Rot ist an dieser Stelle kein Zufall. Auch Blau oder Gelb könnten von Bedeutung sein. In diesem Korb voller Wolle verirrt es sich. Einmal getragen, fast noch neu, liegt es nun schon seit einiger Zeit genau dort, wo es überhaupt nichts zu suchen hat.
Zwischen Mohair, Alpaka und Sockenwolle lässt es sich bereitwillig formen. Wäre da nicht ein weiterer Gast in jenem Wollekorb.
Besonders die Sockenwolle ist von dem Haarband angetan und schmiegt sich exzentrisch an, ganz nach dem Motto: Komm, wir wollen mal miteinander. Doch das rote Band ist nicht in Stimmung. Aus seiner Sicht ist die Wolle nett, aber kaum auf Augenhöhe. Mehr ein Mitläufer, ein Hansdampf in allen Gassen, immer darauf bedacht, über alles genauestens informiert zu sein.
Das geht dem Haarband auf die
Nerven.
„Hey, du Wollknäuel, geht das auch ruhiger?“
„Du Miesepeter, was bist du für ein Klugscheißer?“
Gekränkt von diesem Gefühlsausbruch überlässt es dem Mitbewohner die Unterhaltung. Ein dicker Falter, offenbar gut eingerichtet in der Wolle, übernimmt. Auf Schwäbisch kommentiert er die vorausgegangene Situation: „Du Grasdackel, glaubscht, bischt im Recht!“
Am anderen Ende des Wollekorbs
beobachtet eine grüne Baumwolle das Gebaren.
„Ihr seid wie
Kampfhähne. Fällt euch nichts anderes ein, als euch ständig zu
vergleichen?“
Das Haarband hat davon wenig. „Ganz ehrlich, muss man sich so beleidigen?“ Erleichtert rutscht das Haarband näher an die Baumwolle heran und versucht, sich mit freundlichen Gedanken bei ihr zu bedanken. Doch statt eines Dankes passiert etwas anderes. Der Gummi im Haarband platzt.
Die ganze Wolle wird durcheinandergewirbelt. Fäden werden mitgezogen, Strukturen lösen sich auf, und aus der stillen Spannung wird eine Revolution. Die Baumwolle schweigt. Hätte sie geahnt, wie geladen das Haarband ist, würde sie nie im Leben… Das Haarband verliert völlig die Fassung. Zwischen Wollsträngen verheddert, bemerkt es nicht, was am Rand des Korbes geschieht.
Die Motte rutscht tiefer ins Geschehen, sucht sich einen neuen Platz und füllt sich gemächlich den Bauch. Unbeeindruckt von Gesprächen, Haltungen oder kleinen Dramen frisst sie sich durch alles, was an Fäden an ihr vorbeikommt. Dass sie dabei dick und kugelrund wird, ist nur eine Frage der Zeit.
Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied in dieser Ruhe, die sich ausbreitet wie ein Winter. Sich das persönlich zu gönnen – selbst als Haarband – wäre eine Möglichkeit. Auch wenn es hier gar nicht wirklich um Einsamkeit geht.
Oder doch.
Liebe Grüße
Mike Melonte
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