Auf meinen Mut bin ich durchaus ein bisschen stolz. Wasser, Frischkäse und Tomaten. Mehr brauche ich heute nicht. Als ich aus dem Laden komme, sind die Menschen verschwunden. Jetzt hätte ich einen Parkplatz haben können.

Eine Minute vor dem Hotel geht es nicht mehr weiter. Ein Baum liegt quer über der Straße. Entwurzelt, gut zehn Meter lang, als habe er beschlossen, sich der Beerdigung solidarisch anzuschließen.

Vor mir steht ein Auto. Hinter mir kommen weitere. Mercedes und BMW überholen meinen einfachen VW-Bus, nur um wenige Meter später ebenfalls vor dem Baum zu stehen. Ich bleibe sitzen und denke an Wasser, Frischkäse und Tomaten. Hätte ich nicht eingekauft, wäre ich ein paar Minuten früher hier gewesen. Zum zweiten Mal an diesem Tag scheint mein Schutzengel einen Auftrag bekommen zu haben. So ein Schutzengel ist wahrlich schwer im Einsatz.

Direkt neben der Straße befindet sich ein Grundstück mit einem Tor. Ein junger Mann winkt mich hinein. Ich darf wenden, mit Izzy ein Stück laufen und bin weg von der Menschentraube, die sich inzwischen um den Baum gebildet hat. Erstaunlich schnell ist Hilfe vor Ort. Ein Quadfahrer kommt, kurz darauf ein Lastwagen mit Kran. Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Straße wieder frei.

Ich fahre ins Hotel. An diesem Abend gibt es zweimal Fanta. Süß und kalt. Anschließend falle ich sehr müde ins Bett und schlafe glatt zwei Stunden. Irgendwann werde ich von einem Geräusch wach. Luststöhnen dringt bis in mein Zimmer. Ungehemmt und laut. Ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Auch das noch.

Später sehe ich das Pärchen. Ein älterer Herr, Ende fünfzig vielleicht, und eine junge Frau um die dreißig. Sie gehen an mir vorbei. Vielleicht ist das Hotel Corner tatsächlich für Menschen gedacht, die weniger Schlaf brauchen als ich.

Izzy muss raus. Also Schuhe an, Leine in die Hand und noch eine Runde Gassi gehen. Unterhalb des Hotels liegt ein Restaurant wie eine umgebaute Burg. Weiter unten ist ein Schiff auf die Klippen aufgelaufen. Die Hitze hängt noch immer über allem. Wasser ist knapp.

Ich schaue mich um. Was für ein Tag. Tausende Lek, ein fliegender Ferrari, eine aus den Angeln gerissene Glastür, Tiranas Verkehr, eine Beerdigung, ein entwurzelter Baum – und nun ein Hotel, in dem offenbar nicht jeder zum Schlafen eincheckt. Mein Schutzengel dürfte inzwischen Feierabend haben. Ich hoffe es zumindest.

Albanien. Ziel erreicht.

Liebe Grüße nach Deutschland
Mike Melonte

Mittwoch, 12. August 2026

Die Einladung

Heute Morgen fällt mir ein Apfel auf den Kopf. Eine ordentliche Kopfnuss.

Ich bleibe stehen und sehe den Täter vor mir im Gras liegen. Rund, rot-gelb und vollkommen unschuldig. Ich hebe ihn auf. Er duftet süß, nur ein kleines Loch verrät einen Untermieter.

Sofort habe ich Apfelkuchen in der Nase. Mit Zimt, vielleicht Streuseln, außen knusprig, innen weich. Mein Kopf ist begeistert. Nur ohne Untermieter wäre mir die Sache entscheidend lieber.

Der Rest von mir kennt ohnehin die Wahrheit: Äpfel schälen, schneiden, Teig machen, Backform suchen, Küche verwüsten und schließlich den Backofen aufheizen. Bei diesen Temperaturen? Draußen brütet die Sonne. Schon der Gedanke an 180 Grad Ober- und Unterhitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ein Hobby sollte Freude machen. Leicht und einfach soll es sein, sonst bleibt es auf der Strecke.

Ich drehe den Apfel in der Hand. Was will er mir sagen? Iss mich? Back mich? Nimm mich mit und mach Apfelringe aus mir?

Wilhelm Tell hätte vermutlich nicht so lange nachgedacht. Andererseits lag sein Apfel auch nicht auf seinem eigenen Kopf, sondern auf dem seines Sohnes. Auch keine angenehme Ausgangslage.

