Fast gelingt der Übergang vom Tausch Arbeit gegen Geld in einen schönen Lebensabend. Dann kommt urplötzlich der nächste Meilenstein. Schließlich kann nicht jeder im Bentley über die Alpen fahren. Wenige tun es trotzdem, allen Ratschlägen zum Trotz.
Was beginnt eigentlich hinter dem Balkan? Die Menschen fahren Auto wie in Europa auch. Sie essen, vielleicht andere Speisen und zu anderen Zeiten. Aufgebrezelt für das Abenteuer hängt die Goldkette um meinen Hals, am Ringfinger sitzt der Diamantring. Das Weißgold glänzt in der Sonne. Die beige Hose sitzt locker auf den Hüften und gibt unglaublich etwas her. Es ist der gerade Schnitt. Es müssen schließlich nicht immer die X-Beine gezeigt werden. Immerhin soll die Reise in bleibender Erinnerung bleiben.
Noch ist das Auto unterwegs. Die Berge wirken nicht bedrohlich, die Sonne lächelt ihr schönstes Lächeln, obwohl der Sommer sehr unter dem Wasserverlust von oben zu kämpfen hat. Die Landschaft zieht vorbei und mit ihr dieses wohlige Gefühl des Reisens. Einmal weit weg, das ist der Plan. Wie lange es dauert, spielt vorerst keine Rolle. Natürlich hätte es noch weiter sein dürfen, aber der Flieger wollte das Auto nicht transportieren. Mit dem Ballon hätte ich noch eine Ausbildung gebraucht, und den Flugschein könnte ich mir zwar überlegen, aber so schnell würde es mit der Umsetzung vermutlich nichts werden. Immerhin hat die Reise bereits begonnen.
Aus dem Bentley, der zeitlebens ein Wunsch war, werden gewisse Abstriche gemacht. Das Auto darf vier Räder haben, und bestenfalls kann darin übernachtet werden. Die finanziellen Mittel sollten für den Balkan reichen. Dann sind die Dieselpreise hoch. Sehr hoch.
Absagen? Umkehren? Kommt nicht infrage. Es geht um Wunschumsetzung. Wer macht da schon einen Rückzieher? Das Essen in der Fremde ist anders. Wobei – Burger und Fritten gibt es inzwischen überall. Haben sich die Menschen mit dem Internet gleich noch einen anderen Essstil zugelegt, oder liegt es an der Generation?
Selber kochen wird unterwegs schwierig. Wasser ist knapp bemessen, und ständig bin ich auf der Suche nach Getränken. Die großen Kanister reichen zum Händewaschen, aber nicht immer werden die Hände gleich gewaschen. Nach und nach setzt der Schlendrian ein. Ein Feuchttuch muss reichen.
Irgendwann geht die Reise zu Ende. Die vielen Tausend Kilometer stecken in den Knochen, die Erschöpfung fährt auf den letzten Kilometern einfach mit nach Hause. Kaum zurück, beginnen die Bauchschmerzen.
Vor Jahren hat mir ein Psychologe einmal erklärt, was es bedeuten könne, wenn der Bauch schmerzt. Wir standen am Schwarzen Meer und seine Freundin hat sich nicht zu uns gesetzt. Das Angenommensein fehle, die Aufmerksamkeit solle sich wieder um die Person kümmern, die Bauchweh hat. Mein Bauch bekommt nun sehr viel Aufmerksamkeit. Mehr, als mir lieb ist.
Drei Tage liege ich da und quäle mich, bis der Arzt schließlich Bakterien feststellt und Antibiotika verordnet. Drei Tabletten auf einmal. Etwa eine Stunde nach der Einnahme sind die Schmerzen wieder da. Nichts ahnend habe ich die Keule längst genommen. Seitdem bin ich die Risottobraut.
Reis morgens, Reis mittags, Reis abends. Wer immer nur Reis isst, kann vermutlich überhaupt nicht zunehmen. Das wäre immerhin ein Vorteil, wenn es nicht so langweilig wäre.
Zwischendurch meldet sich der Hunger mit Nachdruck. Nach Wochen der Vernunft muss etwas Ordentliches her. Ein Käsebrot mit Tomate. Brot, Käse, Tomate – was soll daran schon verwerflich sein?
Mein Bauch weiß es. Etwa eine Stunde später rebelliert irgendeine Institution in meinem Inneren. Ob Galle, Leber, Magen, Darm oder alle gemeinsam, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Jedenfalls wollen sie von meinem Käsebrot nichts wissen. Die Krämpfe kommen zurück, und damit ist die kulinarische Freiheit vorerst wieder beendet.
Also bleibt es wie gehabt. Darmaufbau mit Hefebakterien, damit dort wieder Leben einzieht. Nur scheint mein Bauch mit der vorgesehenen Neubesiedlung nicht einverstanden zu sein. Er rumort, bläht sich auf und meldet jeden Versuch einer abwechslungsreicheren Ernährung mit bemerkenswerter Konsequenz. Dann eben wieder Reis.
Auch Haferschleim wird irgendwann langweilig. Suppe darf es sein, aber bitte nicht fettig. Kartoffeln gehen ebenfalls, und selbst Kartoffelbrei wird plötzlich zu einer Delikatesse, wenn der Hunger laut genug schreit. Inzwischen sitze ich in meiner ruhigen Ecke in der Küche. Vor mir steht eine Schüssel Reis.
Vom geträumten Bentley über den Balkan bis hierher war es ein ziemlich weiter Weg, voller Eindrücke und unglaublich schöner Landschaften, die mich in meinen Gedanken noch lange tragen werden.
Ich hätte nur nicht gedacht, dass meine große Reise ausgerechnet mit einem ungebetenen Gast endet.
Viele Grüße
Mike Melonte

