Sonntag, 19. Juli 2026

Verpasste Gelegenheiten

An ihrem Lieblingsplatz fühlt sich Griselda sicher. Von hier aus behält sie die ein- und ausgehenden Gäste ebenso im Blick wie die tägliche Nahrungszufuhr. Wer diesen Ort kennt, spricht nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Das Buffet eröffnet täglich neu. Wasser gibt es gleich um die Ecke. Gäste kommen und gehen. Partys dauern manchmal bis tief in die Nacht. Nicht jeder darf eintreten.

Schon ihre Urgroßeltern leben unter diesem Dach mit eigenwilligem Mobiliar. Wenige Schritte führen in die obere Etage. Wie immer wollen alle oben wohnen. Wer unten lebt, muss frieren. Ständig gibt es Meinungsverschiedenheiten mit den Bewohnern aus der zweiten Etage. Wäre die Waschküche darunter beheizt, gäbe es keine Reibungspunkte. Doch dort gibt es keine Heizkörper.

Die nächste Generation liebt Alkohol. Flaschen mit Kerzen säumen den Weg zur Straße. Ihr Licht lockt die Familie. Äpfel, Nüsse und Kartoffeln gibt es reichlich. Die Vorräte reichen bis in den nächsten Sommer. Dann beginnt eine neue Zeit. Heute wohnt die Familie vor allem in Kunststoffbeuteln, Grassamen, eingepackten Stühlen, Zelten und einem Schrank.

Plötzlich gibt es keine Strukturen mehr. Was früher im Überfluss vorhanden ist, verschwindet nach und nach. Kartoffeln und Karotten fehlen. Auch die Äpfel finden plötzlich einen anderen Platz. Zwei Langschwänze reißen sich um einen Fetzen Stoff. Jeder will ihn fressen. Die Flaschen verschwinden im Nirwana.

Aus den täglichen Streitereien wird Griselda unfreiwillig zur Mediatorin. Unter ihresgleichen schlichtet sie, wo sie nur kann. Nach langem Überlegen schleicht sie sich ins Nachbarhaus. Allen Gefahren zum Trotz wird sie auch dieses Mal davonkommen. Schon der Einstieg verlangt Feingefühl. An der Hauswand wetzt sie ihre Nägel. Gepflegt lässt sich jedes Risiko besser ertragen, denkt sie. Vielleicht muss sie ein Schloss knacken oder im Vorbeirennen etwas ergreifen. Plötzlich bricht ein Getöse los. Überall geht Licht an. Papierberge versperren ihr den Weg.

Mit schnellen Sprüngen hechtet sie unter einen Stuhl. Gleich darauf setzt sie mit aller Kraft zum Sprung ins Freie an. Nur knapp entkommt sie dem nachgeworfenen Besen. Im letzten Moment erreicht sie die Mülltonne vor dem Haus. Sie wird zu ihrer Rettung. Griselda hechelt. Am liebsten würde sie den Schwanz einziehen. Reglos verharrt sie. Nur ein Husten, eine ungeschickte Bewegung oder ein Geräusch könnten sie verraten. Wer kümmert sich um ihre Schützlinge? Wer bewahrt die Generationenchronik?

Opa hat immer gesagt: „Mädchen, nähere dich niemals den Menschen. Sie sind dein Verderben.“

Wenig später wirft jemand kleine Leckereien neben den Mülleimer. Hungrig frisst sie alles bis auf den letzten Krümel. Eigentlich will sie etwas mitnehmen. Doch das Futter schmeckt angenehm nach Käse und rutscht leicht den Rachen hinunter. Es duftet nach Bergkäse. Nach der abenteuerlichen Flucht zählt nur noch ihr Magen. Erst auf dem Rückweg setzen Krämpfe ein. Selbst tiefes Atmen lindert die Schmerzen nicht. Ihrer Tochter verrät sie noch das Geheimnis des Grauens. In ihren letzten Augenblicken zieht ihre Familie an ihr vorbei. Wer kümmert sich um die Kleinsten? Eine Familie hat ihre Heimat verloren.

Tags darauf wird das Mobiliar der Langschwänze aus dem Haus getragen. Griselda hängt noch immer an der Rückwand des Schranks.

Schöne Woche
Mike Melonte

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