Mittwoch, 25. Februar 2026

Verborgene Spur

Vergnügt huscht ein Eichhörnchen auf Futtersuche durch das feuchte Laub. Raschelnd trippelt es den Stamm einer Buche hinauf, während ein Schwarm Vögel laut über die Baumwipfel hinwegzieht.

Carla Merten ist ebenfalls auf Spurensuche. Nicht nach Abenteuern. Nach Antworten.

Vom Freund verlassen, in Reitstiefeln und Winterjacke, mit roten Ohren vom kalten Wind, stapft sie kurz nach Tagesanbruch durch den Wald.
Wie kann ein Mann sich derart verhalten?
Per WhatsApp zu schreiben: „Werde versetzt. Beende die Beziehung.“ Das ist kein Abschied. Das ist eine Kriegserklärung.

Der Waldweg ist feucht; die Nacht über hat es ordentlich geregnet. Von Ästen, die sich über den Pfad neigen, tropfen schwere Wassertropfen herab. Moosiger Boden wechselt zu steinigem, morastigem Untergrund. Jeder Schritt hinterlässt eine Spur.

Der Tag ist noch jung, redet sie sich ein. Und vielleicht ist das hier der Anfang von etwas Neuem. Zumindest ist Bewegung ein Motor, der sie an die frische Luft treibt. 

Carla will diesen Winterspeck loswerden. Die Röllchen um ihren Bauch bleiben hartnäckig. Jede Hose zwickt an der Hüfte. Alles würde sie tun, um wieder begehrlich zu wirken. Attraktiv und Sichtbar.

Schnelles Laufen ist ihr unmöglich. Immer wieder bleibt sie im Schlamm stecken. Nach einer Stunde im Nadelwald hat sich ihr Cortisolspiegel beruhigt. Das Gedankenkarussell dreht langsamer. Der Duft von Tannennadeln lässt sie tiefer atmen.

Dennoch kippt plötzlich die Stimmung. Der Wald wird still. Kein Vogelgezwitscher. Kein Reh im Unterholz. Nur Wind mit einer seltsamen Ruhe.

Ein warnender Satz ihrer Freundin Gerdi fällt ihr ein:
„Wenn du nachts nochmal ohne Licht Fahrrad fährst, schicke ich dir eine Streife – ohne Worte, versteht sich.“

Gerdi, die am hintersten Zipfel der Welt lebt und Tiere missioniert. Oder Menschen? Carla ist sich nicht mehr sicher. Aber diese Freundin fehlt - gerade jetzt.

Was macht sie eigentlich morgens um kurz vor acht allein im Wald?
Niemand würde sie finden, wenn sie stürzte. Montagmorgens irrt hier keiner umher. Keine Polizisten suchen nach einer deprimierten Frau mit Sportambitionen.

Die lauernde Ruhe weicht einem Knacken im Unterholz. Ahnungslos geht sie weiter und hört nicht zu. In ihren Gedanken gefangen, beseelt von Statistik. Verfangen in Ihrem Lieblingsthema. Büroarbeit 5.0 ist mehr als Sicherheit und Zahlen. Lebensqualität auf Kleidergröße 48 erweitert ist eine Falle. Niemand sieht sie.

Dann spürt sie die Beobachtung.

Ein dunkler Schatten weit hinter ihr. Sie erkennt die aufgestellten Ohren, das zottelige Fell. Ist das ein ausgerissener Hund? Er ist groß. Im Stockmaß reicht er ihr bis über die Knie.

Ihr Herz rast.
Plitsch, platsch spritzt Schlamm gegen ihre schwarze Hose als Sie das Tempo aufnimmt, rennt. Zu allem Überfluß setzt Regen ein. Die schwarze Wolke entlädt sich über ihr. Für einen Moment wagt sie den Blick über die Schulter.

Kein Hund! Ein Wolf.

Er folgt ihr. Ruhig. Berechnend. Im sicheren Abstand.

Außer Atem will sie nur noch weg. Raus hier aus diesem gefährlichen Wald.

Sie beschleunigt und bleibt an einer Wurzel hängen.
Stürzt nach vorn, bleibt mit ihrem Schmerz liegen.

Der Wolf bleibt dicht auf der Ferse.

Und in diesem Moment passiert etwas Seltsames.

Carla beginnt in Gedanken zu häkeln.

Masche für Masche.
Rot. Die gleiche Anleitung in Blau und Grün.
Luftmaschen, feste Maschen – im Kreis. Wiederholend.
Einen Seifenuntersetzer. Ja, zugern würde sie sich die Hände waschen… .

Eine verborgene Spur aus Garn führt sie aus dem Chaos.
Ordnung kehrt in ihre Gedanken.
Stille. Aus dem aufgeweichten Boden entsteht Struktur im Morast.

Der Wolf beobachtet sie weiterhin. Bleibt stehen. Läuft weiter.

Am Waldrand taucht ein Mann auf. Er hebt den Kopf, sieht sie – sieht den Schatten hinter ihr.

Greift nach seinem Gewehr.
Zielt.
Drückt ab.

Liebe Grüße
Mike Melonte



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen