Alltagsheld – Das Spültuch
In der Reihe zu stehen gefällt Anja überhaupt nicht. Dieser Flaschenautomat ist das Letzte. Ständig ist er mit irgendwelchen technischen Problemen behaftet. Das Personal scheint wie in Trance zu laufen. Jedenfalls ist der junge Mann weit davon entfernt, jemals sein Leben in den Griff zu bekommen. Seine Hose hängt ihm halb über der grünen Unterhose. Wer trägt schon einen grünen „Liebestöter“?
Anja ist genervt von der unfreundlichen Bedienung, der kaltschnäuzigen Aufmerksamkeit gegenüber den Kunden und der Art, wie sich die Angestellten hier präsentieren. Sie ist kurz davor zu platzen.
Da dreht sich ein Mann um.
„Sie müssen mir nicht ins Genick husten. Das ist sehr unangenehm, wissen Sie.“
„Ich habe Ihnen überhaupt nicht in den Nacken geatmet. Wie kommen Sie dazu, solche Anschuldigungen zu machen? Ich stehe hier auch nur herum und vergeude meine Zeit.“
Ungläubig schaut sie der etwa 1,80 Meter große, grauhaarige Wuschelkopf mit seinen grünen Augen an.
„Wissen Sie eigentlich, wie unhöflich Sie sind? Wären Sie meine Frau, würde ich Sie erst einmal nach Hause schicken. Kommen Sie doch wieder, wenn Sie sich beruhigt haben.“
Mit einer Hitzewallung, die sich in roten Wangen zeigt, stellt sie ihm eine Gegenfrage:
„Sie stehen hier, weil Sie was tun?“
„Flaschen abgeben – wie Sie auch, oder?“
„Ich stehe schon seit zehn Minuten hier. Und Sie?“
Er ignoriert ihre barsche Art.
Anja schämt sich ein wenig. Nein, so hatte sie sich den Tag heute nicht vorgestellt. Stress mit ihrer Chefin, weil sie einen Termin verdaddelt hat – und jetzt noch ein Einlauf von einem völlig Fremden.
Sie atmet einige Male tief durch.
Zu Hause liegt ein Geschenk von den Kollegen aus dem Büro: Wolle in gelber und lilaner Farbe.
„Strick uns doch Spültücher“, haben sie lachend gesagt.
Ja, das wäre wirklich eine nachhaltige Idee.
Doch zuerst muss sie hier noch ausharren – bis der Getränkeautomat endlich wieder funktioniert.
Endlich rattert die Maschine wieder los. Flasche für Flasche verschwindet im Schlund des Automaten.
Als der Bon ausgedruckt wird, greift Anja danach, schaut kurz auf den Betrag und muss plötzlich schmunzeln.
So viel Aufregung wegen ein paar Flaschen.Vielleicht ist es wirklich Zeit für etwas Sinnvolleres.
Zu Hause wartet schließlich ein kleines Stück Baumwolle darauf, zum Alltagshelden der Küche zu werden –
ein einfaches Spültuch, das wenigstens still und zuverlässig seine Arbeit tut.
Ganz ohne zu meckern.
Herzliche Grüße
Mike Melonte

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