Karl hatte schon als Kind gelernt, dass man nicht jeden Menschen behalten konnte, nur weil er zur Familie gehörte. Besonders deutlich wurde ihm das, als sein älterer Bruder krank wurde und sein Bett näher ans Fenster rückte. In den Räumen war die Luft ohnehin schlecht, denn der Rauch aus der Küche fand keinen vernünftigen Abzug und legte sich nicht nur als schwarzer Belag auf Wände und Balken. Man atmete ihn ein, Tag für Tag, und wer ohnehin schon geschwächt war, bekam irgendwann kaum noch Luft.
Als das Bett seines Bruders direkt am Fenster stand, wusste Karl, was das bedeutete. Dort bekam er noch ein wenig mehr Luft. Eines Tages war das Bett leer. Sein Bruder war weg vom Fenster. Für Karl änderte sich damit mehr als nur die Zahl der Menschen, die im Schloss lebten. Seine jüngeren Geschwister waren noch keine zehn Jahre alt und gehörten nach den Vorstellungen der Erwachsenen nicht an den großen Tisch. Kinder waren Teil der Familie, selbstverständlich, aber sie standen nicht in ihrem Mittelpunkt. Karl verstand nicht, weshalb das so sein musste. Wenn er irgendwann selbst Kinder haben sollte, wollte er wissen, was sie dachten, worüber sie lachten und wovor sie Angst hatten. Vor allem aber wollte er sie bei sich haben. Mit dieser Vorstellung stand er ziemlich allein.
Vielleicht begann sein Wunsch fortzugehen genau dort, obwohl er sich das damals noch nicht eingestand. Anderswo sollte es Arbeit geben und die Möglichkeit, sich etwas Eigenes aufzubauen. Von Menschen, die Richtung Osten gezogen waren, wurde erzählt, und jedes Mal hörte Karl genauer hin, obwohl er wusste, dass mit jedem Gedanken an die Ferne etwas anderes näher rückte, das er am liebsten verdrängt hätte. Emmi.
Sie würde nicht einfach mit ihm gehen können. Ihr Vater war der Totengräber. In ihrer Familie besteht die Vorstellung, eine Tochter könne einem jungen Mann in die Fremde folgen, kaum denkbar. Familie bedeutete Sicherheit, aber ebenso Verpflichtung, und Emmi war darin nicht weniger gefangen als Karl in seiner Verantwortung gegenüber den eigenen Geschwistern.
Je häufiger Karl über das Fortgehen nachdachte, desto weniger wusste er deshalb, was er eigentlich gewinnen würde. Arbeit vielleicht, ein eigenes Zuhause und irgendwann Kinder, die selbstverständlich mit ihm an einem Tisch saßen. Doch all das gab es nur in seiner Vorstellung, während Emmi tatsächlich da war.
Vielleicht war es genau deshalb so verführerisch, als ihm jemand von der Naturfrau erzählte, die für ein paar Kartoffeln Dinge möglich machen sollte, für die Karl selbst keine Lösung fand.
Sie hörte sich an, was er wollte, und verlangte nicht viel. Natürlich Kartoffeln und eine Locke von Emmi.
Die Kartoffeln konnte Karl heimlich beschaffen. Bei der Locke sah die Sache anders aus, denn so nahe war er Emmi noch nie gekommen, und selbst wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte, wäre es schwer zu erklären gewesen, weshalb er plötzlich mit einer Schere neben ihr stand.
Er dachte mehrere Tage darüber nach, bis ihm Emmis Schwester einfiel, die als Dienstmagd im Schloss arbeitete. Ihr ließ er eine Nachricht zukommen, die gerade glaubwürdig genug klang, um nicht nach einem Liebeszauber auszusehen. Wie hätte er ihr das erklären können?
Er werde fortgehen, ließ er Emmi ausrichten, vielleicht sogar nach Übersee, und er wünsche sich eine Locke von ihr, damit er etwas habe, das ihn an sie erinnere.
Emmi sagte zunächst nichts. Erst später fragte sie ihre Schwester, ob Karl wirklich gehen wolle.
„Bist du sicher?“
Die Schwester nickte und versicherte ihr, genau das habe er gesagt. Trotzdem verging wieder Zeit, bis Emmi ein zweites Mal nachfragte, als könnte sich Karls Entschluss allein dadurch verändern, dass sie lange genug wartete.
Am Abend, als es im Haus still geworden war und nur noch der letzte Rest einer Kerze den Raum erhellte, nahm sie schließlich eine Schere. Sie griff in ihren Nacken, hielt eine Strähne zwischen den Fingern und zögerte noch einmal, bevor sie die Klingen zusammendrückte. Danach legte sie die Locke in ein Leinentaschentuch, schlug den Stoff sorgfältig darüber und gab das kleine Päckchen ihrer Schwester.
Karl brachte die Haare zur Naturfrau, die einige Strähnen herausnahm, sie in Salz legte und leise Worte sprach, von denen er kaum eines verstand. Als sie fertig war, gab sie ihm die Locke zurück und erklärte ihm, er müsse sie gut verwahren, denn von nun an gehöre dieses Haar zu seinem Herzen.
In der Küche konnte Karl die Haare nicht verstecken, ohne Gefahr zu laufen, beobachtet zu werden. Schließlich nahm er einen Löffel und drückte die schwarze Strähne mit dem Ende des Stiels so tief in einen der dunklen Balken, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Von da an wusste nur er, wo sie steckten.
Wenn er in der Küche arbeitete
und nach oben sah, waren dort Emmis Haare, und solange sie dort
blieben, konnte er sicher sein, dass er noch nichts verloren hatte. Dabei hatte Emmi längst
begonnen, ihre eigene Entscheidung zu treffen.
Einen schönen Sonntag
Mike Melonte
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