Donnerstag, 2. Juli 2026

Der Laufsteg endet am Bordstein

Die Kreuzung gibt es schon sehr lange. Ein Zebrastreifen dagegen nicht. Jeden Morgen dauert es eine Ewigkeit, bis ich mit dem Auto über die Kreuzung komme. Anscheinend kümmert sich jeder erst einmal um sich selbst. Ein schlauer Plan.

Ausnahmsweise führt mich mein Weg wieder über die Kreuzung. Dieses Mal stehe ich ein paar Stunden später als Fußgänger dort. Wer glaubt, die zu Fuß Gehenden würden in einer grünen Stadt besonders berücksichtigt, kann dort lange stehen. Nachdem ich meine Besorgung in der Stadt erledigt habe, bin ich auf dem Rückweg zum Frühstück. Mein Magen knurrt. Die Kehle will endlich einen warmen Tee. Ist das schon Luxus?

Kurz vor der Kreuzung überholt mich ein Mann. Sein Rücken ist breit wie ein Kleiderschrank. Das schwarze Hemd spannt über den Oberarmen, die enge Hose sitzt wie angegossen. In der rechten Hand trägt er einen Minilaptop. Schritt für Schritt läuft er wie ein Männermodel. Für welche Marke? Die Antwort liefern seine Turnschuhe: Bank. Er stellt sich so dicht an den Bordstein, dass für mich kaum noch Platz bleibt. Sein Rasierwasser nebelt mich ein. Keines Blickes würdigt er mich. Mir fehlt offenbar die passende Haute Couture.

Typisch für diese Kreuzung: Selbst Fußgänger kommen hier nicht ohne Weiteres über die stark befahrene Straße. Als ich neben dem Model stehe, macht keiner der Autofahrer Anstalten anzuhalten. Ich hätte mir vorstellen können, dass alle sofort stehen bleiben. Schließlich wartet hier ein Mann, der aussieht, als hätte er einen Termin auf dem Laufsteg. Stattdessen strecke ich den linken Arm aus. In der Schule gab es die Schülerlotsen. Kaum denke ich daran, bremst sofort das erste Auto. Ich laufe los.

Mit einem Ego hoch zehn überquere ich die Straße.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


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