Freitag, 30. Oktober 2026

Schmusen 1.0

Küssen wird völlig überbewertet. Jedenfalls dann, wenn ich an meinen ersten Kuss denke. Der war so nass, dass ich anschließend ernsthaft überlegte, ob ich künftig lieber einen Regenschirm mitnehmen sollte.

Wer mich damals küsste und wann, ist heute völlig unerheblich. Vermutlich waren meine Hormone noch in der Entwicklungsphase, während die meines Gegenübers bereits Überstunden machten.

Dabei habe ich gegen körperliche Nähe überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Vorausgesetzt, man mag den Menschen, der einem so nahekommt.

Spontan fällt mir mein Zahnarzt ein. Der kommt mir regelmäßig ziemlich nahe, kurvt mit spitzen Werkzeugen in meinem Mund herum, stopft Löcher oder zieht Zähne. Anschließend war mir allerdings noch nie nach Schmusen.

Einen Partner zu finden, der gerne küsst, war ohnehin schwieriger als gedacht. Für mich gehörten Kuscheln, Knutschen und Schmusen selbstverständlich zum Lieben dazu. Weit gefehlt! Es gibt Männer, die schmusen nicht. Die sitzen neben einem auf dem Sofa, als warteten sie auf den nächsten Bus.

Lange dachte ich, es läge an mir.

Vor dem Spiegel betrachtete ich meine Zähne. Alle saßen an Ort und Stelle. Auch meine Nase schien mir nicht sonderlich hinderlich. Vielleicht war ich einfach nicht schmusenswert genug?

Auf die Idee, dass mein Gegenüber womöglich gerade eine schlechte Nachricht erhalten hatte, beim Arzt eine unerfreuliche Diagnose abholte oder schlicht keine Lust auf körperliche Nähe verspürte, kam ich damals nicht.

Das ist lange her.

Nach dreißig gemeinsamen Jahren ist die Zärtlichkeit ohnehin etwas in die Jahre gekommen. Man liebt sich noch, selbstverständlich. Aber man schaut sich nicht mehr bei jedem Frühstück mit verliebten Augen an. Manchmal bin ich schon froh, wenn mein Mann den Wasserkocher für Tee aufgestellt hat.

Geschmust wird durchaus noch. Nur eben nicht mehr so häufig. Vielleicht liegt es daran, dass wir unsere Zärtlichkeiten inzwischen mit zwei Hunden teilen müssen. Und die haben ganz andere Vorstellungen von körperlicher Nähe.

Besonders morgens hängt mir Izzy im Gesicht. Kaum öffne ich die Augen, klebt ihre Nase an meinem Mund. So schnell kann ich gar nicht aufstehen, wie sie mir ihre Zuneigung aufdrängt. Ich könnte meinen, sie hätte die ganze Nacht sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet.

Von wegen!

Sie will raus. Und zwar sofort. Streicheleinheiten werden allenfalls als Zwischenlösung akzeptiert. Eigentlich steht sie längst in den Startlöchern und wartet darauf, dass ich endlich in die Puschen komme.

Neuerdings mache ich morgens den Ofen an. Während das Holz langsam Feuer fängt, überlege ich, ob ich nicht doch noch einmal ins Bett kriechen sollte.

Zu spät. Lucky hat meinen Platz bereits übernommen.

Er kommt ins Bett wie ein Lover, macht sich breit wie ein Schutzpatron und drückt sich an mich, als hätte ich Frostbeulen, die dringend getröstet werden müssten. Mit einer Selbstverständlichkeit beansprucht er die Hälfte der Matratze. Mindestens.

Rücke ich ein Stück zur Seite, rückt er nach. Drehe ich mich um, liegt er hinter mir. Seine Pfoten landen dort, wo eigentlich meine Beine hingehören.

Lucky findet mich zum Kuscheln ausgesprochen attraktiv. Wahrscheinlich, weil ich warm bin und nicht schnarche. Zumindest hat er sich noch nie beschwert.

Mein Mann hingegen hält vom Knutschen nicht besonders viel. Nach dreißig Jahren kennt er meine Nase, meine Zähne und vermutlich auch sämtliche Ausreden, weshalb ich gerade keine Lust habe, aufzustehen.

Vielleicht haben wir die Zärtlichkeit einfach ein bisschen ausgelagert. Die Hunde übernehmen das Kuscheln, wir kümmern uns um den Rest.

Früher musste ich mir überlegen, wie ich (m)einen Mann ins Bett bekomme. Heute überlege ich, wie ich den Hund wieder herausbekomme.

Herzliche Grüße
Mike Melonte

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