Dienstag, 30. Juni 2026

War da jemand?

Nachdem ich heute wieder meine gewohnte Strecke laufe, kommt mir ein Spaziergänger mit Nordic-Walking-Stöcken entgegen. Er wirkt nachdenklich, schaut auf den Boden, und Grüßen fällt ihm offenbar schwer. Im roten Hemd sieht er aus wie eine überreife Tomate. Erst später höre ich, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft ausgeschieden ist. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die Niederlagen persönlich nehmen. Jedenfalls läuft er mit einer Miene, als hätte der Tag seine Farbe verloren.

Mit dem Regen gestern ist endlich etwas Abkühlung gekommen. Ich finde leichter meinen Rhythmus und lege ein zügiges Tempo vor. Meine beiden Hunde traben fast drei Viertel der Strecke neben mir her. Wichtig ist mir vor allem, dass sie sich gleich zu Beginn lösen können. Danach wechseln sich ruhiges Gehen und flottes Traben ab. Kurz bevor wir das Auto erreichen, meldet sich meine Uhr. Alle dreißig Minuten erinnert sie mich daran, wie schnell wir unterwegs sind. Eigentlich würde ich gern joggen. Aber ich bin völlig untrainiert.

Für einen Moment bleibe ich an einem Totem stehen. Aus einem alten Baumstumpf wurde ein heulender Hund geschnitzt. Sein Blick wirkt erstaunlich lebendig. Ich frage mich, ob Izzy deshalb manchmal so aufmerksam hinter sich schaut. Als würde sie etwas wahrnehmen, das meinen Augen verborgen bleibt. Merkwürdigerweise ist das nicht jeden Tag gleich. Heute dreht sie sich kaum um.

Wenn ich durch den Wald laufe, kommen mir oft Bilder in den Sinn, die sich nur schwer erklären lassen. Kurz bevor die Queen starb, sah ich plötzlich eine schwarze Kutsche vor meinem inneren Auge, gezogen von sechs prachtvoll geschmückten schwarzen Pferden. Das Bild war so deutlich, dass es mich noch lange beschäftigte. Aus der Kutsche stieg eine Dame mit einem braunen Hut und einem langen blaugrünen Kleid, als wäre sie direkt aus der Biedermeierzeit gekommen.

Gestern erfahre ich über Instagram, dass der Sohn einer Bekannten vor vier Jahren verstorben ist. Sofort denke ich wieder an solche Momente. An diese seltsamen Eingebungen, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen. Und an Izzy, die gestern wieder glaubte, hinter uns sei jemand unterwegs. Zukunft deuten könne niemand, hat mir einmal ein studierter Mann weismachen wollen.

Vielleicht sind es bloß Zufälle. Vielleicht arbeitet die Fantasie auf ihre eigene Weise. Und vielleicht spüren Hunde manchmal etwas, das wir Menschen längst verlernt haben wahrzunehmen. Ich weiß es nicht.

Aber wenn Izzy plötzlich innehält und in die Stille hinter uns blickt, frage ich mich jedes Mal, ob wir auf unseren Wegen wirklich nur zu dritt unterwegs sind.

Herzliche Grüße
Mike Melonte


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen