Freitag, 25. September 2026

Blauer Dunst

In dem Saal rauchen alle Männer. Dichter Qualm setzt sich an der Decke ab. Der blaue Dunst flirrt jedes Mal, sobald einer der Herren sich bewegt. Neugierig stehen sie am Fenster und beobachten das Treiben vor dem Schloss. Ein paar Waschfrauen hängen Bettlaken und Unterwäsche auf. Amüsiert betrachten einige Herren die Spitzenhosen, die in Reih und Glied auf einer Wäscheleine über den Hof wehen. Offenbar bietet so ein Schloss auch an gewöhnlichen Nachmittagen Unterhaltung.

Immer wieder gibt eine der Frauen in strengem Ton an, wie die Wäsche aufzuhängen ist. Die Dienstmädchen beeilen sich.

„Ihr bekommet heut nichts zu essen. Leget endlich die Wäsche an.“

Der Ausspruch wirkt. Nichts zu essen gibt es öfter. Der Hunger nagt endlos am Gedärm. Kein Essen bedeutet auch, zu Hause nichts mit der Familie teilen zu können. Schreiende oder kranke Kinder schauen mit eingefallenen Augen auf ihre Mütter. Die jungen Frauen arbeiten schneller. Jedes Wäschestück, das sauber aufgehängt ist, bedeutet, dass es mit der nächsten Arbeit weitergehen kann.

Bei der Feldarbeit findet sich häufig das eine oder andere Kraut, manchmal eine essbare Pflanze, die mit Hilfe der Köchin bestimmt und gegessen werden kann. Jede will deshalb mitgehen, wenn es heißt, Holz für die Küche zu sammeln. Im Wald gibt es schließlich Dinge, die es für alle gibt.

Opa Eduard raucht schon sein ganzes Leben.

„Hildegard, bring mir noch einen Wein. Den, der trocken durch die Kehle rutscht.“

Obwohl Eduard schon recht alt ist, kennt er sich gut mit Pilzen aus. Er sammelt und trocknet sie. In früheren Jahren war er Gardeoffizier. Verheiratet war er nie. Dafür war er im Krieg. Vielleicht war das Abenteuer genug.

Blauäugig war er Napoleon nach Russland gefolgt. Von den mehr als 500.000 Soldaten, die 1812 mit der Grande Armée in den Russlandfeldzug zogen, kamen nur wenige zurück. Nicht allein die russischen Soldaten waren der Feind. Hunger, Krankheiten und schließlich die erbarmungslose Kälte vernichteten die Armee. Der große Kaiser hatte offenbar mit vielem gerechnet, nur nicht damit, dass ein russischer Winter sich seinen Befehlen verweigern könnte.

Eduard hatte sehr viel Glück. Seine Kenntnisse retteten einige Männer nicht vor dem Hunger, manchen sicher vor dem Tod. Aus Wurzeln, Blättern und Pilzen wurden Suppen. Gegessen wurde, was sich finden ließ. Wer wusste, was nicht giftig war, hatte einen Vorteil. Eduard kam zurück.Seine Zehen nicht unbeschadet.

Eine Entschädigung für den Krieg gab es nicht. Mit seinen Erlebnissen musste er selbst zurechtkommen, ebenso mit seinen erfrorenen Zehen. Zähne hat er inzwischen auch keine mehr, was ihm schmerzlich bewusst wird, wenn es Fleisch gibt und er es nicht beißen kann. Allerdings kommt dieser Zustand äußerst selten vor. Fleisch auf dem Teller ist im Schloss schließlich auch kein alltägliches Problem. Eduard nimmt es gelassen. Was Napoleon nicht geschafft hat, wird ein zähes Stück Fleisch wohl auch nicht mehr vollbringen.

Als Opa Eduard an diesem Nachmittag mit den Dienstmägden in den Wald geht, weiß er noch nicht, was er finden wird. Wild zu jagen ist verboten. Nur die Adeligen und der Hausjäger dürfen Wild erlegen. Das Wild gehört also den Herrschaften, die Brombeere vorerst noch niemandem.

Magdalena bleibt in Eduards Nähe. Er kennt sich im Einsiedel gut aus und zeigt den Frauen, wo sie suchen müssen. Unter dem Laub stehen Pfifferlinge. Weiter hinten wachsen Brombeeren.

Magdalena nimmt seine Hand.

Eduard lässt es geschehen. Er streicht ihr über das blonde Haar und drückt sie herzlich an sich. Magdalena weicht nicht zurück.

„Ich bin dafür zu alt. Such dir einen jungen Mann.“

„Es gibt keine jungen Burschen, die mich heiraten.“

Eduard schaut sie an.

„Ich bin unehelich.“

Für einen Augenblick ist es still. Nur weiter hinten knackt Holz zwischen den Bäumen. Magdalena pflückt eine Brombeere und steckt sie in den Mund.

„Aber ich kann dir Socken stricken. Falls du Wolle von deinem Schäfer hier in der Nähe bekommen könntest.“

Eduard schaut an sich hinunter. „Socken?“ „Warme.“

Jetzt muss er lachen. Russland hat er überlebt, seine Zehen nur knapp, und ausgerechnet hinter einer Brombeerhecke verspricht ihm eine junge Frau warme Socken.

„Dann muss ich wohl mit dem Schäfer reden.“

Der Herbst steht schon vor der Tür. Bald wird es empfindlich kalt werden. Eduard kennt die Schäfer im Einsiedel. Für einen guten Tropfen könnte er Wolle eintauschen. Auch besitzt er mehrere Tabakpfeifen. Irgendetwas lässt sich immer gegen etwas anderes tauschen.

Er zeigt Magdalena die Stellen, an denen die Pfifferlinge wachsen, und lässt sie Brombeeren essen und sammeln. Magdalena füllt ihren Korb. Dann sammelt sie weiter Holz, bis sie genug zusammenhat.

Als sie zu den anderen zurückkehrt, trägt Magdalena ihr Bündel Holz und zeigt stolz die Früchte des Waldes. Pfifferlinge und Brombeeren füllen ihre Schürze. Die Brombeeren dürfen die Frauen behalten. Die Pilze wandern in die Küche. 

Oben im Saal warten die Herren inzwischen auf ihr Abendessen. Es gibt Pilzsuppe mit frischem Brot. 

Wünsche ein schönes Wochenende
Mike Melonte  


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