Dienstag, 14. Juli 2026

Der leere Becher

Dunkle Wolken schieben den ersten Blitz über den Himmel. Auf dem Saturn herrscht Hochsaison. Die ersten Regentropfen schon gleiten die finsteren Mewager durch das Gewitter.

Kaum füllen sich die Straßen mit Pendlern, steigen ihre Erfolgschancen erheblich. Besonders begehrt sind Lehrer an Tagen, an denen sie Klassenarbeiten zurückgeben. Enttäuschung und Tränen erleichtern jede Landung. Von alledem ahnt Gustav nichts. Gut gelaunt marschiert er zum Kiosk. Mit der neuesten Kicker-Zeitung unter dem Arm beginnt er mit Erich zu diskutieren.

„Sag mal, Erich, wer gewinnt die Weltmeisterschaft?“

„England“, sagt Erich, ohne aufzusehen. „Da bin ich mir sicher.“

„Heute Abend spielt erst mal Frankreich gegen Spanien. Gib einen Tipp ab.“ Erich schüttelt den Kopf.

„Nö. Du willst doch bloß wieder wetten.“

„Ich habe gar keinen Wetteinsatz.“

„Noch nicht.“

Auf dem Saturn herrscht derweil Chaos. Mewager 0399 hat Gustav ins Herz geschlossen. Am liebsten würde er ihn ständig an seiner Seite haben. Der Hohe Rat hat jeden weiteren Kontakt verboten. 0399 hält sich nur selten an Anweisungen, heimlich füllt er Saturnwasser in ein kleines Gefäß. Laut den alten Aufzeichnungen genügt ein einziger Schluck.

„Gibst du nun einen Wetteinsatz, Erich?“

„Du bekommst einen Kaffee von mir, wenn England im Endspiel steht.“

„Dann gib ihn mir doch gleich. Bezahlen kann ich später immer noch.“

„Hab ich’s doch gewusst, Gustav.“

Erich stellt einen leeren Pappbecher vor ihn.

„Das ist mein Wetteinsatz. Den Kaffee gibt’s nach dem Sieg. Bring den Becher wieder mit.“

Gustav dreht ihn in den Händen.

„Bekommst du keinen Ärger mit der Steuer? Auf den Becher ist doch Verpackungssteuer.“

„Wie ich das dem Finanzamt erkläre, ist mein Problem.“

„Du hast wohl überall deine Geheimnisse.“

„Alles muss ich dir nicht auf die Nase binden.“

Gustav stellt den Becher zurück.

„Vielleicht kaufe ich meine Zeitung künftig am Bahnhof.“

„Mach das“, sagt Erich. „Fünfundzwanzig Minuten zu Fuß. Im Supermarkt stehst du genauso lang an der Kasse. Du kommst wieder. Sieh’s sportlich, Gustav.“

Zwei Tage später steht Gustav mit dem leeren Becher wieder am Kiosk.

„Du hattest recht. Die Engländer stehen im Finale. Bekomme ich jetzt meinen Kaffee?“

Erich streckt die Hand aus.

„Wo ist der Becher?“

„Hier.“

In diesem Moment landet Mewager 0399 auf dem Vordach. Er kippt das kleine Gefäß. Ein Tropfen. Noch einer. Sie fallen in den Becher. Erich füllt Kaffee ein. Sofort läuft er auf den Boden.

„Gustav! Was hast du mit dem Becher gemacht?“

„Nichts.“

„Der hat ein Loch.“ Erich stellt ihn in die Spüle. Als er zurückkommt, bleibt er stehen. Der Kaffeefleck ist verschwunden.

„Gustav, wie bist du in den Kiosk gekommen?“

„Ich? Wieso sollte ich dir bei deiner Unachtsamkeit helfen? Du kannst ja nicht einmal Kaffee ausschenken.“

Auf dem Vordach starrt 0399 entsetzt auf Gustav. Neben ihm materialisiert sich ein Mitglied des Hohen Rates.

„0399.“ Der Mewager schluckt.

„Zweihundert Jahre Hausarrest.“, dröhnt es.

„Aber Gustav …“

„… bleibt auf der Erde.“

Gustav klemmt sich die Zeitung unter den Arm.

„Ich hab’s doch gewusst“, sagt er. „Argentinien gewinnt.“

Herzliche Grüße
Mike Melonte

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