Seit Tagen – nein, gefühlt seit Jahren – denke ich an Urlaub. Hinaus in die weite Welt. Etwas erleben. Raus aus meinem Tapetenmuster. Rein in etwas, das nicht nach Flur, Farbeimer und To-do-Liste riecht.
Und dann kommt es. Von links außen. Ein Dementi. Zu wenig Ressourcen, höre ich. Der Boden im Flur muss neu gelegt werden. Die Garderobe steht auch noch nicht.
Letztes Jahr war es der Balkon, der geschliffen und gestrichen werden musste. Im Anschluss wollte der fünfzehn Meter lange Jägerzaun ebenfalls Farbe. Danach war mein Urlaub herum. Wieder sitze ich am Schreibtisch und jage die Zeit. Kaum zu glauben, dass die Jahre sehr ähnlich verlaufen. Ich verreise nicht. Ich saniere.
Insgeheim bin ich für die Ratten im Garten vermutlich ein Unterhaltungsprogramm.
„Hast du die Blonde
gesehen?“
„Mäht Rasen. Schneidet Bäume.“
Ich höre das Kichern. Als stünde
ich auf einer Bühne. Vorhang auf. Das Ein-Mann-Stück mit dem
Titel:
Die Frau, die nie
wegkommt. Erster Akt.
Dieses Jahr plane ich gewissenhaft. Zur Planung lege ich mich genau für eine Stunde auf meinen Schwingstuhl. Es ist Sonntagnachmittag, und ich sehe ihn endlich. Er rückt in greifbare Nähe – mein Urlaub. Ganz deutlich. Unterstützung erhalte ich von einem Afrikaner mit orangem Hüfttuch, roter Borte, perfekt abgestimmt. Ein drahtiger Läufer, leichtfüßig und zielorientiert. In der rechten Hand hält er einen alten Speer aus dunklem Holz. Er läuft an mir vorbei, als gehöre er hierher. Nur ich gehöre nicht hierher.
Am Fenster bleibt er stehen. Sein Blick richtet sich nach Süden. Sein entschlossener Blick sollte mir zu denken geben. Vielleicht ist das ein Zeichen. Ratlos beobachte ich ein älteres Ehepaar, das nach ihm auftaucht. Die beiden ziehen mich kurzerhand in ein Flughafengebäude. Dort verweile ich plötzlich an einem Schreibtisch. Natürlich sitze ich am Schreibtisch. Wo sonst. Ich schreibe etwas wie eine Einkaufsliste. Was genau brauche ich für einen Urlaub?
Die Frau greift nach meinem Heft, das in einem Stapel ziemlich weit unten liegt. Ohne zu fragen zieht sie meine Kurzgeschichten heraus. Ach, soll sie doch. Sollen meine Geschichten ihren Weg ins Universum finden! Anstatt innerer Anspannung löst sich mein Anspruch. Nein, kein Agent wird nach meinen Geschichten schauen. Fremde finden auch Gefallen daran. Ich lache zweimal herzhaft.
Braucht es wirklich einen Kämpfer aus einem anderen Kontinent, damit ich endlich in den Urlaub komme? Meine Nachbarin wäre entsetzt. Sie hat ihr berufliches Leben in der Psychiatrie gearbeitet. Vermutlich würde sie mich einweisen lassen, wüsste sie von meinem Schattenleben.
Mein Geist produziert spannende Bilder. Dabei ist das Thema Erholung richtungsweisend. Die Ablenkung ist plötzlich hoch inspirierend. Der ältere Herr mit der Sonnenbrille bis zur Nasenspitze wirkt teilnahmslos. Wer will es ihm verübeln?
Wohlüberlegt gibt seine Frau die Richtung vor, sie liest - er wartet. Scheinbar so, als würde der Ehemann alles dulden. Auch dieser hier sitzt einfach da. Gut angezogen, mit einer hellen Baskenmütze und heller Hose. Goldbehangen. Sein Brillengestell habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ist er ein himmlischer Abgesandter. Mit einem Auftrag, mir einen schönen Urlaub zu ermöglichen. Ich kenne niemanden aus der Öffentlichkeit, der so aussieht. Sein blaugrünes Hemd schimmert, als wären Goldfäden hineingewebt. Die Scheichs dieser Erde haben sich bei mir noch nicht vorgestellt. Ich bin sicher, ein Scheich ist er nicht. Dafür fehlt ihm der Turban.
Seine Frau ist groß und hat
dunkles, volles Haar. Ihr Kleid ist figurbetont und dunkelgrün. Und
sie liest.
Einfach so. Meine Geschichten. Ohne zu zögern
blättert sie Seite für Seite. Als hätte sie Zeit, die ich nicht
habe. Eigentlich will ich nur in den Urlaub.
Aber
vermutlich spiele ich vorher noch den zweiten Akt – für meine
Mäuse und Ratten im Garten.
Wünsche allen eine erholsame Woche.
Herzliche Grüße
Mike Melonte
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