Donnerstag, 25. Juni 2026

Wasser für alle

Gemessen an den atemberaubenden Temperaturen wollen meine Hunde heute Morgen verständlicherweise nicht aufstehen. Ich rufe einmal. Nichts. Ein zweites Mal. Wieder nichts. Ich schüttle die Leinen. Schließlich ziehe ich demonstrativ die Schuhe an. Das ist sonst das untrügliche Signal.

Ich könnte auch allein Gassi gehen. Oder?

Das morgendliche Gerangel vor der Haustür und die übliche Kläfferei bleiben heute aus. Offenbar leiden selbst Hunde unter Hitze. Als wir auf dem Parkplatz ankommen, ist unsere tägliche Kontrahentin bereits mit ihrer Runde fertig. Im grauen, etwas zerzausten Langhaarfell schaut sie mich an, als hätte sie die Nacht in einer Rockerkneipe verbracht. Ich halte ihr ein Leckerli hin.

„In dem Zustand nimmt sie nichts“, sagt ihr Frauchen. „Sie hat heute schon zu viel erlebt.“

Ich ziehe die Hand zurück. Offenbar gibt es Tage, an denen selbst Hunde für Bestechungsversuche nicht empfänglich sind. Ich warte, bis die Hündin im VW-Bus Platz genommen hat. Erst dann öffne ich meine Heckklappe. Lucky steigt mit Maulkorb als Erster aus, Izzy folgt ihm. Im selben Moment beginnt im Bus gegenüber ein Bellkonzert. Die Scheiben zittern, das Auto wackelt leicht. Von wegen traumatisiert. Die Stimmbänder funktionieren jedenfalls tadellos.

Wir laufen weiter. Der Weg führt zum Brunnen vor dem Friedhof. Eine Bank lädt zum Verweilen ein. Gleich daneben steht die kleine Andachtskirche, in der an besonderen Tagen Gottesdienste gefeiert werden. An heißen Tagen ist der Brunnen vor allem eines: ein kleiner Rettungsanker für Hunde. Schon von Weitem sehe ich eine Frau mit ihrem freilaufenden Hund. Genau das brauche ich jetzt nicht.

„Sie gehen auch hier hoch?“, ruft sie mir entgegen.

„Ja“, antworte ich kurz und lege einen Gang zu. Ich wetze die Haken. Vielleicht schaffen wir es aneinander vorbei, bevor ihr Hund beschließt, meine beiden in sein Tagesprogramm aufzunehmen.Der Plan scheitert. Mit aufgestellten Haaren schießt die Hündin auf uns zu. Die Begrüßung erinnert eher an eine Einladung zur Schlägerei als an gepflegte Hundekommunikation.

„Luna! Hierher! Sofort!“, brüllt ihre Halterin. Luna hält demokratisch nichts von Anweisungen.

Sie fixiert meine Hunde. Izzy stellt ebenfalls die Haare auf. Ich lasse beide bewusst an der Leine. Viele glauben, Hunde regelten das schon unter sich. Ich kenne allerdings auch die Rechnung hinterher. Bisswunden entstehen schneller als Diskussionen darüber, wer eigentlich schuld war. Nach gefühlten fünf Minuten und ungefähr dreißig Mal „Luna! Hier!“ gelingt es der Hundehalterin schließlich, ihre Hündin wieder einzusammeln und anzuleinen. Im Vorbeigehen ruft sie mir zu:

„Meine ist schrecklich. Die rennt jedem hinterher.“

Das war mir nicht entgangen. Ich nicke freundlich und gehe weiter. Erst einige Meter später fällt mir etwas auf. Keinen Moment scheint ihr der Gedanke gekommen zu sein, dass auch meine beiden Hunde vielleicht Durst haben bei dieser Hitze schon am Morgen. Dabei fließt das Wasser am Brunnen ununterbrochen. Hunde trinken daraus. Friedhofsbesucher gießen ihre Blumen.

Wasser ist an diesem Brunnen für alle da.

Auf dem Rückweg fasse ich einen Entschluss. Künftig kommt eine kleine Wasserflasche ins Auto. Nicht nur für mich, sondern auch für Lucky und Izzy.

Denn auf manche Hundehalter möchte ich mich lieber nicht verlassen.

Wünsche allen genügend Getränke und entspannte Momente
Mike Melonte


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