Vor dem Haus fährt die Müllabfuhr vorbei. Alle vierzehn Tage kommen zwei todesmutige Männer und legen sich mit Juri an. Er kann sie nicht leiden. Mal springen sie blitzschnell von ihrem Wagen, mal schleichen sie so langsam zwischen den Tonnen herum. Egal, in welcher Gestalt sie auftauchen: Die Männer von der Abfallwirtschaft müssen abgemahnt werden. Sein Bellen hört die ganze Nachbarschaft. Schließlich muss er auf seinem Grundstück für Ordnung sorgen.
Mit seinen weißen Locken sieht Juri harmlos aus. Fast wie ein Schaf. Allerdings wie eines mit krimineller Vergangenheit. Neulich bleibt ein Passant vor dem Gartenzaun stehen und mustert ihn lange. „Ist der aus einem Zoo ausgebrochen? Oder wurde der importiert?“
Juri würdigt ihn keines Blickes. Er ist weder das eine noch das andere. Er ist ein pensionierter Denker, der stundenlang auf dem Sofa liegt und grübelt. Über die Nachbarskatzen zum Beispiel. Jeden Morgen beobachtet er sie neugierig vom Fenster aus. Sie kommen aus allen Richtungen und verschwinden in den Nachbargrundstücken. Offenbar halten sie nachts geheime Sitzungen ab. Anders lässt sich ihr Verhalten kaum erklären. Er kann nicht dabei sein. Sein Frauchen lässt ihn nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein in den Garten.
Die Katzenhalter sind merkwürdige Menschen. Kurz vor Mittag laufen sie hinüber zum Landratsamt. Dort gibt es eine Kantine. Für Juri fällt nie etwas ab. Weder eine zufällig weggeworfene Schweinshaxe noch ein Stück Kuchen landet im Vorgarten. Natürlich hätte er nichts gegen einen edlen Spender.
Der Vormittag ist anstrengend. Briefträger müssen kontrolliert werden. Fahrradfahrer gehören grundsätzlich beobachtet. Heute steht außerdem die Müllabfuhr auf dem Programm. Danach hat er sich eine Pause verdient. Er döst auf seinem Lieblingsplatz und denkt über Chanti nach. Sie ist läufig. Chanti wohnt zwei Straßen weiter. Sie zeigt keinerlei Interesse an ihm. Dabei ist Juri ein Bedlington Terrier von adligem Geschlecht in tadelloser Erscheinung.
Chanti dagegen liegt die meiste Zeit in ihrem Garten herum und verlässt ihr Grundstück nur für kurze Pipirunden. Trotzdem hält sie sich offenbar für unwiderstehlich. Juri beschließt, später eine Strategie zu entwickeln, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Über diesen Gedanken schläft er ein. Denken ist für Hunde anstrengend. Selbst im Halbschlaf gibt er gelegentlich einen kurzen Belllaut von sich, damit die Nachbarschaft nicht vergisst, wer hier das Sagen hat. Die genaue Ortsbezeichnung könnte er zwar nicht nennen, aber den Hofeingang würde er jederzeit wiederfinden. Auch nachts.
Sein Frauchen ist eine gewissenhafte Halterin. Deshalb hört er ihr aufmerksam zu, wenn sie Besuch hat. Vor einigen Tagen erfährt er etwas Erstaunliches.
„Sie ist doch Steuerberaterin“, sagt eine Frau vor dem Gartentor. „Bestimmt hat sie ein dunkles Geheimnis.“ Dann erlauben sie sich, in sein Haus zu kommen!
Juri versteht nicht, warum Menschen ständig Geheimnisse vermuten. Sein Frauchen spricht gelegentlich von kreativer Buchführung. Außerdem erklärt sie oft den Geldtransfer zum Finanzamt. "Steuern, Steuern." Für Juri klingt das nach einer besonders unangenehmen Tierarztpraxis. Sicher ist nur eines: Sie ist ein tolles Frauchen. Vielleicht liegt ja im Keller wirklich ein Geheimnis.
Dort steht ein Regal mit Rotweinflaschen. Dahinter befindet sich ein kleines Fach. Juri hat es längst entdeckt. Manchmal setzt sich sein Frauchen abends vor einen Beamer und schaut alte Bilder an. Fotos von früher. Von einem jüngeren Juri. Dann lacht sie oft. An einem dieser Abende springt sie plötzlich auf, geht direkt zum Regal und öffnet ein verstecktes Fach.
„Das ist meine Altersvorsorge“, sagt sie. Juri hebt den Kopf. Er sieht das Fach an. Dann sein Frauchen. Dann wieder das Fach. Und fragt sich zum ersten Mal in seinem Leben:
Bekommt er auch Altersvorsorge?
Herzliche Grüße
Mike Melonte
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