Johanna hält mehrere Wollknäuel in die Höhe. Gelb, Weiß, Grün und Lila finden schnell Abnehmer. Blau wandert zurück in den Beutel. Zum ersten Mal leitet sie einen Häkelworkshop. Häkeln ist ihre Leidenschaft. Topflappen, Spültücher und Mützen gehen ihr flink von der Hand. Als eine Kursleiterin kurzfristig ausfällt, springt sie ein. Johanna ist sicher: Häkeln kann jeder lernen. Heute Abend sollen alle Teilnehmerinnen mit ihrem ersten Werk nach Hause gehen.
„Wer hat noch nie gehäkelt?“, fragt Johanna. Niemand hebt die Hand. Einige lächeln verlegen und schauen auf die Wolle. Eine Frau sagt: „Ja, in der Schule habe ich mal gehäkelt.“
Ok, dann verteilen wir mal die Materialien. Johanna dreht sich nach dem Jutebeutel mit den Häkelnadeln um. Der Platz neben der Tür ist leer. Sofort beginnt sie zu schwitzen.
„Einen Moment bitte.“
Sie schaut unter die Tische und vor die Tür. Schließlich entdeckt sie den Beutel hinter der Tafel. Als sie ihn hervorzieht, wartet bereits die nächste Überraschung. Eine Frau betritt den Raum. In der einen Hand trägt sie eine Bierflasche.
„Ich stehe noch nicht auf der Liste. Haben Sie noch weiße Wolle?“
„Zwischen diesen Farben können Sie auswählen.“ sagt Johanna und zeigt auf den Tisch mit der Wolle.
Sie nimmt ein beiges Wollknäuel, setzt sich in die erste Reihe und leert ihre Bierflasche. Danach fragt sie nach einer Häkelnadel.
„Welche passt denn?“
Im nächsten Moment öffnet sich die Tür. Drei Kinder stürmen herein. Hinter ihnen erscheinen zwei ältere Mädchen.
„Die gehören auch zu mir“, sagt eine Mutter, die auf der rechten Seite sitzt.
Bevor es an die Anleitung geht, sollen alle Luftmaschen üben. Die Mutter der älteren Kinder beugt sich zu ihrer Nachbarin.
„Können Sie häkeln? Die Dozentin kann das gar nicht erklären.“
Johanna lächelt. Sobald die ersten Luftmaschen gelingen, wird es ruhiger, denkt sie. Eine Teilnehmerin häkelt mit ihrer eigenen Wolle eine lange Luftmaschenkette, zieht alles wieder auf und beginnt von vorn. Johanna verteilt die Anleitungen für ein kleines Herz als Schlüsselanhänger.
Da meldet sich die Frau mit der Bierflasche lautstark zu Wort, steht unvermittelt auf und verschwindet zum Rauchen. Wenig später kommt sie mit einer Flasche Rotwein zurück.
Johanna eilt von Platz zu Platz. Sie zeigt Luftmaschen, trennt sie wieder auf und beginnt von vorn. Immer wieder wandern die Blicke zu den fertigen Topflappen, Spültüchern und Herzen, die sie als Muster mitgebracht hat. Bald reden alle über Farben, Garne und Ideen. Gehäkelt wird kaum noch.
Als Johanna auf die Uhr sieht, ist der Workshop vorbei. Sie verteilt die Feedbackbögen.
Die Frau mit der Rotweinflasche schreibt sorgfältig:
„Zu gern hätte ich einen Topflappen gehäkelt. Schade, dass es kein blaues Garn gab.“
Liebe Grüße
M. Melonte
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