Donnerstag, 10. September 2026

Nicht für den Müll

Als das alte Haus verkauft wird, ist klar: Sie werden alles auf den Müll schmeißen. Das war letzten Samstag, kurz bevor sie in allen Schubladen wühlten. Mit Handschuhen griffen sie nach mir, als wäre ich ansteckend oder so etwas. Habe ich etwa die Masern?

Natürlich lag ich in einer Nähschublade mit allerlei Zeugs. Ganz rechts war meine Ecke. Neben der Schere fühlte ich mich am Wohlsten. Nur zum Einsatz hatte es seit Jahren nicht mehr gereicht. Nun lag ich da zum Aussortieren. Wie frustrierend. Die Hände greifen direkt nach mir.

„Oh, eine Zweier-Häkelnadel? Hier hat auch jemand Handarbeit gemacht.“

Wolle zieht an mir vorbei. Die Hände schlagen eine Masche an. Dann geht es los. Eine Schlaufe, noch eine, immer weiter. Mir wird schwindlig von den Umdrehungen. Ich bin schließlich schon einige Jahrzehnte alt.Plötzl ich schmeißen mich die Hände samt Wolle auf einen Stuhl. Bin ich ein Boxsack? Was für Manieren die heutige Jugend hat?

Mal ehrlich, Häkeln ist eine besondere Art der Entspannung. Das kann nur jemand grauenvoll finden, der mich nicht leiden kann. Doch dann werde ich an einer Luftmaschenkette in die Höhe gehalten. Wie eine Siegertrophäe. Kurz darauf verschwinde ich in einer Jackentasche. Oh, wie bin ich erleichtert. Jemand kann mit mir etwas Schönes häkeln.

Und ich sehe endlich wieder Tageslicht. Am Abend geht es weiter. Ein roter Faden legt sich um meinen Hals. Na wunderbar. Kaum dem Müll entkommen, werde ich gefesselt.

Die Hände lassen mir keine Ruhe. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Einstechen, Faden holen, durchziehen. Ich komme richtig in Fahrt. Ich bin noch voll agil. Nach all den Jahren fühle ich mich wieder wichtig. Vielleicht wird es ein Schal. Ein feiner Zwirn, den jeder gern tragen möchte oder eine elegante Stola. Bei meiner Größe zwei kann man schließlich keine groben Sachen von mir verlangen.

Reihe um Reihe arbeite ich mich voran. Der rote Faden folgt mir aufs Wort. Ich ziehe ihn durch jede noch so enge Masche. Manchmal sträubt er sich, dann nehme ich ihn eben auf den Haken. Dafür bin ich schließlich da. Das Stück wächst.Quadratisch. Sehr quadratisch. Mir kommen erste Zweifel. Eine Stola sieht anders aus.

„Schau mal“, sagt die junge Frau und hält unser Werk in die Höhe. „Mein erster Topflappen!“ Topflappen, wie bitte? Jahrzehnte habe ich in einer dunklen Schublade überlebt. Ich bin dem Sperrmüll entkommen, wurde wie eine Siegertrophäe in die Höhe gehalten und habe mich durch unzählige Maschen gekämpft. Für einen Topflappen? Das kann nicht wahr sein!

Aber als sie mich anschließend vorsichtig neben das rote Wollknäuel legt, weiß ich: Morgen geht es weiter. Der Topflappen braucht schließlich einen zweiten. Und ganz unter uns: Hauptsache, ich hänge wieder an einem guten Faden.

Wünsche allen eine schöne Woche
Mike Melonte

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