Amanda Pfanner legt die letzte Margerite zwischen die Kaffeetassen. Zwölf Gedecke stehen auf der langen Tafel. Die weißen Tischdecken hängen glatt zu beiden Seiten hinab. Der Käsekuchen kühlt auf der Fensterbank aus. Der Kaffee wartet nur noch auf die Gäste.
Es klingelt.
Vor der Haustür steht eine Frau. Irgendetwas an ihrem Gesicht kommt Amanda seltsam vertraut vor. Sie ist etwas kleiner als Amanda, trägt rotblonde Locken, eine blau-weiße Jacke, eine rostrote Hose und abgetragene Wanderschuhe.
„Danke für den Kuchen“, sagt sie.
Amanda runzelt die Stirn.
„Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“
Die Frau lächelt.
„Ich bin Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“
Amanda nickt höflich.
„Welchen Kuchen meinen Sie?“
Die Frau antwortet nicht. Stattdessen streckt sie Amanda die Hand entgegen.
Der Händedruck ist erstaunlich fest. Warm. Vertraut.
Einen Augenblick lang blickt Amanda in freundliche Augen. Als sie blinzelt, ist Anna verschwunden.
Nicht zur Gartentür hinaus. Nicht die Straße hinunter. Einfach fort. Amanda tritt auf den Gehweg, blickt zum Dorfbrunnen und über die Wiesen. Kein Mensch ist zu sehen.
Nach und nach treffen ihre Gäste ein.
Wie immer stellt Amanda den Apfelkuchen erst zum Schluss auf den Tisch. Kaum steht er da, greift sie zum Messer.
„Moment!“, ruft Alfons grinsend. „Das Probierrecht gehört wie immer mir.“
„Du willst doch bloß das größte Stück“, erwidert Amanda.
„Dafür bin ich schließlich Dorfpolizist.“
Gelächter geht um den Tisch. Alfons nimmt den ersten Bissen, schließt genießerisch die Augen und nickt zufrieden.
„Wie jedes Mal. Unschlagbar.“
Die Gespräche kommen in Gang. Einer schimpft über die Benzinpreise, ein anderer über die Regierung. Jeder weiß genau, wie man die Welt retten könnte. Keiner räumt seine Tasse selbst in die Küche.
Mitten im Gelächter klingelt Alfons' Diensthandy. Sein Gesicht wird ernst.
„Sie haben wen gefunden?“
Am Tisch verstummt jedes Gespräch.
„Wo?“
Er hört schweigend zu.
„Ja ... ich bin unterwegs.“
Langsam steckt er das Telefon ein.
„Wen haben sie gefunden?“, fragt Amanda.
Alfons schluckt.
„Anna. Die Frau vom Bauern Julian.“
Amanda spürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht weicht.
„Jetzt weiß ich, wer sie war“, flüstert sie. „Sie stand eben noch vor meiner Haustür.“
Niemand antwortet.
Einmal im Monat gönnt sich Alfons den Nachmittag bei Amanda. Kaffee und Kuchen kosten ihn keinen Cent. Hier trifft er noch zwei ehemalige Klassenkameraden. Die anderen sind längst in die Stadt gezogen. Heute endet der gemütliche Nachmittag früher als gedacht.
Er stellt die Tasse ab, entschuldigt sich und fährt mit Blaulicht zur Unfallstelle. Wenig später übernimmt die Kriminalpolizei die Ermittlungen. Anna wird auf der Landstraße von einem Auto erfasst.
Zunächst schließen die Ermittler weder einen Verkehrsunfall noch ein Tötungsdelikt aus. Das Fahrzeug wird sichergestellt, Spuren gesichert und sämtliche Anwohner befragt.
Die Gerichtsmedizin stellt im Blut der Verunglückten eine ungewöhnliche Kombination mehrerer Medikamente fest, deren Wechselwirkung Halluzinationen auslösen kann.
Der Lebensgefährte gibt zu Protokoll, dass Anna ihre Medikamente wie jeden Morgen selbst einnimmt. Zusätzlich erhält sie auf Empfehlung des Hausarztes ein neues Schmerzmittel gegen starke Schmerzen.
Nach dem vorläufigen Gutachten betritt sie die Fahrbahn, ohne den herannahenden Verkehr wahrzunehmen. Hinweise auf ein Fremdverschulden finden die Ermittler nicht. Sechs Monate später wird die Akte geschlossen. Todesursache: Unglücksfall. Ein Fremdverschulden lässt sich nicht nachweisen.
Amanda reibt unwillkürlich ihre rechte Hand. Noch immer meint sie, Annas festen Händedruck zu spüren. Sie sagt niemandem, dass Anna wenige Minuten vor ihrem Tod an ihrer Haustür läutet, sich für einen Kuchen bedankt und ihr freundlich in die Augen sieht. Manche Begegnungen passen in keine Ermittlungsakte.
Als sich die Trauergäste schweigend um das offene Grab versammeln, findet ein Blumengebinde aus Margeriten still seinen Weg hinab.
Liebe Grüße
Mike Melonte
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