Donnerstag, 12. März 2026

Die Tragödie mit der Häkelnadel


Ungeheuer wichtig ist mir der heutige Abend. Endlich mal ein bisschen Zeit für mich – das war der Plan. Nur mal die Beine hochlegen. Aus der neuen Wolle ein Herz häkeln, mehr innere Einkehr mit einem Kamillentee, beschwor ich mein Unterbewusstsein. Stattdessen sitze ich kurz danach mit einem Wollknäuel auf dem Schoß, das offenbar eine persönliche Krise in Auftrag gegeben hat.

Nein, so ein Herz kann jeder Anfänger häkeln. Die Anleitung wurde sicher wieder von einem Mann geschrieben, der überhaupt keine Rücksicht auf weibliche Intuition nimmt. Also gut, dann wird es eben ein Topflappen. Das Herz muss warten. Ich schlafe immer eine Nacht darüber – vielleicht liest sich alles am Morgen leichter.

Doch die Wolle entwickelt weiter ihr Eigenleben. Nach den Luftmaschen wird alles krumm und schief. Rechteckig ist jedenfalls eine andere Form. Mich erinnert der Lappen vor mir an ein Land, das politisch neu sortiert wird.

Ich genehmige mir ein Stück Schokolade – schließlich ist Häkeln ein ruhiges Hobby. Das sagen jedenfalls die Menschen, die gerade nicht versuchen, mit halben Stäbchen (oder sind es ganze Stäbchen?) um ihre Würde  kämpfen.

Der Abend hat es in sich. Ich will fertig werden und bleibe mir treu. Realistisch betrachtet ist das kein Topflappen. Es ist ein Charakterstück in Farbe. Weniger für einen eindeutigen Einsatz in der Küche geeignet, wo alles symmetrisch und schön aussehen soll. Aber eindeutig stellt es ein Unikat dar – mit Persönlichkeit. Für heute, morgen häkele ich etwas anderes.

Liebe Grüße
M. Melonte 

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