Montag, 20. April 2026

Fast ein Teufel – beinahe Socken

Sintflutartiger Regen peitscht an die Fenster, gleich ertrinke ich. Die Tropfen rasen mit einer Geschwindigkeit an die Scheiben, als wollten die Wolken eine Unterhaltung mit mir. Oder war es ein Hinweis aus dem Himmel? Waren da etwa Anzeichen für eine übernatürliche Kommunikation?

Der Tag zeigte schon früh morgens eine gewisse Spannung. Seit Wochen liege ich als Dekoration auf der Fensterbank. Ich bin verwirrt. Dann werde ich hin und hergeschoben. Auf den Schrank. Von dort beobachte ich alles und sehe weitere Gleichgesinnte. Sie liegen auf dem Tisch, während ich abgestellt werde. Hui, da geht mir die Muffe. Ich werde vergessen. Alt und unansehnlich. Niemand wird sich in mich verlieben. Dabei ist meine schöne Farbe und mein Garn einzigartig weich.

Ich habe natürlich schon ein Vorleben. Von der Nachbarin aussortiert, komme ich in diese Wohnung. Die nette Frau, sie heißt Ela – kann ich mich vielleicht auf sie verlassen? Sie legt mich, wie gesagt, überall einmal ab. Sogar im Klo. Auf, zwischen den Heizstangen klemmte ich einige Zeit. Ein Ort, an dem man über sein Leben nachdenkt. Und über andere Dinge, über die man besser nicht nachdenkt.

Eines Morgens sucht Ela irgendwas. Sie ist wirklich lange dabei, ihren Schlüssel zu suchen. Den sie über mich legte. Sofort war ich sehr erregt. Endlich passiert was. Ich komme in Action. Mit meinem langen Laufgarn häkele und stricke ich Unglaubliches – wie einen Teufel oder Socken. Und ganz ehrlich: Bei der Nachbarin war es stinklangweilig. Bei Ela geht der Punk ab. Und Teufel zu werden, ist doch etwas ganz Wunderbares.

Hey, hier erlebst du noch was. Doch das ist längst noch nicht alles.

Denn kaum habe ich mich innerlich auf meine Karriere als Teufel eingestellt – dramatisch, mit Hörnern und einem gewissen Respekt in der Nachbarschaft – zögert Ela.

Sie hält inne. Mitten in der Bewegung. Die Nadel in der Luft. Ich halb verarbeitet. Ein Zustand, den ich nur als seelischen Knoten bezeichnen kann.

Vielleicht doch Socken…“, murmelt sie. SOCKEN? Ich? Mit dieser Struktur? Mit dieser Geschichte?

Ich falle innerlich in mich zusammen. Ein Knäuel der Enttäuschung. Neben mir liegt ein altes, ausgefranstes Garn und lacht leise. „Am Ende landen wir alle an den Füßen“, flüstert es.

Frechheit. Ich bin kein Fußabtreter. Ich bin ein Charakterstück.
Ela legt mich wieder zur Seite. Diesmal nicht auf die Fensterbank. Nein. Auf diesen Stapel. Du weißt schon. Der Stapel mit den Projekten für die Zukunft. Also theoretisch könnte ich die nächste Idee werden. Dort liege ich. Zwischen einem halbfertigen Schal und einem Topflappen, der aussieht, als hätte er ein Trauma.

Was wirst du?“, frage ich vorsichtig.

Das ist noch nicht entschieden“, antwortet der Schal. „Hier wird viel angefangen. Wenig beendet.“

Ich schlucke. So also endet mein Wolleleben.

Doch dann – wie aus dem Nichts – kommt Ela zurück. Mit diesem Blick.
Dieser Mischung aus Entschlossenheit und völliger Ahnungslosigkeit. Sie greift nach mir. Fest.

Jetzt aber“, sagt sie.

Und ich weiß: Das ist mein Moment.

Sie drückt meinen Wolleknäul hin und her. Zieht einen Faden aus der Mitte und legt lols mit einem Magischen Ring. Die Maschen fliegen. Ich werde gezogen, gedreht, geprüft. Ich gebe alles und halte durch. Ich bekomme eine Form. Vielleicht werde ich kein Teufel. Vielleicht auch keine Socken.

Aber ich werde etwas Tolles. Vielleicht wird aus mir ein Herz. Und in dieser Wohnung ist das mehr, als viele je erreichen. Denn eines habe ich gelernt:

👉 Hier wird nichts perfekt.
Aber alles bekommt eine zweite Chance.
Selbst ein Stück Wolle mit Vergangenheit.

Und wenn der Regen wieder an die Scheiben peitscht, weiß ich: Das ist kein Unwetter.

Das ist Applaus. 😄


Wünsche allen einen guten Wochenstart,
Mike Melonte

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