Montag, 6. Juli 2026

Regentropfen sind Plaudertaschen

Der Wolkenbruch hat seine Arbeit erledigt. Endlich einmal ein Handwerker, der pünktlich erscheint. Die Erde saugt zufrieden, die Wiesen glucksen noch vor sich hin und meine Socken ergeben sich kampflos. Die Membran meiner angeblich wasserdichten Schuhe kündigt stillschweigend die Zusammenarbeit.

An jedem Grashalm hängt ein Regentropfen. Sie kleben dort wie neugierige Nachbarn am Küchenfenster. Keiner will loslassen und etwas verpassen.

Eintritt frei! Massenhaft regnet es. Die Natur badet. Keine Warteschlange vor dem Freibad. Der Boden in der Wiese gibt unter jedem Schritt nach und schickt würzige Düfte in die Luft. Schnittlauch, Thymian und alles, was sich zwischen den Halmen versteckt, hält offenbar ein spontanes Meeting ab.

Wer etwas erleben will, verzichtet heute auf Großleinwände. Ein Kissen auf dem Fenstersims genügt. Dazu eine Tasse heiße Schokolade und der Blick auf die letzten Regentropfen. Sie erzählen himmlische Geschichten.

Manche behaupten, sie kämen direkt vom Saturn. Dort sollen die Mewager leben. Niemand weiß Genaueres. Sicher ist nur, dass Regentropfen fürchterliche Plaudertaschen sind.

Sie flüstern, Mewager seien mit 399 Jahren noch Halbwüchsige. Einer von ihnen habe sich einmal mit Menschen angefreundet. Das habe dem Großen Mewager überhaupt nicht gefallen. Zur Strafe musste der junge Kerl einige Jahre unter Menschen leben. Andere Tropfen behaupten sogar, er sei dabei in eine Frau verwandelt worden.

Ob das stimmt? Wer will das schon nachprüfen? Regentropfen neigen zum Übertreiben. Außerdem erzählt jeder Grashalm eine andere Geschichte.

So viel Wasser von oben vergrault die Hitze. Fast nebenbei rühre ich den Löffel in der Tasse. Einige Wassertropfen treffen mich.

Wer wohl bei mir anklopft?




Wünsche allen einen guten Start in die Woche
Mike Melonte




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