Ich werfe den Apfel ein Stück voraus. Lucky hat die Situation sofort erkannt. Auf ihn mit Gebrüll. Er schnappt sich den Apfel und trägt ihn als Trophäe davon. Nicht etwa ein paar Meter. Fünfzehn Minuten schleppt er ihn bis zum Auto, fest zwischen den Zähnen, Sabber inklusive. Bloß nicht loslassen.

Im Auto wird getauscht: Apfel gegen einen Streifen getrockneten Lachs. Lucky hält das offenbar für ein gutes Geschäft.

Ich betrachte den Apfel. Luckys Zähne haben ganze Arbeit geleistet. Der Untermieter dürfte inzwischen ebenfalls schlechte Laune haben. Schneewittchen hätte spätestens jetzt Verdacht geschöpft.

Ich werfe den Apfel im hohen Bogen in die Wiese. Rehe oder Vögel werden sich schon finden.

In Gedanken bin ich beim Mittagessen. Ausgebackene Apfelringe gehen schnell. Oder Apfelmus mit Crêpes? Lucky schaut mich erwartungsvoll an. Izzy wartet vor dem Auto darauf, ebenfalls in den Kofferraum eingeladen zu werden.

Bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Apfelbäumen zurück. Dieses Jahr sind die Früchte kleiner als sonst. Nur vereinzelt hängen große Exemplare zwischen den Blättern. Rot, gelb, manche noch grün. Viel Fallobst liegt unter den Bäumen. Dicht gedrängt im Gras, als warteten sie nur darauf, dass jemand etwas mit ihnen anfängt.

Vielleicht ist genau das die Botschaft.

Wer einen Garten hat, lädt jemanden zum Pflücken ein. Wer keinen hat, kennt bestimmt jemanden, der spätestens nach dem fünften Eimer froh ist, wenn Besuch kommt.

Ein Apfel am Tag soll schließlich den Arzt fernhalten.

Bei der Menge, die unter den Bäumen liegt, müssten wir kerngesund durch den Winter kommen.

Ich winke Izzy. Sie springt sofort in den Kofferraum.

Hinter mir fällt ein Apfel ins Gras.

Dann noch einer.

Die Einladung steht.

Liebe Grüße
Mike Melonte

Freitag, 7. August 2026

Absurde Ernährungsformeln

 Gurkensalat × Melonengetränk = weniger Gewicht

Treppensteigen × Schokoladenkuchen = unentschieden

Spiegel × Bauch einziehen = Idealgewicht

Hund × täglicher Spaziergang = Kalorien auf der Flucht

Ein Salatblatt × drei Burger = Alibi

Brot × Wurst = zwei neue Fettpölsterchen

Enkel × Schokolade = Omas Schweigepflicht oder

Oma x Schokolade = Enkels Schweigepflicht

Fernbedienung × Sofa = Fernbeziehung beendet

Light-Limo × Familienpizza = mathematisch wertlos


Hey Leute, wer kennt das Thema Abnehmen?

Für alle, die nicht wissen, was ein Bauch ist: Herzlichen Glückwunsch. Ihr seid genetische Gewinner. Vermutlich esst ihr Croissants mit Marmelade und nehmt trotzdem ab. Mit euch rede ich heute nicht.

Ich gehöre nicht zu den Gazellen. Ihr wisst schon – diese Menschen mit langen Beinen, die durch den Wald schweben und aussehen, als würden sie Werbung für Mineralwasser drehen.

Nein. Ich bin eher ein Nashorn.

Elegant wie ein Möbelwagen. Dafür mit einer ausgeprägten Liebe zu allem, was brutzelt, knuspert und nach „nur noch einen Bissen“ schmeckt.

Früher dachte ich, im Alter wird alles entspannter. Von wegen.

Der erste Lack ist ab. Ob geschniegelt oder ungekämmt – das interessiert kaum jemanden. Aber wehe, ein halbes Kilo schleicht sich heimlich auf die Hüfte. Sofort ruft die Hose den Notstand aus.

Die Nachbarin lächelt: „Das steht dir gut.“

Ich lächle zurück: „Meine Hose hat dazu allerdings eine ganz eigene Meinung.“

Mein Kopf überlegt nur noch, wie der Hosenbund zwei Zentimeter breiter wird.

Der Knopf spannt. Sicherheitshalber bekommt er einen Haushaltsgummi als Leibwächter.

Der Reißverschluss zieht die Reißleine und beantragt Kurzarbeit.

Und ich? Ich überlege ernsthaft, den Hosenbund wegen Körperverletzung anzuzeigen.

Liebe Grüße 
Mike Melonte