Regen hängt tief über dem Weg, als hätte der Mai beschlossen, probeweise den November zu spielen. Nebel kriecht über die Felder. Hellgraue Schwaden ziehen über die Häuser. Es riecht nach feuchtem Moos, altem Laub und zwischendrin nach Wiesenblumen. Die Sonne hat sich hinter den Wolken versteckt. Ich laufe mit meinen Hunden den Feldweg entlang. Rechts und links liegen Blumenwiesen, die mir förmlich zujubeln. In weiter Ferne thront die Wurmlinger Kapelle auf dem Berg.
Einige Male atme ich tief durch. Inhaliere den frischen Duft, der mich in Bewegung bringt. Meine Hunde ziehen mich nach vorne. Vermutlich ist zuvor eine Rehgruppe oder ein anderer Hund hier entlang-gelaufen. Rehe, das fehlt mir noch. Ich sehe mich schon mit dem Leittier über die Überquerung der Wiese verhandeln. Dicht bei mir meine zwei Hunde. Sie würden mich beschützen wollen. Ich gehöre ja zum Rudel. Dabei denke ich ständig an die ärztliche Vorgabe: dreimal in der Woche Sport, tägliches Laufen. Trotzdem geigt mein Blutdruck irgendwo in den Wolken herum. Vielleicht sollte ich einen Baum umarmen und feststellen, dass er viel zu dick für meine kurzen Arme ist. Der Holzgeruch schwingt mir in die Nase. Unverrückbar steht er dort wie ein Fels in der Brandung. Außerdem ist der Baum sehr von sich eingenommen. Stolz und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, wirkt er zwischen den anderen Bäumen, als hätte er nie gezweifelt.
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| Wurmlinger Kapelle |
Ein paar Meter weiter kriecht ein dicker Regenwurm vor mir über den trockenen Weg. Langsam schlängelt er sich über den harten Boden. Sehr bemüht, über die nächste Hürde zu kommen. Aussichtslos. Er windet sich vorwärts wie ein schlecht bezahlter Angestellter kurz vor der Rente. Jeder Zentimeter ist ein Drama. Ich bleibe stehen und sehe ihm zu. Vielleicht, weil ich ihn verstehe. Vielleicht, weil wir beide denselben Gesichtsausdruck haben.
Der Wurm steckt fest auf trockenem Boden. Er will nur schnell auf die andere Seite, zurück ins Gras und ab in die Erde. Ich will zurück in meinen alten Rhythmus.
Jeder Tag beginnt mit einer viel zu kurzen Nacht. Danach kommt Müdigkeit. Diese bleierne Sorte, die sich morgens schon anfühlt wie Feierabend. Anschließend folgt Aktionismus. Menschen machen das gern, wenn sie innerlich auseinanderfallen. Sie räumen Keller auf, planen Projekte oder googeln plötzlich nach Yoga und basischer Ernährung. Ich laufe eben durch Regen und Nebel und tue so, als könnte man die Suche nach neuen Aufgaben einfach ausschwitzen. Nun meldet sich mein Körper wie ein schlecht gelaunter Betriebsrat. Oder eher wie ein Amt. Erst einmal online eine Nummer ziehen und warten. Glückauf für einen passenden Termin.
Sehr unerquicklich, denn mein Kopf sieht das völlig anders. Der will noch losziehen, Kaffee trinken, kleine Abenteuer erleben, vielleicht zweimal pro Woche unter Menschen gehen, bevor ich endgültig als Moorleiche im Häkelkorb ende.
Der Regenwurm kennt keine Opferrolle. Er erfüllt stoisch seinen Zweck im großen Kreislauf der Natur. Boden lockern, Vögel ernähren, sterben ohne Krankenkasse. Eigentlich beneidenswert effizient. Möglicherweise ist er mir deshalb so sympathisch.
Wir beide kriechen morgens durch feuchtes Gelände und hoffen, nicht versehentlich auf der Strecke zu bleiben.
Ich wünsche allen eine gesunde und erholsame Woche!
Liebe Grüße
Mike Melonte
