Die Hand ist nicht nach oben
ausgestreckt. Auf Hüfthöhe. Eher so, als wolle er die Situation
oder gar mich zügeln.
Meine Wegstrecke ist zur Hälfte
geschafft. Schweiß fließt mir die Stirn herunter. Unter meiner Nase
bildet sich eine kleine Oase. So früh und schon so heiß. Izzy zeigt
großes Interesse an dem schwarzen Hund. Es könnte ja ein Verwandter
sein.
Der Riese im weißen T-Shirt, der
roten Schlapperhose und den Sandalen erinnert mich an einen Urlauber.
Den Hund habe ich noch nie gesehen. Den Mann auch nicht. Sein
glattrasierter Schädel lässt ihn jünger wirken, als er vermutlich
ist. Der Hund dagegen hat schon einige Jahre auf dem Buckel.
Ich bin viel zu beschäftigt,
meine zwei mit dem Kommando „Sitz“ auf eine ruhige Form zu
bringen, die mir noch ein „Hi“ ermöglichen würde. Seine
Handbewegung war vielleicht eine Bewertung. Ganz unrecht hatte er
nicht. Natürlich flutschen die Kommandos oft besser.
Kaum taucht ein Hundehalter auf,
fühle ich mich wie bei einer praktischen Prüfung. Niemand hat mich
angemeldet, aber offenbar findet sie täglich statt. Die Prüfer
wechseln ständig und erscheinen meist unangekündigt hinter Hecken,
an Weggabelungen oder genau dann, wenn die Leine einen Knoten hat.
Die Bewertung erfolgt wortlos.
Punkte gibt es für lockere Leinen, ruhige Hunde und eine
Hundeführerin, die aussieht, als hätte sie alles im Griff. Abzüge
gibt es für Kommandos, die zweimal ausgesprochen werden müssen, für
Leinenakrobatik und für Schweißperlen auf der Stirn oder mein
Gesichtsausdruck.
Während ich versuche, meine zwei
auf „Sitz“ zu konzentrieren, stelle ich mir vor, wie der Fremde
innerlich ein Klemmbrett zückt.
Hundeführerin:
bemüht.
Leinenführung:
ausbaufähig.
Motivation
der Hunde: stark
wurstabhängig.
Gesamteindruck:
Das Team zeigt Potenzial.
Dabei kenne ich den Mann gar
nicht. Ich könnte seine Mutter sein. Wieso winkt er ab, als sei das
kein Rudel, sondern ein chaotischer Kompaniehaufen?
Meine Zwei gehen nicht los. Alles
läuft ohne Bellen ab. Das ist für mich schon ein Erfolg, denn wir
üben ja immer noch. Das Spiel „Die böse Welt außerhalb der
Wohnung muss auf jeden Fall verteidigt werden“ spielen wir
inzwischen deutlich seltener. Deshalb ist jede ruhige Begegnung eine
wertvolle Erfahrung.
Nach einem Stück Wurst –
neuerdings meine Geheimwaffe – gehen wir weiter. Die Motivation
meiner Vierbeiner steigt dadurch sprunghaft an. Offenbar lässt sich
Erziehung doch kaufen.
Richtung Auto begegnen wir uns
noch einmal. Diesmal schaut er mir tief in die Augen. Keine
Handbewegung. Kein Abwinken. Nur ein Blick.
Vielleicht habe ich die ganze
Situation falsch verstanden. Vielleicht wollte er gar nichts
bewerten. Möglicherweise hatte er nur einen Krampf im Arm. Menschen
machen schließlich die merkwürdigsten Bewegungen. Fit in den Tag.
Meine Hunde haben immer noch den
Geschmack von Wurst auf der Zunge. Beide bleiben ruhig. Nun kann ich
mir seinen Hund genauer anschauen. Und für einen Augenblick denke
ich: Wow, ein Rottweiler-Mädchen.
Izzy hätte sich mit ihr nicht
zanken wollen. Sie läuft frei. Das hätte etwas gegeben, wenn meine
nicht an der Leine gewesen wären.
Während ich noch über die
Bedeutung einer einzelnen Handbewegung nachdenke, haben meine Hunde
die Begegnung längst verarbeitet, archiviert und vergessen.
Die Wurst war wichtiger.
Liebe Grüße
Mike Melonte